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Saar-Wahl: Wer die Wirklichkeit nicht sehen wollte, sieht sie auch jetzt nicht

Weil wir anlässlich von Landtagswahlen immer zu Experten auch abgelegener Landstriche zu werden haben in Kürze dies an Fakten: Das Saarland hat 996.000 Einwohner (Tendenz sinkend und überalternd) und eine Arbeitslosenquote von offiziell 7,2 Prozent. Die Ministerpräsidentin heißt Annegret Kramp-Karrenbauer, ein Name, der allgemein in ein paar Wochen wieder vergessen sein dürfte. Das Saarland hat Berühmtheiten hervorgebracht wie Oskar Lafontaine, Klaus Töpfer oder Heiko Maas, also eher keine produktiven Köpfe, aber als Redner so gut, dass es dahinter keine größere Idee braucht. Zum Saarland passt das Industriedenkmal der Völklinger Hütte sehr gut (Foto), ein Monument verflossener Größe.

Kennt übrigens jemand Brigitta Brunner? Nein? Wirklich nicht? Brigitta Brunner regiert 4,43 Millionen Einwohner (Tendenz stark steigend und verjüngend) mit einer Arbeitslosenquote von aktuell annähernd Null. Nach Ansicht des Portals Tripadvisor sind das hier die Top 10 der Sehenswürdigkeiten des von Brigitta Brunner regierten Landstrichs. Ich bin mir nicht sicher, ob die Liste auch anders ausfallen könnte angesichts der sehr zahlreichen der dortigen Sehenswürdigkeiten. Brigitta Brunner ist Regierungspräsidentin von Oberbayern. Ihren Namen kennt gleich erst gar niemand. Nicht einmal in Oberbayern ist er besonders bekannt. Abgesehen davon besitzt Oberbayern neben florierender Wirtschaft auch strenge (bis unverschämte) Finanzämter und ist damit in der Lage, neben Berlin auch das Saarland zu alimentieren.

Geschaffen hat die saarländische Bedürftigkeit nicht zuletzt der Arbeiteravantgarde-Veteran Lafontaine, der gerade kürzlich noch sehr von SPD-Kanzlerkandidat und SPD-Parteivorsitzendem und SPD-NRW-Bundestagslistenführer Martin Schulz sehr gelobt wurde. Und zwar für seine Arbeit als früherer Ministerpräsident des Saarlandes, in der die Bedürftigkeit des Saarlandes wohl starke Fortschritte machte. Lafontaine werde seine Erfahrung sicherlich gut in eine neue rotrote Landesregierung einbringen können (siehe: hier).

Das war natürlich vor der Wahl. Vor der Wahl war die Saar-Wahl auch noch ein Symbol für die Bundestagswahl im Herbst, gewissermaßen der erste Zwischensieg für Martin Schulz auf dem Weg ins Kanzleramt. Aber jetzt ist nach der Saar-Wahl, und alle, die aus ihrer Weisheit (oder woraus auch immer) die Symbolhaftigkeit der Saar-Wahl für die Bundestagswahl schöpften, sagen jetzt entschieden, die Saar-Wahl sei keineswegs ein Symbol für die Bundestagswahl. Und umgekehrt.

Dann ist da aber noch die AfD, die ja vor der Saar-Wahl auch mit enorm viel Symbolgehalt beachtet wurde. Also auch hier nach dem Motto: „…gilt als Indiz für das Abschneiden bei der Bundestagswahl…“. Jetzt hat die AfD nur 6,2 Prozent bei der Saar-Wahl bekommen. Was symbolisiert das nun? Man kann darüber gern endlos ohne jede Grundlage herumschwadronieren (Methode Lafontaine, Töpfer, Maas) oder vielleicht auch zur Klärung dieser Frage nachvollziehbare Tatsachen bemühen.

Erste Tatsache: Oskar Lafontaine und seine Freundin Sarah Wagenknecht argumentieren schon seit langem auch nationalpopulistisch. Wer dafür anfällig ist hat also eine Alternative zur Alternative. Das Pärchen Lafontaine-Wagenknecht ist freilich eine exklusive saarländische Eigenheit und von daher nicht auf den Rest des Landes übertragbar. 

Zweite Tatsache: Die AfD im Saarland existiert eigentlich gar nicht. Beziehungsweise: Sie ist derart zerstritten, radikalisiert und irre, dass sie sogar für jeden unwählbar ist, der im Grunde alles in Kauf nimmt, um zwar einerseits noch zu wählen, aber bitte keine der üblichen Parteien. Unter diesen Umständen sind 6,2 Prozent erschreckend viel. Was also, wenn sich die AfD in anderen Bundesländern und auf Bundesebene weniger zerstritten gibt als im Saarland?

Ich denke, die Frage ist eine ganz andere. Nämlich die, ob Merkels Strategie der assymetrischen Demobilisierung noch funktioniert. Ich denke nein. Ich denke, ihre Zeit ist vorbei. Auch, wenn sie es schaffen sollte, noch einmal wiedergewählt zu werden. Es würde eine quälende Legislaturperiode, wenn nicht Schlimmeres.

Foto: Wikimedia

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