Wenn ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtenredakteur subtilen Antisemitismus verbreitet

Sonntag, 22. Januar, 15 Uhr. Auf dem Informationskanal des Bayerischen Rundfunks, B5, laufen die Nachrichten. Große Weltlage. Trumps Inauguration und die Proteste am Tag danach. Dann folgt eine Lokalmeldung aus Jerusalem: Die israelischen Behörden haben Genehmigungen für den Bau einiger Hundert Wohnungen erteilt. Was interessiert das in Bayern, möchte man fragen. Aber die Frage ist natürlich schon insofern beantwortet, als die Nachricht nicht mit ihrem Kern beginnt, also dem Umstand der Baugenehmigungen, sondern zunächst mit viel rhetorischem Anlauf Fallhöhe aufbaut: Israel treibe den Bau von Siedlungen in Palästinensergebiet voran, das ist der Einstieg in die Meldung, und er ist per se bereits nicht mehr Nachricht, sondern Wertung.

Soweit, so üblich, so mies. Dieses Mal setzt der diensthabende Nachrichtenredakteur aber noch eins obendrauf. Nicht irgendwer verfügte diese Baugenehmigung, sondern die „rechtsreligiöse Regierung“ Israels. Das ist derartig demagogisch, dass es näher betrachtet gehört.

Nachrichtlich und wertfrei wäre „Regierung“ ohne jegliches Attribut gewesen. Das aber genügte dem Redakteur nicht. Er fürchtete wohl, Regierung klinge wie Bundesregierung, also irgendwie korrekt, richtig und legitimiert. Das aber wollte der Redakteur nicht. Er verfiel darum in den Duktus, der viele seiner Kollegen befällt, wenn sie von Strache, Wilders, le Pen, der ungarischen Regierung oder der AfD schreiben – Entitäten, die sie einerseits für derart wichtig halten, sie ständig bei geringsten Anlässen prominent in ihren Nachrichten zu bringen, deren Relevanz und Bekanntheit sie aber gleichzeitig für derart minimal zu halten scheinen, dass sie keinen davon ohne Attribut nennen zu dürfen glauben. Als Attribut eignet sich wahl- und fallweise rechtspopulistisch, rechtsradikal, populistisch oder schlicht rechts.

Handelt es dabei nicht um eine rechtspopulistische Person, sondern um eine rechtspopulistische Regierung, dann haftet dem Gebrauch des Attributs auch immer der Versuch der Delegitimierung an. Motto: Rechtspopulistisch ist immer gleich irtgendwie undemokratisch und auf keinen Fall gleichwertig legitimiert wie, sagen wir, die Chavistas oder Sandinistas. Die sperren zwar, anders, als die ungarischen Rechtspopulisten, politische Gegner ins Gefängnis, aber sie sind wenigstens nicht rechts.

Genau diese Absicht unterstelle ich auch bei dem besonders perfiden Attribut „rechtsreligiös“ für Israels Regierung. Es soll delegitimieren. Es soll verwischen, dass Israel die einzige demokratisch gewählte Regierung in der Region hat. Es soll überdecken, dass Israel das einzige Land ist, in dem Zuwanderer aus Europa, Afrika und Asien friedlich zusammenleben, in dem man die Wahl hat zwischen Zucht und Thora oder den Nachtclubs von Tel Aviv, in dem man werden kann, was man will oder auch so schwul oder hetero leben, wie man mag.

Genau dieses Bild eines offenen und freien Landes wollte der Nachrichtenredakteur des Bayerischen Rundfunks übermalen. Genau dafür bediente er sich eines Vorgangs, der auf die Lokalseite der Zeitung gehört und nicht in Weltnachrichten. Ein ausschließlich in antisemitischer Propagandaabsicht herausgepicktes Thema. Eine Regierung genehmigt neue Wohnbauten – während Israels Nachbarn massenhaft Wohnungen zerstören, mit Menschen drin. Es ist eine besonders perfide Form des allgemein akzeptierten Alltags-Antisemitismus, der sich hinter dieser Konstruktion verbirgt.#

Widerlich.

  1. Hartwich, Ingo

    Senfgasraketen an Sadam, welcher sie dann nach Tel Aviv feuerte und durch eine Bundesregierung legitimiert wurden, ist auch Antisemitismus…..

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