Ich gebe zu: Ich hatte den Namen Herta Müller noch nie gehört, bis die Nachrichtenportale meldeten, sie habe den Literaturnobelpreis erhalten. Herta wer? Und dann auch noch aus Berlin? Das Nobelpreiskomitee hat ja schon gelegentlich merkwürdige Entscheidungen getroffen. Diesmal aber offenbar nicht. Etwas anderes erscheint mir jetzt merkwürdig: Dass ich – obschon interessiert an Literatur – nie von ihr gehört hatte.

Wie konnte das passieren? Herta Müller wurde in 24 Sprachen übersetzt. Offenbar gilt sie weltweit als große Autorin deutscher Sprache. Im eigenen Land schien das bisher wenig zu interessieren. Die Zahl der Rezensionen ist, wie längeres googeln und ein Blick auf perlentaucher zeigt, marginal. Man muss zu den wenigen Literaturprofis im Land gehören, die jede Rezension jedes Feuilletons lesen, um von ihr gehört zu haben. Die Literaturpäpste Deutschlands scheinen ein Problem mit ihr zu haben.

Allen voran Marcel Reich-Ranicki. “Ich will nicht über Herta Müller reden”, sagte er der dpa, nachdem die Nachricht vom Nobelpreis in der Welt war. Eine verräterische Aussage. Offenbar wollte er das nie, ebensowenig wie seine weniger bedeutenden Kollegen. Woran liegt das?

Iris Radisch schmäht ihren Roman “Atemschaukel” als “parfümiert”. Die Frankfurter Rundschau kritisiert eine “poetische Schutzschicht”, die sie um ihre Worte wickle (was immer das heißen soll). Der Roman spiegele nicht jedermanns Wahrnehmung, bemängelt der Rezensent (bitte: welcher literarische Text tut das?). Die Taz wirft ihr “blanken Entbehrungskitsch” vor. Kann es sein, dass der linke Hegemon im deutschen Literaturbetrieb einfach keine Lust auf Müllers Thematik hat?

Herta Müller ist Banater Schwäbin und schreibt über kommunistische Unterdrückung. Sie beschreibt die Deportation von Rumäniendeutschen in sowjetische Arbeitslager. Nicht unbedingt das, was die Linke in Deutschland lesen oder hören mag. Das reicht, um sie weitgehend zu verschweigen. Kein 68er würde darüber schreiben, womit das Thema als unerwünscht gelten darf.

Der Nobelpreis ist ein Schlag für den deutschen Kulturbetrieb. Danke, liebes Komitee. Ich werde mir dringend Bücher von Herta Müller besorgen – und dabei schadenfroh grinsen über die verdatterten Gesichter in den Feuilletons, zumal der FAZ. Die hatte am Sonntag schon mal vorab berichtet, Philip Roth bekomme den Preis. Tolle Zeitung, aber die Literaturabteilung war mir schon immer suspekt.

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Wie unterschiedlich doch die Eindrücke sind, wenn man sich die im Web erhältlichen Quellen ansieht. Hier der Auszug aus dem Lettre-Gespräch, das den ganzen Wirbel über die neuesten Äußerungen des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin ausgelöst hat. Da beschreibt Sarrazin die tiefen Ursachen für die wirklichen und tiefgehenden Probleme Berlins. Das substanzlose Geschwätz von der Ost-West-Drehscheibe, während gleichzeitig Wien vormacht, wie man mit weit weniger Geschwätz die Drehscheibe macht. Die “Wolkenkuckucksheime” der Planer nach 1989, als sie wahnwitzige Bauprojekte für angeblich zuziehende Massen zeichneten. Das Ausbluten der Stadt: Die Vernichtung der jüdischen Intellektuellenschicht, der Auszug der wirtschaftlichen Elite nach 1945 und 1961, die teuer subventionierten Werkbanktätigkeiten, für die nach der Wende niemand mehr Verwendung hatte, die Entzugserscheinungen der Stadt und ihres aufgeblähten öffentlichen Dienstes, als plötzlich Schluss war mit Berlin-Zulage und Steuersonderabschreibungen. Wort für Wort ist schlicht die Wahrheit.

Leider fehlt in dem Auszug das, was Sarrazin an irgendeiner Stelle des Gesprächs ebenfalls gesagt haben muss. So wird er mit der Aussage zitiert, 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung lehnten den deutschen Staat ab. Die Zahlen sind vermutlich aus der Luft gegriffen, ganz verkehrt ist die Aussage freilich nicht. Sein Befund, diese Gruppen kümmerten sich gelegentlich nicht besonders engagiert um die Ausbildung ihrer Kinder, bestreitet im Grunde niemand mehr ernsthaft. Dass Sarrazin die deutsche Unterschicht hier gleich einbezieht, dürfte ebenfalls eher lebensnah sein. Ziemlich daneben ist allerdings die vielfach zitierte rhetorische Ausfall über die  “vielen kleinen Kopftuchmädchen”.

Ein Fall für den Staatsanwalt sind auch die freilich nicht. Geschmacklosigkeit ist nicht strafbar. Wenn sich die SPD darüber empören und ihn ausschließen will – soll sie, darf sie. Wenn Sarrazins Chef darin ein disziplinarisches Problem sieht – soll er, darf er. Wenn Zeitungen, deutsche wie türkische, das kritisieren – sollen sie, dürfen sie. Wer sich darüber beleidigt fühlt – soll er, darf er. Das ist alles OK und kann passieren, wenn man in einem freien Land streitet. Aber die Strafverfolger geht das nichts an. Gesinnungsverbrechen existieren in unserem Land nicht. Es wäre schön, wenn das auch so bleibt.

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Das Wehklagen ist ja nicht zu überhören. Der Journalismus werde immer schlechter. Einer schreibe vom anderen ab. Niemand bemühe sich mehr um hartnäckige Recherche. Als Schuldige stehen meist die Verlage (die die Personalbudgets zusammenstreichen) oder die Journalisten (die immer fauler werden) am Pranger.

 Dahin gehören aber auch Behörden, Unternehmen und Verbände. Die von ihnen beschäftigten Pressesprecher werden immer effektiver beim Verhindern unerwünschter Berichterstattung. Die Methode ist simpel. Sie erhöhen einfach die Hürden, die übersprungen werden müssen, um eine Auskunft zu erhalten.

 Es passiert mir inzwischen nur noch selten, dass ich eine Telefonnummer wähle und der Sprecher am Telefon einfach meine Fragen beantwortet. Gerade eben erst hatte ich wieder eine typische Situation. Eine Verbandssprecherin hörte sich Frage 1 und Frage 2 noch an. Dann wurde es ihr zu kompliziert und sie verlangte eine E-Mail, auf der ich mein Begehr zu notieren hätte. Damit hat sie schon mal einen Effekt erzielt: Sie hat meine Recherche verzögert, denn die Beantwortung einer E-Mail dauert eigentlich immer wenigstens ein bis zwei Tage. Häufig besteht die Antwort dann auch noch aus dreisten Banalitäten, etwa Verweisen auf alte Pressemitteilungen, zu finden auf der Homepage. Weitere telefonische Anfrage stoßen in der Regel auf Genervtheit, man habe doch schon alles beantwortet.

 Eine besondere Variante, kritischen Anfragen die Spitze zu nehmen, besteht darin, dem anfragenden Journalisten zu verbieten, den Pressesprecher wörtlich und namentlich zu zitieren. Bei sämtlichen Bundesministerien gibt es keine Auskünfte mehr, wenn man sich darauf nicht einlässt. Die Auskünfte, die die Pressesprecher erteilen, schreibt man in seinen Artikeln dann den ominösen “informierten Kreisen” zu. Die Regierung steht damit an der Spitze der Transparenz-Verschleierer.

 Es geht auch anders. Eine weitere Recherche führte mich heute telefonisch zur Pressestelle der Österreichischen Bahn. Ich erwartete das Schlimmste. Stattdessen hatte ich auf Anhieb den richtigen Ansprechpartner am Telefon, der einfach meine Fragen beantwortete. Einschließlich diverser Nachfragen. Keine E-Mail, keine Ausflüchte. Dabei ging es um ein sicherheitsrelevantes Thema, für sein Unternehmen durchaus heikel. Das Thema betrifft auch die Deutsche Bahn. Der hiesige Sprecher, mit dem ich seit einigen Tagen Kontakt halte, ist zwar nett und bemüht sich sehr, aber die Recherche ist eindeutig aufwändiger.

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Aufstieg der Nerds

Die Revolution der Piraten

Von Frank Schirrmacher

Der Nerd erwacht zum politischen Tier

Der Nerd erwacht zum politischen Tier

21. September 2009 Die Journalistin Dagmar von Taube bringt demnächst einen offenbar sehr interessanten Fotoband über die Berliner Gesellschaft heraus. Bei dem wenigen, das man gesehen hat, handelt es sich um ein Panorama von Schönheit und Coolness und Macht, von Clubs und Bars, von Partys und Gastwirten – ganz Berlin, so scheint es, ist ein einziger Grill, auf dem Königskinder von heute in glühender Liebe zu Kunst und Smalltalk vor sich hin brutzeln. Aber ehe daraus eine neue Ära wird, hier der Hinweis: Etwas fehlt.

Es fehlt nicht nur hier, es fehlt überall, wo solche balzacschen Gemälde entworfen werden. Es fehlt, wie ich feststelle, auch in allen meinen Artikeln und in fast allen Artikeln meiner Kollegen der letzten Jahre. Es fehlt nicht nur in Berlin, sondern in München, Frankfurt und Münster. Wir haben es entweder alle übersehen oder nicht ernst genommen, auch deshalb, weil Coolheitsgesichtspunkte einer Pop-Ökonomie dagegen sprachen. Fragen Sie jeden Feuilletonredakteur: Was ist cooler? Ein wabernder, wilder Text des Kult-Denkers und Model-Ehemannes Slavoj Zizek, der uns züchtigt und uns unsere eigene Spießigkeit schmerzlich bewusst macht; oder sind es die Satzbefehle, die irgendein pizzaverschlingender Zwanzigjähriger in seinem mit „Star Wars“-Memorabilien vollgestopften Kinderzimmer jetzt gerade in seinen Computer tippt? Könnte man sich vorstellen, dass sie in einem von Dagmar von Taubes Get-togethers, während Nadja Auermann und Norbert Bisky noch feiern und flirten, über das Problem von Botnets oder die besten Verfahren der „würdevollen Herabstufung“ reden, der Art und Weise, wie man Websites auf Handys darstellt?

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Neuer Intellektuellentypus: Jens Seipenbusch, Bundesvorsitzender der Piratenpartei

Neuer Intellektuellentypus: Jens Seipenbusch, Bundesvorsitzender der Piratenpartei

Kurz: was fehlt, sind die Nerds.

Typologie des Nerds

Und jetzt, da sich aus ihrem innersten Kern eine neue und wahrscheinlich bald auch immer un-nerdigere, weil moderne politische Bewegung formiert, kann man nicht anders, als voller Respekt und ohne Ironie ihren Siegeszug zu rühmen. Sie haben die Gesellschaft längst geentert, noch ehe Teile von ihnen sich als „Piraten“ zusammentaten. Ob die „Piraten“ Nerds sind oder nicht, ist eine der am heißesten diskutierten Fragen der politischen Blogs im Internet. Mit gutem Grund: der klassische Nerd trägt Kopfhörer, während er sich tief über seine Computertastatur beugt und gedankenlos mit der linken Hand nach einem kalten Stück Pizza greift. In „Jurassic Park“ war der Typus, gespielt von Wayne Knight, zu besichtigen.

Nerds sind meist männliche junge Leute, die schon im Alter von vier Jahren damit beginnen, Spielzeugautos, Radios und Computer zu zerlegen und ganz anders wieder zusammenzubauen. Es gibt auch weibliche Nerds. Marissa Mayer von Google, die sich selbst einen Nerd nennt, ist die prominenteste Frau. Nerds verehren Daniel Düsentrieb, Jules Verne und später Neal Stephenson. Meist fallen sie schon frühzeitig durch einen unbändigen Basteltrieb auf. Früher konnte man sie in der Schule leicht erkennen: Sie hatten Diplomatenkoffer mit Nummernschloss, dessen Code sie täglich änderten, trugen Pferdeschwanz und schwarze T-Shirts mit „Ultima Online“-Logo. Der Typus ist seltener geworden, aber, wie ein Blick in das Publikum des letzten ZDF-Wahlforums zeigte, nicht ganz ausgestorben. Ausgehend vom neuen Google-Stil sind Nerds heute von der Pizza-und-Cola-Phase in das „Healthy food“-Biotop gewechselt und deshalb, anders als die großen Nerd-Pioniere wie Jaron Lanier und Nathan Myrvold, nicht mehr ohne weiteres zu erkennen.

Ein Foto des jungen Bill Gates. Aufgenommen 1978. Es ist das letzte Jahr der Ruhe. Noch ein Jahr, dann wird, wie Gates später erklären wird, der „digitale Tsunami“ losbrechen. Dann wird klar werden, dass ein Massenmarkt für Computertechnologie entsteht. Das Foto zeigt einen etwas bleichen, jungen Mann mit ziemlich dicken Brillengläsern. Zwei Jahre zuvor hatte er bei einer Tupperware-Party seiner Mutter sein erstes Computerprogramm vorgeführt und war unter Flüchen und Wutanfällen gescheitert. „Er geht wohl nicht in Discos“, soll eine Freundin seiner Mutter bemerkt haben.

Die Programmierung der Welt

Porträts des Tycoons als junger Mann: Es gibt noch viele davon, von Bill Joy, dem Gründer der Computerfirma „Sun“, von Danny Hillis, der den ersten Parallelrechner erdachte, von Charles Simonyi, der die wichtigsten Anwendungsprogramme erfand. Und dann sind da die zwei jungen Männer. Sie haben zwar keine dicken Brillen, aber während ihre Kommilitonen in Clubs abhängen, sitzen sie zu Hause und spielen mit Lego. Sie bauen einen bunten Turm aus Legosteinen, einen Quader, wie man ihn aus jedem Kinderzimmer kennt, nur dass hier im Inneren eine Zentraleinheit, eine Festplatte und ein Algorithmus versteckt sind. Vier Jahre später wird dieser Legoturm das Herz der wertvollsten Firma der Welt geworden sein, die in allen ihren Niederlassungen Legosteine verstreut und in ihrem Markenzeichen „Google“ bis heute den Farben Legos huldigt.

Diplomatenkoffer, Pferdeschwanz, Griff zur kalten Pizza: Der Nerd war einmal ein leicht identifizierbares Wesen

Diplomatenkoffer, Pferdeschwanz, Griff zur kalten Pizza: Der Nerd war einmal ein leicht identifizierbares Wesen

Die Nerds, die die Sprites auf ihrem C-64-Homecomputer programmierten, während ihre Mitschüler in Clubs oder auf Demos waren, haben buchstäblich die Welt programmiert, in der wir uns heute bewegen. Wenn wir der modernen Welt ein Gesicht geben wollen, reden wir von Wall-Street-Haien und Managern, aber wir sollten anfangen, über Nerds zu reden. Dieser Text ist in Word geschrieben. Word stammt von Charles Simonyi. Bereits als Vierjähriger im kommunistischen Ungarn spielte er in der damals noch begehbaren Zentraleinheit des Computers, den sein Vater bediente.

Mit zehn bestach er das Aufsichtspersonal, um an dem Computer, der mit riesigen Hebeln statt einer Tastatur ausgestattet war, zu programmieren. Mit achtzehn verließ er Ungarn. In Amerika schlug er sich als Privatlehrer durch und saß nächtelang vor einem uralten IBM-Rechner. Mit einunddreißig lehrte er Bill Gates kennen. Für ihn erfand er „Word“ und „Excel“, zwei Programme, die in den Tiefen des Codes kleine Gedenktafeln eingebaut haben, die sagen, dass sie „vom Ungarn“ („the Hungarian“) stammen. Und dann, mit über fünfzig, lässt sich der Jules-Verne- und „Star Wars“-Fan von den Russen auf eigene Kosten ins Weltall schießen. Das ist sozusagen der Nerd in Reinkultur.

Drehbuch unseres Denkens

Word-Erfinder und Weltraumtourist Charles Simonyi

Word-Erfinder und Weltraumtourist Charles Simonyi

Der Nerd ist ein Wunder der Technik. Aber jetzt wird er zu einem Wunder unserer Gesellschaft. Man würde ihn in unserer coolen Glamourwelt auf jeder Party übersehen, er würde kaum reden und keinen Wirbel machen. Ein großer Fehler, wie wir womöglich bereits nach der Bundestagswahl bemerken werden.

Nerds sind Menschen, die wissen wollen, wie Dinge funktionieren. Sie benutzen Schraubenzieher und sehr große Lupen. Sie zerlegen Radios und Computer und bauen sie dann wieder zusammen. Allerdings kann der Computer dann Kaffee kochen, und das Radio sucht nach Signalen außerirdischen Lebens. Das erste Nerd-Programm im Internet war eine Webcam, die auf eine Kaffeemaschine in Oxford gerichtet war.

Lego statt Disko: Google-Gründer Sergey Brin (rechts) und Larry Page

Lego statt Disko: Google-Gründer Sergey Brin (rechts) und Larry Page

Nerds, heißt es, haben es in der Pubertät etwas schwerer als die Raver, eine Freundin zu finden. Das stachelt sie umso mehr an. Das Ergebnis liegt vor unser allen Augen: Nerds haben die Drehbücher unserer Kommunikation, unserer SMS-Botschaften, mittlerweile unseres Denkens geschrieben. Sie sind die größte Macht der modernen Gesellschaft. Ihre Texte verstehen Außenstehende nicht, obwohl sich alle nach ihnen richten, und sei es, wenn sie Suchbefehle bei Google eingeben. Es waren die Nerds, die als Erste erkannten, dass deshalb die Codes offen sein müssten, überprüfbar und zumindest lesbar für die anderen Nerds. Denn es gibt, wie überall, Abspaltungen, Verrat, Seitenwechsel auch bei den Nerds. Eine besonders gefährliche Gruppe sind die quants, die quantitativen Analysten; sie schrieben die Software für die Finanzprodukte, die die Katastrophe brachten.

Der Nerd als politisches Tier

Ihrem Wesen nach sind Nerds individualistisch. Aber sie sind Individualisten, die dank der digitalen Technologie die größte Vernetzungsstufe der Menschheitsgeschichte möglich gemacht haben: Vernetzung einzelner Subjekte, die ihren Charakter und ihre Individualität bewahren können, nicht nach ihrem Äußeren beurteilt werden, nicht nach ihrem Geschlecht, nicht nach ihrem Diplomatenkoffer oder ihrer Jute-Tasche. Die Organisation ist so geschlechtsneutral, wie es das Internet ist. Das erklärt, wieso sie politisch geweckt wurden, als die Grundregeln bedroht zu sein schienen. Und das macht sie wichtig und notwendig.

Über die „Piraten“ lässt sich Endgültiges noch nicht sagen. Die Partei betrachtet die modernen Technologien als ein Instrument der Emanzipation. Ihr harter Kern ist nerdig, doch Jens Seipenbusch, der Bundesvorsitzende und ein Intellektueller von Format, zeigt bereits den Übergang: die Verwandlung des Nerds in ein politisches Tier. Würden die Nerds jetzt oder bald ein politisches Mandat erringen, wäre das, nachdem sie die Kommunikation der Gesellschaft revolutioniert haben, ihr erster Triumph nicht mehr nur in der Welt der Legosteine, sondern in der Welt von Zement und Mörtel. Vielleicht würden die wahren Nerds im Lauf der Zeit und bei größerem Erfolg immer weniger, so wie sich in den achtziger Jahren die bärtetragenden strickenden Männer bei den Grünen keinen Außenminister Joschka Fischer haben vorstellen können. Aber zu glauben, es handele sich um das Partikularinteresse einer partikularen Öffentlichkeit, wäre ein großer Fehler.

Mathematisierung des Verhaltens

Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik. Ob durchweg zum Guten, das lässt sich heute noch nicht sagen. Für das Problem des Urheberrechts haben die „Piraten“ so wenig eine Antwort wie die anderen: Ihr heutiges Programm, umgesetzt, bedeutete das Ende von Verlagen und Künstlern. Auch über den abgründigen Herrn Tauss sollte man schweigen, solange das Urteil nicht gesprochen ist. Jedenfalls verzichten die „Piraten“ glücklicherweise darauf, ihn zu einer Galionsfigur zu machen. Man kann nur hoffen, dass es so bleibt. Wenn die Schwäche eines Gesetzes dadurch bewiesen werden soll, dass ein Bundestagsabgeordneter aus angeblichen Recherchegründen einschlägige Daten empfängt und versendet und das Ganze dann auch noch mit den Worten „Geiles Material“ quittiert, dann ist man froh, dass es Gerichte gibt, die der „Recherche“ nachrecherchieren.

Doch wer diese Bewegung zu Befürwortern von Kinderpornographie machen wollte, handelte nicht nur moralisch, sondern auch intellektuell höchst unüberlegt. Die Fragen, die die digitale Intelligenz stellt, sind legitim und überfällig. Dazu zählt auch das Netzsperrengesetz. Kein Mensch bestreitet die Notwendigkeit, der Täter habhaft zu werden. Aber es wäre einem wohler, die Bundesregierung lüde die Kritiker ein, um gemeinsam ein Verfahren zu entwickeln, das funktioniert.

Noch hat die Politik, haben viele Menschen kaum eine Ahnung, wie fundamental die Informationstechnologien unser Verhältnis zu uns selbst verändern werden. Immer mehr Menschen bewegen sich in Informationsökologien, die harmlos wirken, aber in deren Untergrund hochkomplexe Berechnungen laufen, die menschliches Verhalten in Mathematik verwandeln. Das Feedback, das diese Systeme auf das „wirkliche“ Leben haben, lässt sich erst in Ansätzen erkennen. Aber klar ist, eine Welt, in der vom Arbeitgeber bis zur Krankenversicherung ganze Lebensläufe in Daten zerhackt, neu zusammengesetzt und interpretiert werden, Daten, in denen nicht nur Aussagen über die Gegenwart, sondern auch über die Zukunft, die Leistungskraft, die Kreativität und womöglich auch die politische Einstellung von Menschen gesammelt werden, eine solche Welt verändert ihr Verhältnis zur Freiheit fundamental.

Sie sind, was Sie sagen

Insofern ist das Programm der Nerds, ob sie nun in der Piratenpartei sind oder in anderen Parteien, noch viel zu bescheiden. Sie, die die Systeme kennen, müssen, wie seinerzeit die Renegaten der Atomspaltung, in politische Sprache übersetzen, was technisch möglich ist, was es aus uns macht und wie wir uns dagegen wehren können. In den Vereinigten Staaten sind Verhaltensvoraussagen zur Abwehr von terroristischen Verbrechen bereits ein florierender Markt. Aber eine Software, die solches Verhalten vorhersagen kann, kann das auch womöglich bei anderen Fragen. Das betrifft nicht nur den Staat, der das Internet erst mit der nächsten Politikergeneration wirklich entdecken wird, sondern vor allem auch Wirtschaft und Unternehmen.

2006 veröffentlichten fünf Forscher der Universität Minnesota einen Aufsatz mit dem Titel „Sie sind, was Sie sagen: Bedrohung der Privatsphäre durch öffentliche Äußerungen“. Was sie zeigten – mittlerweile ist die Technik ausgereifter –, war nichts anderes, als dass es Softwareprogramme gibt, die durch Zugriff auf Online-Datenbanken selbst bei Anonymisierung unglaubliche Korrelationen und Profile herstellen können. Da Menschen, über das, was sie mögen, gerne kommunizieren, einen Film, ein Musikstück, ein Foto, und da sie das meistens auf mehreren Plattformen tun, von Facebook über Amazon bis zum eigenen Blog, haben die Forscher gezeigt, dass es schon bei Verwendung von zwei Datenbanken möglich war, sechzig Prozent jener Menschen zu identifizieren, die acht oder mehr Filme erwähnten.

Die Fragen, die aus Verhaltenssteuerung und Voraussage sich ergeben, aber auch die Abhängigkeit des modernen Menschen von unverstandenen Algorithmen sind Kernfragen der gesellschaftlichen Zukunft. Sie werden nicht weggehen und nicht ein für alle Mal gelöst werden können. Aber es ist entscheidend, dass man erkennt, dass die Informationsgesellschaft auf andere Weise, aber mit ähnlicher Dramatik unser Leben revolutioniert, wie es einst die Maschinenparks des industriellen Zeitalters taten.

Großhirn der Gesellschaft

Und dazu brauchen wir Nerds. Sie sind eine politische Kraft, ziehen Nicht-Nerds an sich heran und werden bald auch die anderen Parteien verändern.

Die digitale Intelligenz, für die der Urkern der Piratenpartei nur ein Symbol ist, denkt nicht mehr psychologisch. Hier reden Experten der Informationsverarbeitung. Es sind Leute, die nichts so sehr interessiert wie die Frage, wie Informationen zustande kommen, weil dann erst über ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit geurteilt werden kann. Sie glauben zunächst nicht an höhere Einsichten, sondern an Algorithmen, das heißt an stufenweise aufgebaute Rezepte, die zu einem Ergebnis führen. Alles das, was hochkomplexe mathematische Theorien, sei es der Verhaltensökonomik, sei es der modernen Psychologie, in den letzten Jahren an neuen Erkenntnissen über das Zustandekommen von richtigen oder unrichtigen Entscheidungen herausgefunden haben, ist für sie längst Lebenswirklichkeit. Sie erleben es praktisch im Netz.

Jeder bekanntere Blogger kann die Effekte von Gruppenurteilen und Gruppenpolarisierungen auf seiner eigenen Seite in Echtzeit studieren, jeder weiß, dass das Ergebnis einer Debatte über Wertfragen manchmal nur von der mathematischen Einschätzung durch rivva.de oder Google abhängt, jeder erlebt, wie ein felsenfester Konsens binnen Sekunden durch Kommentatoren aufgebrochen werden kann und durch Feedback zu einem neuen Konsens wird – und wer das alles nicht selbst erlebt, kann es bei Wikipedia oder Google-News studieren. Das Netz beendet das Verhältnis von Macht und Gedanken nicht, es verteilt es nur neu. Wer in den letzten Tagen gesehen hat, dass eine sich als PR-Trick herausstellende Information über einen angeblichen Selbstmordanschlag in einer nicht existierenden amerikanischen Stadt über Twitter kommuniziert und am Ende von der dpa in alle Welt verbreitet wird, der weiß, dass „Urteile“, „Meinungen“ und psychologische Trends mathematischen Mustern folgen.

Anders aber, als die Cyber-Propheten glauben, ist das Netz auch strukturell keineswegs der Ort der Freiheit, als der es, auch aus Marketinggründen, annonciert wird. Man muss es anders formulieren: Das Netz stellt, gerade wegen seiner kontrollierten Strukturen, viele Freiheitsfragen auf ganz neue Weise. In seinem Maschinenraum arbeitet Software, die gleichsam über unendlich viele Aktenordner, Protokolle, Querverweise, Fußnoten, Eingaben das Verhalten steuert und prägt, ohne dass man es merkt. Die Vorstellung, dass das Netz an sich frei und kostenlos sei, ist eine der stärksten Illusionen der Gegenwart. Es ist einer der meistkontrollierten Organismen, die wir kennen. Moderne Informationstechnologien sind dezentral, aber ihrem Wesen nach bürokratisch.

Deshalb siedeln die „Piraten“ an einem Ort, den sie selbst erst vermessen, der aber, nach allem, was wir heute wissen, nicht das Herz, sondern das Großhirn moderner Gesellschaften betrifft. Die jungen Vertreter des alten Parteiensystems haben mit wachem Instinkt festgestellt, dass die „Piraten“ zwar einerseits kommerzfeindlich (Kopierschutz), in einigen ihren Strömungen partiell marxistisch (Vergesellschaftung der Inhalte), aber andererseits in ihrem Individualismus auch durchaus neoliberal sind. Eines der ersten Piratenschiffe im England der sechziger Jahre, das gekaperte Musik in den Äther sendete, hieß „The Laissez Faire“.

Doppelte Moral

Die existentielle Frage des geistigen Eigentums beispielsweise wird im Augenblick vor allem technisch beantwortet. Da das Internet kostenlose Kopien von allem und jedem zu Nullkosten erlaubt, folgt in den Augen der Piraten daraus die prinzipielle Freiheit der Inhalte. Es aber ist eine Schlüsselfrage der digitalen Zukunft, dass sich jedermann der unerwünschten Verbreitung und des Diebstahls seines geistigen Eigentums widersetzen kann. Jonas Andersson hat das soeben am Beispiel der schwedischen Website „Pirate Bay“ (die mit den „Piraten“ nicht in einen Topf geworfen werden kann) gezeigt. Die Gruppe der freien Inhaltelieferanten im Netz, jener Elite, die in eigenen Blogs und Foren Beiträge, Analysen und Kommentare liefert, ist im Vergleich zu denen, die sich ausschließlich fremder Inhalte bedienen und sie auch noch verkaufen, erstaunlich gering.

Viele, die im Netz das Urheberrecht in Frage stellen, basteln mittlerweile an ihrem eigenen Geschäftsmodell, und das ist vielleicht die aktuellste Erscheinungsform doppelter Moral: Es ist kein Zufall, dass der kluge Chris Anderson, Chefredakteur von „Wired“ und Autor des Buches „Free“, sowie der Cyber-Evangelist Jeff Jarvis ihre Bücher gegen Geld verkaufen und ihre Verlage Urheberrechtsverstöße streng ahnden. Allerdings muss man auch hier die Genese kennen: Kopierschutz bei Software oder Musik, der den Gebrauch fast unmöglich macht, und die potentielle Kriminalisierung der Computer-Kids, die sich ein Spiel kopieren, standen am Anfang der Massenbewegung.

Wir müssen reden

Womöglich sind die „Piraten“ längst nicht mehr die Nerds, die insbesondere Grüne wie neulich Julia Seeliger in einer klugen Analyse in ihnen zu erkennen glauben. Auf alle Fälle sind sie der Kern der ersten digital-sozialen Bewegung. „Eure Wurzeln sind nur im Netz“, schrieb Julia Seeliger in ihrem „taz“-Blog, um zu begründen, warum sie die „Piraten“ zwar begrüße, aber sie nicht wählen werde.

Das Netz freilich ist jetzt selbst eine Ökologie geworden und wird, im unmittelbar bevorstehenden, durch den Vorboten Twitter schon spürbaren Echtzeit-Internet, über die mobilen Geräte die Mauern zwischen der materiellen und der digitalen Welt noch löchriger machen. Das wird, anders als viele glauben, nicht auf Kosten des Papiers gehen, sondern ihm eine neue Rolle in der Ko-Existenz der Plattformen zuweisen. Dazu braucht die Gesellschaft Gesprächspartner, wenn sie nicht nur den Codes der Software und des nächsten Hypes folgen will. Es wäre schön für alle, wenn die „Piraten“, ganz gleich ob als Partei oder als Bewegung, ein solcher Gesprächspartner sein könnten. Um das herauszufinden, gibt es keine prognostische Software. Aber es gibt die Möglichkeit, ihnen zuzuhören und mit ihnen zu reden.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, Dieter Rüchel, dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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I would like to say the world is NOT over populated. As a matter of Fact every human in the world (6 billion) would fit into the state of Texas and have 15 square feet of space each! That leaves the rest of the entire world to raise crops for food and explore for natural resources. I say God bless the big families!!

http://blogs.abcnews.com/theworldnewser/2009/09/record-breaking-granny-1400-relatives.html

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Ich vinde, di rechtschraibrevorm graift vil tsu kurts. Ainzelne wörter ainer länkst välligen logischen renowirung tsu untertsijen sowi ein par kommasetsungen tsu verändern – dass ist ja gants nätt. Aber es ist inkonnsekwännt. Hättn di revormer di sache tsu ände gedacht, wäre ir wärk als genijales wärk der menschaitsgeschichte gewürdicht worrden. Ainige wenige, ainersaits an gesprochener sprache orijentirte, anderersaits logische regeln hätten genükt. Die vergässenen rechtschraibregeln lauten:

Überflüssigge buchstaben, di man zumm schrifftlichen ausdrukk der sprache nicht benötikt, werden aus dem alfabet heraußgenommen. Völlich antikwirt sind buchstaben, di lediglich zwai aufainander stoßende konsonanten ausdrükken. So beschtet das „Z“ tatsächlich aus den lauten „T“ und „S“. Das „Q“, maist in verbindung mit dem „U“, wirrd als „K“ und „W“ gesprochen. Wäk damit. Entbärlich ist auch dass „F“. Schon in der ärsten klasse lärnen wir, dass beide buchstaben als „FFFFF“ oder auch „VVVVV“ gesprochen werden. Einer von beiden ist also überflüssich. Wir haben uns entschiden, dass „F“ zu straichen.
Kurts gesprochene wokale werden dadurch gekännzaichnet, dass inen gedoppillte konnnsonanntn vollgen. Ausnamen werden appgeschafft. Statt „Sack“ schraiben wir „sakk“.
Dass denungs-e nach dem i isst folglich überflüssich.
Übahaupt werden alle wokale stränng lautorijentirt verwänndit.
Auch zusammengesätzte wokale werden konsekwännt lautorijentirt geschriben. Dass hun legt künnftich allso kaine „Eier“, sondern aia.
Di kommasetsung follgt allain dem sprachlichin sinn.
Großbuchstaben gibbt äss nur tsu beginn aines sattsis.

Mit disen wenigen regeln haben wia di schprache enndlich laidlich im grivv. Sie beanntworten baispilswaise auch di vrage däss laidigen scharven „S“ – wir benötigin dass „ß“ däshalp, wail dass doppälte „S“ beraits zur verkürtsung voranstehender wokale verwänndit wirrd. Aufgrund der klarhait dieser regeln dürvte aine braite aktsepptannts außer vrage schtehen. Blaibt tsu hoffen, dass die rächtschraibkommißßion sich dieser zilvürenden anregung nichcht verschlißt. Ich für mainen tail bin ain moderner männsch. Was die dürrven, wärrde ich ja wol auch dürrvin. Volglich füre ich hirmit die revormisstische rächtschraibung ain. Wer – bitte – will mir dass verbiten?

PS, Maikroßovvt wöd hatt aine blöde velakorrektua, di manche wörta unbelerbar umbuchstabirt. Laider weiß ich nichcht, wi man dass appställin kann. Darumm sinnd manche wörrter inn disem täxt nochch nichcht gannts korräkkt geschriben. ßorri.

PPS. Auvv mainer tastatua velt dass große „ß“.

Sonderbar: Bisher dachte ich immer, Zwang und freie Wahl seien Gegensätze. Aus Frust über ein erfolgreiches Volksbegehren für verbindlichen und zeugnisrelevanten Religionsunterricht hat Berlins rot-rote Senatsszene diesen Gegensatz jetzt aufgehoben und ein verräterisches neues Wort geschaffen: Wahlzwang.
Der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Walter Momper (SPD), begründet diese Wortschöpfung in der BZ am Sonntag so: “Nach dem Willen von Pro Reli (den Initiatoren des Volksbegehrens) müssten sich die Schüler zwischen Ethik und Religion entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Verstehe. Das ist eine schöne und einfache Erklärung. So schön und so einfach, dass sie auf viele Lebenslagen anwendbar ist.
Berufswahl: “Nach dem Willen von Pro Job müssten sich Schüler zwischen Handwerk und akademischer Laufbahn entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Geld: “Nach dem Willen von Pro Bank müssten sich Schüler zwischen Sparbüchse und Sparschwein entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Lesen: “Nach dem Willen von Pro Buch müssten sich Leser zwischen verschiedenen Buchtiteln entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Essen: “Nach dem Willen von Pro Food müssten sich Konsumenten zwischen Fisch und Fleisch entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Mode: “Nach dem Willen von Pro Stoff müssten sich Frauen zwischen Minirock und Hose entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Musik: “Nach dem Willen von Pro Note müssten sich Musikfreunde zwischen Klassik und Pop entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Radio: “Nach dem Willen von Pro Radio müssten sich Hörer zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Parlamentarismus: “Nach dem Willen von Pro Parlament müssten sich die Abgeordneten zwischen Zustimmung oder Ablehnung von Gesetzesvorlagen entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Wahlen: “Nach dem Willen von Pro Politik müssten sich Wähler zwischen linken, rechten und liberalen Parteien entscheiden, dazu wären sie dann gezwungen. Das ist Wahlzwang.”
Soviel dazu.
Jetzt noch etwas zu der Parole “Ethik: Gemeinsam, nicht getrennt”. Momper erläutert dazu in demselben Interview, nach seiner Überzeugung sei ein “gemeinsamer Ethik-Unterricht für alle Kinder” notwendig. “Fast 50 Prozent der Berliner Schüler haben Migrationshintergrund. Sie müssen wir in die Vermittlung der Werte einbinden, die für uns in Deutschland gelten.”
Interessant. Heißt das etwa Leitkultur? Womöglich wie bei Stoiber? Und wie erklärt Momper das bisherige Streben seiner Partei nach etwas, das dort Multikulturalität genannt wird – also die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen? Die linken Berliner Parteien lösen mit ihrem Argument die Religion aus dem kulturellen Kontext und plädieren für eine Einheitsethik – nach dem Gusto und den Werten des rot-roten Senats. Multikulturalität, zu der Toleranz und Vielfalt gehören, wäre demnach auf Party-Folklore reduziert.
Das klingt irgendwie nicht nach “Mehr Demokratie wagen”. Das klingt mehr nach 1947. In diesem Jahr hat die Berliner Stadtverordnetenversammlung das bis heute geltende Gesetz über den Religionsunterricht verabschiedet, mit der rot-roten Stimmenmehrheit aus SPD und SED, die sich damals passenderweise noch Einheitspartei nannte.
Am 26. April darf jeder Berliner bei der Volksabstimmung mitentscheiden. Ohne Zwang darf er sich für JA entscheiden, wenn er Vielfalt lieber mag.


Potsdamer-Platz-Arkaden in Berlin. Jeden Tag wälzen sich um die 100.000 Kunden und Neugierige an den Geschäften vorbei. Mit netten Aktionen unterstützt die Center-Leitung die Kauflust. Jetzt, vor Ostern, stehen auf der Hauptallee im Parterre 2,50 Meter hohe bemalte Ostereier. Bemalt und mit Info-Täfelchen versehen. Sie sollen “eine ungewöhnliche Sicht auf Berliner Befindlichkeiten” bieten, gemalt und betextet von einem Künstler namens Knut Weise.

Eine dieser Befindlichkeiten trägt die Überschrift “Vor ’89 – Medienfront Berlin”. Die ist allerdings nicht besonders ungewöhnlich, sondern ungewöhnlich gewöhnlich. “Die Namen Gerhard Löwenthal und Karl Eduard von Schnitzler sind nicht voneinander zu trennen”, steht da. “Der eine, Antikommunist und scharfer Kritiker des SED-Regimes, moderierte viele Jahre den ‘Hilferuf von drüben’, der andere, überzeugter Kommunist, von 1960 bis 1989 den ‘Schwarzen Kanal”. Und schließt mit der Anmerkung: “Deutschland ist trotzdem vereint.”
Trotzdem?
Was Gerhard Löwenthal betrifft: Zu dem passt dieses Trotzdem nicht. Der feierte kräftig, als die Mauer fiel. Schließlich gehörte er im Westen zu den letzten, die überhaupt noch eine Wiedervereinigung wollten. Weil er sich das partout von niemandem ausreden ließ, war er seit Beginn der 80er Jahre politisch isoliert. In der Union hatte er noch ein paar versprengte Fans. Regierungskonform war er jedenfalls nicht. Die Wiedervereinigung Deutschlands war für ihn kein Trotzdem, sondern ein Sieg.
Was Karl-Eduard von Schnitzler betrifft: Zu dem passt dieses Trotzdem. Der wollte in der Tat alles andere als eine Wiedervereinigung. Die Mauer fand er großartig. Er war regierungskonform wie kaum sonst jemand. Willfähriger Helfer von Ulbricht und Honecker. Steinzeitkommunist bis in den Tod.
Dieses Trotzdem ist nicht der einzige Unterschied zwischen diesen beiden. Schnitzler entstammt einer Bankiersfamilie. Einen seiner Vettern schmähte er selber als Bankier Hitlers, ein anderer Vetter war Verkaufsleiter des Chemiekonzerns I.G. Farben, dessen Unterschrift sich auf Lieferverträgen von Zyklon B findet, dem Gas, mit dem Juden und Nazi-Kritiker ermordet wurden. Schnitzlers schlimmstes Erlebnis war, dass er als Soldat in die Wehrmacht eintrat, sich beim Russland-Feldzug ein Knie verletzte und von den Engländern gefangen genommen wurde. Allerdings genoss er dort Vorzugsbehandlung, weil er von London aus BBC-Kommentare Richtung Deutschland senden durfte.
Löwenthal dagegen, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, überlebte knapp und dramatisch die Verbrechen, an denen Schnitzlers Vettern mitarbeiteten. Er war einige Zeit im KZ Sachsenhausen gefangen. Er kam wieder frei. Bis zum Kriegsende musste er versteckt in Berlin überwintern, behütet von seiner nichtjüdischen Mutter. Der Rest seiner Familie kam im KZ ums Leben. Den Einmarsch der Russen empfand er als Befreiung. Löwenthal war einer der wenigen hundert Berliner Juden, die die Nazi-Herrschaft überlebt hatten.
Als Student vertrat Löwenthal freilich andere Ansichten als die Sowjetmacht. Für seine kritischen Beiträge im Rias wurde er bedroht. Er schloss sich den studentischen Gründern der Freien Universität im Westteil der Stadt an. Schnitzler dagegen, inzwischen Kommentator beim NWDR in Hamburg, nahm 1945 Kontakt zur sowjetischen Militäradministration auf, geriet wegen seiner kommunistischen Einstellung in Konflikt zu den Briten und wurde 1946 gefeuert. Während Hunderttausende vom Osten in den Westen fliehen, zieht es Schnitzler in die SBZ, wo er dann seine bekannte Karriere hinlegt.
Löwenthal wurde vor allem als Moderator des ZDF-Magazins bekannt. Darin strahlte er seine “Hilferufe von drüben” aus. Der Titel sagt, worum es dabei ging: Eben Hilferufe von drüben. Von Leuten, die bei der Republikflucht erwischt wurden, unerwünschte Meinungen äußerten oder sonst politisch mit der SED aneckten. Deren Schicksale machte er im Westen bekannt. Viele wurden daraufhin freigelassen oder in den Westen freigekauft.
Schnitzler tat etwas ganz anderes. Er schnipselte Tagesschau-Beiträge zusammen und unterlegte sie mit verlogenen und manipulativen Kommentaren mit dem Ziel, die Bundesrepublik als den schlechten und die DDR als den guten deutschen Staat darzustellen. Er rechtfertigte das System, aus dem die Hilferufe kamen. Vielleicht hätte er gern Hilferufe aus dem Westen gesendet. Gab aber keine. Und hätte es sie gegeben – nur mal fiktiv – hätte er sie vielleicht doch nicht gesendet.
Wer hätte auch um Hilfe rufen sollen? Eine Straftat namens BRF (Bundesrepublikflucht) mit all ihren Folgen gab es ja nicht. Aufmüpfigkeit war – und ist, hoffentlich noch lange – ebenfalls nicht strafbar. Höchstens karriereschädigend. Nur, wer seine Meinung schießend, bombend und mordend verkündete und verkündet, muss damit rechnen, weggesperrt zu werden. Allerdings nicht wegen seiner Meinung, sei sie noch so absurd, sondern wegen des Schießens, Bombens und Mordens. An dieser Stelle möchte ich einräumen, dass es nach Schnitzler eben doch noch ein paar Leute gab, die ostwärts flohen. Die aus der Schießer-, Bomber- und Mörderszene. Aus denen hätte Schnitzler seine Version der Hilferufe machen können. Hat er aber nicht. Weil sein Ethos nicht das eines Journalisten war, sondern das eines Ganoven, und die Hilferufer der RAF keine Opfer, sondern ebenfalls Ganoven.
Löwenthal dagegen war investigativer Journalist im klassischen Sinn. Er deckte Missstände auf. Mit Verlaub: Das ist etwas völlig anderes als Schnitzlers Ganoven-PR. Der Künstler Weise ist ja nicht der erste, der dennoch beide in einen Topf wirft. Kalter Krieger hüben, kalter Krieger drüben – ja, das klingt so wunderbar einfach, so bestechend simpel. Kann aber nur den überzeugen, der auch sonst keinen fundamentalen Unterschied zwischen Bundesrepublik und DDR sehen will, Demokratie und Diktatur nicht unterscheiden mag. Der einen Ganoven nicht von einem Journalisten unterscheiden will.
Und überdies höchst respektlos mit einer beeindruckenden deutsch-jüdischen Biografie umgeht. Sie sind ein Antifaschist zum Schämen, Künstler Weise.
Hinzufügen möchte ich, dass Löwenthal mit der Schwester meines Vaters verheiratet war. Darum finde ich es besonders unsäglich, dass diese Schnitzler-Löwenthal-Kombination im politischen Mainstream angekommen ist. Derart mittendrin, dass sie jetzt sogar zur Umsatzförderung der Potsdamer-Platz-Arkaden taugen soll.