Yessay

Ein Land, das Parken gegen die Fahrtrichtung bestraft, jeden Bürger verdächtigt und zu wenige Polizisten haben will, spinnt.

Man muss einfach mal bei vollem Bewusstsein zur Kenntnis nehmen, was nach dem Totalscheitern der Sicherheitsbehörden im Fall Anis Amri so alles an Unfug gesagt wurde. Da war die Rede von einem „Fahndungserfolg“, was angesichts der Vorgeschichte völlig irrwitzig ist. Ein polizeibekannter Knastbruder plant Terror vor den Augen des Staates. Er soll versucht haben, sich ausgerechnet bei einem V-Mann der Polizei eine Waffe zu besorgen. Er war als Asylbewerber abgelehnt worden, stand monatelang unter Beobachtung, vertickte offenbar im Görlitzer Park in Berlin Drogen und einiges mehr. Und dennoch entließ ihn der Staat eines Tages aus seinem Blickfeld, worauf er dann – vorausgesetzt, die Infos stimmen alle – einen Lkw kaperte, den Fahrer tötete, auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz Menschen totpflügte, anschließend lässig in den nächsten Zug nach Frankreich stieg, anschließend lässig in den nächsten Zug nach Mailand stieg, wo er dann auf Nachfrage eines Polizisten nicht seinen Pass, sondern seine Pistole aus der Tasche zog. Irre.

Und das in einem Land, in dem Menschen dafür bestraft werden, dass sie ihr Auto gegen die Fahrtrichtung parken. Was völlig harmlos ist und weltweit nur in Deutschland

a., verboten und

b., tatsächlich mit Aufwand an Personal und Verwaltung verfolgt wird.

Oder einem Land, in dem jedermann beim Betreten eines Gerichtsgebäudes gefilzt, durchsucht, liebesvisitiert, durchleuchtet wird, seine Geldbörse besichtigen zu lassen hat, Beamte in seinen in der Aktentasche befindlichen Papieren schmökern dürfen. In dem ein monströser Apparat aus Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten Partksündern Haftbefehle zustellt und Polizisten zu deren Vollstreckung schickt, die 20 Euro Knöllchengebühr verpennt haben (kein Witz: Das ist mir wirklich neulich erst passiert!). In dem Babys und Greise am Flughafen Fläschchen und Döschen herauszurücken haben aus Furcht, in Fläschchen und Döschen könnte Sprengstoff schwappen. In dem Herr und Frau Jedermann sich mit verständnivollem Nicken anhören tut, wie uniformierte Befehlsempfänger gedankenlose Sätze dahersagen, die lauten, man müsse ja Verständnis haben, der Terror, die Sicherheit, es ist ja nur zu Ihrem Besten und ähnlichen verblödenden Wortmüll, den sich hohe und höchste Knallchargen in endlosen Meetings und Kreativsitzungen ausgedacht haben, bestens bezahlt, massenweise vorhanden in Behörden aus Bund und Ländern, großartig abgesichert mit Pension und mindestens 13 Monatsgehältern.

Und dann hören wir gleichzeitig, wie die Gewerkschaft der Polizei zu wenig Personal beklagt, um die wirklich wichtigen Aufgaben zu bewältigen. Dass die Polizisten gar beginnen, ernsthaft an der Lauterkeit ihre Arbeitgebers, also des Staates, zu zweifeln, nicht anders als Herr und Frau Jedermann, die das alles auch nicht mehr verstehen und trotz alledem das Flehen der Politiker, sie mögen bitte „gelassen bleiben“, überzeugender befolgen als die Poliker. Bei Sonntagsfragen brav versprechen, weiter eine der für dieses fortgeschrittene Knallchargentum verantwortliche Partei zu wählen, weil es ja irgendwo alternativlos ist und niemand anderes regierungstauglich erscheint, als die, die jetzt irgendwas von „Konsequenzen“ faseln, die nunmehr zu ziehen seien. Nur welche, bitte?

Wie wäre es damit: Entlastet die Polizei von allem Schwachsinn, der für nichts und wieder nichts gut ist. Fangt damit an, das Parken gegen die Fahrtrichtung aus dem Katalog der verbotenen Dinge zu streichen. Vereinfacht das Steuerrecht. Macht den ganzen Staat einfacher und durchschaubarer. Ihr werdet dermaßen viel überflüssige Arbeit einsparen, dass ihr schlagartig Tausende Beamte daran setzen könnt, die wirklich wichtigen Jobs zu erledigen und Euch um die bösen Jungs zu kümmern.

Ihr könnt es tun. Die Frage ist allein: Wollt Ihr es auch?

  1. Die Antwort auf die Schlussfrage ist wohl: NEIN.

  2. christophlemmer

    Scheint so.

Was denkst Du?