Yessay

Trotz alledem: Auch @ghensel ist kein Nazi und #keingeldfürrechts kein Pogrom

„Kauft nicht bei Juden“ ist nicht dasselbe wie #keingeldfürrechts. Man muss das vielleicht auch einmal dazusagen, wiewohl das Verhalten von Gerald Hensel und seiner Agentur Scholz & Friends nur unsäglich genannt werden kann. Es ist der systematische Angriff auf redaktionelle Unabhängigkeit, die gewollte Attacke auf die politische Ausrichtung von Medien. Heute trifft es Tichys Einblick und die Achse des Guten, morgen vielleicht andere. Es ist damit eine Gefahr für die plurale Demokratie und gehört kritisiert, geshitstormt und bekämpft. Aber es ist kein Mord, kein Rassismus und kein Verbrechen.

Ich sage das deshalb, weil mir die Debatte zu Hensels folgenreicher Bullshit-Aktion viel zu radikal geführt wird. Warum ziehen so viele Diskutanten eigentlich immer die dicksten Keulen aus den Geschichtsbüchern hervor, ohne auch die anderen Buchstaben in den Geschichtsbüchern zur Kenntnis zu nehmen? Warum vergleicht jede Seite die jeweils andere immer gleich mit Hitler, den Juden oder wahlweise der DDR und der Stasi?

Ich würde sagen: Weil es so bequem ist. Weil es sich so eingeschliffen hat. Weil es die hohlen Riten der aktuellen Debatten ausmacht.

Nazideutschland und die DDR waren Diktaturen. Die Bundesrepublik ist keine Diktatur.

Die DDR habe ich viele Jahre als halblegal herumreisender Korrespondent erlebt. Wer da etwas Falsches sagte musste mit Gefängnis rechnen. Wer sich mit einer falschen Person getroffen hat konnte wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ eingesperrt werden, wer das Land verlassen wollte wegen „Republikflucht“. Wer einfach nur unbeliebt war und Pech hatte konnte auch ohne jeden Grund im nächsten Stasiknast verschwinden, wo sogar Folter drohte. Auch die Todesstrafe gab es in der DDR.

Nazideutschland hatte eine Gestapo, die nachts willkürlich Leute einsammelte, von denen man manchmal nichts mehr, manchmal nichts Gutes mehr hörte. Die Gestapo war Polizei und Geheimdienst in einem. Eine geheim agierende Verbrecherbande, die die polizeiliche Kompetenz hatte, Menschen willkürlich zu verhaften. Nazideutschland beschloss die Ausrottung der Juden und hätte das fast auch geschafft. Nazideutschland erklärte dem Rest der Welt den Krieg. Nazideutschland gilt zurecht als ziemlich einmalige Dimension der Barbarei.

Die Lehre für die Bundesrepublik aus der Gestapo war, Geheimdienste und Polizeibehörden strikt voneinander zu trennen. Man muss daran erinnern, dass das eine Errungenschaft der westlichen (nicht der östlichen) deutschen Nachkriegsrepublik war, die das System der Checks and Balances von den Angelsachsen übernahm. Keine staatliche Macht sollte je wieder so mächtig sein dürfen, dass sie ihre Macht missbrauchen könnte. Man muss daran gelegentlich erinnern, weil die staatlichen Gewalten diese Trennung über die Jahrzehnte ein bisschen verschludert haben.

Aber Nazideutschland und die DDR waren nicht Gerald Hensel und Scholz & Friends. Wer das behauptet, verharmlost die Diktaturen. Den Werbefuzzis zu unterstellen, sie wollten eine Diktatur errichten wäre völlig verfehlt. Die sind politisch einfach nur dumm und haben einen kapitalen Fehler gemacht, den sie vermutlich gerade schwer bereuen.

Sie haben allerdings auch den Blick auf ein systematisches Problem freigelegt, dessen sich die Politik annehmen sollte, nämlich die Gefahr des Missbrauchs wirtschaftlicher Macht auf werbefinanzierte Medien. Es ist gut, dass die Wellen so hoch schlagen. Das können sie übrigens genau deshalb, weil diese boshafte #keingeldfürrechts-Aktion in einem eben doch sehr freien Land passierte.

  1. Werner

    Also ich habe die Debatte verfolgt. Und ob nun Hensel oder sonstwer, es passt in die heutige Zeit. Ich habe die DDR noch als junger Erwachsener erlebt, bin voller Euphorie in den Westen und war nicht enttäuscht von den Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung und politischen Einflussnahme. Vielleicht war ich da ein wenig blind, aber ich hatte tatsächlich das Gefühl der grenzenlosen freien Presse. Was habe ich gestaunt über heikle Artikel, Kritik, eine wilde Diskussionskultur Es ist keine Wahrnehmungsstörung wenn ich sage, das hat sich massiv verändert. Ich spüre einfach diese Veränderung in den Medien, das Winden, das Verschweigen, das Umschreiben. Es gibt dazu ja auch Empfehlungen (schon das absurd) vom Presserat, was man tun oder lassen sollte im seriösen Journalismus. Ganz schleichend hat sich das seit ca. 10 Jahren eingenistet, seit 2 Jahren ist es schon ziemlich extrem geworden. Ich habe mich auch lebhaft an der Debatte mit dem SPIEGEL beteiligt, der seine Leser ja explizit dazu aufgerufen hatte, mit ihnen zum Thema in eine Diskussion zu treten.
    Die Nazi- Keule – nein, die muss nicht sein. Das war einzigartig furchtbar und taugt wenig zu Vergleichen, aber ein wenig wie Medienland DDR 2.0 komme ich mir manchmal schon vor.

  2. Déjà-vu

    Vielleicht reicht es einfach nicht aus, die DDR mal „als halblegal herumreisender Korrespondent“ erlebt zu haben – vielleicht muß man Jahrzehnte dort GElebt haben. Dann weiß man: Es war nicht „die DDR“, sondern es waren viele kleine EXAKT solche Hensels, die unzählige kluge und fleißige Menschen diffamiert und hauptsächlich ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Existenz zerstört und sie gelegentlich auch ins Gefängnis gebracht haben.
    Dann kennt man auch die anderen Buchstaben in den Geschichtsbüchern: Geschichte wiederholt sich! Das, was hier und heute allenthalben in Politik und Medien passiert, ist eine bis auf Nuancen fast perfekte Kopie der damaligen Zustände. Nur mit Religionen und Werbung hat man sich eher wenig beschäftigt. Dennoch dürfte der Unterschied zwischen „nicht beim Juden kaufen“ und „nicht beim Juden werben“ eher marginal sein – entscheidend ist die Haltung, die dahinter steht.
    Daher sollten wir dringendst die rosarote Brille absetzen: Solche Vergleiche sind nicht falsch, sondern _zwingend_ notwendig…

  3. bitterlemmer

    Oh, halt, bitte… Ich habe ganz gewiss keine rosarote Brille auf, was die DDR betrifft. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir hier und heute keine DDR haben. Ich mag viele Zustände bei uns gar nicht, und ich kann auch nachvollziehen, dass Sie das Eiferertum des Gerals Hensel als DDR-prägende Eigenschaft sehen. Und Sie haben völlig recht, wenn Sie damit z.B. sagen, dass eine Diktatur davon lebt, dass es diese willfährigen Trendsurfer gibt, die immer mit den Wölfen heulen, die dabei aggressiv gegen Andersdenkende vorgehen, dass also ein Typ wie Gerald Hensel möglicherweise genau von der systemfördernden Sorte wäre, egal, welches System, egal auch, ob Diktatur, wobei das natürlich hypothetisch ist und ich auf meinen Punkt zurückkomme: Da sind wir halt nicht. Wir sind keine Diktatur. Die Bundesrepublik ist nicht so wie die DDR. Es gibt hier diese Typen, aber es gibt nicht das System. Und diesen Unterschied muss man benennen. Sonst kommt etwas Fatales dabei raus: Wäre die DDR nicht viel anders als die Bundesrepublik, was wäre dann so schrecklich an ihr gewesen? Das wäre die Frage, die in ein, zwei Generationen aufkäme. Und das wäre dann vielleicht wirklich fatal.

  4. Déjà-vu

    Ich fürchte, diese Frage stellt sich nicht erst in ein, zwei Generationen – die ist jetzt und heute schon ganz akut: Die allermeisten Menschen sind damals ganz einfach jeden Tag zur Arbeit gegangen oder in die Schule und die Alten zum Kaffeekränzchen und haben sich auf den Weihnachtsmann und den Urlaub gefreut – da war überhaupt nix schrecklich, das war ganz genauso wie heute und zu allen Zeiten auch.

    Daneben gab und gibt es aber damals wie heute auch einen gewissen Prozentsatz selbsternannter „Eliten“, die meinen, die alleinige Wahrheit zu besitzen und jeden anderen nach Belieben schurigeln zu können und zu müssen.

    Geschenkt, wenn das nur ein paar kleine Hensels wären – der weiß längst, was er da für einen Bock geschossen hat und wird dieser Tage anfangen, Bewerbungen zu schreiben.
    Da gibt es dann aber auch noch all die Maas, Kahane, Schwesig, Özoguz und wie sie alle heißen: Die mögen etwas subtiler vorgehen – spielen aber auch in einer ganz anderen Liga. Und bis auf ein paar kleine Blogs wie achgut, Tichy & Co., die man mit solchen Aktionen eliminieren will – und durchaus auch kann – gibt es praktisch nichts und niemanden mehr, der sich denen noch ernsthaft entgegenstellen könnte oder auch nur wollte. Die weitestgehende Abwesenheit jedweder Opposition – aber keine Diktatur? Kann man natürlich so sehen. Trotz alledem…

  5. Völlig richtig, wir leben nicht in DDR-Verhältnussen und Zeitgenossen wie Gerald Hensel sind eher peinlich als wirklich gefährlich. Aber, sie sind ein Symptom. Ein Symptom für ein sich verbreitendes Problem.
    Es wird zunehmend mit zweierlei Maß gemessen, es wird zunehmend nur noch nach gut und nöse, nicht nach sinnvollt und falsch unterschieden.

    Wir haben zunehmend eine Kultur von gerechten und ungerechten Wahrheiten. Wir kommen zunehmend in eine mehr von Ideologien und Wunschvorstellungen geprägte Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung wird dann als Wirkluchkeit gesehen und aus ihr heraus gehandelt.

    Das bedeutet, die Wirklichkeit wird durch eine ideologische Brille gesehen, das ist dann der Weg zu DDR-Verhältnissen.

    Wie sagt man: Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

  6. Robert Meyer

    deja-vu hat einfach nur recht. Wer das nicht versteht, sollte es wieder und wieder lesen. Jedes Schönreden ist Augenwischerei. Es ist eine Form der Diktatur, die de Toqueville schon in seiner „Demokratie in Amerika“ beschrieben hat: man wird nicht mehr eingesperrt und umgebracht, sondern einfach sozial und wirtschaftlich vernichtet. Der Effekt ist derselbe. Jegliche Kritik wird, wenn sie gefährlich wird, gnadenlos bekämpft. Das heißt, als Nazi verunglimpft.

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