Yessay

Muttersöhnchen für Erdogan: Raus aus der Komfortzone!

Vielleicht hat das türkische Referendum auch sein Gutes. Gleich am ersten Tag nach der Entscheidung ploppt nämlich das Abstimmungsverhalten der Deutschtürken auf. Und mancher ist darüber offenbar ehrlich erschrocken – noch bevor detailliertere Analysen auf dem Tisch liegen. Einer der Erschrockenen ist Spiegel-Autor Hasnain Kazim, der seinen Kommentar zur Lage so einleitet:

Es tut weh, so etwas sagen zu müssen, aber man kann nicht für ein autokratisches System sein, für die Todesstrafe, für die Inhaftierung von kritischen Journalisten, für das Einsperren von politischen Konkurrenten, und sich dann beschweren, in Deutschland nicht als Deutsche akzeptiert zu werden. Das geht nicht. Da ist Integration gescheitert, und die Schuld liegt nicht nur bei Deutschland.

Da hat er wohl recht, und das Abstimmungsverhalten der Deutschtürken wird schwierige Debatten auslösen. Warum stimmten in Dortmund 70 Prozent für Erdogans Machtanmaßung, in Berlin dagegen 50 Prozent? Versuch einer Erklärung: Weil in Berlin der Anteil der Kurden und Aleviten unter den türkischen Staatsangehörigen größer sein dürfte als in Dortmund, würde ich sagen. Aber eigentlich fällt mir nur auf, dass ich viel zu wenig weiß über die türkische Comunitiy, bzw.: Die unterschiedlichen Comunities mit türkischen Pässen.

Mitreden kann ich eigentlich nur, soweit ich persönlich Türken kennengelernt oder als Nachbar erlebt habe. In Berlin wohnte ich ein paar Jahre in der Skalitzer Straße in einer schönen und überraschend ruhigen Wohnung im Hinterhaus. Unten lebte eine deutsche Studentin mit ihrem Freund. Alle anderen Mieter waren Türken, ausnahmslos. Der Mann unter mir hatte die Wohnung von seinem Vater übernommen und war mit seiner Freundin eingezogen – kinderlos, in wilder Ehe. Wir freundeten uns an und besuchten uns gelegentlich gegenseitig, sehr zwanglos. Abgesehen davon, dass er Ali heißt, war er kaum türkisch. Seine Freundin auch nicht. Die nannte sich außerdem lieber Alevitin statt Türkin. Eine Alevitin, die mit einem Sunniten zusammenlebt, von denen keiner die Moschee besucht – wer hätte das für möglich gehalten.

Von den anderen Mietern bekam ich nicht viel mit. Am ehesten noch von einer Familie aus dem Vorderhaus. Deren Sohn war damals ca. vier Jahre alt. Bei jeder Kleinigkeit brüllte er wütend über den Hof nach oben nach seiner Anne. Anne spricht man nicht ganz so aus, wie den deutschen Vornamen, sondern mit einem betonten E am Ende. Ein bisschen wie Ané. Das heißt Mama. Das Muttersöhnchen konnte richtig wütend klingen, wenn seine Anne nicht sofort am Fenster erschien. Meistens tauchte sie wenig später unten im Hof auf, nie ohne Kopftuch, und absolvierte irgendeinen mütterlichen Service für den kleinen Pascha. Dabei schien es oft ums Pinkeln zu gehen. Einmal, als Anne partout nicht gehorchte, pinkelte er unter schrillem Geschrei in eine Ecke auf dem Hof.

Seine Schwestern machten dagegen ganz den Eindruck, als seien mit 2 schon sauber gewesen. Wie viele Schwestern er hat habe ich nie ganz durchschaut. Aber weigstens eine war kleiner als er. Sie schaffte es nach meinem Eindruck stets still und unfallfrei, sich zwischen Wohnung und Hof zu bewegen.

Dann war da noch sein Papa. Den lernte ich kennen, als er mir einmal Prügel androhte. Ich hatte den Pinkelpascha von meinem Motorrad gescheucht, das ich immer im Hof abstellte. Ich erklärte dem Papa, Motorrad könne umkippen und den süßen Fratz dabei schwer verletzen, das sei reine Fürsorge gewesen. Ach so. Prügel abgesagt. Aber immer, wenn wir uns sahen, guckte er grimmig. Jetzt dürfte er für Erdogan gestimmt haben. Auch die Teekneipe, in der ich den Papa manchmal sitzen sah, dürfte Erdogan-Milieu sein. Ihr wisst schon: So eines dieser Lokale, das mit grellen Neonleuchten extrem ungemütlich wirkt, in dem nur Männer sitzen und Tee trinken und dessen Fenster meistens gegen Einblick von außen zugeklebt sind. 

Dann kannte ich da noch eine Bar-Wirtin. Sie hatte ein kleines Sauflokal in einem Souterrain am Spreewaldplatz. Origineller Laden im Seventies-Outfit, Tapeten mit großen Kreismustern, Barhocker in einer Art Colani-Design, ein bisschen kreuzbergerisch-verranzt, nette Auswahl an Gin-Sorten, eher stramme Drinkmischungen. Echt nette Frau, auch sehr attraktiv. Kurdin, wie sie mir mal erzählte. Nein zu Erdogan, würde ich wetten.

Oder diese Tänzerin. Hatte zusätzlich eine freischaffende Existenz als, äh, was Weibliches. Ich glaube, Physiotherapie mit Bauchtanz oder so. Groß, tolle Figur, lange Locken, strahlendes Lachen. Alevitin. Non-Erdogan.

Und eine Musik-Promoterin. Kurdin. Links.

Mehrere Rechtsanwälte, männlich und weiblich, Herkunfsstatus nicht durchweg bekannt, einige deutsche Staatsbürger, einige türkische Staatsbürger, einige beides, allesamt nach meiner Einschätzung Nein zu Erdogan.

Ein paar Journalisten. Einer aus der Gülen-Ecke – zwar auch konservativ, aber eh Non-Erdogan. Einer bei einer türkischen Zeitung – netter Kollege, unentschieden oder vielleicht heimlich gegen Erdogan. Eine Journalistin bei der Zeit, sehr nett, hat ein paar Portraits geschrieben, die ich fast legendär finde, aus kleinem Elternhaus, wie sie mal erzählte (habe ich hoffentlich richtig verstanden), Standpunkt im türkischen  Kontext mag irgendwo zwischen gemäßigt sunnitisch und kemalistisch liegen, im deutschen Kontext wohl linksliberal, klar gegen Erdogan.

Fassen wir zusammen:

Wenn wir über mehr reden können als das Wetter und wenn wir Frauen kennenlernen, womöglich nette, die auch mal ihren Charme spielen lassen, bewegen wir uns mit größter Wahrscheinlichkeit unter Erdogan-Gegnern.

Wenn wir schon Schwierigkeiten haben, übers Wetter zu reden, wenn Frauen fast grußlos vorüberhuschen und nur mit Kopftuch zu sehen sind, wo Charme ersetzt wird durch Macho-Sprüche („geile deutsche Fotze“) und ehrenhafte Scheiße („wehe, Du fickst meine Schwester“), wo Muttersöhnchen nach Anne brüllen, nur, weil sie mal müssen, bewegen wir uns mit größter Wahrscheinlichkeit im Erdogan-Lager.

Und jetzt komme ich zurück auf Hasnain Kazim und seinen Schmerz. Den kann ich gut nachvollziehen, auch, wenn er bei mir aus einer anderen Ecke kommt. Ich bin ja ethnisch Deutscher, kein Zuwanderer (oder dessen Sohn oder Enkel). Mir tut aber dieselbe Gruppe weh – nämlich die der Erdogan-Follower. Und zu den neuen Wahrheiten gehört, dass diese Gruppe überhaupt allen anderen weh tut – allen Deutschen von links bis rechts und allen Zuwanderern, übigens nicht nur türkischen, die mit konservativer Sunna und artverwandter Kost nichts anfangen mögen. Hier verläuft die Kluft.

Wie lösen wir das?

Nun also, ich las heute einen Tweet des CSU-Vizegeneralsekretärs Markus Blume und antwortete ihm.

Und weiter:

Raus aus der Komfortzone! Das sehe ich auch so. Vor allem für die CSU. Denn die Union, ob sie es mag oder nicht, ist die Partei, die den konservativen Teil der aus der Türkei stammenden Communities einfangen müsste. Wer denn sonst? Linke Türken ganz gleich welcher Ethnie haben ihre politischen Gefilde in Deutschland längst gefunden. Die Konservativen beten den irren Erdogan an und wollen sich partout nicht von einer Lebenslüge vom Umfang Tausender Kilometer Wegdistanz lösen. Die Konservativen verweigern sich und ermöglichen damit erst die geistige Verwahrlosung dieser Einfaltspinsel.

Das hat für meinen Geschmack auch eine Menge mit der verwaschenen Strategie der konservativen Parteien in Deutschland zu tun. Angela Merkel und vor ihr schon Helmut Kohl haben auf eine schlimme Strategie gesetzt, die zwar längere Zeit die Macht sichern mag, aber das zu einem hohen Preis, nämlich der Aushöhlung des politischen Diskurses. Wer mehr darüber lesen mag: Ich habe diese Strategie als „asymmetrische Demobilisierung“ schon einmal beschrieben.

Sind Sie also wirklich bereit, aus der Komfortzone auszubrechen, Markus Blume? Endlich wieder grundsätzlich politisch-strategisch zu mobilisieren? Wieder konservativ zu sein, und zwar offensiv und kämpferisch? Ihrer Klientel unter Deutschen und Türken das passende Angebot auf dem Wahlzettel unterbreiten? Aufhören, den irren Erdogan für konservative Türken alternativlos dastehen zu lassen? 

Das wäre wirklich ein Ausbruch aus der Komfortzone. Trauen Sie sich doch einfach zu, zur traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie zu stehen – und damit Konservative aller Herkünfte nicht nur zu interessieren, sondern womöglich sogar zu begeistern. Trauen Sie sich doch einfach zu, Dinge wie Leistung nach vorn zu schieben. Gutes Benehmen, gute Zensuren in der Schule, den ganzen Kanon an Primär- und Sekundärtugenden, der das Konservative ausmacht. Zugeschnitten auf die heutige Wirklichkeit in Deutschland, in der es mehr konservative Klientel gibt als sie bisher wahrhaben wollen.

Das wird dann Hasnain Kazim und vielen meiner türkischen Bekannten auch wehtun, mehr übrigens als mir, aber das wäre halt der unvermeidliche Schmerz, den jeder in einer pluralen Demokratie auszuhalten hat.

Was denkst Du?