Yessay

Hörspiel: Die ganze Wahrheit über den NSU, Beate Zschäpe, die Geheimdienste und die Terrormorde

Man glaubt Leuten, die zu oft beim Schwindeln ertappt wurden, nur ungern. Jede Unwahrheit nimmt ein Stück Vertrauen weg, in diesem Fall den staatlichen Strafverfolgern und Ermittlungsbehörden. Erschreckenderweise ist die Staatsgläubigkeit und -hörigkeit vieler meiner Kollegen ungebrochen. Seit dem Auffliegen des NSU, also auch seit dem Auffliegen all der frei erfundenen Behördenstorys über die einst „Dönermorde“ genannte Verbrechensserie ist alles mögliche über die Absichten und die Glaubwürdigkeit des Staates diskutiert worden. Letztlich funktioniert aber wieder alles wie vorher. Ein Staatsvertreter behauptet etwas und wir Medien kaufen es, als sei es damit zwangsläufig wahr. Ich habe in den letzten Jahren zu viele Debatten über die auch ohne Krise nötige journalistische Skepsis gehabt und zu oft verständnisvolle Gegenrede vernommen: Man müsse doch die Anforderungen an die Sicherheit des Staates berücksichtigen, meine Sicht der Dinge sei verantwortungslos, etc.

Ist sie nicht. Wer ist denn bitte der Staat? In wessen Interesse ist er tätig? Ist es verantwortlich, auf illegale Weise Akten zu schreddern, sich dabei erwischen zu lassen, sich mit dämlichen Ausreden aus der Affäre zu winden, über Zusammenhänge keine Fragen zu beantworten, Sinn und Zweck von Ermittlungen nicht offenzulegen, etliches mehr?

Nach meinem Eindruck teilt nicht einmal das Gericht im NSU-Prozess in gewissen Teilen die Ansichten der Bundesanwaltschaft. Das wurde deutlich, als der OLG-Senat ohne jegliche Aussprache die Beweise über ein mutmaßliches Treffen von Beate Zschäpe und Uwe Mundlos mit zwei weiteren Personen im Jahr 2000 in Berlin aufnahm. Die Bundesanwaltschaft fand das völlig unwichtig, so unwichtig, dass es den Vorgang nicht im Prozess behandeln wollte. Am Ende war es ein Nebenkläger-Anwalt, Yavuz Narin, der dazu Anträge stellte – die das Gericht gar nicht erst zur Diskussion stellte, sondern sogleich als eigene Beweisaufnahme übernahm. Ich würde sagen, das war eine gerichtliche Backpfeife für die obersten Justizermittler des Landes. Deren Job wäre es gewesen, die Beweise heranzuschaffen.

Zurück zur Wahrheit.

Was wir beispielsweise wissen: Das NSU-Trio war von V-Leuten, also Zuträgern der Behörden, jahrelang regelrecht umringt.

Was wir beispielsweise nicht wissen: Was haben die berichtet, und verschwanden die Akten darüber wirklich nur aus Gründen, die so harmlos sind, wie die Behörden uns erzählen?

Journalisten stoßen hier irgendwann an ihre Grenzen. Über „laufende Ermittlungen“ wird ja grundsätzlich nie geredet, klar, haben wir volles, nein: allervollstes Verständnis. Oder der Datenschutz, oder irgendein anderer bescheuerter Grund, der so lange das Nichtbeantworten von Fragen rechtfertigt, bis aus anderweitiger Quelle ein Hinweis oder ein Papier auftaucht, das den staatlichen  Verschweigern wieder ein Stück Wahrheit entreißt.

Da beneide ich manchmal Künstler, deren Wahrheit im Kopf entsteht. Solche wie Christiane Mudra. Christiane hat mehrere Theaterstücke über den NSU geschrieben und inszeniert und jetzt ein Hörspiel gemacht, das bei Deutschlandradio lief und hier als Podcast angehört werden kann. Ich empfehle es sehr – vor allem aus zwei Gründen:

  1. Christiane hat den Stoff schlank gehalten und konzentriert sich auf wenige handelnde Figuren. Es konnte also eine richtige Story herauskommen, deren Handlung man leicht folgen kann und die sich dramatisch zuspitzt. Es ist einfach spannend.
  2. Sie spielt mit der Realität, aber nicht so plump, wie etwa ARD das in „Terror“ tat. Ihr Hörspiel ist ganz klar fiktional. Aber in der Handlungen stecken derart viele reale Zitate und Begebenheiten, die ich aus den Akten, meinen Recherchen oder Berichterstattung kenne, dass es schon beklemmend ist. Das düfte natürlich damit zu tun haben, dass Christiane seit Jahren regelmäßig im Münchner Gericht erscheint und mitschreibt und außerdem Untersuchungsausschüsse besuchte und wohl vertraulich auch mit durchaus hochrangigen Figuren etwa aus Geheimdiensten plaudern konnte.

Ich lassen mal offen, was ich als echt erkannt habe und was nicht. Zum hören – einfach Play drücken.

Bild: Deutschlandradio/Christiane Mudra

  1. Robert Meyer

    Wie kommen Sie darauf, dass ein „NSU aufgeflogen“ ist? Wenn Frau Mudra in München ist und sogar Untersuchungsausschüsse besucht, ist die Frage, was sie da macht, um zu diesen Schlussfolgerungen zu kommen.

Was denkst Du?