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Ob heute noch ein Bettler mit dem halben Mantel vom St. Martin zufrieden wäre?

Die Geschichte vom Sankt Martin ist wunderschön und taugt jedes Jahr für eine neue Erzählung. Bei uns im Kindergarten in Bad Aibling spielen die Erzieherinnen den Bettler, der frierend vor dem Stadttor hockt, die Soldaten, die ihm nicht helfen möchten, und eine ist Reiterin, die auf ihrem Pferd mit einem roten Überwurf heranreitet und den guten Martin gibt. Mit einem Holzschwert zerteilt sie den Mantel und hüllt den armen Martin in seine Hälfte ein. Die Vorführung folgt immer auf den Laternenumzug. Hier, im kleinstädtischen Oberbayern, flackern natürlich echte Kerzen in sämtlichen Lampen und keine stimmungsdämpfenden LEDs.

Die Geschichte vom Sankt Martin funktioniert für heutige Verhältnisse natürlich nicht mehr als reale Begebenheit. Sie ist Märchen und Mythos. Damals, als Martin dem Bettler aushalf, war Armut ein absoluter Begriff. Er bedeutete: Nichts zu essen und nichts anzuziehen. Armut heute, in Zeiten des bundesrepublikanischen Sozialstaats, ist nur noch ein relativer Begriff. Zwar satt zu essen, aber vielleicht nicht immer Kaviar oder Bioökoglutenlactosefrei, je nach Wohlstandsorientierung. Zwar komplett bekleidet, aber vielleicht mehr Kik statt teurer Labels. 

Es wäre ja auch ein Armutszeugnis, hätten die Menschen in den Jahrhunderten seit dem heiligen Martin nichts an der Lage der Unterprivilegierten verändert. Es gab Aufstände, Revolutionen, schlimme Verbrechen im Namen des Gutgemeinten und irgendwann aus der Lehre vieler dieser Wendungen den Sozialstaat europäischer Art. In Deutschland verhungert niemand, außer, er will es, und selbst dann müsste er sich gut vor den vielen gutbezahlten Helfern verstecken. In Deutschland muss auch niemand fürs Überleben betteln. Als Sankt Martin aushalf, da zahlte dem Bettler niemand auch nur das Geringste. Da war mitfühlende Barmherzigkeit für manchen wirklich die einzige Chance. Da ging es wirklich ums Überleben, wenn einer etwas gab.

Der Mythos der absoluten Armut aber lebt bis heute. Und er taugt auch nach wie vor zum Erbetteln von Geld. Er ist tief eingeschliffen in unser Bewusstsein. Man fühlt sich immer irgendwie schlecht, wenn man an einem Bettler vorbeigeht, und in den Fußgängerzonen sind ja auch heutzutage Bettler zu sehen. Sie sehen oft abgerissen und verwahrlost aus, ganz so, wie man sich bettelarme Menschen vorstellt. Und manchmal kommen unangenehme Hintergründe ans Licht, wie vor einiger Zeit, als sich herausstellte, dass eine gut organisierte Bande Menschen vom Balkan und aus Osteuropa zu professionellen Bettlern abrichtete, sie mitleidsheischend einkleidete und in Häusern in Berlin-Neukölln quasi einkasernierte. Derartig professionell ging der Bettler, dem der Martin sein Gewand schenkte, noch nicht vor. Da war Armut auch noch nicht mythologisiert, sondern eine reale Plage.

Heutige Armut kann dagegen nicht mehr in wenigen Worten beschrieben werden. Sie verändert sich im Laufe der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Sie ist abstrahiert von realen materiellen Kriterien. Gewerkschaftsnahe Forscher-Aktivisten ließen sich dazu vor einigen Tagen so zitieren (Quelle: Spiegel Online):

„Relative Einkommensarmut ist mit realem Mangel verbunden, der sich im Alltag bemerkbar macht und es den Betroffenen erschwert, am Leben im gesellschaftlichen Mainstream teilzunehmen.“

Das ist das übliche Klagen auf hohem Niveau. Es ist vor allem ein Spiel mit dem mythlogisch aufgeladenen Wort Armut. Das Wort Armut erzeugt ein Bild im Kopf, eben das Bild des abgerissenen Bettlers, dem fürs Überleben zu helfen sei. Es ist auch ein Klagen von Leuten, denen es demnach ausgezeichnet gehen muss. Man darf ja wohl erwarten, dass die Forscher des Gewerkschaftsinstituts so gut bezahlt werden, dass sie wenigstens „am Leben des gesellschaftlichen Mainstreams“ teilnehmen können. Nach den selbst erstellten Kriterien können sie sich demnach ein Auto leisten, Urlaub, ausreichend Heizung, bei Bedarf neue Möbel, stets „vollwertige“ Mahlzeiten, und sie haben auch stets genug Geld auf dem Konto, um alle Rechnungen pünktlich begleichen zu können. 

Anders gesagt: Ein Staat, der sich aufwändige Definitionen des Armutsbegriffs leistet, entwickelt von nur für diesen Zweck gut bezahltem Personal, hat jedenfalls diesbezüglich wohl keine großen Probleme. Ein halber Mantel vom heiligen Martin würde wohl als überhebliche Almosengeste zurückgewiesen. Der Bettler von damals wäre dagegen kaum auf die Idee völliger Vermögensgleichheit gekommen, die ja hinter der Klage steckt, arm sei, wer sich nicht mindestens Durchschnittskonsum leisten könne.

Photo by Ben White on Unsplash

bitterlemmer: