Auf WhatsApp verbreitet sich gerade eine Audionachricht viral, in der „Elisabeth, die Mama von Poldi“, mit einer vermeintlichen Insider-Info über das Corona-Virus aufwartet. Sie kenne da jemanden an der Uni in Wien. Und da hätten sie sich gefragt, warum in Italien so verhältnismäßig viele Menschen von dem Virus getötet werden. Und dann seien sie im Labor darauf gekommen, dass Ibuprofen den Krankheitsverlauf verschärfe. Allerdings ist das kompletter Fake, was „Elisabeth, die Mama von Poldi“ da redet. Die Uni Wien kennt ihren Clip auch schon und dementiert entschieden.

Jetzt würde mich schon interessieren, was das für komische Menschen sind, die solche Fakes in die Welt setzen. Kennt irgendjemand vielleicht „Elisabeth, die Mama von Poldi“ und erkennt ihre Stimme? Es wäre ja toll, die echte Frau zu finden, die das gesagt hat und sie zu fragen, was sie sich bei diesem Scherz wohl gedacht haben mag.

Hier das Audio mit ihrer Stimme:

Wer mit Truthern zu tun hat, merkt übrigens sehr schnell, dass hier was nicht stimmen kann. Die unklare Quellenlage, das Raunen über „die Freundin“, deren Name natürlich nicht fällt und auch nicht, was sie an der Uni Wien angeblich tue, „die Ärzte“, von denen kein einziger zu identifizieren ist, die Feststellung, dass die „natürlich“ nur mündlich kommunizierten, weil sie noch keine Studie hätten, die „Klagen der Pharmaindustrie“ standhalte. Klar, die Pharmaindustrie… war klar, dass das mal kommen musste.

Also: Wer ist „Elisabeth, die Mama von Poldi“? Und was wird sie wohl dazu sagen, wenn man sie als Urheberin dieses Fakes überführte?

Im Mangfallboten , der Tageszeitung im westlichen Landkreis Rosenheim, stand zu Wochenbeginn eine Geschichte über die Schließung einiger Klassen der Luitpold-Grundschule (u.a. auch die Klasse meiner Tochter). Die Reporterin Eva Lagler hatte auch mit Eltern gesprochen, die sich da durchaus kritisch äußerten. Außerdem gab sie das Gespräch mit einer Mutter wieder, die erzählte, die Familie sei in den Ferien in Südtirol gewesen. Sie hätten den Verdacht, sie könnten sich infiziert haben. Sie hätten darum Kontakt mit Behörden aufgenommen. Die hätten ihnen zum Testen geraten. Das hätten sie getan.

Wie es in allen Medien inzwischen schlechter Brauch ist, wurde der Name der Familie nicht dazugeschrieben. Die Mutter habe das nicht gewollt. Aus irgendeinem Grunde will heutzutage kaum noch jemand mit seinem Namen zu dem stehen, was er/sie öffentlich sagt. Ich weiß nicht, warum das so ist. Es scheint da eine grassierende Furcht zu geben, sich öffentlich angreifbar zu machen. Wie begründet die ist vermag ich auch nicht zu sagen. Aber sie ist schädlich.

In diesem Fall dürfte es wohl auch diese Halb-Anonymität gewesen sein, die dafür sorgte, dass sich die Geschichte im mündlichen Stadtgespräch verselbständigte. Aus der Familie, die sich selber unter Quarantäne setzte, wurde beim Ratschen beim Metzger die Familie, die wahrscheinlich infiziert sei. Der Grusel ging um, dass Corona jetzt in Bad Aibling angekommen sei. In einer internen WhatsApp-Gruppe teilte die Mutter dann aber mit, dass der Test negativ ausging. Nix Corona in Bad Aibling.

Jetzt frage ich mich, wer den Klatsch rund um den Marktplatz wieder einfangen mag. Denn genau diese Sorte der Informationsverbreitung – analog, von Mund zu Ohr, die berühmte stille Post – schafft das Klima der Angst, vor dem man sich mehr fürchten sollte als vor dem vergleichsweise harmlosen Virus.

Wenn sich ein Bioladen in einem Wahlkampf für einen Kandidaten engagiert, mit Plakat im Schaufenster und Aufsteller auf dem Trottoir, für welche Partei wird er wohl werben? Die Frage ist natürlich rhetorisch gemeint. Es ist eh jedem klar, dass ein Bioladen für die Grünen wirbt. Grün und bio gehört ja irgendwie zusammen. Der Bioladen ist die Konsumkapelle grüner Lebensart. Man kauft nicht, weil es besser schmeckt oder günstiger sättigt, sondern um ein Bekenntnis abzulegen. Wer im Bioladen kauft, glaubt, er kaufe „regional“, ohne Genetik (oder so), ohne Chemie (oder so) und irgendwie gesünder (oder so). Und lässt sich das einen Extra-Aufschlag auf den Preis kosten und findet es großartig, wenn Grüne pauschal für teurere Lebensmittel eintreten.

Im Kommunalwahlkampf in Bad Aibling ist die Verknüpfung zwischen grüner Partei und ihrem biokommerziellem Business besonders augenfällig. Der Bioladen Ährensache an der Bahnhofstraße, zentral gelegen, wirbt mit einem Plakat im Schaufenster und einem Aufsteller auf dem Bürgersteig für die Grünen und ihre Spitzenkandidatin Martina Thalmayr. Auch die Inhaberin des Geschäfts kandidiert für die Grünen um einen Sitz im Stadtrat.

Bürgermeisterkandidatin Thalmayr ist ihrerseits auch Inhaberin eines Bioladens, nämlich des Hachinger Biogwölb. Und spätestens jetzt bietet es sich an, mal genauer auf die Botschaften zur schauen, die dieser grün-biokommerzielle Komplex an Wähler und Kunden aussendet. Die erklären sich am offensichtlichsten anhand der Marken, die die Bio-Politikerinnen in ihren Läden anbieten. Dabei wird auch deutlich, dass es sich keinesfalls um eine niedliche, lokale, kleinteilige Nachbarschaftsökonomie handelt, sondern um Big Business vor allem eines internationalen Konzerns, dessen Vertriebsstellen sich nur gekonnt als niedliche, lokale und kleinteilige Nachbarschaftsökonomie verkleiden.

Veleda: germanische Seherin

Bioläden, auch der der grünen Bürgermeisterkandidatin, pflegen ein breites Sortiment der Marke Weleda. Es handelt sich um eine Marke des Erfinders der Anthroposophie, Rudolf Steiner. Der Name „Weleda“ ist germanischer Mythologie entlehnt: Steiner benannte die Firma nach der germanischen „Seherin“ Veleda. Steiner himself zeichnete auch das Logo, vermerkt die Firma Weleda auf Ihrer Website:

Rudolf Steiner hat das Logo, das bis heute verwendet wird, persönlich gestaltet. Es zeigt einen stilisierten Stab und eine aesculapianische Schlange – symbolisch und mythologisch mit Heilung verbunden. Um den Stab wird ein Spenden- und ein Empfangssymbol gezeichnet, das den medizinischen und sozialen Ansatz von Weleda symbolisiert.

Ein Dollarsymbol wäre vielleicht auch angebracht. Weleda bezeichnet sich selber als „der weltweit führende Hersteller von ganzheitlichen, natürlichen, biologischen Kosmetika sowie von Arzneimitteln für die anthroposophische Therapierichtung“. Was das in Zahlen bedeutet, findet sich in einer Presseaussendung des Weleda-Konzerns: Der Jahresumsatz belief sich im Jahr 2018 auf 412 Millionen Euro. Davon entfielen 157 Millionen Euro auf Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz.

Homöopathie

Etliche Weleda-Produkte sind homöopathisch. Weleda rühmt sich, prominent am Zentralwerk der Homöopathen mitzuarbeiten, dem „Deutschen Homöopathischen Arzneibuch“.

In einem wichtigen Durchbruch im Jahr 1976 begannen die Mitarbeiter von Weleda mit der Arbeit an den Monographien für das Deutsche Homöopathische Arzneibuch. Seitdem ist Weleda für Informationen fast aller Heilmittel in der Liste verantwortlich, die mit Mineralien, Wärme und rhythmische Behandlungen zu tun haben.

Homöopathie ist eines der großen aktuellen Streit-Themen. Dass darüber überhaupt gestritten werden kann hat mit dem Einfluss der Grünen und der grün-verbandelten Medien zu tun. Homöopathie hat keinerlei Wirkung, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Gleichwohl propagieren alle, die Geld mit Homöopathie verdienen, esoterischen Unsinn etwa vom Wassergedächtnis. Homöopathische Weleda-Produkte finden sich auch in den Bioläden der beiden grünen Aiblinger Politikerinnen. Die bayerischen Grünen befürworten mehrheitlich die homöopathische Voodoo-Medizin. Martina Thalmayr, die Bürgermeisterkandidaten, verkauft entsprechende Präparate. Meine Frage, ob sie selber daran glaubt, beantwortet sie nicht und verweist auf ihren übervollen Terminkalender wie übrigens auch zu allen anderen Fragen, um die es hier geht. Insofern gibt es zu alldem keine Stellungnahme von ihr.

Homöopathie für den kosmisch energetisierten Acker

Die Hohepriester von Biokommerz und Homöopathie treiben den Schabernack noch weiter. Nicht nur Mensch, Pferd, Hund oder Katze wollen sie mit Globuli heilen können, nein: Sie glauben sogar, sie könnten auf homöopathische Weise Ackerböden mit magischer Energie aufladen. Für biologisch-dynamische Landwirtschaft mit Demeter-Zertifikat ist nämlich folgendes zu tun (Quelle):

  • Man vergrabe im September Kuhhörner im Boden, die zuvor mit Kuhdung gefüllt wurden. Das Befüllen der Kuhhörner mit Dung zelebriere man mit Achtsamkeit als kultische Handlung – nicht, weil es dann in Realität wirken würde, sondern weil man sich dann als Druide biogrünen Lifestyles fühlen darf.
  • Im Frühjahr buddele man die Kuhhörner wieder aus und kratze den Dung in einen Wasserbottich.
  • Dann rühre man die Dungsuppe eine Stunde lang um, und zwar abwechselnd links- und rechtsherum. Eine Stunde lang! Abwechselnd links- und rechtsherum. Und dabei bitte andächtig gucken.
  • Dann ist das Präparat präpariert, mit dem das Feld energetisiert werden kann. Man bringe das links- und rechtsgerührte Wasser mit der Monate alten Kuhkacke tropfenweise auf dem Feld aus, z.B. mit einem Handfeger. Tröpfchen hier, Tröpfchen da.

Die Hohepriester fantasieren, auf diese Weise wirkten die Kräfte des Kosmos auf das Feld ein, die von September bis Frühjahr auf die vergrabenen Kuhhörner mit Kuhdung eingewirkt haben sollen. Also das Gedönse mit Planetenkonstellationen und so.

Äpfel betanzen

Man nähere sich bitte andächtig und staunend jedem Apfel im Bioladen, vor allem, wenn er einem Demeter-zertifizierten Baum entspross. Demeter ist eine weitere dieser mystisch angehauchten Bioladen-Marken aus dem Kosmos des Rudolf Steiner. Dessen heutige Apologeten veröffentlichen unter dem Stichwort „Forschung“ die umwerfende Erkenntnis, dass der Apfel nur dann biologisch-dynamisch genug heranreift, wenn er vom Biobauern angetanzt wird. Angetanzt! Kein Witz! Bäume antanzen! Das klingt exakt so bekloppt wie es ist. Aber diese Leute meinen das ernst (Quelle).

Tanja Baumgartner entwickelte dann in Zusammenarbeit mit Niklaus Bolliger zwei Behandlungsreihen mit eurythmischen Laut-, Planeten- und Seelengesten, je eine für Süße und Festigkeit. Ausgangspunkt war das Wesen des Apfelbaums, das der Demeter-Obstbauer aus seiner täg- lichen Arbeit heraus darstellte. Und aufgrund dessen Tanja Baumgart- ner nach Parallelen zu den euryth- mischen Bewegungsqualitäten suchte. Aus diesen wurden dann die Reihen zusammengestellt.

Zitat aus einer mit „Forschung“ rubrizierten Seite von Demeter

Besagte „Forscherin“ ist auf der entsprechenden Publikation auf einem Foto zu sehen, wie sie ein U vor einem Apfelbaum tanzt. Also noch einmal: Eine Frau ist zu sehen, die ein U vor einem Apfelbaum tanzt. Die anthroposophische Forschung über das Betanzen von Obstbäumen kommt – Überraschung! – zu dem sensationellen Ergebnis, dass die betanzten Äpfel süßer und fester waren als die nicht betanzten, jedenfalls „tendenziell“. Übrigens: Wir leben im 21. Jahrhundert, auch, wenn der Bioladen-Kult nach Mittelalter klingt.

Regionale Rapunzel mit Vandana Shiva

Eine weitere Erfolgsmarke der Bioläden ist Rapunzel. Das Motto: Viel Geld verdienen mit Steiner-Esoterik plus regionalem Anbau plus Fairtrade plus Vandana Shiva. Vandana wer?

Vandana Shiva gehörte zu den Stars eines „One World Festivals“, das die Marke Rapunzel 2017 veranstaltete. Shiva ist Trägerin des alternativen Nobelpreises, Kämpferin gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft und eine Ikone der Szene. Dort, wo sie herkommt, in Indien, ist Shiva freilich schwer umstritten. Indische Landwirte rebellieren offen gegen sie und gegen den bis in die indische Politik gesickerten Öko-Fundamentalismus – und bauen trotz strikten Verbots genmodifizierte Baumwolle an. Das erspart ihnen und der Natur tonnenweise Insektengift. Und es kostet die Bauern auch viel weniger, weil die steile Behauptung der Gentechnik-Gegner, Konzerne wie Monsanto würden mit Patenten die Bauern versklaven, schlicht falsch sind. sie werden zwar unablässig wiederholt, aber sie sind falsch.

Richtig ist, dass die Marken, deren Produkte Aiblinger Grünen-Politikerinnen führen, diese Unwahrheiten weiterverbreiten, aufwändige Veranstaltungen inszenieren, umstrittene Figuren wie Vandana Shiva fördern und teure Propaganda veranstalten, weil der Verkauf ihrer Produkte entsprechende Umsätze generiert, mit denen strategisch das Feld der Meinungsbildung beackert werden kann.

Indische Bauern demonstrieren für das Recht, gentechnisch behandelte Baumwolle anbauen zu dürfen

Zugleich verwendet Rapunzel beim Umgang mit international produzierten Erzeugnissen das Label Fairtrade. Das erscheint dann wohl etwas selbstgerecht. Indische Bauern dürften Rapunzels zugleich grüne und profitable Ideologie nicht besonders fair finden.

Antisemitismus, Rassismus, Nationalsozialismus

Ein paar Worte zur Ideengeschichte und vor allem zur von Steiner und seinen Apologeten vertretenen biologisch-dynamischen Landwirtschaft: Die hat ihre Ursprünge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zur damals heftig einsetzenden Industrialisierung und Globalisierung. Die Themen – Regionalismus statt Globalisierung, Absage an technischen Fortschritt, Skepsis gegenüber Wissenschaft und Aufklärung – waren im Grunde dieselben wie heute.

Eine weltweite Ikone der Bewegung war Helena Petrovna Blavatsky. Diese Frau begründete die Theosophie, eine vermeintliche Lehre, die sich zwischen Theologie und Philosophie bewegen und die Welt erklären sollte. Tatsächlich ist Blavtatskys Werk nur verschwörungstheoretisches Geraune, basierend auf der Idee, der Mensch habe sich aus einer Wurzelrasse entwickelt. Überhaupt geht es bei Blavatsky vor allem um menschliche Rasse, weshalb Rassisten aller Art sich bei ihr bedienten.

Blavatsky wiederum war Vordenkerin von Rudolf Steiner, der ihre Theosophie für bare Münze nahm und daraus seine Anthroposophie strickte. Steiner schwebte eine deutsch-nationale Mystik vor, die sich ähnlich anfühlen sollte wie der asiatische Buddhismus. Steiners sogenannte Lehre ist nicht weniger bescheuert wie Blavatskys, nur länger, ausschweifender und kommerziell bis heute viel erfolgreicher – wie sich an den Regalen der Bioläden in Aibling und Oberhaching besichtigen lässt. Außerdem war Steiner Antisemit.

Bio-Kräuter für Nazi-Bonzen aus dem KZ

Steiner verknüpft in seinem Werk auch Ideen der sogenannten Lebensreformer mit seinem Konvolut. Daraus stammt das Konzept des biologisch-dynamischen Landbaus. Wie gut der Mann damit das deutsche Nationalistenwesen traf, erwies sich unter der NS-Herrschaft. Vor allem die germanisch-heidnisch infizierte SS stand auf Steiners Thesen.

In der Gedenkstätte des KZ Dachau gibt es einen biologisch-dynamischen Kräutergarten. Der ist mitnichten eine Marotte grün-bio-gesinnter Gedenkstätten-Mitarbeiter, sondern ein Überbleibsel der biologisch-dynamischen Landwirtschaft um das KZ. Juden, Sinti und Roma beackerten als Arbeitssklaven die Felder nach Demeter-Regeln und lieferten Kräuter und Gemüse an die Küchen von Heinrich Himmler und anderen Nazi-Bonzen. Nebenbei: Dass so ziemlich jede Schulklasse Bayerns Dachau besucht und dennoch praktisch niemand diesen Teil der Dachau-Historie kennt, ist erschreckend. Machen die – Lehrer, grün gesinnt? – alle die Augen zu, wenn der Bio-Kräutergarten ins Blickfeld rückt?

Die grüne Partei hat immerhin vorübergehend den Versuch unternommen, diesen ekelhaften, braunen Teil ihrer Ideengeschichte aufzuarbeiten. Das war zu der Zeit, als in Berlin Ralf Fücks die parteieigene Böll-Stiftung leitete. Besonders populär war das in der Partei und der angeschlossen Bio-Kommerzialität freilich nie. Denn die basierte immer darauf, die für deutsche Seelen gemachte Steinersche Esoterik politisch wie kommerziell nutzbar zu machen.

In Oberbayern ist das leider teils erfolgreicher gelungen als anderswo. Hier ist beispielsweise auch die Impfquote bei Masern so niedrig wie nirgendwo sonst in Deutschland. Grüne Ideologie, Weleda- und Demeter-Konsum und Impfgegnerschaft gehen aber Hand in Hand. Ähnliche Vorlieben finden sich in Nazi-Mileus, übrigens ganz besonders in der Szene um den NSU. Grüne und Braune mögen sich spinnefeind sein, aber ideengeschichtlich verbindet sie mehr, als vor allen den Grünen lieb ist.

Von Bürgermeisterkandidatin Martina Thalmayr wollte ich u.a. wissen, wie sie selber zum Impfthema steht. Aber auch für die Antwort auf diese Frage reichte ihre Zeit nicht aus. Sie ignorierte sie in ihrer Antwort-Mail vollständig.

Erst vor ein paar Tagen galten Prepper noch als rechtsextrem. Sie horteten nicht nur Essbares, um für den Tag X vorbereitet zu sein, sondern auch Waffen, enthüllten Medien. Sie wappneten sich für den Bürgerkrieg gegen Migranten und Muslime. Sie vernetzten sich übers Internet. Sie trainierten wehrsportartig den Ernstfall. Der Grüne Konstantin von Notz forderte schärfere Überwachung der Prepper-Szene. Aber seit dem 29. Februar 2020 würde das heißen: Verfassungsschützer in die Supermärkte. Denn der 29. Februar 2020 ist der Tag, an dem Deutschland Prepper wurde.

„Wir hatten heute Umsätze wie sonst nur vor den Weihnachtstagen“, sagt mir eine Verkäuferin in einem Lidl-Supermarkt. Im Edeka, nicht weit entfernt, schleppt ein kräftiger Mitarbeiter palettenweise Dosen mit eingelegten Früchten heran. „Die Leute sind verrückt geworden“, sagt er, „aber für uns ist es gut. Der beste Umsatz bisher in diesem Jahr.“

Am Brotstand sagt eine Frau, ein Verwandter habe Geburtstag, sie habe eigentlich einen Kuchen backen wollen. „Aber es gab kein Mehl mehr. Können Sie sich das vorstellen? Kein Mehl mehr in einem Supermarkt!“ Das gab es in Deutschland vermutlich zuletzt in der DDR und in Oberbayern, wo ich mich jetzt befinde, zuletzt kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Und eben jetzt, wo die Corona-Panik grassiert.

Auch ich beginne, mich zu fürchten. Das erste Mal übrigens, das ein politisch-gesellschaftliches Thema mich ernsthaft besorgt, ich verspotte die deutsche Angst sonst immer. Und auch diesmal fürchte ich nicht das eigentliche Sujet, sondern den deutschen Umgang damit. Nicht die Corona-Viren finde ich erschreckend, sondern die Reaktion der deutschen Medien, der deutschen Regierung und folgend des deutschen Volkes.

Corona ist beileibe keine neue Pest oder so etwas wie Ebola. Sie könnte zwar tödlicher sein als die Grippe, aber sie ist viel weniger gefährlich als Vogelgrippe. Corona ist ansteckender als die Grippe, aber viel weniger ansteckend als die Masern. Gehören eigentlich Masern-Impfgegner jetzt auch zu den neuen deutschen Preppern? Corona könnte auch schon längst überall angekommen sein.

Die meisten Infizierten haben keine oder nur leichte Symptome. Den meisten tut das Virus offenbar nichts oder nicht viel. Wer das genauer wissen will, sollte diesen Schweizer Artikel lesen. Er besagt im Ergebnis, dass Du und ich wahrscheinlich bald das Corona-Virus haben werden, dass wir aber voraussichtlich nicht besonders krank werden oder gar nicht.

Insofern klingt es verrückt, wenn die Politik überall Quarantänen ausruft und glaubt, sie könne die Ausbreitung von Corona noch verhindern. Denn das kann sie offenbar schon lange nicht mehr. Aber gut, es ist der Staat mit dieser Groko und dieser Kanzlerin. Sie werden wohl – wie üblich – bis zum letzten Atemzug an ihrer Vision der Eindämmung festhalten und erst dann auf Symptombehandlung umschalten, wenn die in der Realität längst stattfindet. Das Land und das Volk werden nicht dank, sondern trotz der Groko überleben.

Und trotz der Medien, die das Preppertum ansatzlos aus der Naziecke heraus- und in die Serviceecke hineinmanövrieren. Was gestern noch den Verfassungsschutz beschäftigen sollte, ist heute urplötzlich vorbildlich? Es verschlägt einem den Atem, mit welchem Tempo Medien eine irrationale Marotte für vernünftig erklären, die gleichwohl eine verrückte Marotte bleibt. Wie bedenkenlos Medien schlimmeren Mist schreiben als jedes unkuratierte wilde „Internet“.

Sie verdrehen dafür eine Empfehlung des Bundesamtes für Zivilschutz geradewegs in ihr Gegenteil. Die nämlich hat mit Corona absolut nichts zu tun, sondern eher schon mit den Folgen eines großen Stromausfalls. Ein Blackout hätte – anders als Corona – wirklich katastrophale Folgen. Das hat vor etlichen Jahren der Bundestag untersuchen lassen. Die entsprechende Studie kann jeder nachlesen. Nach wenigen Tagen wäre die Zivilisation zerbrochen. Dass die Groko gleichwohl zugleich Kohle und Kernkraft abschaffen will, kann man von daher nur als bekloppten Wahnsinn bewerten, aber das ist ein anderes Thema.

Wirklich angsteinflößend ist aber, wie viele Menschen solchem Unfug gehorchen. Wie leicht sich der Deutsche manipulieren und einschüchtern lässt. Wer wegen medialen und politischen Blödsinns die Supermärkte stürmt, der macht auch anderen Blödsinn, wenn man ihm das befiehlt. Wo sind Verstand und Zivilcourage hin? Zivilcourage wäre, sich über hyperventilierende Medien und Behörden zu amüsieren und weiterzumachen wie immer.

Warum verhalten sich Politiker und Chefredakteure so verantwortungslos? Diese Hochwohlgeborenen, die glauben, sie müssten den von ihnen als dumm angesehenen Normales korrektes Verhalten vorschreiben? Ausgerechnet die, die in anderen Kontexten reden, sie hätten sich zurückzuhalten, weil sie sonst das Volk beunruhigen würden? Etwa, wenn es darum geht, die Herkunft von Straftätern zu benennen? Die aber jetzt hemmungslos Panik schüren.

Wahrscheinlich ist das nur Feigheit. Wenn die Meute losrennt, dann will man unbedingt dabei sein. Wenn alle Panik schreien, dann schreit man halt ebenfalls Panik. Denn wenn alle Panik schreien, dann wird ja wohl was dransein. Dann wird auch nicht mehr nachgedacht. Dann wird einfach nur noch funktioniert. So ist es immer wieder, und so ist es auch hier. Deutsche sind gern verhaltenskonform. Je höher gestellt sie sind, desto konformer wollen wie in der Masse aufgehen.

Und das ist verstörend. Hier hat die Meute das Nazi-Thema Prepperei zum Thema der vermeintlichen Vorsorge gemacht. Wenn das mit der Prepperei so funktioniert, dann funktioniert es auch mit anderen Themen. Dann ist das ganze „Nie wieder“-Gerede nichts wert.

Dann zeigt schon das bisschen Corona, wie dünn die gern zitierte Fassade der Zivilisation ist. Dann mag man sich nicht vorstellen, was los ist, wenn es mal wirklich ernst wird.

Der Modus Vivendi ist mal wieder derselbe wie bei anderen rechtsextrem motivierten Terroranschlägen. Ein Einzeltäter besorgt sich eine Waffe und ermordet Menschen, die er anhand eines rassistisch gestrickten Rasters auswählt. Er hinterlässt eine Art Erklärung, Vermächtnis, Manifest, Theorie, Begründung, Rechtfertigung oder wie man das sonst nennen möchte. Er hat seine Tat – vermutlich – im Alleingang geplant und ausgeführt. Und er war – vermutlich – gleichwohl in ein gedankliches Netz eingebunden, in das auch der NSU gehörte, der Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke, der Münchner OEZ-Attentäter David Sonboli, der Norweger Anders Breivik und weitere quer über den Globus.

Wo das Konzept des „führerlosen Widerstands“ seinen Anfang nahm, ist nicht eindeutig zu beantworten, aber vermutlich darf der US-Nazi William Pierce (Foto) als Erfinder und Inspirator gelten. Pierce verfasste einen Roman, in dem der Held als einsamer Wolf ebenfalls mordend herumzieht. Der Held gründet mit wenigen Getreuen eine kleine Zelle, die eigenständig agiert. Im Laufe der Zeit finden sich die Zellen zu einer großen Armee zusammen. Die Armee kann sich Atomwaffen beschaffen. Mit denen zerstört sie dann die beiden Zentren von „ZOG”. ZOG steht für Zionist occupied government, also quasi die jüdische Weltverschwörung. Die beiden Zentren von „ZOG“ sind für Pierce New York und Tel Aviv. Als diese beide Städte und große Flächen der Welt verwüstet sind, ist der Krieg gewonnen. Die Menschheit ist zwar enorm dezimiert, aber sie kann in einer Katharsis neu, weiß, ethnisch rein und ohne dunkelhäutige Mitmenschen von vorn beginnen.

Spätestens seit dem NSU-Prozess ist dieses Konzept jedenfalls denjenigen bekannt, die sich halbwegs ernsthaft mit dem Stoff beschäftigt haben. Der Pierce-Roman fand sich auf den Computern der NSU-Terroristen und bei praktisch jedem aus der engeren oder weiteren Unterstützerszene. Die Thüringer Neonazis Tino Brandt und Hendrik Möbus und der sächsische „Hammerskin“ Mirko Hesse kannten Pierce persönlich. Hesse, weil seine Gruppe enge Bindungen in die USA unterhielt. Möbus, weil er vor der deutschen Justiz in die USA floh und Hesse ihm den Kontakt zu Pierce anbahnte. Brandt, der auf Kosten von Pierce eingeflogen wurde, um als Leumundszeuge die Ausweisung Möbus’ nach Deutschland zu verhindern (was aber nicht klappte). Alle drei, Brandt, Möbus und Hesse, pflegten auf diese oder jene Weise Verbindungen zum NSU (auch, wenn Möbus versuchte, mir zu verbieten, derartiges zu behaupten, dabei aber leider auf die große Klappe fiel).

William Pierce starb zwar im Jahr 2002, aber seine Idee scheint noch ziemlich lebendig zu sein. Das ist insofern teuflisch, als niemand wissen kann, wie viele führerlose, bewaffnete Widerständler noch so unterwegs sind. Man weiß es einfach nicht. Man kann es auch nicht herausfinden. Die einschlägigen Szenen sind für diese Sorte Anschlag wenig relevant. Es gibt keine Zugänge für Geheimdienste oder Polizei, weil diese Leute sich nicht auf systematisch auswertbare Weise verbreiten. Der eine schreibt absonderliche Dinge in ein Blog, der nächste produziert schräge Videos, wieder einer chattet in Spieleforen, der nächste plaudert mit Kollegen. Als einzige halbwegs belastbare Gemeinsamkeit mag durchgehen, dass diese Sorte Täter fast immer männlich ist und auf die eine oder andere Weise als verhaltensauffällig gelten kann. Der Hanauer Attentäter lebte als 43-Jähriger noch bei seiner Mutter. Aber daraus ergeben sich keine Ansätze, solche Leute im Vorhinein zu identifizieren.

In Deutschland gab es eine ähnliche Konstellation auch schon mal von links, nämlich mit den Revolutionären Zellen (RZ). Wikipedia definiert die RZ fälschlich als „Terrorgruppe“, erklärt dann aber doch zutreffend, dass deren „Mitglieder“ sich nach außen nicht zu erkennen gaben, normale Berufe hatten, dezentral agierten und sich als „Feierabend-Terroristen“ verstanden. Die RZ verbreiteten ein ähnlich mulmiges Gefühl wie es die führerlosen Widerständler rechts heute zu verbreiten trachten. Staat und Gesellschaft sollen sich hilflos fühlen. Niemand soll wissen können, wer wann wo gegen wen zuschlagen könnte.

Kurzfristig und taktisch ist dagegen wohl kaum etwas zu machen. Anders sieht es wohl aus, wenn es um die strategische, langfristige Bekämpfung dieser Form des Terrorismus geht. Die RZ gaben auf, als sie das Gefühl hatten, um sie herum finde sich keine Szene mehr, die sie für geistigen Rückhalt brauchten. Das Gefühl, sich ausgeliefert zu fühlen, drehte sich auf sie. Sie mussten mehr und mehr fürchten, ihre Ideen könnten sie verdächtig machen. Es gab immer weniger Freunde, mit denen man wenigstens abstrakt über die Möglichkeit von Gewalt sprechen konnte.

Dieser Sumpf existiert dagegen derzeit auf der rechten Seite. Die allgemeine Unzufriedenheit mit Staat und Medien, die Hinnahme offensichtlicher Widersprüche, eine Art Endzeitgefühl zum Ende der Groko- und Merkel-Ära schafft den Rahmen.

Auf der rechten Seite zeichnet sich der Staat zudem durch veritables, strategisches Dauerversagen aus Gründen der staatstragenden Gesichtswahrung aus. Die Bundeskanzlerin versprach nach dem Auffliegen des NSU rückhaltlose Aufklärung und sah dennoch zu, wie ihre eigene Behörde Bundesverfassungsschutz dafür notwenige Akten schredderte. Ich hörte von Warnungen ausländischer Dienste, die das Bundeskanzleramt brüsk ausgeschlagen haben soll. Dass ein hessischer V-Mannführer während eines der NSU-Morde in Kassel zeitgleich oder annähernd zeitgleich am Tatort war führte zu beschämend lächerlichen Konsequenzen. Bis heute beschäftigt der Bundesverfassungsschutz einen Mann, der die Szene um den NSU von Anfang an genau kannte und die Berichte der Landesämter dazu sammelte.

Hinzu kommt die staatstragende Bräsigkeit eines wesentlichen Teils der deutschen Medien. Nach dem Hanauer Anschlag fehlt es an der Schärfe der Analyse, basierend auf Faktenwissen. Stattdessen debattieren Kollegen um die Zulässigkeit dieser oder jener Adjektive in journalistischen Texten zu Hanau. Schreiben wir fremdenfeindlich oder rassistisch? Der Nachrichtenchef der dpa verfasste dazu auf Twitter sogar einen ganzen Thread.

Wie wäre stattdessen mal eine Debatte über ausreichend finanzierte, tiefschürfende und skrupellose Recherche zu hintergründigen Fakten? Statt einer Debatte über Adjektive, die in journalistischen Texten ohnehin fast immer deplatziert sind?

Wie wäre es, weniger aus Presseverlautbarungen von Behörden zu schöpfen statt aus Akten, die die Behörden zu verschließen trachten?

Aber das ist vermutlich ein frommer Wunsch. Es wird weitergehen wie immer. Es wird einen Wettbewerb um die schönsten Empörungs-Floskeln geben, aber keinen Wettbewerb um die klarsten Perspektiven.

Bild: Robert Hartnell/Wikipedia CC BY-SA 3.0

Manchmal genügt eine Kleinigkeit und ein System kracht zusammen. Niemand versteht dann, wie es passieren konnte, dass ein für sich genommen minimales Ereignis so eine große Wirkung entfaltet. Als Beispiel der jüngeren deutschen Geschichte gilt der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. Es gab damals eine Erhöhung der Arbeitsnorm. Für sich genommen kein Grund, gleich den ganzen Staat kippen zu wollen. Und doch ging es den protestierenden Arbeitern genau darum, und genau darum konnten nur russische Panzer die SED (umbenannt in Linkspartei) an der Macht halten.

Und jetzt also die Affäre #Umweltsau. Ein im linksgrün-missionarischen Zeitgeist produziertes Kinderliedchen, publiziert von einer dieser schon lange unter Kritik stehenden öffentlich-rechtlichen Anstalten, die sich schon lange als Teil der linksgrünen Mission verstehen, hat plötzlich alle Schleusen geöffnet.

Es geht nicht um Oma. Es geht um alles.

Die Kritiker behaupten, es gehe ihnen um ihre Omas. Das ist natürlich Quatsch. So könnten nur Leute pseudoargumentieren, die sich bei jedem nicht von der Goldwaage fallenden Wort berufsbeleidigt fühlen. Also Gender-Gagas, militante Müslis und andere Links- und Rechtsidentitäre. Aber die meisten Kritiker sind normale Menschen, die normalerweise eben nicht berufsbeleidigt sind, sondern eher mal alle Fünfe gerade sein und leben und leben lassen.

Warum also reihen sich jetzt auch normale Leute bei den Oma-Empörten ein und benehmen sich wie sonst nur die Angehörigen der populistischen Megasekten? Ganz einfach: Die Oma-Emörung gibt ihnen die Gelegenheit, das Fass aufzumachen, das schon lange bis zur Oberkante voll ist. Die Gelegenheit, die identitären Wortklauber mit der eigenen Waffe zu packen, indem man so tut, als werde die Oma beleidigt, was aber nicht der Fall ist, sich als Empörungsmuster aber anbietet, um das System des öffentlichen Rundfunks mit all seinen Begleiterscheinungen aufs Korn zu bekommen.

Dass das mal so kommen musste, kann eigentlich niemanden überraschen, der sich außerhalb der Blase der ÖRR-Redakteure, Intendanten, Rundfunkräte, Staatskanzleien und Ministerpräsidenten bewegt, derjenigen also, die höchst auskömmlich vom System leben und zu wesentlichen Teilen ihre Macht darauf gründen.

Die Büchse der Pandora bleibt gefälligst zu!

Seit Jahrzehnten steht dieses System in der Kritik. Zu groß, zu aufgebläht, zu teuer. Mit einer Mitarbeiterbasis, die besser abgesichert und besser versorgt ist als die ohnehin perfekt abgesicherte und versorgte Beamtenkaste.

Seit Jahrzehnten ist die Rede davon, das System müsse schlanker werden und Prioritäten setzen. Doppel-, Dreifach- oder Vierfachversorgung abschaffen. Wer durch das Rhein-Main-Gebiet fährt, kann problemlos auf den immer gleichklingenden Wellen von SWR, HR, MDR, WDR und BR landen. Es gibt vereinzelte Ecken in Thüringen, da empfängt man Wellen des Bayerischen Rundfunks und des Norddeutschen Rundfunks gleichzeitig. Das ist irre. Das weiß auch jeder.

Aber die, die da zusammen im selben Boot sitzen – Redakteure, Intendanten, Rundfunkräte, Staatskanzleibeamte, Ministerpräsidenten, ach ja: die Medienpolitiker der Landesparlamentsfraktionen – wagen in Wahrheit nicht mal einen Anflug ernsthafter Reformdebatte. Ihre Angst ist viel zu groß, sie könnten damit die Büchse der Pandora öffnen.

Also simulieren sie seit Jahrzehnten sogenannte Reformdebatten, mit dem Ziel, nichts zu tun. Alles zu lassen, wie es ist.

Zum Status Quo gehört der ewige Wildwuchs

Und alles so lassen, schließt ein, das wilde Wuchern des System zu befördern, denn das wilde Wuchern des Systems gehört zum Status Quo. Und der Status Quo einschließich Wildwuchs-Lizenz ist der Kaste heilig.

Natürlich weiß auch jeder, dass das nicht ewig so weitergeht. Dass der Tag kommen wird, an dem sich die Debatte nicht mehr stoppen lassen wird. So, wie 1953 die Arbeiter in der DDR regelrecht entfesselt alles auf den Tisch packten, was ihnen am System nicht passte, einfach deshalb, weil der Protest gegen eine vergleichweise Lappalie sie in Schwung brachte.

Es könnte also sein, dass die Affäre #Umweltsau trotz ihrer eher geringen Substanz genau dieses Momemtum auslösen könnte. Die Debatte hochbringen, die die Kaste um jeden Preis verhindern will.

Oder es gelingt der Kaste auch dieses Mal, die Debatte wieder ohne Konsequenz abzuräumen. Dann kommt sie eben irgendwann wieder auf. Und einmal wird es dann so weit sein, dass es sich nicht mehr stoppen lässt. Und diesen Tag muss die Kaste wirklich fürchten. Denn sie hat über die Jahrzehnte ein derart vertracktes System errichtet, dass sie sich wirklich vor einem Zusammenbruch fürchten muss.

Will keiner offen sagen, ist aber so: Eigentlich wollen sie das halbe Internet unter die ÖR-Knute zwingen

Wussten Sie z.B., dass in Bayern Rundfunk per Landesverfassung ausschließlich nur von öffentlich-rehtlichen Anstalten angeboten werden darf? Richtig gelesen, das steht da im Artikel 111a. Der stammt aus dem Jahr 1979. Damals malten CSU, SPD, Bayerischer Rundfunk, Gewerkschaften und alle anderen, die dazugehören, den Teufel der Pornografisierung der Medien an die Wand, sollte je privates Fernsehen in Deutschland auf Sendung gehen. Damit schufen sie ein gesellschaftliches Klima, das dem ähnelt, was wir heute mit der Klimadebatte erleben.

Derzeit diskutiert die Kaste, wie sie möglichst große Teile des Internet unter den Rundfunkbegriff zwingen kann. Dass damit auf breiter Front Medienangebote unter die Lizenzknute getrieben werden, was definitiv ein Zeichen autoritärer Regierungsführung ist, ist nur die eine, offensichtliche Seite. Die andere, viel tiefgreifender, ist eben das bayerische Verfassungsgebot der öffentlich-rechtlichen Trägerschaft für Rundfunkangebote.

Je länger sie die Debatte aufschieben, desto heftiger wird sie enden.

Wenn die Ministerpräsidenten, Intendanten, etc. sich 2020 mal wieder durchsetzen, dann könnten sie das halbe Internet einfach mal so für unzulässig erklären, außer, es schlüpfte unter ein öffentlich-rechtliches Dach. Das will natürlich zum Verrecken niemand offen debattieren. Wenn es so kommt, dann soll es – wie üblich – so aussehen, als sei das halt versehentlich so, weil ein Herrgott es irgendwie vom Himmel fallen ließ.

Themen wie dieses lauern unter der Oberfläche. Eine kleine Affäre wie die der #Umweltsau könnte die Phrasen-Tarnung enthüllen, die die Kaste bisher darauf deckt.

Aber die Heftigkeit, mit der die #Umweltsau beim WDR einschlug, dürfte die Damen und Herren alarmiert haben – und die Kritiker motivieren, fortzufahren.

Denn die Debatte ist überfällig. Seit Jahrzehnten. Und je länger sie noch verschoben wird, desto offensichtlicher und tiefer werden die Widersprüche, desto schwieriger wird es, sie zu überdecken und desto heftiger wird es am Ende ausgehen.

Und die Debatte dreht sich irgendwann auch nicht mehr um die Frage, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu reformieren wäre, sondern ob seine Reform überhaupt möglich ist oder ob er nicht komplett abgeschafft werden müsste.

Wenn es nicht jetzt schon zu spät ist.

Foto: Yucel Moran on Unsplash

Die Welt ist keineswegs kaputt. Die Welt ist schön. Das Leben ist lebenswert. Und wer etwas anders behauptet, der lebt in einer Scheinwelt. Die Welt geht auch nicht morgen unter. Voraussichtlich auch nicht nächstes Jahr. Auch 2020 werden wir wieder Weihnachten feiern. Und wohl auch 2021. Und lange danach auch noch. Und immer wird es geben, was es unter Menschen immer gab: Zukunft und Hoffnung.

Ist es nicht verrückt? Einerseits malen Klima-Apokalyptiker den kurz bevorstehenden Zusammenbruch unserer Gesellschaften an die Wand und propagieren ein Leben als Selbstversorger in sektenartigen, bewaffneten Gemeinschaften – eine Art Artamanentum, nur eben nicht öko-nazistisch, sondern öko-links.

Aber andererseits erforschen Wissenschaftler, wie Menschen immer älter werden können, womöglich 1000 Jahre alt.

In beiden Fällen berufen sich die Akteure auf „die Wissenschaft“ oder sind selber Wissenschaftler. Im einen Fall aber als Propheten des nahenden Untergangs, im anderen als Verkünder von Hoffnung.

Wer hat recht?

Schwer zu sagen. Niemand kann in die Zukunft sehen. Schon möglich, dass die heutigen Apolyptiker recht haben, die sagen, in 12 Jahren sei es vorbei mit dem Leben auf der Erde, zumindest dem, das wir bisher kannten.

Aber das wäre eine handfeste Überraschung. Denn in der bisherigen Menschheitsgeschichte haben sich noch alle Untergangspropheten getäuscht und zumeist als Scharlatane entpuppt.

Im christlichen Abendland sind Endzeit-Entwürfe fester Bestandteil der Ideengeschichte seit dem Mittelalter. „Das Ende von Welt und Zeit trieb die Menschen des Mittelalters wie kein anderes Thema um“, schreiben die Regensburger Historikerinnen Susanne Ehrich und Andrea Worms.

Daran hat sich wohl weniger geändert als man angesichts der Aufklärung erwarten dürfte. Die düsteren Voraussagen des Club of Rome aus dem Jahr 1972 über die „Grenzen des Wachstums“ erwiesen sich beispielsweise allesamt als falsch, darunter die als wissenschaftliche Tatsache behauptete Annahme, ab dem Jahr 2000 seien sämtliche Ölquellen der Erde ausgebeutet.

Allerdings schaffte es der Club of Rome, seine Absonderlichkeiten im politischen Raum zu popularisieren. Das gelang besonders gut in Deutschland. Die 1970er Jahre waren die Zeit nach der linken Studentenrevolte, als sich die Protestbewegungen formierten und dann 1980 die grüne Partei gründeten. Angst vor der Apokalypse stand von Anfang an im Mittelpunkt der Programmatik, woran sich bis heute nichts geändert hat.

Die Geburt Jesu ist dagegen Ausdruck von Hoffnung. Also: Optimismus. Was spricht dagegen, dass der Mensch auch diesmal einen Ausweg findet?

Natürlich nichts.

Weihnachten steht für Hoffnung und Neubeginn.

In diesem Sinn: Fürchtet Euch nicht. Frohe Weihnachten und ein tolles Jahr 2020.

Boom! Die Konservativen haben in der britischen Unterhauswahl eine satte absolute Mehrheit erobert. Niemand, der sich nicht lächerlich machen will, kommt an der Erkenntnis vorbei, dass der Brexit dabei eine Rolle spielte. Und Boris Johnson, der den Brexit durchziehen will. Der das bisher nicht geschafft hat, weil in allen Parlamentsfraktionen Bedenken laut wurden. Der gar eigene Parteifreunde aus dem Kreis der Konservativen feuerte, weil auch die von seiner klaren Linie abwichen.

Die Berichterstattung in deutschen Medien ist dieses Mal immerhin nicht ganz so grauenerregend wie nach der Wahl von Donald Trump. Die hatten ja alle mehr oder weniger für ausgeschlossen gehalten. Hillary Clinton war deutliche Favoritin, weil: links und weiblich. Die Amerikaner wählten – unerklärlich für Politik- bis Feuilletonredaktion – rechts und männlich. Für Britannien war im Vorfeld dieses Mal auch deutschen Leitmedien klar, dass Johnson wohl gewinnen würde.

Dass die Wahl dann hinterher mit Aussagen wie der kommentiert wurde, Johnson sei nur deshalb gewählt worden, weil Corbyn so unbeliebt sei, ist dann einfach nur langweilig, weil erwartbar.

Überraschend wenige auch, die sich über das britische Mehrheitswahlrecht mokierten oder sonst die demokratische Legitimation der Britenwahl oder die demokratische Gesinnung Johnsons bezweifelten. Das hatten wir auch schon schlimmer, mit Ausnahme dieser rothaarigen Staatspolitologin, die in einem Tweet die Wahl in UK mit Hitlers Machtergreifung 1933 gleichsetzte.

Sie löschte ihren Tweet zwar am nächsten Morgen, aber das war zu spät. Sie hatte blicken lassen, was sie wirklich so denkt. Und ich denke, dass sie nicht die einzige ist, die so denkt. Und genau hier liegt ein massives Problem.

Das Volk ist für den Brexit.

Demokratischer als die Briten ihren Exit beschlossen kann man schlechterdings nichts Wichtiges beschließen.

Es begann mit einer Volksabstimmung. Eine Volksabstimmung ist für einen demokratischen Staat, in dem das Wahlvolk der Souverän ist, eine angemessene Methode. Die Volksabstimmung ging knapp zugunsten des Brexit aus. Die Gegner dieser Entscheidung, vor allem in Deutschland, verwiesen permanent auf den knappen Ausgang – um was damit zu sagen? Dass bei knappen Abstimmungen die Minderheit zum Sieger zu erklären wäre?

Anschließend gab es endlose Debatten, die letztlich immer nur ein Ziel hatten: Den Volkswillen umzudeuten und auszuhebeln. Fristverlängerungen, harter oder weicher Brexit, Backstop – klar, da sind viele schwierige Details zu klären. Aber keines dieser Details steht für die Mehrheit über der großen Entscheidung, nämlich, dass Britannien die EU verlasse.

In deutschen Medien herrschte stets ein anderer Eindruck vor. Da las es sich immer irgendwie, ein Brexit sei technisch gar nicht möglich. Das Volk sei belogen worden. Es sei Populisten auf den Leim gegangen. Es sei nicht bei Sinnen gewesen.

Das Volk ist immer noch für den Brexit.

Also tat Johnson am Ende was? Er rief zu Neuwahlen. Es gehört zu den Besonderheiten der britischen Demokratie, dass er das nach Gutdünken darf. Alle Premiers dort terminieren Wahlen so, dass sie günstig für sie liegen. Das ist die Spielregel. Die gilt für alle.

Jetzt haben wir also zwei Volksentscheidungen zum Brexit: Eine, die die Gesamtzahl der britischen Wähler vermessen hat und eine, die die Wahlkreisvoten im Mehrheitswahlrecht spiegelt.

Beide kommen zum selben Ergebnis. Das lautet: Die Briten wollen den Brexit.

Das Volk kennt jetzt jeden Einwand, ist aber trotzdem immer noch für den Brexit.

Sie wollen ihn auch, nachdem sie jahrelang belehrt wurden, sie könnten beim Referendum kollektiv benebelt gewesen sein. Sie wollen ihn, obwohl sie in deutschen und anderen Medien für dämlich und beschränkt erklärt wurden. Nachdem man ihnen vorgehalten hat, was sie an Einzelheiten alles übersehen haben könnten. Kein Brite dürfte jetzt noch unaufgeklärt gewählt haben. Kein Brite konnte sich dieser jahrelangen Debatte entziehen. Und doch: Die Mehrheit will immer noch raus aus der EU.

Was eine unangenehme Frage an die deutschen Medien aufwirft, vor allem die öffentlich-rechtlichen Leitmedien mit ihrer massiven Meinungsmacht: Wo, liebe Kollegen, habt Ihr Euren demokratischen Kompass versteckt? Warum lese ich nur solchen Quatsch wie den über Johnsons und Corbyns mutmaßliche Unbeliebtheit? Und könnt Ihr verstehen, wenn das Ausblenden der demokratiepolitischen Komponente aus Kommentaren, Analysen und leider auch Meldungen ein bisschen verstörend ist?

Man sieht es an der völlig verunglückten Berichterstattung nach dem „Tod eines Feuerwehrmanns“ in Augsburg. Man sieht es täglich bei Berichterstattung über Gewalt. Der deutsche Journalismus hat sich über die Jahre in eine masochistische Berufsethik hineingesteigert. Die bringt gut gemeinten, aber in Wahrheit abstoßend zynischen Relativismus hervor. Parolenhaftes Denken: Dieses oder jenes können wir nicht berichten, das würde ja den Rechten Vorschub leisten. Das fällt wörtlich so in Diskussionen in Redaktionen: Vorschub leisten. Welcher normal denkende Mensch redet so?

Auch, wenn viele Kollegen so tun, als sei das ein jüngerer Trend: Ich kenne die Debatten in den Redaktionen seit Ende der 1990er Jahre. Damals war es noch üblich, die Vornamen und Nachnamens-Initiale von Verdächtigen zu nennen, ebenso Alter und äußerliche Merkmale oder Herkunft. Ob das immer nötig war, hat niemand hinterfragt. Das ist die große Gemeinsamkeit zu heutigen Verhältnissen: Irgendein Gott schleudert eine Steintafel / eine Scharia / ein Manual vom Olymp / Berg Sinai / aus Walhalla. Der deutsche Leitjournalist ist gläubig und folgt eifrigst.

Deusche Journalisten fürchten nichs mehr als sich mit vermeintlich dummen Fragen zu blamieren.

Zu Augsburg hat Thomas Fischer ein paar kluge Gedanken geäußert, die nur Trottel für zynisch halten können. Schwer geärgert habe ich mich gleichwohl, aber nicht über Fischer, sondern darüber, dass er mit der Beschreibung von Journalisten leider recht hat.

Auf der Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft, live übertragen von der ARD, habe kein einziger Kollege die naheliegenden Fragen gestellt, kritisiert Fischer.

Wie ist der Tatvorwurf des Totschlags begründet und wie die Beihilfe für die anderen? Was genau ist da eigentlich passiert? Was wissen die Ermittler, was (noch) nicht? Eigentlich ist das nicht so schwer.

Schwer ist es nur deshalb, weil das Thema dank der üblichen medialen Peinlichkeiten skandalträchtig wurde. Alle Welt redet über die drei Staatsangehörigkeiten eines dieser sieben Verdächtigen. Alles wird mit allem zusammengerührt, zu einer giftigen Soße. Das kommt dabei raus, wenn Verklemmtheit und moralische Dogmen das freie Denken ersetzen. Statt zu lamentieren, was man alles angeblich nicht berichten darf, hätte man einfach immer lieber etwas zu viel als zu wenig berichten sollen. Also das tun, wofür Journalisten da sind: Dinge öffentlich machen und nicht, bestimmen, was der Öffentlichkeit zuzumuten sei.

Die Zentrale des journalistischen Bullshit ist die Tagesschau

Wie hirnrissig das ist führt niemand schlimmer vor als die Tagesschau. Im August 2018 fabulierte der damalige Tagesschau-Chef Kai Gniffke, eine Berichterstattung über eine tödliche Messerattacke, verübt von einem somalischen Flüchtling an einem Arzt in Offenburg, sei bundesweit nicht relevant und komme darum nicht in der Tagesschau vor. Natürlich ging es auch hier um die Tat eines Zuwanderers, und natürlich ging es vor allem darum, zu befinden, ob Berichterstattung darüber den Rechten Vorschub leiste oder nicht. Nur hat das keiner offen zugeben wollen.

Gniffke schwadronierte herum, dass zwar der Status eines Asylbewerbers in so einer Berichterstattung grundsätzlich schon mal vorkommen dürfe, aber nur, wenn Asylbewerber überdurchschnittlich in einschlägige Straftaten verwickelt seien. Irgendeine Statistik soll also im Einzelfall determinieren, was ein Journalist in eine Meldung schreiben darf?

Das alles ist zusammenhangloser Schwachsinn, was in der ARD aber für höhere Karrieren taugt. Gniffke ist ja jetzt bekanntlich zum Intendanten einer dieser Anstalten aufgestiegen. Und im Falle Augsburg tat die Tagesschau das Gegenteil des vorherigen, was sich bei Bedarf sicher auch schwadronisch begründen lässt. Sie berichtete groß, breit und live. Nur: Wo ist hier faktisch der Unterschied zu Offenburg?

Keine Rolle spielte in Gniffkes Text die Frage, ob Tat und Herkunft kausal miteinander zu tun haben könnten. Ebensowenig beschäftigte er sich damit, wie so ein Zusammenhang auf die Schnelle und zu Beginn der Ermittlungen, wenn es noch gar kein Ergebnis geben kann, überhaupt getroffen werden könnte.

Als Tatsache darf wohl gelten, dass es rhetorische Verrenkungen wie Gniffkes sind, die jeden Übergriff mit Messern überhaupt erst richtig aufladen und zum Großthema machen, ganz egal, ob sie tatsächlich den Status des Großthemas verdienen oder eben nicht. Und wie bequem ist es doch, für die selbst verschuldete Misere Facebook oder Twitter verantwortlich zu machen.

Wenn mutmaßliche Islamisten 71 Menschen ermorden, redet die ARD lieber erst im letzten Absatz von Islamisten. Man könnte ja das Richtige denken.

Zugleich drückt die Tagesschau kausale Informationen über Tat und Täter bewusst nach hinten, wenn sie denn doch einmal auf den ersten Blick offenkundig sind.

Beispiel: Terroranschlag auf ein Militärcamp in Niger. Der Autor dieser Meldung fängt erstmal mit „mutmaßliche Extremisten“ an. Mutmaßlich liegt er damit irgendwie richtig. Es ist ja mutmaßlich grundsätzlich extremismusverdächtig, wenn „Bewaffnete“ es wagen, bewaffnete Soldaten anzugreifen und gleich mal 71 (!!) zu töten. Mit Granaten. Als die Angegriffenen dabei gewesen seien, „sich auf Gebete vorzubereiten“, was immer das jetzt konkret heißen mag (es klingt im Kern latent rassistisch, als wollte die Tagesschau sagen, der Afrikaner bereite sich generell irgendwie ständig aufs Beten vor und als sei das eine Art Allmende-Wissen).

Man liest den Text und baut sich als Leser die Geschichte aus den hirnlos verstreuten Worthülsen selber zusammen. Im letzten Absatz findet sich dann bestätigend, was eh jeder schon ab dem ersten Wort vermutet haben dürfte: Es waren wohl Islamisten. Warum beginnt die Meldung nicht mit „mutmaßlichen Islamisten“? Damit niemand was Falsches Richtiges denkt? Und wofür gibt es dann das Wort „mutmaßlich“?

Seit mehr als 20 Jahren wollen Journalisten die Welt verbessern, statt über sie zu berichten. Und haben was nochmal damit erreicht?

Diese Idiotie hat ja in den letzten gut 20 Jahren echte Erfolge zu feiern gehabt. Die leitjournalistische Vollmeise, ständig zu fragen, was man alles nicht schreiben sollte oder dürfe, hat das Klima tiefgreifend versaut und die Glaubwürdigkeit zerstört. Journalisten haben sich umpositioniert von denen, die unerschrocken sagen, was ist, hin zu denen, die filtern, kanalisieren und ihre (Zwangs-) Zahler erziehen. Dabei wird auch nicht mehr groß nachgedacht. Der deutsche Leitjournalist gehorcht und findet sich toll. Je gehorsamer, desto toller. Untertanenmentalität wie aus einem Stück von Thomas Mann. Spießig-popelige Binnenpluralität statt großer, freier, weiter, bunter Welt.

Die entscheidende Frage ist, ob die Medien außerhalb der GEZ-Kanzleien willens und/oder in der Lage sind, daran noch etwas zu ändern. ARD und ZDF kann man abschreiben. Da passiert nichts mehr, bis sie eines Tages untergehen werden.

Dort sitzen Letute wie Gniffke. Leute, die den Blödsinn von ihrer Staatsferne sogar dann noch glauben, wenn sie gerade mit dem parteipolitischen Rundfunkrat ihres Vertrauens telefonierten. Da ist alles verloren. Man höre mit Bewusstsein mal eine Stunde eines dieser sogenannten Infoprogramme der öffentlich-rechtlichen Radios und frage sich, in welcher Parallelwelt diejenigen schweben, die so schreiben und reden wie öffentlich-rechtliche-Nachrichtenradioschreiber und -sprecher. Was das für eine Welt sein mag, in der wichtig sein könnte, was die so thematisieren. Eine Welt, in der Menschen gut sind und bürokratisch, in der der Tag nach massenhaft Regeln abläuft, an die sie sich gut und gerne halten, ja: für die sie überhaupt nur existieren wie sonst nur Eltern für ihre Kinder. In der korrekt gelacht und korrekt getadelt wird. In der der Mensch zur funkgesteuerten Sozialmaschine degeneriert. In der Spontaneität nicht mehr existiert. Für jemanden wie mich der pure Horror, für Funkbeamte offenbar die himmlische Offenbarung.

Vergessen wir ARD und ZDF. Die sind verloren. Kriegen wir anderen es hin?

Also: sind die anderen willens und fähig, die Fragen neu zu stellen? Journalismus wieder als neugierig und agil zu verstehen? Sich nicht ständig mit der Frage zu plagen, ob eine Information das Publikum verstören oder irritieren könnte?

Genau das ist die Perspektive der Herrschaft und darum der Gniffkes und ihrer Gefolgschaft. Die Perspektive derjenigen, die den Boten für die schlechte Nachricht verantwortlich machen und nicht den Täter. Eine zutiefst totalitäre und antiaufklärerische Perspektive. Eine, die wir Journalisten anzugreifen haben. Wir haben ihr nicht zu gehorchen. Wir haben sie erst recht nicht eigeninitiativ zu betreiben. Wir haben sie zu bekämpfen, wenn wir Journalisten sein wollen. Wir stehen nicht auf der Seite der Herrschaft, sondern in größtmöglicher Distanz zu ihr. Auch in der Demokratie. Gerade in der Demokratie, wenn wir sie ernst nehmen und stärken wollen .

Wir haben zuerst und vorrangig zu informieren. Wir haben nicht zuerst zu fragen, was wir nicht veröffentlichen.

Zeit für eine Wende. Wollen wir?

Anfang November schockte eine Nachricht das Land. 11.000 Klimaforscher aus der ganzen Welt warnten vor einem Klima-Notstand, hieß es. Den Menschen würden schlimmste Katastrophen drohen. Einen ganzen Tag lang trommelten die öffentlich-rechtlichen Sender diese Behauptung als Aufmacher durch ihre Nachrichten. Natürlich stieg auch die Tagesschau darauf ein (siehe hier).

Eingebracht hatte das Thema wohl die dpa (Deutsche Presse-Agentur). Auch mehr oder weniger alle Zeitungen und Nachrichtenportale brachten die Meldung von den 11.000 Klimaforschern.

Die öffentlich-rechtliche Deutsche Welle toppte das ganze noch und garnierte die Fakenews mit wichtig aussehenden Bildern von Staatschefs. Einer ihrer Redakteure durfte sich interviewen lassen, als sei er ein ins Studio eingeladener Wissenschaftler.

Nur leider: Das alles war kompletter Fake.

Gegenstand dessen, was alle Medien da verbreiteten, war ein Meinungsartikel auf einem Server der Oregon State University mit ein paar Grafiken, die auf maximales Manipulationslevel überzeichnet sind. Zum Original-Dokument hier klicken.

Wer sich berufen fühlte, konnte dieses Papier online unterzeichnen und sich damit auf die Unterzeichnerliste setzen. Zur Seite mit dem Sign-Button hier klicken. Das konnte tatsächlich jeder. Einfach so.

Mittlerweile ist die Unterschreiben-Funktion allerdings abgeschaltet. Sie war auch keine Funktion im wirklichen Sinne. Da stand einfach nur ein Formular, in das man sich eintragen konnte, und fertig. Niemand hat überprüft, ob der Betreffende ein Wissenschaftler ist, schon gar ein Klimaforscher, wie die deutschen Medien nach wie vor behaupten.

Und so fand sich auf der Liste eben auch Micki Maus. Oder ein Trump-Fan aus Kanada, der sich einen Scherz erlaubte. Oder diverse esoterische Heiler. Oder sozial gesinnte Nichtakademiker. Absolut sehenswert dazu: Ezra Levant, kanadischer TV-Talker, der der ganzen Chose komplett die Luft abließ.

Offenbar haben die Initiatoren des Klima-Fakenotstands inzwischen eingesehen, dass sie jedenfalls in der angelsächsischen Welt gescheitert sind. Auf ihrer Website gibt es auch einen Button, der vermeintlich zur Unterzeichner-Liste führt – tatsächlich aber nur auf eine Seite mit einer Fehlermeldung führt. „Die Einsicht in die Liste der Unterzeichner ist derzeit nicht möglich, wir arbeiten an dem Problem“, steht da. Wer es im Original sehen will – hier klicken.

Damit zurück nach Medien-Deutschland. Wann, liebe Kollegen, informiert Ihr Eure Leser, Hörer und Zuschauer darüber, dass ihr Ihnen komplette Fakenews vorgesetzt habt? Oder ist die in Sonntagsreden viel beschworene Fehlerkultur doch noch nicht so weit, wir manche das immer behaupten?