Mutti Erde

Es ist der letzte Satz, der das nachfolgende Merkel-Zitat bemerkenswert macht, und hier wiederum auch das Ende, verbreitet über den Twitter-Account ihres Regierungssprechers Steffen Seibert in Form einer der bei Politikern gerade sehr beliebten Zitat-Bilder:

Mutter Erde? Ernsthaft? Sprechen wir also über Mutter Erde und beginnen mit einem Gebet:

Danke ihr Götter für diesen Tag
Donar mein Freund beschütze mich in der Nacht
Mutter Erde und Allvater Odin
gebt meiner Familie und mir immer euren Schutz und euren Segen!

Entnommen ist es der Asatru-Webseite, einem Forum von und für Heiden und Neopaganisten. Gepflegt wird dieser Glaube von esotherisch gestimmten Leuten, die politisch zwischen grün und braun changieren. Die Grenzen sind dabei fließend. Linksgrüne Paganisten sind ob dieser Schnittmenge oft genervt. Wer sich mit den germanischen Göttern beschäftige sei deshalb noch lange kein Nazi, lautet ein gern gebrachter Einwand. Mag sein. Andererseits bestreitet kaum jemand, dass Nazis annähernd durchgehend heidnisch geprägt sind. Sonnenwendfeiern, Julfest, Stonehenge-Zeitrechnng, Walhalla als Himmel der biersaufenden Wotansjünger – feste Bestandteile der rechtsradikalen Subkultur.

„Mutter Erde” findet sich auch bei den Anthroposophen, also den geistigen Erben Rudolf Steiners und den auf Steiners esotherischem Gedankengut basierenden Waldorf-Schulen. Das Antrowiki beschreibt Mutter Erde als weibliche Gottheit in den Mythen vieler früher Kulturen und hält dazu einen Verweis auf die „Gaia-Hypothese” für relevant. Die wiederum wurde in den 1960er Jahren erfunden und schreibt der Erde eine Art beseelter Persönlichkeit zu – womit „Mutter Erde“ bildlich gemeint und tatsächlich wie eine Person aufgefasst wird.

Damit zum Klimaschutz, dem Anlass für Merkels „Mutter Erde”-Metapher. „Gaia“, so liest man auf dem Portal „Bild der Wissenschaft“, sei nämlich schon dabei, sich gegen die Menschheit zu wehren, wie ein Hund, der sich gegen seine Flöhe wehre. So bis zu 20 Milliarden Menschen würden auf den Planeten passen, mutmaßt der Chef des „Potsdam Institut für Klimafolgenforschung”, Hans Joachim Schellnhuber, allerdings nur dann, wenn die alle sich sich über „weises Management“ und „einsichtiges Verhalten“ einig seien. Leider sei die Menschheit aber dafür nicht weise genug, so Schellnhuber, der sich sodann so zitieren lässt: „Gemessen an seinem heutigen Verbrauchsverhalten würde eine Zahl von zwei bis drei Milliarden die Sicherung eines robusten Wohlstands für alle gewaltig erleichtern.” Und alle überzähligen Menschen? Hier sind wir dann schon recht nah dran an brauner Menschenverachtung.

Dafür bringt er umso mehr Empathie für „Mutter Erde“ auf, der Planetin mit Seele. Sie habe Fieber, meint Schellnhuber, ein Bild, das die Beseeltheit und Vermenschlichung des Planeten weiter vorantreibt. Und er treibt den Vergleich noch auf die Spitze: „Bei vier bis fünf Grad Temperaturerhöhung sind Sie sehr krank und werden wahrscheinlich sterben”, sagt er, einen Menschen meinend, für den wohl dasselbe gelte wie für Mutter Erde. 

Und hier sind wir dann zurück bei Angela Merkel, die große Stücke auf Schellnhuber hält. Der weise Mann, gern als Klimapapst bezeichnet, war lange Berater der Bundesregierung. Gelegentlich blickt er von Gipfeln auf grandiose Landschaften. Da fühlt er sich eins mit der Schöpfung und sagt Dinge wie: Folgen die Menschen nicht seinem Ratschluss, so falle die nächste Eiszeit in 60.000 Jahren aus. Und als arbeitsteiliger Papst beschäftigt Schellnhuber in seinem Institut einen „Chefökonomen“, der zu Protokoll gibt: „Wir verteilen durch die Klimapolitik de facto das Weltvermögen neu“.

Ein bisschen größenwahnsinnig klang all das ja schon immer. Aber dass Mutti Merkel jetzt „Mutter Erde“ als politisches Subjekt bemüht setzt dem ganzen die Krone auf. Womöglich behauptet die Kanzlerin demnächst, sie bespreche ihre Politik neuerdings mit ihrer planetarischen Mitmutti und verfüge folglich über universelle Weisheit und Legitimation. Es wäre die grünlich-bräunlich-esotherische Variante des verflossenen Gottesgnadentums. 

Amen.

Foto (nur Merkel ohne Globus): Ralf Roletschek [CC BY-SA 3.0 at or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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