Yessay

Nein, die Trump-Wahl war kein Erdbeben. Und Trump ist auch nicht Hitler.

Ich glaube, das gab’s noch nie, dass der sozialdemokratische Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier und der konservative, bisweilen krawallige Anwalt und Blogger Joachim Steinhöfel sich einig sind. Beide dramatisieren die Wahl Trumps zum 45. Präsidenten der USA als Erdbeben. So sprach Steinmeier, so schreibt Steinhöfel. Und die beiden stehen nicht allein. So ähnlich klingt es ja gerade überall. Revolution, Ende des Westens, wie wir ihn kannten, dergleichen. Spiegel-Schönschreiber Georg Diez sinniert über den „Bürgerkrieg des weißen Mannes“.

Wirklich? Oder sind fast alle gerade einfach nur etwas überspannt?

Immerhin hat noch niemand die Legitimität der US-Wahl angezweifelt. Aber dass den meisten deutschen (und wohl auch europäischen) Journalisten der Ausgang nicht gefällt, zeigen Artikel mit delegitmierenden Andeutungen. Trump habe im Ganzen weniger Stimmen bekommen als Clinton. Das Wahlmännersystem sei „umstritten“ – eine Wortwahl, die für meinen Geschmack selber „umstritten“ genannt werden sollte. Tatsächlich waren die Wahlen frei, fair und gleich. Sie waren vor allem rechtmäßig. Das Wahlsystem ist, wie es ist. Jeder wusste das vorher. Es wurde nicht für Trump zurechtgestrickt. Es ist die Spielregel, an die sich jeder zu halten hatte. Und vorab festgelegte Spielregeln sind eine Grundbedingung dafür, dass eine Demokratie funktionieren kann.

Der gedankliche Rückzug auf eher Grundsätzliches mag auch ansonsten helfen, den Panikmodus ein bisschen zurückzufahren. So absonderlich ist nämlich weder der Wahlausgang noch der President-elect Trump. Dazu nur dies:

  • Die USA haben im Großen und Ganzen gewählt wie immer. An den Küsten demokratisch, im und auf dem Land republikanisch. Klar, wer hierzulande in den letzten Monaten die Berichterstattung über den Wahlkampf mitbekam, der musste den Eindruck gewinnen, Trump habe nicht die geringste Chance. Dabei gab es immer auch Umfragen, die das zumindest in Zweifel zogen. Der Rest war Wunschdenken, leider auch der deutschen  Bundesregierung, die tatsächlich in einer peinlichen Lage steckt, denn sie muss sich überlegen, wie sie nach den Ausfällen ihrer Minister gegen Trump jetzt einen Draht zur kommenden US-Regierung aufbaut. Aber gut, da müssen sie jetzt durch.
  • Beide Parteien nominierten Kandidaten aus New York. New Yorker kommen außerhalb New Yorks nicht so gut an. „Silly New Yorkers“ sang schon Bruce Springsteen in 4th of July, Asbury Park. Wer durchs Land reist und smalltalkweise mit Leuten ins Gespräch kommt kann sich das praktisch überall bestätigen lassen. Da hilft es, seine Gesprächspartner nicht vorab auf solche zu beschränken, die Trump  nicht mögen. Hillary Clinton und Donald Trump sind beide New Yorker. Das wären in und auf dem Land gleich zwei Gründe, Clinton nicht zu wählen – Demokratin und dann auch noch aus New York. Bei Trump wäre es nur ein Grund, weshalb sein Slogan „Make America Great Again“ nicht so ganz den Kakao verdiente, durch den er bei uns gezogen wurde. Er zielte auf die Emotionen der Leute in und auf dem Land, um den New-York-Malus auf dem Land zu relativieren.
  • War der Wahlkampf wirklich so viel härter und fundamentaler als frühere Präsidentschaftswahlkämpfe? Ich habe das Gefühl, dass exakt das über so ziemlich jeden US-Wahlkampf geschrieben wurde. Was war das für eine zugespitzte Auseinandersetzung, als Obama das erste Mal antrat, gegen den Republikaner John McCain. Und ähnlich ging es eigentlich immer zu – bis zum Wahltag. Da änderte sich der Ton schlagartig. „Er war mein Rivale, jetzt ist er mein Präsident“, sagte McCain, nachdem er Obama unterlag. Ich würde sagen, derartiges ist demokratische Kultur. Da haben die USA in ihrer Geschichte schon viel härtere Wahlkämpfe und viel verrücktere Kandidaten gesehen.

Anzumerken ist auch, dass republikanische Kandidaten in Europa seit Jahrzehnten grundsätzlich mit Vorschusstadel bedacht werden, demokratische dagegen mit Vorschusslorbeeren. Das dürfte daran liegen, dass die Demokraten ein Politikverständnis haben, das mit europäischer Denke eher zusammengeht als das der Republikaner. Europäer ignorieren dabei immer, dass die USA eben nicht wie Europa sind. Amerika ist nicht nur geografisch ein anderer Kontinent, sondern die Menschen dort haben auch eine andere Identität. Sie ticken anders. Auch weiße US-Bürger, die dem eingeborenen Europäer optisch ähnlich sehen und in der Regel ja auch europäische Vorfahren haben, ticken amerikanisch und nicht europäisch. Sie stehen schwarzen oder asiatischen Amerikanern mit ihren eigenen Wurzeln und Identitäten bedeutend näher als Europäern. Die Republikaner werden nicht ohne Grund die „Grand Old Party“ genannt, versehen mit dem allseits bekannten Akronym „GOP“.

Darum waren die Vorschusslorbeeren für Obama jedenfalls teilweise ein Missverständnis. Obama predigte und versuchte europäische Politik-Konzepte, vor allem im Sozialstaatswesen. Das mochten europäische Regierungen und Publizisten mehr als viele amerikanische Wähler. Die Abneigung gegen zu viel Staat und Sozialstaat ist in den USA auch nicht allein mit linken Standardsätzen von „oben und unten“ zu erklären. Auch „unten“ billigt dem Staat kein prinzipielles Eigentumsrecht am eigenen Einkommen zu, sondern erwartet profunde Gründe dafür, dass der Staat für sich einen Steueranteil beansprucht. Das ist schlicht anders als hierzulande.

Schlussendlich, um moch eine fiese Metapher zu bemühen: Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Das galt für Obama, der eben doch nicht die Lichtgestalt war, als die er bei uns gefeiert wurde. Und das dürfte auch für Trump gelten, der mit tiefstmöglichem Ansehen sein Amt antritt und sich danach nur noch verbessern kann. Und vermutlich wird er sich kein Hitlerbärtchen wachsen lassen, und vermutlich ist der Westen nach vier oder acht Jahren immer noch der Westen, und vermutlich übernimmt nach vier oder acht Jahren wieder ein Demokrat. Auch das ist typisch für Amerika. Mal regieren die einen, dann wieder die anderen.

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