#Factfox und #Faktenfinder: Viel Meinung, wenige Fakten

Weil in den sozialen Netzwerken so viele Falschmeldungen kursieren müssten dringend Richtigsteller her – das ist im Wesentlichen das Motiv unserer öffentlich-rechtlichen Anstalten für ihre Faktenchecker-Formate. Beim Lesen der Faktenchecker-Artikel hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass es aber gerade nicht um Fakten geht, sondern um alles mögliche andere. Also habe ich mir einzelne Beiträge herausgepickt und näher betrachtet, drei der Tagesschau und einen des Bayerischen Rundfunks. Überprüft habe ich vor allem die Frage, ob es sich dabei tatsächlich um das Checken von Fakten handelt oder etwas anderes. Hier zunächst die vier Fälle, unten dazu das Resümée.

Fall 1: Social Bots erkennen

Adresse: http://faktenfinder.tagesschau.de/tutorials/social-bots-erkennen-101.html

„Vorsicht“, warnt die Autorin. Manche Beiträge von Bots wirkten „erstaunlich echt. Doch sind sie das keineswegs.“

Stimmt. Beispiel für einen Bot: Novi. Novi wirkt im Facebook-Messenger und tut so, als sei er der gute Freund, der die Nachrichten vorbeibringt. Dabei ist Novi nur ein Bot. Novi hat eine eigene Webdomain: novibot.de. Mein eigener Faktencheck bei Denic ergibt: Die gehört einem gewissen Timo Spiess in Dortmund. Namenscheck bei Google: wer ist Timo Spiess? Der hier, z.B. auf Twitter. Ein Mitarbeiter der ARD. Hier wiederum stellt die ARD klar, dass Novi tatsächlich ein ARD-Bot ist. Warum ein ARD-Bot eine privat auf einen Mitarbeiter registrierte Domain verwendet ist nirgends erklärt, aber ein Faktum.

„Vorsicht“, warnt die Autorin des Tagesschau-Faktenfinders. Manche Beiträge von Bots wirkten „erstaunlich echt. Doch sind sie das keineswegs.“ Warum die Autorin „Vorsicht“ schreibt, was sie also für schädlich oder gefährlich hält an Bots, das schreibt sie nicht. Was ist eigentlich so schlimm an Bots? Zumal die ARD ja ihren eigenen betreibt.

Ist das ein Faktencheck? Nein. Das Ding nennt sich auch „Tutorial“, freilich innerhalb der Faktenfinder-Rubrik. Was es da verloren hat? Keine Ahnung.

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Fall 2: Wird Deutschland 2050 ein islamischer Staat?

Adresse: http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/muslime-europa-bevoelkerung-101.html

Nanu? Wer kommt auf sowas? Die Tagesschau-Autorin begründet ihren Faktenfinder-Beitrag damit, dass das „düstere Szenario“, also „der Untergang des Abendlandes“, […] immer wieder im Internet verbreitet“ werde. Na gut. Wenn das so „im Internet verbreitet“ wird…

Langer Beitrag, kurzer Sinn: Die Autorin kommt am Ende zu der bahnbrechenden Erkenntnis, niemand könne in die Zukunft sehen. Offen bleibt, wie sie auf die Jahresahl 2050 in ihrer Überschrift kam. Und offen bleibt vor allem, welches neue Faktum der Faktenfinder hier für uns gefunden hat. Es handelt sich, um das einfach mal beim Namen zu nennen, um einen Meinungsbeitrag gegen rechts, die AfD und jeden, der Angst vor Zuwanderung verbreitet. Legitim, kann man machen, nur gewiss nicht unter der Faktenfinder-Flagge.

Ist das ein Faktencheck? Nein, das ist ein Meinungskommentar. Und angesichts der Faktenfinder-Positionierung manipulativ.

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Fall 3: „Bild“ sucht G20-Randalierer – „Fahndungsaufrufe sind Aufgabe der Polizei“

Adresse: http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/gzwanzig-147.html

Die Tagesschau zeigt Abbildungen von Ausgaben ihres Lieblingsfeindes, der Bild-Zeitung. Zu sehen sind Fotos von Krawallmachern, die Hamburg während des G20-Treffens schikaniert haben sollen. Man sieht die Bild-Schlagzeile: „Wer kennt diese G20-Verbrecher?“ Bild fahndet.

Der ARD-Faktenchecker fragt im wesentlichen nur die Lieblingsfrage aller deutschen Spießer: Darf man das? Dann recherchiert er und findet heraus: Der „Presserat prüft Beschwerden“. Dann der Deutsche Journalistenverband: „Presseethisch mindestens fragwürdig“. Prüft. Fragwürdig. Ja und? Ist die ARD das Lektorat der Bild? Dann aber kommt die „ARD-Rechtsredaktion“ ins Spiel, mit ihrem „Experten“, wohl einfach einem zum Experten gelabelten Redakteur. Der wird faktisch und indirekt so zitiert: „Die Berichterstattung in der „Bild“ verstoße auch gegen das Gesetz“.

Fakt? Falsch!

Da ist doch ausgerechnet dem ARD-Rechtsexperten entgangen, was die anderen verstanden: Über Rechtmäßigkeit entscheidet ein Richter. Das gilt auch für den Verdacht möglicherweise nicht gesetzeskonformer Berichterstattung. 

Ist das ein Faktencheck? Natürlich nicht. Es ist Bild verpetzen und die Bild vorgeworfenen Sünden selbst begehen. Kein Faktencheck, sondern Streber-Kommentar aus dem Glashaus.

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Fall 4: Warum kleben keine Insekten mehr auf der Windschutzscheibe?

Adresse: http://www.br.de/nachrichten/insektensterben-weniger-insekten-auf-der-windschutzscheibe-factfox-100.html

Wieder so eine Fakenews aus dem Internet, die es zu entlarven gilt? Nein, dieses Mal war es ein vermeintlich harmloser Talk des Bayerischen Fernsehens mit Nina Ruge und dem Biophysiker Wolfgang M. Heckl, der eine Stammtischsendung mitmoderiert, in der meistens Medienleute miteinander reden. Und am Ende habe Nina Ruge halt gefragt, warum keine Insekten mehr an ihrer Scheibe kleben, worüber dann Zuschauer in den Kommentarspalten der Senderwebseite diskutiert hätten. 

Die Faktencheckerin beschreibt dann, wie sie versuchte, einem womöglichen Insektensterben nachzugehen. Sie erfährt etwa, dass die moderne Aerodynamik von Autos die kleinen Viecher einfach drumherumtreiben könnte. Einen konkreten Hinweis auf ein Massensterben von Insekten bekam sie nicht. Das äußerste, was sie ergatterte, ist dieses Zitat eines „Experten“:

„Bei häufigeren Arten in unserer Landschaft ergibt sich ein gemischtes Bild. In einigen Regionen scheint es große Einbrüche gegeben zu haben, in anderen sind kaum Trends erkennbar, wobei hier sowohl der Zeithorizont, wie auch die betrachtete Artengruppe eine große Rolle spielen.“

Gemischtes Bild. Scheint. Kaum Trends erkennbar. Naja. Jedenfalls nicht das, was die Autorin dann schlussfolgert:

Der #factfox-Faktencheck im Ergebnis: Ja, es gibt Hinweise auf ein massives Insektensterben, auch wenn dies noch nicht in jeder Region zu beobachten ist.

Nein, falsch. Genau das ergibt der Faktencheck eben nicht.

Hätte genau das aber herauskommen sollen, ja müssen? Ein paar Tage, nachdem der Bayerische Rundfunk seinen Insekten-Faktencheck brachte, spitzte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ordentlich zu und warnte vor „einem verheerenden Insektensterben in Deutschland“.  Liest man die betreffende Agenturmeldung weiter, die bei etlichen Nachrichtenportalen landete, bemerkt man schnell, dass das wohl wieder eine Angstmacher-Kampagne gegen das Mittel Glyphosat ist. Maximal unkonkret ist „von Teilen Deutschlands“ die Rede, in denen sich der gesamte Insektenbestand um 80 Prozent reduziert habe. Die Ministerin wird mit dem Satz zitiert: „Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe.“ 

Ist das ein Faktencheck? Ja – ausnahmsweise. Aber einer der am Ende das Hauptfaktum unbelegt nur behauptet. Ich müsste übrigens dringend das Visier meines Motorradhelmes säubern. So viele Fliegen in so kurzer Zeit hatte ich selten.

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Und so weiter. Vor einiger Zeit habe ich mich schon einmal sehr detailliert mit einem anderen Beitrag aus der factfox-Ecke des Bayerischen Rundfunks beschäftigt, ein Stück das nichts weiter ist als plumpe Lobby im Sinne der EU-Kommission. Wie kommt man auf die Idee, so etwas als „Faktencheck“ zu verkaufen? Immer mit der Behauptung, es gäbe „im Internet“ so viel Fake, dass man dagegen etwas unternehmen müsse?

So oder so: Fakten checken die Faktenchecker nicht. Sie tun andere Dinge. Sie nennen ihre anderen Dinge Faktencheck. Aber wie gesagt: Sie checken keine Fakten, auch, wenn es ARD-Leute sind, die von sich behaupten, sie ckeckten Fakten. Nein, tun sie nicht.

PS. Hier ist ein Faktenfinder-Artikel, der auch nicht in die Faktchecker-Rubrik gehört, aber immerhin implizit erklärt, warum er da nicht hingehört: http://faktenfinder.tagesschau.de/hintergrund/journalismus-kommentar-101.html

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