Kerze im Dunkeln

Steigt die Gefahr eines Blackouts, wenn immer mehr Strom mit Wind- oder Solaranlagen erzeugt wird?

Diese Frage ließe sich technisch beantworten, denn es geht um ein technisches Thema. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts,  sieht das freilich nicht so. Er behandelt das Thema ideologisch.

Das tut er unter falscher Flagge, nämlich in einer Rubrik namens „Faktenfuchs“. Dabei handelt es sich um das „Facktenchecker“-Format des Bayerischen Rundfunks, Anstalt des öffentlichen Rechts. Die Verpackung signalisiert Faktentreue statt Kommentierung, ist aber das Gegenteil davon. Tatsächlich ist auch dieser „Faktencheck“ eine intellektuelle und journalistische Zumutung. Er versucht sich an einem Beweis, wo keiner möglich ist. Der Aufhänger des Artikels taugt nicht. Die These ist nicht klar formuliert. Und wo er sich dann ein wenig der Sache widmet, verbreitet der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts,  schlicht Unfug.

Irgendwas mit Blackout: Wer was sagt, erfährt der Leser nicht

Das Drama beginnt mit der Überschrift. Der Artikel ist so betitelt:

Keine erhöhte Gefahr von Blackouts durch die Energiewende

Steile Behauptung. Sie wird im gesamten Text (Länge: unfassbare 23.907 Zeichen) nicht mal näherungsweise belegt. Kann sie auch nicht. Deshalb nicht, weil sie einen Nichtbeweis erforderte. Nichtbeweise existieren aber nicht. Man kann nur beweisen, was ist. Man nicht beweisen, was nicht ist. Man kann erst recht nicht beweisen, was in der Zukunft nicht sein wird.

Das Drama geht mit dem Aufhänger weiter. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, behauptet, „ein bayerischer YouTuber“ habe eine These aufgestellt. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, nennt weder die Identität seines Hauptprotagonisten, den zu widerlegen sein Artikel vorgibt, noch den Wortlaut der These, die dieser angebliche „bayerische YouTuber“ aufgestellt habe.

Da der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, keinen Protagonisten mit Namen, Pseudonym, Link oder sonstwie identifizierbar nennen kann, ist mit Nichtwissen zu bestreiten, dass es ihn überhaupt gibt. Anders gesagt: So lange der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, keinen Protagonisten nennt, ist der Protagonist als frei erfunden anzusehen.

So lange die Anstalt ihren Protagonisten nicht nennt, ist mit Nichtwissen zu bestreiten, dass er existiert

Zum Inhalt des Aufhängers: Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, behauptet nur entfernt sinngemäß und in der Sache nicht fassbar, im Netz kursierten falsche Gefahrenszenarien zur Stromversorgung. Werde der Anteil der „erneuerbaren Energien“ weiter ausgebaut, vergrößere das die Chancen auf einen Blackout. Besagter Anonymous rede davon, in Polen sei kürzlich ein Teil der Produktion eines Kohlekraftwerks ausgefallen. Dank vorhandener „Generatoren“ habe es aber keinen Blackout gegeben. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, behauptet ohne Nachweis, der Anonymous habe in einem Video gesagt:

Können wir in zwei Jahren so einen Fehler auch noch ausbügeln? Oder würde so ein Fehler vielleicht in Deutschland zum Blackout führen? Das ist das Problem unserer Energiewende.

Die These des Textes besteht also in der Behauptung, ein Anonymous habe eine falsche Behauptung über die Gefahr eines Blackouts im Fall weiter ausgebauter „erneuerbarer Energien“ aufgestellt. Gegen diese Behauptung behauptet der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts jetzt vorzugehen – wobei der Inhalt der zu bekämpfenden Behauptung unklar bleibt. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts schreibt seinem namenlosen angeblichen Protagonisten wörtlich nur die implizierte Aussage zu, der Ausbau der „erneuerbaren Energien“ sei ein Fehler. Sodann frage der angebliche Protagonist, ob dieser Fehler noch auszubügeln sei oder ob er zum Blackout führe, letzteres aber auch nur vielleicht.

Etwas dünn, was der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, hier zu widerlegen trachtet. Die These, die zu widerlegen er behauptet, hat er also so oder so selber konstruiert. Selbst dann, wenn es ihn tatsächlich geben sollte und er alles so gesagt hätte, wie behauptet, hätte der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, ihm zwecks Thesen-Generierung die Worte im Munde herumgedreht.

Pedellen in der Wüste

Energiewende-Befürworterin Claudia Kemfert will E-Fahrzeuge als Netzspeicher gegen Blackouts nutzen – was natürlich nur dann geht, wenn sie stehen

Dann folgt der technische Teil – beziehungsweise: ein technischer Teil. In dem geht es um die vom Bayerischen Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, konstruierte und dem mutmaßlich nicht existierenden Protagonisten zugeschobene These über eine größere Blackout-Gefahr bei weiterem Ausbau der „Erneuerbaren“ gerade nicht.

Stattdessen wird Wikipedia-Wissen über die Struktur des deutschen Stromnetzes an und für sich ausgebreitet. Irgendwann findet sich eine Passage darüber, dass Verbraucher nicht nur Strom abnähmen, sondern aus Solaranlagen auch einspeisten. Oder, dass längere Wege nötig seien, um Windstrom aus dem Norden in den Süden zu transportieren. Alles altbekannt und nicht ganz verkehrt. Nur: Wo bleibt das Thema des Artikels? Macht das Beschriebene das Netz sicherer oder unsicherer? Mehr Blackouts oder weniger?

Die These, so sie existiert, erweist sich als nicht belegbar

Von Dunkelflaute ist in dem Artikel die Rede – nächtliche Windstille also. Korrekt heißt es, dass die „Erneuerbaren“ dann keinen Strom lieferten. Die Lücke werde derzeit noch z.B. mit Kernenergie ausgeglichen. Auch zutreffend. Nur wird bekanntlich Kernkraft kommendes Jahr abgeschaltet. So, wie sich der Text jetzt liest, klingt er eher so, als werde das Stromnetz instabiler und als steige die Gefahr eines Blackouts.

Zutreffend auch die Aussage, bei sonnigem, windigen Wetter lande schon heute zu viel Strom im Netz und überschüssige Energie müsse irgendwie abgeleitet werden. Bestärkt jetzt aber auch nicht die These des Bayerischen Rundfunks, Anstalt des öffentlichen Rechts, sondern eher die des vermeintlichen „bayerischen YouTubers“. Und dann folgt dieses Zitat:

Da besteht Optimierungspotential und deshalb wird viel dazu geforscht, wie man Erzeugung und Verbrauch besser aufeinander abstimmen könnte. Etwa, wie man die überschüssige Energie speichern kann, um sie dann zu Zeiten, in denen weniger Strom vorhanden ist, nutzen zu können.

Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, entfernt sich immer weiter von seiner steilen Einstiegsthese. Und das, wie der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts betont, obwohl alle, die eine größere Gefahr von Blackouts beim Ausbau der „erneuerbaren Energien“ fürchteten, „rechte Medien“ seien, gar ein „rechtsextremes Meinungsblog“ dabei sei oder – schlümm, schlümm – „Gegner der Energiewende“.

Kritiker an der Energiepolitik von Grünen und Groko? Natürlich alle rechts

An dieser Stelle lässt der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, dann eine lange Passage folgen, in der Experten zu Wort kommen. Vor allem Claudia Kemfert. Ausgerechnet, möchte man sagen. Kemfert ist eine ausgewiesene Anwältin grüner und großkoalitionärer Energiepolitik. An einer Stelle liefert sie dann auch endlich ein Statement, das die Überschrift des Artikels einzulösen scheint. Es lautet:

Die Energieversorgungssicherheit ist auch mit einer Vollversorgung aus erneuerbaren Energien gesichert.

Leider aber formuliert Claudia Kemfert trotz allen anzunehmenden Wohlwollens für den Bayerischen Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts und seine Blackout-These dann aber doch eine differenziertere Sicht auf die Dinge. Das führt ein paar Sätze später dazu, dass der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, Kemfert mit einer herben Konditionierung seiner These zitieren muss.

Laut Energiewende-Expertin Claudia Kemfert vom DIW kann das zum Beispiel funktionieren, indem die Verbraucher stärker eingebunden werden – etwa, indem sie Speicher bereitstellen. Das könnten Heimspeicher sein oder auch Elektrofahrzeuge.

Das klingt jetzt nicht mehr so schön. Ohne genügend E-Autos am Netz drohen also Blackouts – das ist die Aussage, die der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, zwar nicht so direkt formuliert, die jetzt aber dennoch so auf dem Tisch liegt. Also auch, dass Besitzer von E-Autos nicht mehr bestimmen dürfen, ob sie an windstillen Winterabenden die Kinder im Tesla-SUV vom Ballett abholen und auf dem Heimweg noch beim Supermarkt vorbeischauen. Da das bis Ende des kommenden Jahres so schon funktionieren müsste, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, dürfen wir uns in den nächsten Monaten auf nette Debatten freuen – falls denn zutreffen sollte, was der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, da schreibt.

Der Rest des Artikels ist ideologische Abhärtung nach Art der Carolin Emcke. Wer etwas Kritisches über die Energiewende, ja sogar über die Bundesregierung sage, sei rechts und schüre Angst und Panik. Geschenkt. Oder nein:

Da gibt es ja auch den Deutschlandfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts. Dort findet man einen Artikel, der einen ganz anderen Sound anschlägt und – anders als der bayerische „Faktenfuchs“ – sehr konkret und belegt mit Zahlen daherkommt ( –> Quelle). Beispielsweise sei es schon vorgekommen, dass Händler Strom verkauften, den sie noch gar nicht hätten oder dass Übermittlungsfehler den Handel an der Strombörse störten. Mit beträchtlichen Folgen: Einmal hätten im Netz 6000 MW gefehlt – die Leistung von sechs Atomkraftwerken. Es habe schon etliche Beinahe-Blackouts gegeben, und zwar ursächlich wegen des steigenden Anteils der „Erneuerbaren“.

Der  „Faktenfuchs“ des Bayerischen Rundfunks, Anstalt des öffentlichen Rechts, ist übrigens schon lange für seine originelle Definition von „Fakt“ und „Fuchs“ bekannt. In einer der ersten Folgen widmete sich der Brüssel-Korrespondent der ARD in dieser Traktatreihe des Lobens und Preisens der Vorzüge der EU-Behörden ( –> Quelle). Die seien personell keineswegs überbesetzt. Im Gegenteil: Die hätten da nicht mehr Beamte als etwa die Stadt München. Die aber sei doch viel kleiner als die riesige EU.

Was er nicht dazusagte: Dass die Münchner Stadtbeamten Ausweise, Führerscheine, Geburtsurkunden und vieles mehr ausstellen, was EU-Beamte durchweg nicht tun. Aber hey, man kann’s ja mal versuchen.

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