Yessay

NSU-Verteidigerkrise: Randnotiz aus der Recherche

Vielleicht ist es ja unwichtig, aber mir ist beim Recherchieren zur neuen Verteidigerkrise im NSU-Prozess (mein Bericht u.a. hier) eine Ungereimtheit aufgefallen, die ich bisher nicht aufgelöst bekomme.

Kurz vorab: Gestern haben Zschäpes drei Pflichtverteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm bei Gericht beantragt, sie aus ihrem Mandat zu entlassen (was das Gericht wie schon vor zwei Jahren höchstwahrscheinlich nicht tun wird, weil das den Prozess gefährden könnte). Sie verschickten einen langen Schriftsatz mit ausführlicher (und streckenweise nachvollziehbarer) Begründung und heftigen Vorwürfen wahlweise an Beate Zschäpe oder die beiden Anwaltskollegen Mathias Grasel und Hermann Borchert. Entweder, so die drei Pflichtverteidiger, schwärze Zschäpe sie wahrheitswidrig an, oder aber Grasel und Borchert reichten Informationen nicht korrekt weiter. Das Gericht schickte den Schriftsatz an alle Prozessbeteiligten und setzte eine Frist für Stellungnahmen, und zwar bis 17 Uhr desselben Tages. 

Und damit zur Sache.

Kurz darauf, nämlich um 11.59 Uhr ausweislich der Fax-Datenzeile, traf eine Antwort von Rechtsanwalt Mathias Grasel im Gericht ein. Als technischer Absender steht dort „RECHTSANW. BORCHERT&KOLL.“. Unter dem Briefkopf von Anwalt Grasel bittet der Absender den Richter, er möge die Frist bis zum nächsten Tag, 12 Uhr, verlängern. Sowohl „Herr Kollege Borchert als auch Herr Kollege Grasel“ seien „derzeit bei auswärtigen Terminen“ und würden „erst gegen 17 Uhr in die Kanzlei zurückkehren“. Mit freundlichen Grüßen: Es folgt der Name von Mathias Grasel, allerdings ohne Unterschrift. Daneben mit dem Zusatz „pro. abs. coll.“ eine andere Anwältin aus dem Kollegium Grasel/Borchert mit Unterschrift. Pro absente collega: für den abwesenden Kollegen.

So weit, so unspektakulär. Also weiter:

Um 15.08 Uhr rief ich Anwalt Grasel auf dem Handy an. Er ging nicht ran. Um 15.10 Uhr rief ich die Kanzlei Borchert unter ihrer Münchner Festnetznummer an. Eine Mitarbeiterin meldete sich und stellte mich sogleich durch. Am Apparat war Anwalt Borchert. Er teilte mir mit, dass er mir zu dem Brief der Anwälte Heer nichts sagen werde und dass er darüber gerade mit seinem Kollegen Grasel zusammensitze und darüber berate.

Ist das jetzt auch bedeutungslos? Oder ist es ein Ups?

Was denkst Du?