Der Islam gehörte zum Reich

Es war im Juli 1944, als die Angehörigen eines muslimischen Arbeitskommandos im oberschwäbischen Laupheim eine Erlaubnis für das Schächten eines Tieres beantragten. Der zweite Weltkrieg war noch nicht vorbei. Hitler und die Nationalsozialisten herrschten noch über Deutschland und auch über Laupheim. Das Schächten war in Nazideutschland verboten. Es gab im Wesentlichen zwei Gründe für dieses Verbot. Zum einen das von den Nazis reformierte Tierschutzrecht, das die bis heute gängige Vorstellung vom mythisch beseelten Tierleben zum Gesetz erhob, und zum anderen der Hass auf die Juden, bei denen aus religiösen Gründen ja auch geschächtet wird. Was glaubt Ihr, wie die Sache in Laupheim ausging? 

Nun, die zuständige Kreisbauernschaft sagte zunächst nein und untersagte den muslimischen Malochern das gottgefällige Schächten. Die Anführer der Muslim-Einheit wandten sich also an den Landrat. Dabei verwiesen sie auf einen Erlass der Wehrmacht, der erst einen Monat vorher verfügt worden war. Darin heißt es:

„Für diese Ausnahmegenehmigung ist zu beachten, dass die religiöse Betreuung der Mohammedaner auch in diesem Fall als ein Bestandteil der antibolschewistischen Aktivpropaganda aufzufassen ist, die durch Herausstellung der Achtung der mohammedanischen Religion zur Erhaltung und Förderung der Einsatzbereitschaft für Deutschlands Kampf beitragen soll”.

Beides, die Wehrmachtsverfügung und die Begebenheit in Laupheim, hat der Historiker David Motadel ausgegraben und in seinem lesenswerten Buch „Die Islamische Welt und das Dritte Reich“ geschildert. Und er hat auch aufgeschrieben, wie die Sache in Laupheim weiterhing.

Der Landrat nämlich wagte keine Entscheidung in der heiklen Frage. Stattdessen trug er sie dem Innenminister von Württemberg an. Der Innenminister traute sich ebenfalls nicht, zu entscheiden. Auch er brachte das Anliegen weiter nach oben, nämlich zum Reichsinnenministerium nach Berlin. Das endlich rang sich zu einem Beschluss durch und befand, dass

„…kriegsgefangenen Mohammedanern das Schlachten von Tieren nach deren Rituellenmethode gestattet wird.“

Es war also das Ministerium von Reichsführer SS, Heinrich Himmler, das am Ende im Sinne der Muslime entschied. Und Heinrich Himmler, das ist ziemlich eindeutig belegt, fand generell, dass der Islam zum Reich gehöre. Dafür nennt Historiker Motadel zahlreiche Fundstellen. So gibt er ein Gespräch Himmlers mit Hitler vom Februar 1943 wieder, in dem es um die muslimische SS-Division auf dem Balkan ging. Himmler habe seine Verachtung für das Christentum zum Ausdruck gebracht und erklärt, dass ihm der Islam dagegen sehr sympathisch sei, wie der anwesende Zeuge Edmund Glaise von Horstenau notiert habe. Hitler habe das ebenso gesehen.

Motadel bezieht sich auch auf Himmlers Biograf Felix Kersten, der der Islam-Begeisterung seines Protagonisten ein ganzes Kapitel gewidmet habe. Er offenbarte darin, dass Himmler Mohammed für eine der größten Figuren der Menschheitsgeschichte hielt. Wenn der Krieg erst vorüber sei, so wolle Himmler durch islamische Länder reisen. Der Islam, so habe Himmler es gesehen, sei eine männliche und soldatische Religion, ganz anders als das verweichlichte Christentum. 1942 soll Himmler zu Kersten gesagt haben:

„Mohammed wusste, dass die meisten Menschen erbärmlich, feige und dumm sind. Darum verhieß er jedem Krieger, der tapfer in der Schlacht kämpft und fällt, zwei schöne Frauen zur Belohnung, die beide eine Stufe höher stehen, als er sie selbst in seinem Leben eingenommen hatte. Diese Sprache versteht der Soldat. Wenn er glaubt, so im Jenseits empfangen zu werden, setzt er gern sein Leben ein, zieht mit Begeisterung in die Schlacht und fürchtet den Tod nicht.“

Der Grund, aus dem die Nazis mit dem Islam sympathisierten, dürfte aber nicht nur die mutmaßliche Kriegereinstellung gewesen sein, sondern mehr noch: Hass auf die Juden. Der Jundenhass verband die Nazis etwa mit dem Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, den Motadel einen glühenden Judenhasser nennt. Der Mufti musste im Herbst 1937 in den Libanon fliehen, von wo er in den Irak ging, dann nach Teheran und nach dem Einmarsch der Alliierten über die Türkei nach Italien. Am 6. November 1941 wurde er nach Berlin geflogen. Dort empfing ihn Hitler und nahm ihn in seine Dienste. Der Mufti wurde immer dann geholt, wenn die Wehrmacht oder die SS wieder einmal muslimische Soldaten rekrutieren wollten oder propagandistischen Rat bei der Ansprache von Muslimen benötigten.

Die Nazis bezahlten den Mufti dafür, nunja, anständig. Motadel schreibt:

Er bekam ein Monatsgehalt von nicht weniger als 90.000 Reichsmark sowie mehrere Wohnsitze für ihn und sein Gefolge.

Hitler, so beschreibt es Motadel an anderer Stelle in seinem Buch, habe sich gar selber als religiöse Figur für die muslimische Welt gesehen. Vor allem messianische Strömungen, die die Wiederkehr des zwölften Imam heiß ersehnten, seien für Hitlers diesbezügliche Ambitionen anfällig gewesen. Ein Kulturattaché der iranischen Botschaft habe nach Berlin gekabelt, sowohl bei der Landbevölkerung als auch unter städtischen Intellektuellen glaube man, Hitlers Aufstieg stehe mit der Wiederkehr des Mahdi in Verbindung. Sogar schiitische Geistliche sähen das so.

Entsprechend habe die NS-Propaganda Hitler als von Gott gesandten Retter verkauft – derart penetrant, dass sich der frisch gekrönte Schah Reza Pahlavi öffentlich beschwert habe: Der deutsche Führer werde als religiöse Figur unbd Verteidiger des Islam dargestellt.

Wenn Hitler selber also eine biblische Rolle im Islam spielen wollte, wäre demnach kaum zu bestreiten: Der Islam gehörte zum Reich. Und es ist schon eine echte Pointe, zu schauen, wer in der aktuellen Debatte, wo der Islam jetzt hingehört oder auch nicht, welche Position vertritt. Himmlers Quasinachfolger als deutscher Innenminister, Horst Seehofer, will den Islam nicht zu Deutschland gehören lassen, Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen schon.  Wobei das eigentlich keine Debatte ist, was die beiden führen, sondern eher das Dahersagen eines zusammenhanglosen Satzes – „Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“. Das eine ist so richtig oder falsch wie das andere und so oder so langweilig.

Spannend wäre es vielleicht, wenn Merkel forderte, der Islam möge künftig die deutsche Identität prägen und Seehofer widerspräche, das möge der Islam bitte bleibenlassen. Da hätten wir dann mal eine richtige Grundsatzdebatte. Allerdings bezweifle ich, dass Merkel etwas derartiges wirklich meint. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt irgendetwas damit meint, und bei Seehofer geht’s mir offen gestanden auch so.

Die Identät des Deutschen Reiches und der Deutschen hat der Islam übrigens trotz aller Zugehörigkeit nicht besonders tiefgreifend geprägt, wie man ja allgemein weiß. Auch damals in Laupheim hat man das ja gesehen, wo die Kreisbauernschaft einfach nein sagte zum Schächten und wo sich weder Kreis noch Land getrauten, etwas anders zu sagen. Erst aus dem fernen Berlin musste da das Machtwort gesprochen werden. So gesehen gehörte der Islam damals vielleicht auch mehr nach Berlin als nach Laupheim.

Was denkst Du?