Meine Tochter hat diese Woche wieder keinen Unterricht. Also: Gar keinen. Beim ersten Lockdown gab es noch Videokonferenzen mit Lehrerin und Mitschülern. Diese Woche gibt es Aufgaben für zu Hause. In der Schule sind zwar neuerdings Whiteboards in allen Klassenzimmern installiert, aber offenbar funktioniert das Netz nicht, so dass kein virtueller Unterricht möglich ist. In der Schule wurde wohl darüber gesprochen, Tablets an Kinder zu verteilen, aber dabei blieb es bisher. 

Das heißt im Klartext, dass der Freistaat Bayern es im Verlauf fast eines Jahres nicht geschafft hat, die Schul-Infrastruktur zum Laufen zu bringen. 

Ministerpräsident Markus Söder hat einmal versprochen, Bayern zum digitalen Musterland zu machen. „Bavaria One“ lautet das schmissige Schlagwort, das er dafür erfand. Im Schlagworte-Erfinden ist er ja ganz gut. Aber nicht nur die Schulen funktionieren nach Jahren schmissiger Schlagworte nicht. Auch die Funklöcher zwischen Rosenheim und München sind immer noch dieselben wie immer. Und meine Gemeinde denkt gar nicht daran, jemals Glasfaser zu verlegen. Im Rathaus von Bruckmühl scheinen sie nach wie vor zu glauben, Breitband sei, was die Telekom mal nach Lust und Laune für Breitband erklärt, worauf die Gemeinde auf Nachfrage schon mal mitteilt, dass das zu genügen habe.

Es gibt auch Gemeinden, die eigenmächtig schnellere Netze wagen, etwa Rosenheim, wo es ein inzwischen weithin akzeptiertes Angebot der Stadtwerke gibt. Oder Bad Aibling, wo es – wenn auch langsam – ebenfalls in die richtige Richtung geht. Das Grundproblem bleibt aber: Von oben bis unten, vom Ministerpräsidenten bis zu den Gemeinden, existiert schlicht kein Bewusstsein dafür, was infrastrukturelle Basis ist. 

Stattdessen sonnten sich der Ministerpräsident wie auch die zu seiner Hausmacht gehörende Digital-Staatssekretärin Dorothee Bär in eitlen wie bescheuerten PR-Tourneen. Gipfel dieser Vanity Fair war Bärs lächerlicher Versuch, Flugtaxis zum zentralen Zukunftsprojekt zu erklären. Ansonsten fiel sie vor allem dadurch auf, dass sie ihre persönliche Eigenschaft „weiblich“ ausführlich öffentlich erörterte. Wo es ums Eingemachte und ihre eigentlich Job geht, ist sie ein Totalausfall. Seit unübersehbar ist, dass das digitale Staatsversagen und damit auch ihr Versagen die Chancen der Kinder killt, hört man nichts mehr von ihr. Das ist ungewöhnlich. Sie drängelt sich ja sonst vor jedes Mikrofon und vor jede Kamera, gern auch mal in schrillen Outfits, die geradezu brüllen, man möge sie bitte bitte bitte ein bisschen berühmt machen. Aber jetzt scheint sie abgetaucht. Verantwortung für ihre Politik will sie offenbar nicht übernehmen.

Markus Söder behauptet derweil, das Schuljahr sei ja nicht gänzlich verloren. Das behauptete er auch schon für das vorangegangene Schuljahr. Seine hartnäckig wiederholte Behauptung ist nur leider falsch. Für einen großen Teil der Schüler ist jetzt nicht nur das zweite Schuljahr verloren, sondern mehr als das. Gerade die schwächeren haben sich in jeder Hinsicht rückwärts entwickelt. Sie wissen weniger als vor dem ersten Corona-Lockdown, sie sind schwächer mit ihren Lernfähigkeiten und sie sind sozial unter dem Stand vor einem Jahr. Sie werden nur mit größter Mühe, wenn überhaupt, je wieder auf ihren Stand kommen. Das staatliche Corona-Versagen wird womöglich ihr gesamtes Leben beeinträchtigen.

Merkwürdigerweise interessiert sich auch in den Großmedien niemand für die Frage, was eigentlich hinter den verschlossenen Wohnungstüren gerade in den Brennpunkten so alles in Familien abgeht. Man könnte fast glauben, Prügel und Misshandlung existiere nur in Zeiten ohne Lockdown. Ich denke eher, dass sich in den Brennpunktvierteln gerade Tragödien abspielen, dass aber Behörden wie Medien nichts davon an die große Glocke hängen wollen. Das wäre ja nicht „hilfreich“ oder so. Einzelne Kinderschicksale zählen in dieser zynischen Landschaft offenbar nichts.

Zu den Lieblingsfloskeln Söders zählt auch, man möge sich „klug“, „besonnen“ und „vernünftig“ verhalten. Er verwendet diese Vokabeln immer als rhetorische Würgegriffe. Er schreibt sie sich selbst zu und spricht sie allen, die es wagen, seine Unfähigkeit zu kritisieren, ab. Mir fällt dazu spontan ein, dass er persönlich Verantwortung dafür trägt, dass zehntausende Kinder und Jugendliche in seinem Freistaat gerade dumm gehalten werden, mangels Schule, ergo mangels staatlichen Vermögens. Wenn diese heutigen Jugendlichen also eines Tages nicht so „klug“ sind, dann ist das auch Söders persönliche Schuld.

Dafür outet er sich mehr und mehr als zutiefst autoritärer Charakter. Dieser Tage reagierte er auf die Frage nach dem Sinn seiner Lockdown-Maßnahmen mit der patzigen Bemerkung, es gehe nicht an, ständig Einzelmaßnahmen zu hinterfragen, denn das Gesamtpaket wirke und dürfe nicht aufgeschnürt werden. Demnach wird aus Bullshit plus Bullshit in Summe heilige Wahrheit? Und das wäre dann „klug“, „vernünftig“ und „besonnen“?

Da bei sind seine Ideen nicht nur verfassungswidrig – wie der 15-km-Corona-Arrest –, sondern auch wirkungslos. Wenn Söder schon das „Gesamtpaket“ zur Maxime macht und sich Debatten über die Einzelmaßnahmen verbittet – gern: Wie entwickeln sich denn die Zahlen der Infektionen, Klinikaufenthalte und Sterbefälle seit Anfang November, also seit Beginn der nieswinterlichen Lockdown-Serie? Niemand sieht auch nur im Ansatz, dass irgendeine Maßnahme etwas nützt, geschweige denn das Gesamtpaket.

Also sterben die Alten gerade wie die Fliegen, weil Söder und Co. sie nicht schützen, während die Schüler dumm bleiben, weil Söder & Co. das auch nicht hinkriegen. 

Und davon, dass Jugendliche jetzt im zweiten Jahr nicht wie Jugendliche leben dürfen – auch scheißegal. Wer braucht schon Partys, Musik und Knutscherei. Söder & Co. haben eine Definition von Leben durchgesetzt, die mit Leben nicht viel zu tun hat. Sie verwechseln Leben mit Existieren. Und Söder & Co. scheint dieses reduzierte Leben mitsamt aller Herrschaftsmittel auch noch zu gefallen. 

An dieser Stelle böte es sich an, sich mit dem Impfdesaster zu beschäftigen. Das tue ich dann demnächst.

Oh mein Gott! Jetzt wärmt auch noch das eigentlich seriöse Handelsblatt eine längst widerlegte Verschwörungstherie über das Corona-Virus neu auf. War’s doch ein Laborunfall? Entsprang das Virus, das jetzt die Welt stillstehen lässt, einem Experimentierlabor in Wuhan? Huuu Huuu! US-amerikanische Diplomaten, also Vertreter der Macht, die in Deutschland seit den 1920er Jahren als globaler Bösewicht gilt 1, behaupten das! Shocking! „Die Frage ist, ob es mehr als eine Verschwörungstheorie ist“, schreiben die beiden Autoren des Handelsblatt-Artikels. Nein, ist es nicht. Die Frage ist, warum Ihr jetzt auch diesen Unsinn verzapft.

Was ist hier los? Versuch einer Antwort.

Und die suche ich ausnahmsweise nicht in den Tiefen der nostradamischen Sümpfe, sondern im lichten Kanzleramt. Hören wir, was die Kanzlerin sagt – und was sie nicht sagt.

Corona-PK Merkel und Söder am 16.4.2020

Wir haben etwas erreicht, was ja keineswegs sicher war, dass nämlich unsere Ärzte, unsere Pflegekräfte, alle, die in diesem Bereich in den Krankenhäusern arbeiten, nicht überfordert wurden. Sie leisten Enormes und viele sind auch unter größter Anspannung tätig, aber es ist so gewesen, dass unser Gesundheitssystem am Laufen gehalten werden konnte.

Ab 1’05 im Video

Jedoch:

Wir haben auch nicht viel Spielraum. Wir müssen ganz konzentriert weitermachen. Deshalb hat unsere Beratung bestimmt, dass es jetzt kein falsches Vorpreschen geben darf, auch, wenn die besten Absichten dahinter stehen, sondern wir müssen verstehen, dass wir so lange mit dem Virus leben müssen wie es keine Medikamente und insbesondere keinen Impfstoff gibt und wir müssen die Erfolge sichern, die wir erreicht haben. Und deshalb ist es sozusagen wenn wir darüber sprechen, welche Richtung Schritte eines etwas mehr Zulassens von öffentlichem Leben, die wir ja alle gehen wollen, gehen, dann müssen wir sagen, es geht um äußerste Vorsicht, die wir walten lassen müssen, und das hat unsere Beratung heute auch geprägt, denn es geht jedes Mal um Menschen.

Ab 2’24 im Video

Dann folgen die Verhaltensmaßregeln, die die Regierung den Bürgern aufgibt. Die Kanzlerin zählt einzeln und detailliert auf, was die Bürger dürfen und was nicht. Nachvollziehbare Gründe nennt sie nicht. Ursache und Wirkung behält sie für sich.

Und genau das ist das Problem.

Einen Auftritt vorher versuchte sie sich wenigstens in einer Begründung: Es gehe darum, die Verdopplung der Infektionsrate auf zehn Tage zu verlängern. Das Dumme an dieser Begründung war, dass sie nur neue Frage aufwarf. Man konnte sich ausrechnen, dass es damit nicht lange dauern würde, bis die Hälfte der Bevölkerung infiziert sei. Das wäre dann eine verklausulierte Ansage gewesen, jetzt doch das Konzept der Herdenimmunität zu versuchen. Scheint aber so nicht gemeint gewesen zu sein. Das Merkel-Ziel der Zehn-Tage-Verdopplung war schnell erreicht. Die Regierung hielt und hält trotzdem an rigiden Freiheitseinschränkungen fest.

Hat sie ihr Ziel geändert? Nicht mehr kontrollierte Ausbreitung, sondern Ausrotten des Virus? Oder Corona-Containment als jahrelange Lebensaufgabe – mit der absehbaren Konsequenz, dass Wirtschaft, Kultur, soziales Leben, Parties, Familienfeiern, Hochzeiten, Fressgelage, Sauforgien, Musikfestivals, Cluburlaube, Skiwochenenden, Reitferien, Café-Nachmittage, Strandwochenenden am Chiemsee, Nordsee-Inselurlaub, Freunde treffen – das all das auf Jahre verboten bleiben soll? Oder spekuliert sie auf ein baldiges pharmazeutisches Wundermittel gegen Corona und setzt alles auf diese Karte?

Da unsere Bundeskanzlerin nur sagt, was sie uns erlaubt und verbietet, nicht aber, warum sie das tut, hinterlässt sie eine enorme Leerstelle. Sozusagen in Informationsvakuum. Und mit jedem Vakuum ist es immer dasselbe: Es drängt herein, was halt gerade in der Nähe ist.

Aus der berechtigten Frage, was die Kanzlerin für sich behält, wird die dämliche Frage, wer seinen Profit daraus schlage und welche dunklen Mächte dahinterstehen könnten. Und schwupp: Es sind natürlich dieselben, die schon die Weltkriege anzettelten, den Papst inthronisieren, Flüsse ins Meer fließen lassen, die Menschheit mit Kondensstreifen vergiften… Mensch aber auch, dass ich da jetzt erst drauf kommt: Corona kommt aus den Abgasen von Düsenjets und wird aus der Stratosphäre auf uns herniedergelassen! Tröpfcheninfektion! Leute, endlich hab ich’s!

Aber im Ernst: Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist keinem Labor entsprungen. Es hat sich vielmehr quasi in freier Natur auf den Menschen gestürzt – lesen wir hier in Sciencedaily:

“By comparing the available genome sequence data for known coronavirus strains, we can firmly determine that SARS-CoV-2 originated through natural processes,” said Kristian Andersen, PhD, an associate professor of immunology and microbiology at Scripps Research and corresponding author on the paper.

Da können die US-Diplomaten und das Handelsblatt behaupten und vermeintlich fragen, was sie wollen. Und falls das noch nicht reicht: Für darauf spezialisierte Wissenschaftler sind Coronaviren in ihren verschiedenen Ausprägungen schon lange gute Bekannte. Sie wissen schon lange, dass die Viren sich besonders gern in Fledermäusen und Flughunden entwickeln, weil denen die Corona-Abarten kaum etwas anhaben können. Wer mehr wissen möchte – hier eine chinesische Forscherarbeit zum Thema.

Various species of horseshoe bats inChina have been found to harbor genetically diverse SARS-like coronaviruses. Some strains are highly similar toSARS-CoV even in the spike protein and are able to use the same receptor as SARS-CoV for cell entry.


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