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NSU-Opfer Michéle Kiesewetter: Die Tote für die Quote

Es ist wieder einmal eine dieser atemlos hervorgepressten, sensationell klingenden Enthüllungs-Verlautbarungen. „Handydaten könnten neue Spur bringen“, heißt es beim öffentlich-rechtlichen Südwestrundfunk (SWR). Die Redaktionen des Fernsehmagazins „Report Mainz“ und der Hamburger Illustrierten Stern hätten „geheime Polizeiakten“ zugespielt bekommen. Denen sei zu entnehmen, dass während des Mordes an der Polizistin Michéle Kiesewetter „Kontaktleute islamistischer Terroristen möglicherweise am Tatort in Heilbronn gewesen sein“ „könnten“. 

Der Artikel des Südwestrundfunks enthält einige Zwischenüberschriften, die einen Spin in die Sache bringen sollen. Eine davon lautet:

Spuren in der Dschihadisten-Szene

Nähere Informationen gibt es beim SWR allerdings nicht, lediglich viele offene Fragen.

Ein bisschen deutlicher wird der Stern. Dort ist von „Kontaktleuten zur Sauerlandszene“ zu lesen, die „in der Nähe“ gewesen seien, als Kiesewetter ermordet wurde. Eine Passage aus dem Stern-Text lautet:

Die Telefonnummern, die Europol nach Wiesbaden schickt, verraten, dass mutmaßliche illegale Einwanderer, Zigarettenschmuggler, Drogendealer und Hells Angels am Tattag zur Tatzeit in Heilbronn unterwegs waren. Neun Telefonnummern sind vorher bei Ermittlungen gegen Terrorverdächtige aus der islamistischen Szene aufgetaucht. Eine dieser Handynummern ist besonders interessant: Es ist eine 016er-Nummer, die den Ermittlern der „EG Zeit“ untergekommen ist. Sie hat 2007 beim Bundeskriminalamt gegen die „Sauerland“-Terroristen ermittelt. Der Inhaber dieser Nummer könnte also aus dem Umfeld der Terroristen stammen. Und er war offenbar in der Nähe, als die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen wurde.

Und nun? Was soll das alles bedeuten?

Der Stern weist auf seiner Webseite immerhin darauf hin, wo die Waffen der ermordeten Michéle Kiesewetter und ihres schwer verletzten Kollegen gefunden wurden, nämlich in dem Wohnmobil, in dem die Leichen der beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach lagen. Der SWR geht auf diesen Umstand gar nicht ein. Für einen vermeintlichen Aufdecker, der die Geschichte des Heilbronner NSU-Mordes umschreiben möchte, ziemlich unverzeihlich.

Der Stern erwähnt auch, anders als der SWR, was Beate Zschäpe zum Kiesewetter Mord sagte – dass nämlich Mundlos und Böhnhardt ihr auch den gebeichtet hätten. Und der Stern fügt der Vollständigkeit halber auch hinzu, dass an einer Jogginghose des Uwe Mundlos Blutreste von Kiesewetter gefunden wurden. 

Insofern ist die Qualität der Stern-Version dieser vermeintlichen Enthüllung deutlich höher als das doch sehr oberflächliche Stochern des SWR. Beim Stern geben sie sich einfach mehr Mühe, die Schlüsse aus den „geheimen Polizeiakten“ irgendwie mit den bekannten Fakten zu versöhnen – etwa indem sie schreiben:

Dass Mundlos und Böhnhardt am Tatort waren, gilt als bewiesen. Aber waren sie alleine? Gab es Zeugen? Mitwisser? Oder gar Helfer? Und warum waren sie ausgerechnet in Heilbronn? Fragen, die ungeklärt sind – weil die Polizei womöglich nicht gründlich genug ermittelt hat?

Kann man fragen, klar. Aber wo ist da die Geschichte? Wollen SWR und Stern jetzt etwa nahelegen (behaupten können Sie es mangels Fakten nicht), dass Mundlos und Böhnhardt gemeinsam mit Islamisten gezielt die Polizistin Michéle Kiesewetter ausgeguckt und erschossen haben sollen? Mit Verlaub – das wäre nun wirklich eine Räuberpistole.

Tatsächlich gibt es offene Frage beim Mord an Kiesewetter. Die betreffen vor allem das Motiv. Die Bundesanwaltschaft meint, es sei Mundlos und Böhnhardt darum gegangen, Polizisten als Repräsentanten des verhassten Staates zu treffen. Beate Zschäpe hatte ausgesagt, Mundlos und Böhnhardt hätten die Waffen Kiesewetters und ihres Kollegen erbeuten wollen. Mag sein – eines davon oder auch beides. 

Zu den offenen Fragen, die näherliegend erscheinen als ein neonazistisch-islamistisches Mordkomplott gehört für mich, dass um die Familie von Michéle Kiesewetter herum einige Gestalten aus dem nächsten Umfeld der Jenaer Szene der 1990er Jahre auszumachen sind und ob hier nicht ein plausibleres Motiv zu finden wäre. Dazu zählt auch der Familienstamm des im NSU-Prozess mitangeklagten Ralf Wohlleben, genauer: Die Familie seiner Ehefrau.

Und da fällt dem aufmerksamen Gerichtsreporter schon auf, dass die Wohlleben-Verteidigung schon mehrmals die vermeintliche Spur auf die Sauerland-Gruppe vor Gericht ins Spiel zu bringen versuchte, bisher immer vergeblich, aber in öffentlicher Verhandlung. So gesehen ist die Info, die Stern und SWF etwas sensationalistisch herausbringen, jedenfalls für mich kalter Kaffee. Auch andere, bisweilen abenteuerliche Erklärungen für den Kiesewetter-Mord tischten die Verteidiger immer wieder auf und zitierten dabei gern auch Medienberichte, besonders häufig den Stern.

Da frage ich mich schon, wer eigentlich den Kollegen diese „geheimen Polizeiakten“ zuspielte und welche Interessen der Informant damit bezweckt. Und ich frage mich auch, ob nächste Woche, wenn im NSU-Prozess wieder verhandelt wird, ein weiteres Mal über die vermeintliche Sauerland-Connection gesprochen werden wird.

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