Oh mein Gott! Jetzt wärmt auch noch das eigentlich seriöse Handelsblatt eine längst widerlegte Verschwörungstherie über das Corona-Virus neu auf. War’s doch ein Laborunfall? Entsprang das Virus, das jetzt die Welt stillstehen lässt, einem Experimentierlabor in Wuhan? Huuu Huuu! US-amerikanische Diplomaten, also Vertreter der Macht, die in Deutschland seit den 1920er Jahren als globaler Bösewicht gilt 1, behaupten das! Shocking! „Die Frage ist, ob es mehr als eine Verschwörungstheorie ist“, schreiben die beiden Autoren des Handelsblatt-Artikels. Nein, ist es nicht. Die Frage ist, warum Ihr jetzt auch diesen Unsinn verzapft.

Was ist hier los? Versuch einer Antwort.

Und die suche ich ausnahmsweise nicht in den Tiefen der nostradamischen Sümpfe, sondern im lichten Kanzleramt. Hören wir, was die Kanzlerin sagt – und was sie nicht sagt.

Corona-PK Merkel und Söder am 16.4.2020

Wir haben etwas erreicht, was ja keineswegs sicher war, dass nämlich unsere Ärzte, unsere Pflegekräfte, alle, die in diesem Bereich in den Krankenhäusern arbeiten, nicht überfordert wurden. Sie leisten Enormes und viele sind auch unter größter Anspannung tätig, aber es ist so gewesen, dass unser Gesundheitssystem am Laufen gehalten werden konnte.

Ab 1’05 im Video

Jedoch:

Wir haben auch nicht viel Spielraum. Wir müssen ganz konzentriert weitermachen. Deshalb hat unsere Beratung bestimmt, dass es jetzt kein falsches Vorpreschen geben darf, auch, wenn die besten Absichten dahinter stehen, sondern wir müssen verstehen, dass wir so lange mit dem Virus leben müssen wie es keine Medikamente und insbesondere keinen Impfstoff gibt und wir müssen die Erfolge sichern, die wir erreicht haben. Und deshalb ist es sozusagen wenn wir darüber sprechen, welche Richtung Schritte eines etwas mehr Zulassens von öffentlichem Leben, die wir ja alle gehen wollen, gehen, dann müssen wir sagen, es geht um äußerste Vorsicht, die wir walten lassen müssen, und das hat unsere Beratung heute auch geprägt, denn es geht jedes Mal um Menschen.

Ab 2’24 im Video

Dann folgen die Verhaltensmaßregeln, die die Regierung den Bürgern aufgibt. Die Kanzlerin zählt einzeln und detailliert auf, was die Bürger dürfen und was nicht. Nachvollziehbare Gründe nennt sie nicht. Ursache und Wirkung behält sie für sich.

Und genau das ist das Problem.

Einen Auftritt vorher versuchte sie sich wenigstens in einer Begründung: Es gehe darum, die Verdopplung der Infektionsrate auf zehn Tage zu verlängern. Das Dumme an dieser Begründung war, dass sie nur neue Frage aufwarf. Man konnte sich ausrechnen, dass es damit nicht lange dauern würde, bis die Hälfte der Bevölkerung infiziert sei. Das wäre dann eine verklausulierte Ansage gewesen, jetzt doch das Konzept der Herdenimmunität zu versuchen. Scheint aber so nicht gemeint gewesen zu sein. Das Merkel-Ziel der Zehn-Tage-Verdopplung war schnell erreicht. Die Regierung hielt und hält trotzdem an rigiden Freiheitseinschränkungen fest.

Hat sie ihr Ziel geändert? Nicht mehr kontrollierte Ausbreitung, sondern Ausrotten des Virus? Oder Corona-Containment als jahrelange Lebensaufgabe – mit der absehbaren Konsequenz, dass Wirtschaft, Kultur, soziales Leben, Parties, Familienfeiern, Hochzeiten, Fressgelage, Sauforgien, Musikfestivals, Cluburlaube, Skiwochenenden, Reitferien, Café-Nachmittage, Strandwochenenden am Chiemsee, Nordsee-Inselurlaub, Freunde treffen – das all das auf Jahre verboten bleiben soll? Oder spekuliert sie auf ein baldiges pharmazeutisches Wundermittel gegen Corona und setzt alles auf diese Karte?

Da unsere Bundeskanzlerin nur sagt, was sie uns erlaubt und verbietet, nicht aber, warum sie das tut, hinterlässt sie eine enorme Leerstelle. Sozusagen in Informationsvakuum. Und mit jedem Vakuum ist es immer dasselbe: Es drängt herein, was halt gerade in der Nähe ist.

Aus der berechtigten Frage, was die Kanzlerin für sich behält, wird die dämliche Frage, wer seinen Profit daraus schlage und welche dunklen Mächte dahinterstehen könnten. Und schwupp: Es sind natürlich dieselben, die schon die Weltkriege anzettelten, den Papst inthronisieren, Flüsse ins Meer fließen lassen, die Menschheit mit Kondensstreifen vergiften… Mensch aber auch, dass ich da jetzt erst drauf kommt: Corona kommt aus den Abgasen von Düsenjets und wird aus der Stratosphäre auf uns herniedergelassen! Tröpfcheninfektion! Leute, endlich hab ich’s!

Aber im Ernst: Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist keinem Labor entsprungen. Es hat sich vielmehr quasi in freier Natur auf den Menschen gestürzt – lesen wir hier in Sciencedaily:

„By comparing the available genome sequence data for known coronavirus strains, we can firmly determine that SARS-CoV-2 originated through natural processes,“ said Kristian Andersen, PhD, an associate professor of immunology and microbiology at Scripps Research and corresponding author on the paper.

Da können die US-Diplomaten und das Handelsblatt behaupten und vermeintlich fragen, was sie wollen. Und falls das noch nicht reicht: Für darauf spezialisierte Wissenschaftler sind Coronaviren in ihren verschiedenen Ausprägungen schon lange gute Bekannte. Sie wissen schon lange, dass die Viren sich besonders gern in Fledermäusen und Flughunden entwickeln, weil denen die Corona-Abarten kaum etwas anhaben können. Wer mehr wissen möchte – hier eine chinesische Forscherarbeit zum Thema.

Various species of horseshoe bats inChina have been found to harbor genetically diverse SARS-like coronaviruses. Some strains are highly similar toSARS-CoV even in the spike protein and are able to use the same receptor as SARS-CoV for cell entry.


1 Brendan Simms: Hitler –> kaufen hier

Lange, sehr lange sah es so aus, als sei das Radio als einzige traditionelle Mediengattung vor der digitalen Disruption gefeit. Zeitung und Fernsehen mochten Reichweite und Umsatz an Onlinemedien verlieren, das Radio gewann Jahr um Jahr ein bisschen dazu. Jetzt könnte es dafür knüppelhart kommen. Laut aktueller MA verlor Radio bundesweit über alles gerechnet 3,1 Prozent. Zugleich trudelt ein Teil der Radiobranche – der private, der ohne Gebühren wirtschaftet – in schiere Existenznot. Das wird Konsequenzen haben. Die kumulierten Effekte von Medienpolitik und Coronakrise lassen die ohnehin längst übermächtigen Gebührenanstalten nach dem Monopol greifen.

Zehn-Mann-Team für den Anstalts-Podcast

Keine mediale Nische, die öffentlich-rechtliche Sender nicht in furchterregender Geschwindigkeit und beängstigender Breite und Tiefe besetzen. Die Gutenachtgeschichte auf Alexa bringt der Bayerische Rundfunk in die Kinderzimmer der Republik, von Flensburg bis Garmisch. Ebenfalls für nationales Publikum produziert der Norddeutsche Rundfunk den Corona-Podcast des Berliner Virologen Christian Drosten. Die Anstalten sind überall. Sie lassen keinem Mitbewerber Raum. Sie haben unbegrenzte Geld-, Sach- und Personalmittel und setzen die mit erbarmungsloser Härte ein. Gesetzlich abgesichert erheben sie Anspruch auf Finanzierung ihres Bedarfs. Zum Bedarf zählt neuerdings auch, mal eben zehn Leute für den Corona-Podcast mobilisieren zu können. Ein Gespräch mit dem Chefredakteur habe ihm dafür gereicht, enthüllt NDR-Chefentwickler Norbert Grundei im Interview mit meedia.

85 Prozent Umsatz weg wegen Corona-Krise

Schiere Not dagegen bei den Privatradios. Die ostdeutschen Sender beklagen in einem öffentlichen Hilferuf an ihre Staatskanzleien Umsatzeinbrüche von sage und schreibe 85 Prozent. Am westlichen Ende des Landes ist die Lage nicht besser. Die Privatsender des Saarlandes vermelden ebenfalls massive Einbrüche, „was deren Existenz gefährdet“. Dasselbe hört man von Sendern aus der ganzen Republik. Die Branche insgesamt steht mit dem Rücken zur Wand.

„Rundfunkvielfalt existentiell bedroht“

Die Lage ist derart dramatisch, dass jetzt sogar eine der Landesmedienanstalten Alarm schlägt und grundsätzlich wird. „Die vielfältige Rundfunklandschaft in Berlin und Brandenburg ist durch die Corona-Krise existentiell bedroht“, meint die MABB. Die Berlin-Brandenburgischen Medienwächter rufen den Staat um Hilfe an. „Wenn wir die Vielfalt unserer Medienlandschaft erhalten wollen, können wir keinen Tag länger warten.“

Komfortzone der Parteien

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es passieren, dass schon wenige Tage Ausnahmezustand genügen, ein Bein des dualen Rundfunksystems zu verkrüppeln, während das andere immer stärker wird? Es ist das alte Dilemma mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, zu dem schon lange alle Argumente ausgetauscht sind. Zu groß, zu teuer, zu regierungsnah, zu parteienlastig. Ein Machtgeflecht, in dessen Gremien eine kritische Masse an Parteien, Verbänden, Kirchen und politiknahen Gruppen ungezügelt Gruppenegoismen auslebt. Über dessen Neugestaltung und Reform seit Jahrzehnten ergebnislos diskutiert wird. Das sich als nicht reformfähig herausgestellt hat, sondern immer weiter wuchert. Das öffentlich-rechtliche System ist die mediale Komfortzone der Parteien. Die wollen sie partout nicht verlassen, koste es, was es wolle. Sie gefährden damit nicht nur die Medienvielfalt, sondern zugleich die Medienfreiheit. Das öffentlich-rechtliche System gibt zunehmend die Grenzen des Erlaubten in der Debatte vor. Die Pluralitität der Meinungen verkümmert zur gesamtgesellschaftlichen Binnenpluralität – Kennzeichen eines autoritären Staates.

Gefangen in System- und Formatketten

Während das öffentlich-rechtliche System sich selbst reguliert – sprich: tut, was es will – unterliegen die Privatsender umfassender Fremdregulierung. Zuständig sind dafür die sogenannten Medienbehörden, die tatsächlich aber keine Behörden sind, sondern auch öffentlich-rechtliche Anstalten. Auch die „Medienbehörden“ werden aus dem Gebührentopf finanziert und nicht aus Steuern. Sie sind Brüder und Schwestern der Rundfunkanstalten und bestimmen, wer einen Privatsender betreiben darf und was für ein Programm da zu laufen hat. Das war über lange Zeit eine Art goldener Käfig. Die Medienanstalten verteilten Lizenzen wie Claims zum Geld drucken. Die Sender und ihre Gesellschafter gewöhnten sich im Gegenzug loyale Gefolgschaft an. Das Denken in Formaten wurde Teil der DNA der Programmmacher. Das Geschehen in der Welt und der Region existiert vorzugsweise in kleinen Päckchen: Zwei Minuten Nachrichten, einsdreißig BMI, 3-Element-Break, hier der Platz fürs Bunte, da die Ecke fürs Kuriose und für die Politik den dpa-Korri.

Kultur der planbaren Routine

Selbst, wenn da das Geld stapelweise herumläge: In einer solchen Kultur existiert einfach niemand, der in einer aktuellen Lage die gute alte Sondersendung als Podcast neu erfindet, schnell plant und schlagkräftig umsetzt. In einer solchen Kultur sind überraschende Wendungen immer Störfaktoren. Sie stören den Programmfluss. Sie stören die eingefahrenen Abläufe. Sie stören die Routine. Eine solche Kultur zieht Leute an, die den Job nicht fürs Abenteuer machen. Eine solche Kultur ist hierarchisch. Sie sieht Brüche als Risiko und nicht als Chance. Das kann sinnvoll sein, wenn es nur den Ukw-Hauptkanal zu bespielen gilt. Wer da was falsch macht, gefährdet ja gleich das Ganze. Das ist aber nicht mehr sinnvoll, wenn die Welt mit Streams und Podcasts plötzlich unendlich weit und vielfältig sein kann.

Die Uhr tickt!

Wer mal einen Podcast versemmelt, der hat vielleicht ein paar Euro verbrannt, aber keineswegs die Basis riskiert. Wer aber vor jedem Projekt immer erst die Research-Maschine anlaufen lässt, keine Entscheidung ohne umfangreiche Excel-Tabellen wagt und dann auch noch ängstlich klein-klein anfangen will, wird irgendwann keine Chancen mehr bekommen. Das wirklich Fatale an der aktuellen Lage ist nicht die Corona-Krise allein, sondern ihr Timing. Sie fällt in eine Phase, in der das Privatradio schon länger konzeptionell stagniert. In der es im Grunde unverdient gut lief. Die Zahlen der letzten Jahre waren immer auskömmlich. Man glaubte, Radio könne ewig so weitermachen. Man glaubte, Digitalisierung sei im Grunde nur ein hippes Hobby.

Aber das war falsch, und ausgerechnet jetzt, wo die Corona-Krise hinzukommt, wird es unübersehbar. Einer dieser allgegenwärtigen Beratersprüche lautet: Der Vater des Misserfolgs ist der Erfolg. Weil der Erfolg bequem macht. Und umgekehrt ist der Vater des Erfolgs die Krise. Kriegen wir das hin?


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Foto: unsplash-logoMichael Jasmund