Oh mein Gott! Jetzt wärmt auch noch das eigentlich seriöse Handelsblatt eine längst widerlegte Verschwörungstherie über das Corona-Virus neu auf. War’s doch ein Laborunfall? Entsprang das Virus, das jetzt die Welt stillstehen lässt, einem Experimentierlabor in Wuhan? Huuu Huuu! US-amerikanische Diplomaten, also Vertreter der Macht, die in Deutschland seit den 1920er Jahren als globaler Bösewicht gilt 1, behaupten das! Shocking! „Die Frage ist, ob es mehr als eine Verschwörungstheorie ist“, schreiben die beiden Autoren des Handelsblatt-Artikels. Nein, ist es nicht. Die Frage ist, warum Ihr jetzt auch diesen Unsinn verzapft.

Was ist hier los? Versuch einer Antwort.

Und die suche ich ausnahmsweise nicht in den Tiefen der nostradamischen Sümpfe, sondern im lichten Kanzleramt. Hören wir, was die Kanzlerin sagt – und was sie nicht sagt.

Corona-PK Merkel und Söder am 16.4.2020

Wir haben etwas erreicht, was ja keineswegs sicher war, dass nämlich unsere Ärzte, unsere Pflegekräfte, alle, die in diesem Bereich in den Krankenhäusern arbeiten, nicht überfordert wurden. Sie leisten Enormes und viele sind auch unter größter Anspannung tätig, aber es ist so gewesen, dass unser Gesundheitssystem am Laufen gehalten werden konnte.

Ab 1’05 im Video

Jedoch:

Wir haben auch nicht viel Spielraum. Wir müssen ganz konzentriert weitermachen. Deshalb hat unsere Beratung bestimmt, dass es jetzt kein falsches Vorpreschen geben darf, auch, wenn die besten Absichten dahinter stehen, sondern wir müssen verstehen, dass wir so lange mit dem Virus leben müssen wie es keine Medikamente und insbesondere keinen Impfstoff gibt und wir müssen die Erfolge sichern, die wir erreicht haben. Und deshalb ist es sozusagen wenn wir darüber sprechen, welche Richtung Schritte eines etwas mehr Zulassens von öffentlichem Leben, die wir ja alle gehen wollen, gehen, dann müssen wir sagen, es geht um äußerste Vorsicht, die wir walten lassen müssen, und das hat unsere Beratung heute auch geprägt, denn es geht jedes Mal um Menschen.

Ab 2’24 im Video

Dann folgen die Verhaltensmaßregeln, die die Regierung den Bürgern aufgibt. Die Kanzlerin zählt einzeln und detailliert auf, was die Bürger dürfen und was nicht. Nachvollziehbare Gründe nennt sie nicht. Ursache und Wirkung behält sie für sich.

Und genau das ist das Problem.

Einen Auftritt vorher versuchte sie sich wenigstens in einer Begründung: Es gehe darum, die Verdopplung der Infektionsrate auf zehn Tage zu verlängern. Das Dumme an dieser Begründung war, dass sie nur neue Frage aufwarf. Man konnte sich ausrechnen, dass es damit nicht lange dauern würde, bis die Hälfte der Bevölkerung infiziert sei. Das wäre dann eine verklausulierte Ansage gewesen, jetzt doch das Konzept der Herdenimmunität zu versuchen. Scheint aber so nicht gemeint gewesen zu sein. Das Merkel-Ziel der Zehn-Tage-Verdopplung war schnell erreicht. Die Regierung hielt und hält trotzdem an rigiden Freiheitseinschränkungen fest.

Hat sie ihr Ziel geändert? Nicht mehr kontrollierte Ausbreitung, sondern Ausrotten des Virus? Oder Corona-Containment als jahrelange Lebensaufgabe – mit der absehbaren Konsequenz, dass Wirtschaft, Kultur, soziales Leben, Parties, Familienfeiern, Hochzeiten, Fressgelage, Sauforgien, Musikfestivals, Cluburlaube, Skiwochenenden, Reitferien, Café-Nachmittage, Strandwochenenden am Chiemsee, Nordsee-Inselurlaub, Freunde treffen – das all das auf Jahre verboten bleiben soll? Oder spekuliert sie auf ein baldiges pharmazeutisches Wundermittel gegen Corona und setzt alles auf diese Karte?

Da unsere Bundeskanzlerin nur sagt, was sie uns erlaubt und verbietet, nicht aber, warum sie das tut, hinterlässt sie eine enorme Leerstelle. Sozusagen in Informationsvakuum. Und mit jedem Vakuum ist es immer dasselbe: Es drängt herein, was halt gerade in der Nähe ist.

Aus der berechtigten Frage, was die Kanzlerin für sich behält, wird die dämliche Frage, wer seinen Profit daraus schlage und welche dunklen Mächte dahinterstehen könnten. Und schwupp: Es sind natürlich dieselben, die schon die Weltkriege anzettelten, den Papst inthronisieren, Flüsse ins Meer fließen lassen, die Menschheit mit Kondensstreifen vergiften… Mensch aber auch, dass ich da jetzt erst drauf kommt: Corona kommt aus den Abgasen von Düsenjets und wird aus der Stratosphäre auf uns herniedergelassen! Tröpfcheninfektion! Leute, endlich hab ich’s!

Aber im Ernst: Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist keinem Labor entsprungen. Es hat sich vielmehr quasi in freier Natur auf den Menschen gestürzt – lesen wir hier in Sciencedaily:

“By comparing the available genome sequence data for known coronavirus strains, we can firmly determine that SARS-CoV-2 originated through natural processes,” said Kristian Andersen, PhD, an associate professor of immunology and microbiology at Scripps Research and corresponding author on the paper.

Da können die US-Diplomaten und das Handelsblatt behaupten und vermeintlich fragen, was sie wollen. Und falls das noch nicht reicht: Für darauf spezialisierte Wissenschaftler sind Coronaviren in ihren verschiedenen Ausprägungen schon lange gute Bekannte. Sie wissen schon lange, dass die Viren sich besonders gern in Fledermäusen und Flughunden entwickeln, weil denen die Corona-Abarten kaum etwas anhaben können. Wer mehr wissen möchte – hier eine chinesische Forscherarbeit zum Thema.

Various species of horseshoe bats inChina have been found to harbor genetically diverse SARS-like coronaviruses. Some strains are highly similar toSARS-CoV even in the spike protein and are able to use the same receptor as SARS-CoV for cell entry.


1 Brendan Simms: Hitler –> kaufen hier

Lange, sehr lange sah es so aus, als sei das Radio als einzige traditionelle Mediengattung vor der digitalen Disruption gefeit. Zeitung und Fernsehen mochten Reichweite und Umsatz an Onlinemedien verlieren, das Radio gewann Jahr um Jahr ein bisschen dazu. Jetzt könnte es dafür knüppelhart kommen. Laut aktueller MA verlor Radio bundesweit über alles gerechnet 3,1 Prozent. Zugleich trudelt ein Teil der Radiobranche – der private, der ohne Gebühren wirtschaftet – in schiere Existenznot. Das wird Konsequenzen haben. Die kumulierten Effekte von Medienpolitik und Coronakrise lassen die ohnehin längst übermächtigen Gebührenanstalten nach dem Monopol greifen.

Zehn-Mann-Team für den Anstalts-Podcast

Keine mediale Nische, die öffentlich-rechtliche Sender nicht in furchterregender Geschwindigkeit und beängstigender Breite und Tiefe besetzen. Die Gutenachtgeschichte auf Alexa bringt der Bayerische Rundfunk in die Kinderzimmer der Republik, von Flensburg bis Garmisch. Ebenfalls für nationales Publikum produziert der Norddeutsche Rundfunk den Corona-Podcast des Berliner Virologen Christian Drosten. Die Anstalten sind überall. Sie lassen keinem Mitbewerber Raum. Sie haben unbegrenzte Geld-, Sach- und Personalmittel und setzen die mit erbarmungsloser Härte ein. Gesetzlich abgesichert erheben sie Anspruch auf Finanzierung ihres Bedarfs. Zum Bedarf zählt neuerdings auch, mal eben zehn Leute für den Corona-Podcast mobilisieren zu können. Ein Gespräch mit dem Chefredakteur habe ihm dafür gereicht, enthüllt NDR-Chefentwickler Norbert Grundei im Interview mit meedia.

85 Prozent Umsatz weg wegen Corona-Krise

Schiere Not dagegen bei den Privatradios. Die ostdeutschen Sender beklagen in einem öffentlichen Hilferuf an ihre Staatskanzleien Umsatzeinbrüche von sage und schreibe 85 Prozent. Am westlichen Ende des Landes ist die Lage nicht besser. Die Privatsender des Saarlandes vermelden ebenfalls massive Einbrüche, „was deren Existenz gefährdet“. Dasselbe hört man von Sendern aus der ganzen Republik. Die Branche insgesamt steht mit dem Rücken zur Wand.

„Rundfunkvielfalt existentiell bedroht“

Die Lage ist derart dramatisch, dass jetzt sogar eine der Landesmedienanstalten Alarm schlägt und grundsätzlich wird. „Die vielfältige Rundfunklandschaft in Berlin und Brandenburg ist durch die Corona-Krise existentiell bedroht“, meint die MABB. Die Berlin-Brandenburgischen Medienwächter rufen den Staat um Hilfe an. „Wenn wir die Vielfalt unserer Medienlandschaft erhalten wollen, können wir keinen Tag länger warten.“

Komfortzone der Parteien

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es passieren, dass schon wenige Tage Ausnahmezustand genügen, ein Bein des dualen Rundfunksystems zu verkrüppeln, während das andere immer stärker wird? Es ist das alte Dilemma mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, zu dem schon lange alle Argumente ausgetauscht sind. Zu groß, zu teuer, zu regierungsnah, zu parteienlastig. Ein Machtgeflecht, in dessen Gremien eine kritische Masse an Parteien, Verbänden, Kirchen und politiknahen Gruppen ungezügelt Gruppenegoismen auslebt. Über dessen Neugestaltung und Reform seit Jahrzehnten ergebnislos diskutiert wird. Das sich als nicht reformfähig herausgestellt hat, sondern immer weiter wuchert. Das öffentlich-rechtliche System ist die mediale Komfortzone der Parteien. Die wollen sie partout nicht verlassen, koste es, was es wolle. Sie gefährden damit nicht nur die Medienvielfalt, sondern zugleich die Medienfreiheit. Das öffentlich-rechtliche System gibt zunehmend die Grenzen des Erlaubten in der Debatte vor. Die Pluralitität der Meinungen verkümmert zur gesamtgesellschaftlichen Binnenpluralität – Kennzeichen eines autoritären Staates.

Gefangen in System- und Formatketten

Während das öffentlich-rechtliche System sich selbst reguliert – sprich: tut, was es will – unterliegen die Privatsender umfassender Fremdregulierung. Zuständig sind dafür die sogenannten Medienbehörden, die tatsächlich aber keine Behörden sind, sondern auch öffentlich-rechtliche Anstalten. Auch die „Medienbehörden“ werden aus dem Gebührentopf finanziert und nicht aus Steuern. Sie sind Brüder und Schwestern der Rundfunkanstalten und bestimmen, wer einen Privatsender betreiben darf und was für ein Programm da zu laufen hat. Das war über lange Zeit eine Art goldener Käfig. Die Medienanstalten verteilten Lizenzen wie Claims zum Geld drucken. Die Sender und ihre Gesellschafter gewöhnten sich im Gegenzug loyale Gefolgschaft an. Das Denken in Formaten wurde Teil der DNA der Programmmacher. Das Geschehen in der Welt und der Region existiert vorzugsweise in kleinen Päckchen: Zwei Minuten Nachrichten, einsdreißig BMI, 3-Element-Break, hier der Platz fürs Bunte, da die Ecke fürs Kuriose und für die Politik den dpa-Korri.

Kultur der planbaren Routine

Selbst, wenn da das Geld stapelweise herumläge: In einer solchen Kultur existiert einfach niemand, der in einer aktuellen Lage die gute alte Sondersendung als Podcast neu erfindet, schnell plant und schlagkräftig umsetzt. In einer solchen Kultur sind überraschende Wendungen immer Störfaktoren. Sie stören den Programmfluss. Sie stören die eingefahrenen Abläufe. Sie stören die Routine. Eine solche Kultur zieht Leute an, die den Job nicht fürs Abenteuer machen. Eine solche Kultur ist hierarchisch. Sie sieht Brüche als Risiko und nicht als Chance. Das kann sinnvoll sein, wenn es nur den Ukw-Hauptkanal zu bespielen gilt. Wer da was falsch macht, gefährdet ja gleich das Ganze. Das ist aber nicht mehr sinnvoll, wenn die Welt mit Streams und Podcasts plötzlich unendlich weit und vielfältig sein kann.

Die Uhr tickt!

Wer mal einen Podcast versemmelt, der hat vielleicht ein paar Euro verbrannt, aber keineswegs die Basis riskiert. Wer aber vor jedem Projekt immer erst die Research-Maschine anlaufen lässt, keine Entscheidung ohne umfangreiche Excel-Tabellen wagt und dann auch noch ängstlich klein-klein anfangen will, wird irgendwann keine Chancen mehr bekommen. Das wirklich Fatale an der aktuellen Lage ist nicht die Corona-Krise allein, sondern ihr Timing. Sie fällt in eine Phase, in der das Privatradio schon länger konzeptionell stagniert. In der es im Grunde unverdient gut lief. Die Zahlen der letzten Jahre waren immer auskömmlich. Man glaubte, Radio könne ewig so weitermachen. Man glaubte, Digitalisierung sei im Grunde nur ein hippes Hobby.

Aber das war falsch, und ausgerechnet jetzt, wo die Corona-Krise hinzukommt, wird es unübersehbar. Einer dieser allgegenwärtigen Beratersprüche lautet: Der Vater des Misserfolgs ist der Erfolg. Weil der Erfolg bequem macht. Und umgekehrt ist der Vater des Erfolgs die Krise. Kriegen wir das hin?


Parallel veröffentlicht auch auf Radioszene.

Foto: unsplash-logoMichael Jasmund

Vor der Eisdiele stehen die Menschen in zwei Schlangen, und zwar exakt auf den Positionen, die der Wirt mit Klebeband auf dem Vorplatz markierte. Zwei Meter Abstand, was in Bayern nach zuvor 1,5 Metern und davor einem Meter derzeit das Maß der Dinge zu sein scheint. Ein Polizeiauto fährt vorüber. Aus dem Lautsprecher sagt ein Beamter durch: „Halten Sie die vorgeschriebenen Abstände ein“. Der Fahrer gibt zugleich Gas, als wüssten die Beamten, dass der Auftritt eher peinlich wirkt und schnell Distanz gewinnen wollten. Über die Nützlichkeit der Durchsage dürfte in seuchenhygienischer Hinsicht zu streiten sein.

OP-Handschuhe sind eine Sauerei

Systemerhaltende Berufsträger erkennt man im Frühjahr 2020 daran, dass sie gekleidet sind wie OP-Ärzte. Mundschutz und Handschuhe gehören für jede Verkäuferin zur Pflichtausstattung. Über die Gesichtsmaske ist genug geschrieben worden, dazu hier also nichts. Wenden wir uns den Handschuhen zu. Dazu hat sich Dr. Hanefeld wieder zu Wort gemeldet und nennt sie eine hygienische Sauerei. Sie seien verseuchter als eine gewaschene nackte Hand. Und in ihrem Innern blühten die Virenkulturen nur so auf. Wer hat eigentlich verordnet, dass OP-Handschuhe allüberall getragen werden, wo mit Lebensmitteln hantiert wird? Hat ein Bürokrat dazu eine Verfügung erlassen oder ist das kollektiver vorauseilender Gehorsam?

Blockwarte ganz aufgeregt: Parkende Autos im Park

Auf Facebook und Twitter häufen sich die Online-Beschwerden über angeblich virenfördernde Massenansammlungen. Ein gern genommenes Motiv für dazugestellte Handyfotos sind Parkplätze in Ausflugsgebieten. Dazu stehen dann gern altkluge Bemerkungen wie „Nichts kapiert…“ oder so. Kann denen mal jemand sagen, dass Autos kleine Quarantäne-Kabinen sind? Dass sich die fahrenden Massen nicht mal dann anstecken, wenn die Autos dicht auf dicht im Stau stehen? Und dass eine Ansteckung draußen im Freien, womöglich im Wind, praktisch unmöglich ist?

IWF-Chefin hält Corona für schlimmste aller Plagen ever

Die Chefin des Weltwährungsfonds, Kristalina Georgiewa, spricht angesichts der Corona-Pandemie von der „dunkelsten Stunde der Menschheit“. Gehören Juden für die Dame nicht zur Menschheit?

Verlangsamung = Verlängerung

Wir haben es ja inzwischen alle verstanden: Die gravierendsten Einschnitte in die Freiheitsrechte, die es in der Geschichte der Bundesrepublik und darüber hinaus je gab, sollen die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Die Bundeskanzlerin sagte, sie erwarte von uns Deutschen, dass wir eine Verdopplung der Fallzahlen nur noch alle zehn Tage zulassen mögen. Wie sie auf den Zehntageszyklus kommt, begründet sie nicht. So oder so sind noch rund acht Verdopplungszyklen nötig, um unter Beachtung der Merkelschen Verdopplungsfrist die halbe deutsche Bevölkerung zu infizieren, also knapp 40 Millionen Menschen. Das ist eine wirklich simple Rechenaufgabe. Was exakt soll das also? Chaos auf den Intensivstationen in zehn statt in neun Wochen? Herdenimmunität in drei Monaten statt in drei Wochen? Eine Delle für die Wirtschaft oder ein lebensbedrohlicher Schlag für Wohlstand und Zivilisation? Man wüsste es gern. Aber die Kanzlerin kommuniziert so ungern klar.

Exponentieller Lagerkoller?

Entwickelt sich der Schaden, den der Corona-Lagerkoller anrichtet, auch exponentiell? Die Berliner Polizei meldet zehn Prozent mehr Fälle häuslicher Gewalt. In Oberbayern erschoss sich eine Bundespolizistin und Mutter zweier Kinder, womöglich auch wegen Corona-bedingter Belastungen im Job. Hat der Zustand des Lockdown, der erzwungenen menschlichen Distanz und der Angst vor Existenzverlust schon zu einer darstellbaren Zahl von Toten geführt? Werden es im Laufe der Zeit immer mehr? Nimmt ihre Zahl womöglich auch exponentiell zu? Wie viele Leben kostet es, wenn die Zivilisation bröckelt?

Medienkritik meiner Mutter: Sie ärgert sich über einen Satz in der FAZ, der vermutlich beifallheischend genau für sie geschrieben wurde. Gesichtsmasken begegnen einem inzwischen in den kuriosesten Situationen. Iranische Flugzeuge sind doch keine rechte Propaganda. Und Soforthilfen heißen nur so, außer in Berlin.

Wer darf leben, wer muss sterben?

In der gedruckten FAZ schrieb der dortige Spanien-Korrespondent über die überforderten Kapazitäten der dortigen Krankenhäuser. Alte Menschen würden im Ernstfall nicht mehr behandelt, was der Autor als Skandal darstelle. Was meine Mutter – selber Ärztin – wiederum ärgerte. Wie sollten Ärzte sonst entscheiden, wenn die Plätze nicht für alle reichen? Und woher komme in allen Medien plötzlich die Vorliebe für Gerätemedizin für sterbenskranke alte Menschen? Warum sind Journalisten wie der Spanien-Korrespondent der FAZ eigentlich so zurückhaltend, wenn es um die Details der nur pauschal erwähnten Vorerkrankungen geht? Spielen die vielleicht eine größere Rolle, die nur der Zuspitzung der Zeile nicht diente? Meine Mutter ist übrigens 86 und für ihr Alter bemerkenswert fit. Sie ist freilich auch mehrfache Großmutter. Insofern ist ihr eine über die persönliche Lebenserwartung reichende Zukunftsperspektive vielleicht eher eigen als einem alten Menschen ohne Kinder.

Ungeahnte Tücken der künstlichen Beatmung

Wenn man liest, was Dr. Marc Hanefeld über die künstliche Beatmung schreibt, dann staunt man, wie leichtfertig Medien solche Beatmungs-Meme verbreiten. Derzeit scheint man in den Redaktionen zu glauben, es brauche nur ein paar Tausend zusätzliche Geräte und alles sei gut. Hanefeld beschreibt dagegen im Detail, wie menschliche Atmung funktioniert (als spontaner Reflex und keineswegs nach zeitlich getakteten Rhythmen) und warum künstliche Beatmung extrem aufwändig, gefährlich und personalintensiv ist – wobei auch nicht irgendwelches Personal dafür tauge, sondern nur solches, das jahrelang darauf geschult sei.

Triage und Strafrecht

Zu den rechtlichen Problemen der Triage hat sich der Regensburger Strafrechtsprofessor Henning Ernst Müller Gedanken gemacht. Das Lebensalter als alleiniges Kriterium sieht er als unzulässig an. Rechtlich geboten sei es, nach medizinischen Regeln die Überlebenswahrscheinlichkeit zu ermitteln und danach zu handeln. Sollte ein alter Mensch mit geringer Überlebenswahrscheinlichkeit schon an der Maschine hängen und ein junger, behandlungsbedürftiger Patient später eingeliefert werden, dürfe der bereits Behandelte nicht abgeschaltet werden. Gehe es aber nur noch darum, den Sterbeprozess zu verlängern, sei auch das möglich. Solche Gedanken sind keineswegs juristische Spitzfindigkeit, sondern notwendige Unterstützung für Mediziner für möglicherweise bevorstehende Entscheidungen.

Achtung, Radfahrer! Maske hoch!

War ja klar, dass irgendjemand auch diese Umfrage in Auftrag geben würde: 57 Prozent der Deutschen sind jetzt für eine Tragepflicht von Gesichtsmasken. Abseits der Zahlen kurz diese Begebenheit: Ich radele mit meiner Tochter über einen breiten Radweg. Dort sind auch Spaziergänger unterwegs. Ein älteres Ehepaar kommt uns entgegen. Als wir uns nähern, ziehen die beiden Tücher über Mund und Nase. Als wir sie passiert haben, machen sie ihre Gesichter wieder nackig. Mit der Bekämpfung von Corona hat das wohl nichts zu tun. Hier geht es allein um mentale Befindlichkeiten.

Minister im Kriegswirtschafts-Modus

Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich für eine nationale Gesichtsmaskenindustrie ausgesprochen. „Wir müssen unabhängiger vom Weltmarkt werden“, schreibt er auf Twitter. Ein Aufruf zur Kriegswirtschaft? Oder ist damit auch gemeint, in Friedenszeiten keine Autos mehr nach China zu verkaufen?

Mit einigen Wochen Verspätung bemerkte Spahn zudem, dass wochenlang Flugzeuge mit hustenden Menschen aus dem Iran in Deutschland landeten und dass die hustenden Menschen anstandslos in die Bundesrepublik eingelassen wurden. Rechte Twitterer haben sich wochenlang darüber lustig gemacht. Jetzt lobt sich Spahn dafür, Flugzeugen aus Iran die Landeerlaubnis entzogen zu haben.

Droht jetzt Armut?

In den USA haben sich binnen weniger Tager annähernd zehn Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Weltweit steht die Industrie still. In der Landwirtschaft fehlen angesichts der Grenzschließungen die Erntehelfer, was zu unpopulär teuren Preisen für Gemüse führen könnte. Die gesamte industrialisierte Welt steht vor einem wirtschaftlichen Desaster. Ursache dafür ist kein Massensterben, sondern nur die – vermutlich unbegründete – Angst vor einem solchen. Die Zahl der weltweit mit Corona infizierten Menschen überschreitet jetzt die Million. Das sind 0,0125 Prozent der Weltbevölkerung (8 Milliarden). Dank Globalisierung, offener Grenzen und fortschrittlicher Produktion ist die Lebenserwartung weltweit so hoch wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Nie starben weniger Menschen wegen Hunger und Armut. Ist allen klar, was wir gerade riskieren?

Soforthilfen? Jedenfalls nicht sofort

Aus Berlin gibt es Meldungen, dass die ersten Freiberufler Soforthilfen des Staates erhalten haben. Aus Bayern gibt es Aussagen der Freistaatsregierung über Geldsummen, die unterwegs sein sollen. In meinen sozialen Kanälen habe ich nur einen ausfindig gemacht, bei dem Geld eingegangen sei. Ansonsten scheint kaum jemand bisher eine Reaktion auf seinen Antrag erhalten zu haben, weder einen Bescheid noch eine Zahlung, und zwar seit mehreren Wochen nicht.

Corona sorgt für unerwartete Fronten: Sozialisten ergreifen versehentlich Partei für Besitzer von Geschäfts-Immobilien in A-Lagen. In Bad Aibling haben Antidemokraten die beiden demokratisch gesinnten Bürgermeister-Kandidaten unterstützt, was die einen den anderen zum Vorwurf machten und die anderen bei den einen nicht einmal bemerkten. Vor den Supermärkten sieht es neuerdings dystopisch aus. Und der Trend der selbstgenähten Anti-Seuchen-Maske dient eher der Mode als der Gesundheit.

Wer ist schlimmer: Konzern oder Grundbesitzer?

Adidas, H&M und andere Großunternehmen, für Sozialisten sogenannte „Konzerne“, setzen ihre Mietzahlungen aus. Das sorgt für viel Protest. Ein Schutzgesetz, das für Bedürftige gemacht sei, werde missbräuchlich eingesetzt. Genügt es wirklich, „Konzern“ im sozialistischen Sinn zu sein, um auch im Fall eines annähernd vollständigen Umsatzeinbruchs keine Notlage für sich reklamieren zu dürfen? Und warum sind Immobilienbesitzer für Sozialisten plötzlich so schützenswert? Gerade noch sollten Grundbesitzer nach Ansicht der gesamten sozialistischen Bündnisbreite von Ralf Stegner bis zu Stalinisten enteignet werden. Nebenbei: Viele Mietverträge in A-Lagen basieren auf Geschäftsumsatz. Insoweit könnte sich die Empörung mal legen.

Antidemokraten und Kontaktschuld

In den letzten Tagen vor der Stichwahl wurde der Ton im Bürgermeisterwahlkampf in Bad Aibling durchaus noch mal härter. Die härteste Attacke fuhr eine Stadträtin der Grünen. Sie warf dem Kandidaten der CSU implizit und indirekt Kollaboration mit der AfD vor. Was war geschehen? Der örtliche AfD-ler vom Dienst hatte für die Stichwahl zur Stimmabgabe für den CSU-Mann aufgerufen. Die CSU distanzierte sich eiligst von der unerbetenen Hilfe. Die Grüne focht das nicht an. Sie schalt die CSU weiter, nicht, weil die etwas Kritikwürdiges gesagt oder getan hätte, sondern weil ein AfD-ler etwas sagte. Augenscheinlich stand die grüne Stadträtin auch nicht allein da. Ihre gesamte Bündnisfront schwieg oder verteidigte sie, bis hin zur Linkspartei. Ja, auch die Linke hat den einen oder anderen Aktivisten in Bad Aibling. Die Partei also, die als herrschende Staatspartei verantwortlich war für: Zwangsadoptionen, kasernenhafte Unterbringung vietnamesischer Gastarbeiter, Zwangsabtreibung der Babys vietnamesischer Gastarbeiterfrauen, systematische Folterung und sexuellen Missbrauch von Jugendlichen in „Jugendwerkhöfen“, Verbannung von Menschen aus ihren Heimatorten, Knast für politische Widerworte und – immerhin davon haben die meisten schon gehört – Erschießen von Menschen, die lediglich den Wohnort über die Mauer nach Westen verlegen wollten. Dass ein örtlicher Linke-Wortführer sich in der Stichwahl für die grüne Kandidatin stark machte, war übrigens keiner Erwähnung wert. Bürgerliche sind für Kontaktschuldvorwürfe zu seriös. Und sie haben die Stichwahl gewonnen. Zwar knapp, aber gewonnen.

Kein Skandal: Linksaußen wirbt für Grüne

Shoppen vor dem Weltuntergang

Vor dem Edeka in Bad Aibling stand heute eine lange Schlange vor dem Eingang. Ein blau uniformierter Gorilla mit Gesichtsmaske stoppte jeden, der hineinwollte. Nur, wenn jemand auf der anderen Seite das Geschäft verließ, ließ er den ersten in der Schlage hinein. Der Sinn der Aktion erschließt sich natürlich. Sie soll sicherstellen, dass sich drinnen kein Gedränge aufbaut und die Verbreitung von Viren begünstigt. Das funktioniert auch. Der Laden war angenehm leer. Aber die Szenerie wirkt düster und dystopisch. So sollte es bitte nicht womöglich noch Monate weitergehen.

Masken und keine Masken

Überhaupt haben sich Gesichtsmasken schlagartig verbreitet. Im Supermarkt tragen jetzt sämtliche Mitarbeiter eine. Die Älteren haben sich tatsächlich amtliche FFB-Masken mit Ventil umgebunden. Die Jüngeren nehmen mit einfachen OP-Masken vorlieb. Der Eigentümer hat offenbar aus mehreren Chargen und Quellen Masken für seine Leute besorgt. Verkauft hat er keine. Trotzdem tragen auch Kunden Masken. Wo sie die besorgten weiß ich nicht. Beim Metzger tragen die Verkäuferinnen dagegen keine Masken. Trotzdem sind sie geschützt. Von der Decke bis fast auf den Tresen hängt jetzt eine durchsichtige Kunststoffwand als Virenschutz herab. Neben mir stand ein älterer Kunde. Er trug eine augenscheinlich selbst genähte Maske. Über der Nase und am Kinn saß sie stramm. Seitlich an den Wangen hing sie durch. Da konnte man wie durch einen Tunnel hindurchsehen. Eine solche Maske ist den Viren egal. Als modisches Statement zur Corona-Saison mag sie aber taugen. Immerhin.

Zehn Mitarbeiter, die sich um einen einzelnen Podcast kümmern. Zehn Leute, die man in Zeiten von Corona auf die Schnelle mobilisieren kann. Solche Ressourcen muss man erstmal haben. Dazu natürlich auch das Näschen für den richtigen Moment: Auf die Welle steigen, wenn sie sich gerade am schönsten aufbaut. Das nötige Equipment auf Abruf bereit – neben den zehn Leuten auch annähernd unbeschränkte technische und finanzielle Ressourcen und gesetzlich abgesicherten Reichweitendruck – das gibt es in der deutschen Medienlandschaft nur bei ARD und ZDF.

1. Das Setting

Der ARD gehören neun Landesrundfunkanstalten und die Deutsche Welle als Anstalt des Bundesrechts an. Nach Auftrag haben die Landesrundfunkanstalten aus und über ihre Sendegebiete zu berichten, die Deutsche Welle hat Deutschland fürs Ausland zu präsentieren. Tatsächlich aber machen sich die ARD-Anstalten untereinander heftige Konkurrenz. Es wird um Posten bei ARD-weiten Angeboten gerangelt, etwa, wer Tagesschau-Chef werden darf, das nationale Jugendprogramm funk anführen, etc. Oder auch, wer am erfolgreichsten die digitalen Kanäle bespielt. Wer dieses Setting nicht kennt, wird nicht verstehen, warum ausgerechnet der Norddeutsche Rundfunk (NDR), zuständig für Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, einen bundesweit ausgerichteten Podcast zu Corona produziert. Mit dem Berliner Virologie-Professor Christian Drosten als Anchor. Wie geht das?

2. Die Genese

Die Idee für den Drosten-Podcast hatte der Chef der NDR-Jugendwelle Njoy, Norbert Grundei. Im Interview mit dem Onlinedienst meedia schildert Grundei das so:

Ich hatte Christian Drosten vor einigen Wochen als Gesprächspartner zum Thema Coronavirus in mehreren Sendungen gesehen und fand ihn als Gesprächspartner sehr interessant. Ich habe seine wissenschaftliche Vita recherchiert und herausgefunden, wie tief er tatsächlich in diesem Thema steckt. 

Njoy-Chef Grundei über den Anfang des Corona-Podcasts mit Drosten

Nun ist Njoy alles andere als ein Infokanal. Grundei ist nebenbei allerdings auch Leiter der Experimentier-Schmiede für alles Digitale beim NDR. Jede ARD-Anstalt hat so eine Spezialabteiung. Beim NDR nennt sie sich „Think Radio“. Als deren Chef habe er Drosten eine Mail geschickt und ihm den Podcast vorgeschlagen, sagt Grundei. Drosten habe gleich zugesagt. Grundei habe sich sodann das Okay seines Chefredakteurs geholt. Damit hatte er, was er brauchte. Öffentlich-rechtliche Sender sind extrem hierarchisch geprägt. Wer mit dem Segen des Chefredakteurs ausgestattet ist, kann es sich leisten, ganz leise zu sprechen.

3. Gemeinwohl-orientiert?

Mit seinem Podcast bespielt der NDR alle verfügbaren Kanäle, auch kommerzielle. Grundei stellt das als weitgehend altruistischen Dienst an der Allgemeinheit dar.

Dem NDR ist es wichtig, seine Nutzerinnen und Nutzer möglichst direkt über eigene Plattformen zu erreichen. Dazu gehört die ARD Audiothek, aber auch die NDR Info App oder die Webseiten des NDR. Im Fall des Coronavirus-Update war uns daran gelegen, dass möglichst viele Menschen diese wichtigen Informationen von Prof. Drosten erhalten – egal, über welchen Verbreitungsweg.

ebd.

Das klingt so, als habe der NDR so etwas wie die amtliche Verlautbarung zu Corona in die Welt gesetzt. Und so soll es auch klingen. Als systemrelevante, überlebensnotwendige Zweckveröffentlichung, deren Konsum als unverzichtbar anzusehen sei. Grundei lobt zugleich aber auch den durchschlagenden Erfolg seines Angebots in sämtlichen Podcast-Charts.

Inzwischen liegen wir bei mehr als 15 Millionen Abrufen insgesamt – über alle Plattformen hinweg. In der ARD Audiothek belegen die Folgen immer Top-Platzierungen. Bei Apple Podcasts sind wir seit dem 28. Februar nonstop auf Platz 1. Allein in den Top 10 der Folgen sind dort 6 Folgen aus unserem Podcast. Bei Spotify liegen wir aktuell mit einem Wissenschaftspodcast auf Platz 2 hinter Fest und Flauschig.  Bei YouTube hat die reichweitenstärkste Folge mehr als 900.000 Abrufe.

ebd.

4. Markt verstopfen

Mit 15 Millionen Downloads ließe sich bereits mit heutigen Marktangeboten viel Geld mit einem Podcast verdienen. Die ARD bietet selber eine Podcast-Vermarktung an, wie auch die auf Privatradios ausgerichtete RMS. Der Corona-Podcast des NDR dient aber einem anderen Zweck. Er muss kein Geld verdienen, weil die Gebührenzahler ihn längst finanziert haben. Er macht aber den Markt dicht. Der NDR konkurriert mit allen anderen Medienanbietern um die Zeit der Konsumenten. Wer als unabhängiger Medienmacher etwas Vergleichbares auf die Beine stellen wollte, müsste es mit Werbung finanzieren. Das ist aussichtslos, wenn der Gebührenpodcast werbefrei laufen kann.

5. Kein Journalismus

Ein unabhängiges, journalistisches Angebot ist der NDR-Corona-Podcast nicht. Er transportiert vielmehr eine einzelne Expertenmeinung, der aber andere gegenüber- und teils entgegenstehen. Drostens Expertise ist natürlich unstrittig, die des ihn teils scharf kritisierenden Alexander Kekulé aber auch. Andere haben dank des Vorgehens des NDR und seiner massiven Marktmacht keine Chance auf angemessen relevante Reichweite. Drosten und der NDR verabreichen Regierungs-Flankierung. NDR- Podcast-Star Drosten sitzt etwa bei Pressekonferenzen gemeinsam mit dem Chef des staatlichen Robert-Koch-Instituts und dem Bundesgesundheitsminister auf dem Podium. Sehr treffend, was ein Fragesteller auf einer dieser PKs formulierte: Es sei vergleichsweise so, als säße da der Innenminister zusammen mit den Chefs von Bundeskriminalamt und Bundespolizei. Der NDR-Podcast ist somit kein unabhängiger Journalismus, sondern clever verpackte Amtsverkündung.

6. Verdrängen der Unabhängigen

Kein privates Medienunternehmen denkt auch nur daran, dem NDR eine ernstzunehmende Konkurrenz zu präsentieren. Kein privater Radiosender hat mal eben so zehn Leute bei der Hand, die ein solches Projekt stemmen könnten:

  • Inhaltliche Vorbereitung
  • Strukturieren des Stoffes
  • Themen recherchieren, produzieren
  • Sämtliche gesprochenen Worte verschriftlichen (was das Suchmaschinenranking stark erhöht, extrem nervig ist, lange dauert, Kapazitäten frisst – aber beim NDR natürlich problemlos möglich ist)
  • Ein Geschäftsmodell entwickeln (was noch einmal viel Arbeit macht, die sich der NDR aber schenken kann, weil das Geld von allein herabregnet).

Medienunternehmen, die so etwas wagen wollten, müssten über eine gesund Moonshot-Mentalität verfügen. Sie müssten genügend Geld gebunkert haben und bereit sein, es für so ein Projekt zu riskieren. Solche Unternehmen gibt es nicht. Es kann sie auch nicht geben, weil sie alle wissen, gegen wen sie antreten und dass sie gegen einen aggressiven Konkurrenten mit 8 Milliarden Gebühren-Euro keine Chance haben. Für die ARD sind die Moonshots dagegen risikofrei. Sie starten ständig neue und breiten sich mit immer derselben Methode in jedes Segment und jede Nische aus.

7. Die ARD bedroht die Demokratie

Der Corona-Podcast des NDR könnte für das Podcast-Medium in Deutschland den Durchbruch bedeuten – nur leider als Antithese zur Medienfreiheit. Der NDR schafft mit seiner Methode Zugangshürden, die nur noch von staatlich eingesetzten und staatlich abgesicherten Institutionen genommen werden können. Der NDR hätte der ARD damit dank der Corona-Krise einen strategischen Vorteil verschafft, der nie wieder einzuholen wäre. Wer mit einer Podcast-Idee groß werden möchte, wird in Zukunft zur ARD laufen und versuchen, dort zu reüssieren. Die ARD ist im Begriff, sich mit Gebührengeld den Netzwerkeffekt und das „The Winner Takes it All“ zu kaufen. Das ist im Sinne der Parteien, die im Corona-Jahr zweifellos die Zwangsgebühren für das Parteien-kontrollierte Mediensystem erhöhen werden. Es ist die nächste Evolutionsstufe auf dem Weg zur zentralen Wahrheitsverkündung ohne offene Debatte. Die von den Parteien betriebene Monopolisierung der Medien könnte als zweiter massiver Kollateralschaden aus der Corona-Krise folgen – neben dem schon jetzt wohl unabwendbaren wirtschaftlichen Schaden.

Unmenschlicher Tod

Aus Straßburg wie aus Bergamo wird berichtet, die Ärzte müssten Corona-Opfer sterben lassen. Zu wenige Kapazitäten. Triage. Entscheiden, wer leben darf und wer nicht. Zugleich kann man lesen, der Corona-Tod sei grausam und fühle sich wie Ertrinken an. Dazu sehen wir Fotos, auf denen Menschen auf Krankenhausfluren liegen. Alles zusammen ergibt ein fürchterliches und unmenschliches Bild. Falsch ist dieses Bild vermutlich nicht, aber wohl doch sehr zugespitzt. Aus dem Elsaß wird auch berichtet, dass die Sterbenden palliativ betreut werden. Sie erhalten Opiate oder vergleichbare Mittel. Aus Italien ist darüber nichts zu lesen. Ich unterstelle den Italienern aber nicht, dass sie ihre Sterbenden im Stich lassen.

Würdiger Tod

Ebenfalls aus dem Elsaß kommt die Nachricht, Schwerkranke über 80 Jahren würden nicht mehr in die Intensivstationen eingeliefert. Auch diese Nachricht verdüstert. Eine Sorte Mensch wird einfach ausgeschlossen vom Leben. Das kann keiner wollen. Aber eines gerät da aus dem Blick: Der Alterstod im Intensivbett, Schläuche an der Überlebensmaschine, gilt schon lange nicht mehr als erstrebenswert. Eher das sanfte Sterben zu Hause im Kreise der Familie. Nicht die verlängerte Minute zählt, sondern die Qualität des Moments. Auch in normalen Zeiten, auch in Deutschland, entscheiden Ärzte, alte Menschen nicht mehr an die Maschine zu hängen.

Starker Mann

Der stärkste Mann in Deutschland zur Zeit ist Markus Söder. Als er Ausgangsbeschränkungen für Bayern bekannt gibt, spricht er den denkbar stärksten Satz: „Es geht um Leben und Tod“ (siehe hier). Kein anderes Bundesland geht so weit wie Bayern. Söder fügte aber noch andere Sätze hinzu: Hoffnung auf baldige Rückkehr zur Normalität. Nur so ist seine rasant gestiegenen Popularität zu erklären. Sich schlau machen, einen Plan schmieden und den dann auf volles Risiko und konsequent in die Tat umsetzen. Die Einschränkungen der persönlichen Freiheit in Bayern sind gerade immens. Wenn es dem Zweck dient, Leben zu retten, sieht das jeder ein. Würde es aber den Einstieg in dauerhafte Unfreiheit bedeuten, würden die Leute rebellieren. Beides hat Söder offenbar bedacht.

Schwacher Mann

Söder braucht für seine Einschnitte kein einziges neues Gesetz. Deutschland hat Gesetze, die in Krisenzeiten außergewöhnliche Maßnahmen erlauben. Die wurden in normalen Zeiten debattiert und beschlossen – glücklicherweise. Einige davon sind Bundesgesetze, andere sind Landesgesetze. Söders Amtskollege in Düsseldorf, Armin Laschet, hat offenbar keinen vergleichbaren Plan. Heute verordnet er dies, morgen jenes. Und immer beruft er sich auf Experten. Es ist aber er, der verordnet. Er setzt seine Unterschrift unter die Dokumente. Er macht es sich einfach, wenn er eins zu eins den Experten folgt, statt die Experten so lange mit Fragen zu quälen, bis er verstanden hat, wie er entscheiden sollte. Und nur er, denn nur er ist als Ministerpräsident durch demokratische Wahl legitimiert. Wir leben in einer Demokratie, nicht in einer Technokratie.

Der Deputy des schwachen Mannes

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich mit Laschet als Ko-Chefkandidat der CDU verbündet, als die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kürzlich ihren Rückzug ankündigte. Erinnert sich noch jemand daran? Jetzt arbeitet Spahn während der Krise an einer Ermächtigung, die dem Bund in Krisenzeiten den Eingriff in Länderkompetenzen erlauben soll. Der Schwache, der sich keine Entscheidung traut, will den Starken, der planvolles Vorgehen wagt, stoppen. Den Pandemieplan, den Spahns Ministerium in Normalzeiten für eine Pandemiekrise erarbeitete, ließ er in der Schublade liegen, als die Krise kam.

Zahlen, Daten, keine Fakten

Die täglichen Corona-Statistiken sind vielleicht Indikatoren für die Entwicklung des Virus, vielleicht aber nicht einmal das. Das Robert-Koch-Institut verbreitet seine Zahlen mit amtlichem Siegel, obwohl offenbar nicht einmal zu klären ist, was die Gesundheitsämter wann melden und ob auch übers Wochenende oder nicht. In Italien ist die Sterberate absurd hoch, in Deutschland extrem niedrig und vermutlich näher an den Erwartungen der Virologen. Das erklärt man sich bisweilen mit der höheren Zahl an Tests in Deutschland. Zugleich häufen sich aber Berichte, dass es gerade beim Testen hapere. Von Italien heißt es, die Todesrate sei wegen Überalterung der Bevölkerung so hoch. Warum ist sie dann in Deutschland und Japan so niedrig, wo die Demographie nicht anders aussieht? Das alles passt nicht zusammen. Vermutlich gibt es noch gar keine belastbaren Zahlen. Vermutlich sind all die Tabellen, die täglich herumgereicht werden, nur symbolische Notanker.

Geld gegen Leben

In Ischgl war am ersten März-Wochenende noch viel los. Es war das letzte Ski-Wochenende dort. Tausende fuhren die Pisten herab und besuchten Bars und Restaurants. Dabei wussten die Verantwortlichen in Tirol längst, dass in Ischgl Corona umging. Sie haben es laufen lassen. Tirol lebt vom Tourismus. Der Tourismus bedeutet die Existenz für Tausende Menschen. Man könnte sagen, da habe Geld gegen Leben gezählt. Man könnte auch sagen, da habe nackte Existenz gegen Leben gezählt, was die Sache schon schwieriger macht. Man könnte sagen, kapitalistische Gier habe über dem Leben gestanden. Und was war in China? Die kommunistische Führung hat im Dezember, Monate vorher, offensichtlich Statistiken gefälscht. Das war den Teilnehmern eines Kongresses in Hongkong, unter ihnen Alexander Kekulé aus Deutschland, sonnenklar. Kekulé informierte die Bundesregierung. Niemand wollte mit einer Reaktion vorpreschen. Jeder hoffte, es werde gut gehen. Jeder hoffte, es werde die Kreisläufe von Geld, Waren und Leben nicht stoppen.

Die Gesichtsmaske

Textilunternehmen, die etwas auf sich halten, wechseln von T-Shirt- auf Maskenproduktion, gern auch aus Bio-Baumwolle. Helfen die gegen das Virus? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Wir haben gelernt, dass es FFB2- und FFB3-Masken gibt, die das Virus aufhalten. Bei den Masken aus Biobaumwolle ist das Bild nicht eindeutig. Vielleicht taugen sie als Geste. Als Symbol dafür, dass wir in einer Ausnahmesituation zusammenstehen und Rücksicht nehmen.

Freiheit

Für die Freiheit sind seit Hunderten Jahren Menschen gestorben. Sie haben sich auf Barrikaden erschlagen oder an der DDR-Mauer erschießen lassen. Jetzt ist Corona-Ausnahmezustand. Die Freiheit ist eingeschränkt, teils drastisch. Um Leben und Tod geht es auch, wenn es nach Corona nicht normal weitergeht.

Schicksal

Es gibt Dinge, die haben Menschen nicht im Griff. Wir sind Teil der Natur, aber wir beherrschen sie nicht. Ein neues Virus entsteht, weil sich eine ökologische Nische findet. Manchmal sind wir Menschen die, die gefressen werden. Menschen werden geboren und sterben. Dagegen lässt sich nichts tun. Man muss es nehmen, wie es ist. Menschen haben aber Kulturen entwickelt. Forschung und Wissenschaft gehören dazu. Wir können das Leben verändern und verlängern. Wir können uns gegen Viren wehren. Manchmal dauert das lange. Das HI-Virus galt über Jahrzehnte als Todesurteil. Inzwischen gibt es erste Fälle von Geheilten. Zur menschlichen Kultur gehört auch die Ethik. Was können und was dürfen wir? Über vieles lässt sich streiten. Nicht aber über das Ende: Es gibt Situationen, die sind schicksalhaft. Gegen die kommt niemand an. Das gehört zum Leben dazu.