Warum die Antisemitismus-Doku nicht nur @WDR und @arte bloßstellt – sondern z.B. auch die Kirche

Es ist ein bisschen albern, wenn WDR und ARD jetzt meinen, sie müssten die Filmdoku „Auserwählt und ausgegrenzt“ deshalb zeigen, damit sich das Publikum „ein eigenes Bild machen kann“, wie ARD-Programmdirektor Volker Herres formuliert. Dank Bild konnte das ja jedermann schon tun. Tatsächlich geht es wohl eher darum, letzte Reste von Gesicht zu wahren.

Jetzt sollen es also „handwerkliche Mängel“ der Filmautoren sein, die der WDR gegen den Film vorbringt. Das ist bemerkenswert, denn es war die für Arte zuständige WDR-Redakteurin, die den Film abgenommen und freigegeben hat. Erst danach hatte das Drama begonnen, weil Arte sich wohl nicht an die Spielregeln hielt. Nach Einschätzung des Medienjournalisten Michael Ridder vom epd werden Arte-Filme üblicherweise von den Zulieferern – hier also vom WDR – freigegeben, nicht dagegen von Arte-Leute in Straßburg – so Ridder im NDR-Medienmagazin Zapp (ab 1:47).

Was „handwerkliche Mängel“ betrifft – ja, die gibt es wirklich. Der Film wurde wohl in einer letzten Entwurfsfassung abgenommen und anschließend nicht sendefertig geschliffen. Man sieht das z.B. daran, dass Ausschnitte aus dem Hamas-Kinderfernsehen nicht übersetzt wurden und einige Bauchbinden fehlen. Das ist aber mE kein „handwerklicher Mangel“, sondern wohl eher ein „noch nicht ganz fertig“. Es ist auch nicht weiter ungewöhnlich, dass in der Schlussredaktion noch einmal Fragen gestellt und Ungereimtheiten entknotet werden. 

Entscheidend an dem Film ist etwas ganz anderes. Er macht ein massives Fass auf und entlarvt alltägliche antijüdische Feindseligkeiten und Sticheleien, über die man sich angesichts ihrer Alltäglichkeit kaum noch aufregen mag. Man käme einfach nie zur Ruhe. Mehrfach knöpfen sich die Filmemacher dabei die evangelische Kirche vor, bzw. Organisationen, die zur Kirche gehören, wie „Brot für die Welt“. 

Ebensogut hätte der Film eine bliebige evangelische Gemeinde hernehmen und den Gemeindepfarrer als nur spärlich mit Palästinenserlyrik getarnten Antisemiten zeigen können, etwa in der oberbayerischen Gemeinde Grafing. Das war die Gemeinde, die zur Taufe meiner Tochter örtlich zuständig war und die ich wegen ihres zur Schau gestellen verkappten Antisemitismus mied. 

Der Film hätte auch direkt im WDR auf Spurensuche gehen können. Da gab es etwa mal diesen Redakteur Frings, dem zu den allfälligen und alltäglichen Boykottaufrufen gegen Israel der übliche Stehsatz einfiel: „Ist Kritik an Israel gleich antisemitisch?“ Nicht weniger aufschlussreich war dann auch, wie der WDR und einzelne seiner Mitarbeiter auf Nachfragen reagierten – mit einer Mischung aus Drohung und Abwiegelung.

Die Filmautoren hätten auch im Kreise der WDR-Rundfunkräte auf Spurensuche gehen können. Sie wären bei Bettina von Clausewitz fündig geworden, von der evangelischen Kirche entsandte stellvertretende Rundfunkrätin des WDR. Frau von Clausewitz bereiste nach eigener Darstellung auf ihrer Webseite  Israel und die Palästinensergebiete und hat einen Artikel verfasst, in dem sie Israel „Apartheid“ vorwerfen lässt. Darin geht sie ziemlich freihändig mit Fakten um, etwa in dieser Passage:

„Nur in wenigen Häusern der Altstadt wohnen noch Palästinenser. Die Fenster und Balkone, hinter denen trocknende Wäsche und neugierige Kinderaugen zu sehen sind, gleichen Käfigen. Es sind selbst gebaute Gefängnisse, zum Schutz vor Steine werfenden Siedlern und ihren Kindern. Die Soldaten sind für die Siedler da, nicht für die palästinensischen Familien. Übergriffe sind an der Tagesordnung.“

Dazu hätte ich gern mehr gewusst und habe Frau von Clausewitz per E-Mail folgende Fragen gestellt:

„Auf welcher Quelle basiert Ihr Wissen um Steinwürfe von „Siedlern“? Was meinen Sie mit Übergriffen, was mit „an der Tagesordnung“? Haben Sie konkrete Beispiele? Kennen Sie Opfer von Steinwürfen aus Siedlerhand? Haben Sie versucht, solche Opfer ausfindig zu machen, ggf. mit welchem Ergebnis? Worauf basiert Ihre Aussage, die Soldaten „sind für die Siedler da“? Was wollen Sie damit konkret aussagen (etwa: dass die Soldaten Steinwürfe jüdischer Siedler tolerieren?)? Haben Sie Steinwürfe von „Siedlern“ (jüdisch?) selber gesehen? Ggf. wo und wann?“

Telefonisch teilte sie mir mit, ich möge doch mit dem eigentlichen Rundfunkratsvertreter der evangelischen Kirche sprechen. Ich antwortete, dass meine Fragen nunmal explizit an sie gerichtet seien. Darauf erklärte sie, sie wolle dazu keine Stellung beziehen.

Frau Clausewitz verfügt darüber hinaus über ein erstaunliches Portfolio an Jobs, ebenfalls einsehbar auf ihrer Webseite. Demnach arbeitet sie sowohl als PR-Frau für NGOs wie auch als Journalistin für diverse öffentlich-rechtliche Sender, auch den von ihr mitbeaufsichtigten WDR. Ich habe sie gefragt, ob sie in dieser Kombination keine Interessenskonflikte sähe. Auch darauf wollte sie nicht antworten.

So oder so – es ist die zeitgeistige Szene, diese gewaltige, vernetzte, staatlich geförderte, medienmächtige, internationale Anti-Israel-Maschine mit all ihren Verästelungen, die die Macher von „Auserwählt und ausgegrenzt“ offenlegen. Es ist ein unerschöpflicher Fundus, der ein Überangebot an Einzelthemen birgt. Sie zeigen die ganze Bandbreite von vornehm verbrämtem Ressentiment über hanebüchene Verschwörungstheoretiker aus ach so demokratischen Parteien und Verbänden bis zu offener antijüdischer Hassgewalt. Die „handwerklichen Fehler“ sind nichts als vorgeschobene Alibis für den Umgang des WDR mit diesem Film. Die Autoren greifen das Biotop der WDR-Publizistik nicht frontal an, aber es geht einfach nicht anders – das, was sie zeigen, trifft dennoch auch Gremien- und Redaktionsleute – ganz gewiss übrigens auch bei Arte, wo ja ganz andere Gründe für die Ablehnung der Filmdoku genannt werden als beim WDR. Noch so ein entlarvender Widerspruch.

Gut, dass öffentlicher Druck die Debatte endlich öffnet.

PS. Und hier erklärt der WDR Schülern handwerklich gut gemacht den Nahost-Konflikt. Handwerklich gut gemacht. Ansonsten unterkomplex, einseitig, stellenweise sachlich falsch, antisemitisch.

  1. „Diesen Tempel haben die Juden gebaut, zu Ehren ihres Stammvaters Abraham.“

    -> Geht’s eigentlich noch? Ansonsten gesund?

    Dass Klagemauer und Al Aksa „Seite an Seite“ stehen ist „lange Zeit kein Problem.“

    -> …aber nur, wenn man die Tatsache, dass Juden der Zutritt verweigert wird, nicht als Problem ansieht.

    Die Juden leben in der Diaspora, auf der ganzen Welt verteilt, die Araber, seit Jahrhunderten, in Palästina.

    -> Soso. Die in Palästina lebenden Juden zählen offensichtlich nicht.

    …was schon so beginnt, kann nicht gut enden… Ich schaue trotzdem weiter. Doch ich habe nicht die Zeit, arabische Propaganda zu kommentieren.

Was denkst Du?