Yessay

Xavier Naidoo vs. Bob Dylan: Als Hate-Songs noch deftig waren

Man möge mir den wilden Vergleich verzeihen. Xaivier Naidoo mit Bob Dylan. Ernsthaft! Man kann die beiden nicht nur deshalb vergleichen, weil man letztlich alles vergleichen kann, wenn man nur will, sondern vor allem, weil Naidoo wie Dylan den Geist ihrer Zeit symbolisierten/symbolisieren, für ihr geographisches und politisches Umfeld stehen und für die prägenden Gefühle ihrer jeweiligen Generation.

Zu Xavier Naidoo muss ich sagen, dass ich den von Anfang an verabscheut habe. Ich arbeitete beim Radio, und als zum ersten Mal einer seiner Songs aus dem Kopfhörer in mein Ohr troff, empfand ich tiefe Fremdscham. Es war weniger die Musik, die mich störte, und auch seine Stimme ist durchaus angenehm. Es waren die Texte, die mir bis heute bei jedem Naidoo-Song unfassbar auf den Wecker fallen – immer konsequent gegen Melodie und Rhythmus und ausnahmslos hohles Pathos-Geschwafel. Ich dachte, dieser Typ könne nur ein One-Hit-Wonder werden. Aber da habe ich mich bekanntlich getäuscht. Ich hatte grob unterschätzt, dass Naidoo in der entscheidenden Zielgruppe voll einschlug: Bei Frauen ab dem Backfischalter mit ewig währenden kitschigen Prinzessinnenfantasien. Schnell war er im Mediengarten als Schmusesänger klassifiziert. Jeder seiner dämlichen Songs wurde ein Hit, weil die Frauen sie kauften oder von ihren Männern verlangten, sie in Naidoo-Konzerte zu schleppen. Xavier Naidoo war so etwas wie der Erich Fromm der Jahrtausendwende-Musik. Männer, die so taten, als lauschten sie ergriffen seinen Ergüssen, demonstrierten damit sensibles Einfühlen in die weibliche Psyche. 

Auch politisch kam Naidoo über lange Zeit gut an, lustigerweise genau bei denen, die ihn jetzt am schärfsten kritisieren. Im linksgrünen Manheim war er so etwas wie ein Mega-Ehrenbürger. Naidoo war Zeitgeist, und Zeitgeist ist halt immer fassadenhafter als die Zeitgeist-Follower glauben. Zeitgeist geht nie in die Tiefe. Und manchmal zeigen sich dahinter Gedanken, die immer da waren, die aus Modegründen aber niemand sehen wollte. 

Insofern ist die Überraschung über Naidoos Reichsbürgerei ein bisschen heuchlerisch. Seine nunmehr offenbarten politischen Wirrgedanken passen nahtlos in seine zuvor gefeierten emotionalen Wirrgedanken. Mein Entsetzen über seinen Marionetten-Song hält sich insofern in Grenzen. Ich kann freilich nachvollziehen, dass wirre Menschen wie Claudia Roth jetzt pikiert sind, wenn sie erkennen müssen, dass auch sie Hohlpathos für Hochkultur hielten. Pop ist halt immer nur Pop, auch wenn sich Pop für wahnsinnig bedeutend hält, oft aber nur auf pubertäre Weise.

Schauen wir uns sein aktuelles Werk mal genauer an:

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter

Erst zwei Zeilen und schon zwei Metaphern, die beide beliebig hergegriffen sind und nicht zusammen passen.

Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter

Sachverwalter? Ich dachte, es heißt Sachwalter. Oder meint er Sachbearbeiter? Und wieso sind Marionetten Sachbearbeiter? Kann mal jemand die Augsburger Puppenkiste anrufen?

Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Werden wir einschreiten

Übergang zu politischer Parole. Offenbar hat Naidoo eine Merkel-Rede gehört und fand ihren Gebrauch von „wir“ schick. Pop meets Parole. Nochmal Parole in Naidoo-Sprech:

Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Müssen wir unsere Schutzschilde ausbreiten

Und jetzt geht der Krieg der Metaphern gegen Sprache und Gedanken richtig los:

Aufgereiht zum Scheitern wie Perlen an einer Perlenkette
Seid ihr nicht eine Matroschka weiter im Kampf um eure Ehrenrettung
Ihr seid blind für Nylonfäden an euren Glieden und hackt
man euch im Bundestags-WC, twittert ihr eure Gliedmaßen
Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter
Teile eures Volkes nennt man schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid

Die letzte dieser Zeilen wurde zuletzt gelegentlich als gewaltaffin oder hassträchtig interpretiert. Ich weiß nicht, ob das stimmt oder ob einfach der heutige deutsche Zeitgeist ein bisschen verpimpelt ist. Künstler, auch im Pop, haben schon immer die gesamte Gefühlspalette durchgespielt, auch Richtung Hass. Das ist weder neu noch auf rechtsradikale Gesinnung beschränkt noch a priori schlecht.

Beispiel: Bob Dylan. Einer seiner beeindruckendsten Songs ist Masters of War. Er unterscheidet sich von Naidoo-Songs in vielfacher Hinsicht. Dylan pflegt eine schnörkellose, klare Sprache. Er erzählt eine Geschichte. Wir lernen einen Kriegherren kennen. Er baut Kanonen, Todesflugzeuge und Bomben. Er versteckt sich hinter Mauern und Schreibtischen, aber ich (nicht wir!) kann durch seine Augen hindurch in sein Gehirn schauen wie durch Wasser im Abfluss – auch eine Metapher, aber eine gelungene! Text, Gesang und die düster-motonone Harmonie ergänzen sich perfekt. Die Story gewinnt über den gesamten Song immer stärker an Intensität. Schließlich treibt Dylan sie zum Knackpunkt. Der geht so:

And I hope that you die
And your death will come soon
I’ll follow your casket
On a pale afternoon

I’ll watch while you’re lowered
Down to your deathbed
And I’ll stand over your grave
‚Til I’m sure that you’re dead

Holla die Waldfee! Das ist Hass! Und zwar richtig! Mit viel Anlauf, als zwangsläufiger Showdown einer schlüssigen Story. Hass gewissermaßen auf Nobelpreisniveau, entstanden in einer Zeit, als der Vietnamkrieg und die Proteste dagegen den Zeitgeist prägten. Nicht deutscher Zeitgeist mit Mannheim als Zeitgeistzentrale, sondern Zeitgeist der westlichen Welt mit New York als Zeitgeistzentrale. Hier spießig-miefiges Kleinklein in einer politisch korrekten Empörungsumwelt, da der wide open Space der freien Welt, der es draufhat und wagt, jede Story durch alle Instanzen bis zum Ende zu denken und auf den Punkt zu bringen. Yeah! 

Und jetzt? Tja. Weiß auch nicht. Hier ist alles so eng geworden. Ich lese und höre ständig gleich klingende Plappereien. Man nehme ein beliebiges Interview mit einem bundesdeutschen Politiker und wundere sich, wie Fragesteller und Antwortgeber formulieren. Wundere sich über die Welt, in der die beiden zu leben scheinen und in der man Fragen stellt, auf die kein normaler Mensch kommen würde, mitsamt Antworten, deren Qualität näher dran ist an Naidoo als an Dylan. Macht vielleicht einfach mal Eure Fenster auf und lasst frische Luft rein.

Foto Dylan: Alberto Cabello from Vitoria Gasteiz - Bob Dylan, CC BY 2.0, Link
  1. Es lohnt sich auch ein Blick auf den Text der französischen Nationalhymne. Sollte der auch nicht gesungen werden?

Was denkst Du?