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Anzeigenboykott: Die böse Fratze des Kapitalisten Gerald Hensel (@ghensel)

Es gab eine Zeit, da galt das Prinzip halbwegs strikter Trennung zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung. Wagte es ein Wirtschaftsunternehmen, eine Zeitung für kritische Berichterstattung durch Boykott wirtschaftlich zu disziplinieren, dann hagelte es öffentliche Kritik. Die Lufthansa hat das vor längerer Zeit einmal am eigenen Leib erfahren. Da gefiel dem Vorstand die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung nicht, die vermeintlich zu freundlich über streikende Piloten berichtet haben sollte. Lufthansa strafte mit Abbestellung von täglich 10 000 Bordexemplaren – ein schmerzlicher Auflagenverlust und wirtschaftlicher Schaden. Lufthansa betritt damals den Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Abbestellung, eine Behauptung, die man aus heutiger Sicht als postfaktische Fake PR bezeichnen könnte.

Derart schamvolles Bestreiten wäre heute nicht mehr nötig. Heute wirft sich der kapitalistische Geldverteiler Gerald Hensel, Strategiechef der Werbeagentur Scholz & Friends, heldenhaft in Pose, wenn er Medien wegen ihm unpassender politischer Ausrichtung mit Boykott belegt. Gerald Hensel setzt die Macht seines Werbekapitals bewusst und offensiv zur Disziplinierung von Medien ein.

Man muss sich fragen, ob die eine oder andere schadenfrohe Reaktion aus den Redaktionen traditioneller Medien nicht das Hauptproblem an Gerald Hensels Tabubruch übersieht. Es könnte ab jetzt nämlich jeden treffen. Die Werbeagentur Scholz & Friends nimmt für sich in Anspruch, zu bestimmen, welche Medien eine wirtschaftliche Basis verdienen und welche nicht. Dabei geht Scholz & Friends nicht von Reichweiten und Zielgruppen aus, von Dingen, die den Erfolg der Werbung bestimmen, sondern von politischer Meinung. Damit hat sich Scholz und Friends bewusst und aggressiv in die Rolle des politischen Blockwarts begeben. Die Werbeagentur hat unmissverständlich deutlich gemacht, dass ab sofort sie und das ihr anvertraute Werbegeld über politische Gesinnung in den Medien zu herrschen haben. Medien und Gesellschaft sind damit die hilflose Beute stinkreicher skrupelloser Reklamefuzzis.

Das schafft eine neue Ausgangslage. Bisherige gesetzliche Medienregulierung ging immer von der Gefahr aus, zu große Medienmacht könne einen Verlust an Meinungs- und Diskursfreiheit zur Folge haben. Bisherige Medienregulierung geht nunmehr an den Tatsachen vorbei.

Das rüde Benehmen von Scholz & Friends wirft nämlich ein neues Problem auf –  eine zu große Macht des Werbegeldes auf die Medien, das offen zur Meinungskontrolle eingesetzt wird. Die Regulierung von Medien genügt also nicht mehr. Offensichtlich brauchen wir eine gesetzliche Regulierung der Werbung und eine staatlich garantierte Beschränkung des Werbeeinflusses auf die redaktionellen Inhalte. Das Problem ist zu grundsätzlich, als das man es auf die leichte Schulter nehmen könnte. Der Wind könnte sich auch drehen. Dann wären diejenigen die Opfer der machtbesoffenen Werber, die heute noch offen oder klammheimlich grinsen.

Letztlich geht es um freie Meinungsäußerung, Vielfalt und Toleranz. Genau die wollen Scholz & Friends und Gerald Hensler offensichtlich abschaffen. Die Werber zeigen die böse Fratze des Kapitalismus, für die plurale Gesellschaft böser und schädlicher auch als vermeintlich böse Unternehmen wie Glückspielautomatenhersteller oder Waffenproduzenten. Über die darf trotz aller Werbemacht wenigstens offen diskutiert werden.

  1. Reinhold Schmittgen

    Habe soeben drei (!) Verträge bei der mittelbar an dieser Kampagne beteiligten Strom-Firma INNOGY SE, Essen, gekündigt. Mir ist klar, dass es nur ein kleiner Beitrag ist oder bestenfalls ein Symbol. Gleichwohl hat es mir so etwas wie Erleichterung verschafft.
    Mit dem gesparten Geld kann man auch gut (achgut) den politischen Diskurs in diesem Land fördern.

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