Yessay

Nachlese zum Eilmeldungs-Desaster nach NPD-Urteil: Lag’s vielleicht auch am Gericht?

Es ist ja gerade Mode, bei jeder Gelegenheit auf die Medien und die Journalisten einzuprügeln. Und es ist unbestritten wahr, dass die Masse falscher Eilmeldungen zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum NPD-Verbotsverfahren entsetzlich peinlich waren. Ooo-kay! Aber zu denken geben sollte einem doch, dass es so viele Kollegen waren, die da beteiligt waren. Und die waren bestimmt nicht alle einfach nur zu doof.

Nur ein Teil der Falschmeldungen kann nämlich als peinlich pur verbucht werden: Diejenigen, die stumpf Spiegel Online kopierten (statt auf die dpa zu hören, die von Anfang an richtig lag). Die anderen, die mit eigenen Reporter im Gericht vertreten waren, waren zwar auch peinlich, könnten aber eine Entschuldigung geltend machen – nämlich die sprachliche Unverständlichkeit der Justiz.

Das Bundesverfassungsgericht liebt, wie Juristen generell, das Langzitat. Aso begann Richer Voßkuhle seine Verkündung eben mit genau einem solchen, wiedergegeben aus der bei meedia notierten Abschrift:

„Ich eröffne die Sitzung des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts zur Verkündung der Entscheidung in dem Verfahren über die Anträge: 1. Die Nationaldemokratische Partei Deutschland einschließlich ihrer Teilorganisation Junge Nationaldemokraten, Ring Nationaler Frauen und Kommunalpolitische Vereinigung ist verfassungswidrig. 2. Die Nationaldemokratische Partei Deutschland einschließlich ihrer Teilorganisation Junge Nationaldemokraten, Ring Nationaler Frauen und Kommunalpolitische Vereinigung wird aufgelöst. 3. Es ist verboten, Ersatzorganisationen für die Nationaldemokratische Partei Deutschland einschließlich ihrer Teilorganisation Junge Nationaldemokraten, Ring Nationaler Frauen und Kommunalpolitische Vereinigung zu schaffen oder bestehende Organisationen als Ersatzorganisationen fortzusetzen. 4. Das Vermögen der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands einschließlich ihrer Teilorganisation Junge Nationaldemokraten, Ring Nationaler Frauen und Kommunalpolitische Vereinigung wird zu Gunsten der Bundesrepublik Deutschland für gemeinnützige Zwecke eingezogen. Antragssteller ist der Bundesrat, Antragsgegnerin ist die Nationaldemokratische Partei Deutschlands.“

Berücksichtigt an dieser Stelle bitte, dass Voßkuhle all das eben mündlich sprach. Die Reporter im Saal hatten keine schriftliche Fassung vor sich. Das Tückische an solchen Situation ist, dass der Nachbar husten, das Handy in der Hosentasche vibrieren oder die Nase jucken kann. Oder irgendeine andere kurze Ablenkung stört. Wenn so etwas an der falschen Stelle passiert, dann ist es auch schon passiert, jedenfalls dann, wenn der verlesene Text so aufgebaut ist wie der von Voßkuhle. Dieser Text ist extrem fehlerintolerant. Der Einstieg in das Langzitat ist so gut wie nicht zu bemerken.

Langzitate, gern auch über mehrere Zitatebenen, sind im Grunde unfassbare Konstrukte. Man kann die Unverständlichkeit steigern, indem über mehrere Ebenen langzitiert wird. Das kommt in Gerichtssälen häufig auch vor. Manchmal umfassen Langzitate mehrere Seiten. Erschwerend kommt beim Verlesen solcher Sprachmonstren hinzu, dass Juristen sich grundsätzlich keine Mühe beim Vortrag geben. Sie finden es oft sogar schick, möglichst gelangweilt zu gucken und möglichst gelangweilt zu klingen und in möglichst schnellem Tempo ihr Manuskript abzuspulen. Ich glaube, manche Juristen lieben die Vorstellung der sich auf der Tribüne quälenden Journalisten, die versuchen, so viel wie möglich dieser dahingeleierten Ausführungen zu verstehen und zu notieren, nur darauf wartend, dass dann jemand einen Detailfehler in seinen Bericht einbaut, um dann in maximaler Arroganz auf die Blödheit der Journalisten zu schimpfen.

Der Vorwurf fällt auf die Juristen zurück. Die geben vor, „im Namen des Volkes“ Recht zu sprechen. „Im Namen“ bedeutet freilich nicht „zum Verstehen“ des Volkes. Es bedeutet nicht einmal, das tatsächlich alle Journalisten, die auch häufig über Gerichtsverhandlungen berichten und sehr wohl etwas von der Materie verstehen, immer und in jeder Lage begreifen, was da gerade vor sich geht. Journalisten sind angesichts der bösartigen staatlichen und institutionellen Verachtung ihres Berufsstandes aber kollektiv derart eingeschüchtert, dass sie es manchmal nicht mehr wagen, dumme Fragen zu stellen. Das mag dumm sein, aber menschlich verständlich. Man braucht manchmal schon ein dickes Fell, will man Juristen zu verstehen. Und man darf auch nicht zu schüchtern gegen bestimmte Kollegen sein, die sich freiwillig zum Büttel der Medienfeinde machen und mit Intrigen und Mobbing gegen Kollegen schnell dabei sind.

Schlussendlich: Ja, die falschen Eilmeldungen nach dem NPD-Verbotsverfahren waren Mist und hätten nicht passieren dürfen. Aber die Debatte darüber greift zu kurz und wird von uns Journalisten zu defensiv geführt. Ich bin sicher, dass eine Ursache auch in der verquasten Formulierung des Gerichts liegt. Das sollten wir den Juristen nicht einfach durchgehen lassen.

  1. Déjà-vu

    Alles schön und gut.
    Aber: Wenn ein Richter ein Urteil verkündet, steht der komplette Saal auf. Das merkt man.
    Und nur das ist entscheidend. Egal, was der vorher oder hinterher wie lang erzählt.

    Ich fürchte eher, die haben – mal wieder – das gemacht, was sie immer machen: Größenwahn, Besserwisserei, kann ja gar nicht anders sein, Die Artikel waren längst fertig geschrieben, 10:00 Uhr Urteilsverkündung, 10:01 Uhr raus damit – wir waren die ersten! Bei Brexit und Trump waren sie sich ja auch alle sicher…

Was denkst Du?