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Wer sind eigentlich die vom schwarzen Block? Wie heißen die? Was machen die so?

Hätten die Kollegen von NDR und Tagesschau mal in den Livestream von Welt-N24 geschaut, dann hätten sie sehen können, wie maskierte Gangster (jedenfalls sahen sie aus wie maskierte Gangster) immer Stinkefinger in die Kamera hielten oder versuchten, das Bild komplett mit der Hand abzudecken. Das war eine coole Aktion der N24-Kollegen. Sie war übrigens auch mutig, im Gegensatz zu allem, was andere so für mutig halten mögen.

Offenbar hatten die Kollegen von NDR und Tagesschau so ihre eigene Wahrnehmung. Wer diesen Zusammenschnitt anschaut, der bekommt einen anderen Schuldigen präsentiert, nämlich die Polizei. Die habe den friedlichen Demonstrationszug grundlos gestoppt, behauptet die Offsprecherin. Das sei der Anfang gewesen. Ihre Behauptung trägt allerdings nicht sehr weit. Ein Polizeiführer kommt ins Bild und erklärt jemandem, die Maskierten müssten ihre Masken abnehmen. Wer der Jemand ist erklärt der ARD-Film nicht. Vielleicht ist es einer der Initiatoren der Demo, vielleicht ein Alien, vielleicht ist es auch egal, jedenfalls den journalistischen Stars der großen Anstalt.

„Der Veranstalter erklärt die Demonstration für beendet“, meint die ARD-Offstimme, „doch sie geht weiter“. Wie jetzt? Bei N24 haben sie dazu schon in der Livesituation am späteren Vorabend die richtigen Fragen gestellt: Wenn sie zu Ende ist, wieso geht sie dann weiter? Müsste dann eine neue Demo angemeldet werden? Dürfte die Polizei die Dinge weiterlaufen lassen? Das war auf die Schnelle am Abend nur zu fragen. Aber die ARD schafft es, am Tag danach einfach nichts zu beantworten und über die Fragen schwupps hinwegzugehen. Während die Offstimme nicht bemerkt, dass sie Widersprüchliches spricht, ist im Bild ein Wasserwerfer zu sehen, der Leute nass macht. Ein Vermummter kommt ins Bild, Helm auf dem Kopf, schwarz gekleidet, als Polizist erkennbar. Vermummt zwar, aber sein Name ist auf einer Bauchbinde eingeblendet: Kay Strasberg, Sprecher der Hamburger Polizei. Er erklärt, die Polizei habe die Gewaltchaoten von den – nunja – friedlichen Demonstranten trennen wollen, was aber misslungen sei.

Es mag abgedroschen klingen, aber gleichwohl: Was wäre eigentlich bei der ARD so los, wenn wir es mit einer Neonazi-Demo zu tun gehabt hätten, mit vermummten Prügel-Skinheads embedded? Also mit der vermeintlich friedlichen Masse, die der Wehrsporteinheit, wohl so etwas wie der bewaffnete Arm von Attac, jederzeit Zuflucht bietet? Und was hätte die ARD dann von der Polizei erwartet? Wo wären gegen Rechte durchgreifende Polizisten auf der Gut-Böse-Skala gelandet?

Die hypothetische Frage nach den Neonazis ist in gewisser Weise übrigens gar nicht so hypothetisch. Da die Maskierten ihre Gesichter nicht zeigten und niemand weiß, wer die sind, könnten es genausogut Rechtsradikale gewesen sein. Kameradschaften und NPD hatten angekündigt, bei der Hamburger Demo mitzulaufen, berichtete die Taz. Die Rechtsextremen vertreten sowieso dieselben Positionen zu Globalisierung, Freihandel und Wirtschaft wie Linksradikale und Grüne. Der Taz-Artikel stellt als besonderen Unterschied zwischen guten und bösen Anti-G20-Kämpfern heraus, dass die Bösen „in der Unterscheidung zwischen bösem ‚raffenden‘ und gutem ’schaffenden‘ Kapital einem antisemitischen Gedanken“ folgten. Boykottaufrufe gegen Israel, von links bis rechts, zählen für die Taz demnach wohl nicht zu Antisemitismus.

Aber einstweilen gilt die strategisch auf Gewalt und Täterschutz ausgelegte Anti-G20-Demo als links. Deshalb, und nur deshalb, ist der schwarze Block denn für die ARD auch ein satisfaktionsfähiger Protagonist, der in eine künstliche, konstruierte Ausgewogenheit hineinbalanciert wird. Hier die Polizei, da die Demonstranten. Die seien – sie können es gar nicht oft genug sagen – natürlich soweit „friedlich“. Das wird derart penetrant immer wieder heruntergebetet, dass man sich fragen muss, wieso. Könnte ein unbefangener Beobachter etwa auf eine andere Idee kommen?

In der Nacht verzichtet der Mob dann auf die friedliche Maske, was der ARD entgangen sein muss. Die Bilder gibt es trotzdem, nicht von der Anstalt, sondern von allen möglichen Leuten auf Twitter und anderen Plattformen. Wehrsportgruppe Hafenstraße. Normale Verbrecher fliehen ja meist vor der Polizei, um nicht verhaftet zu werden. Hie passiert das Gegenteil: Sie greifen die Polizei an. Am nächsten Morgen haben Hamburger Bürger ein Gutteil ihres Habs und Guts verloren. „An der Max-Brauer-Allee hat SPIEGEL-ONLINE-Reporterin Ayla Mayer Florian getroffen, 26 und Logistikhelfer bei Airbus“, notiert Spiegel-Online. „Er steht vor den Resten seiner Mercedes C-Klasse und weint. Desorientiert fotografiert er, wie die Feuerwehr die Schwelbrände seines Wracks löscht.“

Für den missratenen Erben und Mitinhaber des Spiegel, Jakob Augstein, kann die Spiegel-Reporterin nichts. Dem ist das verbrannte Auto eines braven Arbeitnehmers vermutlich völlig egal. Sein Tweet, in dem er Polizisten mit einer Meute bissiger Köter vergleicht, bringt die Sache aber gut auf den Punkt. Dieser Augstein ist auf seine Weise ebenso saturiert wie der Mob.

bitterlemmer:

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  • Bauchbinde? Was stimmt denn mit Ihnen nicht? Vermummt? Als Polizist? Geht nicht, sagt schon das Gesetz! Bis dahin viel Erfolg beim Irgendwas machen, Journalismus kann es nicht sein!