Im Verein, bei der Wahl der Elternsprecher, bei Abstimmungen in Partei-Gliederungen – auf allen Ebenen demokratischer Abstimmung mischt sich das Corona-Regime jetzt schon im dritten Jahr ein. Ob das aus Sicht der Volksgesundheit unbedingt notwendig ist oder nicht will ich hier nicht diskutieren. Worum es mir stattdessen geht: Zu zeigen, wie sich aus der Corona-Politik eine demokratieschädliche Dynamik entwickelt, der sich viele nicht bewusst sind und die vielfach relativiert wird.

Beispiel: Wahl der Klassen-Elternsprecher. Bei uns ging das letztes Mal im Notverfahren. Alle Klassenzimmer waren gesperrt. Eltern durften (und dürfen nach wie vor) das Schulgebäude nicht betreten. Als einzig seuchentauglicher Raum galt die Turnhalle.

Debatten unerwünscht

Also organisierte die Schule eine Art Fließbandbetrieb: Nacheinander bekamen die Eltern jeder Klasse eine halbe Stunde zugewiesen. Debatten wurden schon in der Einladung als unerwünscht bezeichnet. Im Schnellverfahren wurden per Akklamation die Elternvertreter gewählt. Den demokratischen Formalien genüge getan, hinterher schnell nach Hause.

Beispiel: Wahl eines Vereinsvorstands. Ähnliche Regeln: Bitte keine Debatten. Der alte Vorstand schlägt Namen vor. Jemand noch einen Vorschlag? Schnell alle Positionen durchgewählt. Den demokratischen Formalien genüge getan, hinterher schnell nach Hause.

Beispiel: Kandidatenaufstellung in der Partei. Ähnliche Regeln, Ort der Versammlung: Eine Turnhalle. Überhaupt: Turnhallen sind wegen Corona zu Not-Konferenzsälen umgewidmet. Sport in Hallen war ständig verboten und ist es teils jetzt noch. Darum wohl durfte man auch in Straßenschuhen rein.

Wahlen nur als demokratische Formalie

Stühle vorschriftsmäßig mit Abstand aufgestellt. Teilnehmerzahl begrenzt. Eine Mandatarin hält eine Ansprache, der Ortsvorsitzende auch. Schnell ein paar Redebeiträge erledigt. Abstimmung. Fertig. Den demokratischen Formalien genüge getan, hinterher schnell nach Hause.

Freilich: Die aufgestellten Kandidaten sitzen jetzt vier Jahre im Bundestag. Ihre Nominierung war definitiv nur formal demokratisch. Und so sieht es derzeit überall im Land aus. In Gremien, Vereinen, Parteien – überall, wo Entscheidungen demokratisch gefällt werden.

Fatale neue Normalität

Für sich genommen mag jedes dieser Beispiele banal sein. In der Summe sind sie das aber nicht. In der Summe führen all diese kleinen Demokratie-Beschränkungen zu einem Schwund an Demokratie im Großen und Ganzen.

Diese Sorte verkürzter Demokratie fühlt sich im dritten Corona-Jahr regelrecht normal an. Erschreckenderweise finden einige diese neue Normalität angenehm. Sie ist ja auch bequem. Wer nicht mit der Mehrheit gehen will, wird einfach überhört und weggestimmt. Die Mehrheit hatte es nie besser. Nie war es leichter, die Minderheit auszublenden.

Das ist fatal. Das ist auch nicht unser verfassungsmäßiges System. Die Normalität in einer Demokratie ist streitige Debatte. Die Abstimmung ist die Entscheidung nach der Debatte, nachdem alle die Chance hatten, ihre Argumente auszutauschen.

Das Corona-Regime beschränkt das Argumentieren. Das Corona-Regime begünstigt die, die das Sagen haben. Das Corona-Regime zentralisiert die Macht.

Das Regime muss komplett verschwinden

Liegt hier der Grund dafür, dass 2022 die Frühjahrs-Normalisierung noch zäher verläuft als vergangenes und vorgegangenes Jahr? Obwohl Corona weniger gefährlich ist, obwohl Omikron für die allermeisten weniger ist als eine übliche Saisongrippe?

Dass Politiker sich in Notstandsvollmachen verlieben könnten wird seit Beginn der Pandemie befürchtet. Im dritten Pandemiejahr kommt man nicht um Erkenntnis herum, dass es so wohl gekommen ist.

Und genau darum muss das Corona-Regime beendet werden, und zwar vollständig und ohne den geringsten Rest. Der Notstand darf sich nicht normal anfühlen. Sonst geht der Schwund an Demokratie immer weiter.

Foto: Jürgen Mattern – Wikimedia Commons

Bayerns Staatsregierung möchte herausfinden, ob Globuli als Ersatz für Antibiotika taugen. Das scheint sich als ziemlich schwierig zu erweisen. Geld ist da, 1,4 Millionen Euro, und auch ein Team von Wissenschaftlern, die es gern ausgeben würden – aber bisher nicht wissen, wie sie eine Studie gestalten sollen, die einerseits die Politiker zufriedenstellt, andererseits den wissenschaftlichen Ruf nicht zu sehr ramponiert.

Um eingangs noch einmal die Basis zu legen: Homöopathie ist, wenn Apotheker z.B. ein Mittel gegen Grippe verkaufen, weil ein französischer Lazarettarzt im 1. Weltkrieg meinte, in seinem optischen Mikroskop grippeauslösende Mikroben entdeckt zu haben. Woraus wiederum irgendjemand schloss – wer und warum auch immer –, dass diese Mikroben besonders häufig in Entenlebern vorkämen.

Hä? Genau!

Viren mit Schülermikroskop entdeckt

Deshalb stellen Homöopathie-Produzenten Mittel aus Entenlebern und – klar, logisch – auch aus Entenherzen her. Mittel, von denen sie auf Basis der lazarettärztlichen Mikroskopie behaupten, sie wirkten gegen die Grippe, und zwar die echte, manchmal tödlich verlaufende.

Für dieses Mittel pulverisieren sie die Entenorgane und verdünnen sie so stark, dass pro Fläschchen kaum mal ein einziges Entenleber oder -herzmolekül vorhanden ist, was aber egal ist, weil sich das Wassergedächtnis das Entenklein merke und darum die Wirkung des entischen Bakteriums dem Globuli-Gläubigen mitteile.

Blöd an der Story ist allerdings schon der allererste Anfang. Grippe wird bekanntlich von Viren ausgelöst. Viren sind jedoch zu klein, als dass man sie mit optischen Mikroskopen sehen könnte. Das geht nur mit Raster-Elektronenmikroskopen, und die gab es im ersten Weltkrieg noch nicht, auch nicht in Feldlazaretten, nicht einmal in französischen.

Wer mir nicht glaubt: Hier die Details zur Vorgeschichte.

Damit zurück in die moderne Gegenwart, genauer: ins Jahr 2019. Da beschloss der bayerische Landtag, die Wirkung von Homöopathie bei akuten Entzündungen wissenschaftlich überprüfen zu lassen.

CSU, Freie Wähle und Grüne stimmen für Eso-Eselei

Konkret lautet der Auftrag, herauszufinden, ob Globuli anstelle von Antibiotika gegeben werden könnten. Denn dann könne man den Einsatz von Antibiotika reduzieren und womöglich Antibiotika-Resistenzen vermeiden.

Eingebracht hat den Antrag der damalige Staatssekretär, inzwischen zum Minister aufgestiegene Klaus Holetschek. Seine CSU sowie Freie Wähler und Grüne hatte er dabei auf seiner Seite. 

Seitdem ist in der Sache nicht viel passiert. Nicht nur, dass zwei Jahre nach dem Landtagsbeschluss noch kein einziges Resultat vorliegt. Es gibt bisher noch nicht einmal ein Konzept für eine Studie, mit der sich die von den Gesundheitspolitikern gewünschten Erkenntnisse gewinnen ließen.

Holetschek-Ministerium: Wir haben ein Studienkonzept!

Fragen dazu beantwortet Holetscheks Ministerium nur zögerlich. In der ersten Antwort, die ich von seinem Haus erhalte, steht, „dass derzeit die Pandemiebekämpfung im Vordergrund steht“ und die Fachabteilungen des Ministeriums darum „sehr gefordert“ seien, man bitte um Verständnis. Immerhin scheint aber ein Interview mit Minister Holetschek möglich. Die Sprecherin erkundigt sich, wann man das führen möchte.

Zur Sache teilt das Ministerium dann auf Nachfrage nach einigen Tagen mit: „Die Studienkonzeption ist abgeschlossen“. Das allerdings stimmt nicht, wie sich wenig später herausstellt.

„Es müssen alle Register gezogen werden“

Den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren – das wäre für sich genommen eine gute Idee. Minister Holetschek bemüht sich darum nach Kräften, sein esoterisches Homöopathieprojekt mit seriöser medizinischer Rhetorik aufzupeppen.

Im Landtag heißt es in einem weiteren vom ihm und Kollegen initiierten Antrag, multiresistente Keime – also Erreger, die sich auch von unterschiedlichen Antibiotika nicht mehr bekämpfen lassen – könnten bis zum Jahr 2050 „Krebs als zweithäufigste Todesursache abgelöst haben“.

Darum müssten jetzt „alle Register gezogen“ werden. Im Dezember 2021, ein Jahr nach dem ursprünglichen Studienauftrag, stockte der bayerische Landtag auf Holetscheks Antrag das Budget von ursprünglich knapp einer Million auf knapp 1,4 Millionen Euro auf. Tatsächlich dürfte der Grund wohl darin liegen, dass die knappe Million nicht genügte, um Wissenschaftler auf ein Projekt zu setzen, mit dem sie wissenschaftlich nur verlieren können.

Aber für 1,4 Millionen ließ sich dann doch was machen. Inzwischen steht fest, wen die Politik mit der Durchführung der Studie beauftragt. Es ist ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des zur TUM gehörenden Klinikums rechts der Isar. Projektzeitraum laut Holetschek-Ministerium: ab Beginn dieses Jahres bis zum 31. Dezember 2023.

Weitere Auskünfte könnten die Projektbeteiligten geben, schrieb die Ministeriumssprecherin.

Holetschek-Ministerium irrt: Doch noch kein Studienkonzept

Können sie aber nicht.

„Unsere Wissenschaftler sind noch dabei, die Studie zu konzeptionieren“, schreibt TUM-Sprecher Ulrich Meyer. Das überrascht, denn das Holetschek-Ministerium hatte ja mitgeteilt, die Konzeption sei bereits abgeschlossen. Was stimmt jetzt? Gibt es ein Konzept für die Studie oder gibt es keines? 

Das Ministerium antwortet auf weitere Nachfrage: „Wir haben nochmal nachgehakt“, schreibt die Sprecherin. „Die IHOM-Studie wird am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München durchgeführt. Wir schlagen vor, sich mit diesen Informationen noch einmal an die dortige Pressestelle zu wenden.“ 

Studienkonzept vielleicht im Frühjahr?

Was dann aber auch nichts Neues erbringt: „Wie bereits mit meinem TUM-Kollegen Ulrich Meyer besprochen, können wir Ihnen gern im kommenden Frühjahr entsprechende Auskünfte geben“, schreibt Barbara Nazarewska, Sprecherin des Klinikums rechts der Isar. Es bleibt also dabei: Bisher ist völlig unklar, wie die politisch wohl erhoffte Wirksamkeit von Globuli gegen gefährliche Keime nachgewiesen werden könnte, auch, wenn das Ministerium etwas anderes mitteilt.

Hört man sich bei Mitarbeitern der TUM um, dann ahnt man, wo das Problem liegt. Namentlich zitieren lassen will sich niemand. Der Auftrag sei politisch gewollt und wissenschaftlich unseriös, heißt es. Es gebe längst genügend Studien über die (Nicht-) Wirksamkeit von Homöopathie. Zum Studienauftrag sei es darum nur schwer möglich, eine seriöses Design zu entwickeln, das auch ethischen Grundsätzen entspreche. 

So müsse die Studie randomisiert und doppelblind sein – sprich: Die Auswahl der Teilnehmer zufällig, wobei weder die Teilnehmer noch die Ärzte wissen dürfen, welche Patienten Antibiotika und welche Globuli verabreicht bekommen.

Globuli gegen Globuli testen – was mag da nur rauskommen?

Das werfe auch ethische Bedenken auf.  So dürften Patienten, für die Antibiotika womöglich lebensnotwendig seien, keinesfalls an der Studie teilnehmen. Sie könnten sterben, wenn sie als Studien-Probanden ein homöopathisches Zuckerkügelchen erhielten – dessen Wirksamkeit anders als bei neuentwickelten pharmazeutischen Präparaten seit Jahrzehnten als widerlegt gilt. 

Außerdem sehen sich die Entwickler mit der Frage konfrontiert, wie sie den Vergleich zwischen einem homöopathischen Präparat und einem quasi offiziellen Placebo messen sollten. Nach dem Stand der Wissenschaft würden sie damit ein homöopathisches Placebo mit einem allseits als Placebo akzeptierten Präparat vergleichen. 

Entsprechend scharf fällt die Kritik von Homöopathie-Kritikern am Vorgehen der bayerischen Gesundheitspolitiker aus. „Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Forschung zur Homöopathie zeigen allesamt, dass die Homöopathie nicht über Placeboeffekte hinaus wirkt“, sagt Norbert Aust, Sprecher des „Informationsnetzwerk Homöopathie“. „Dass man nun noch einmal öffentliche Mittel dafür aufwenden will, ist mit einem rational arbeitenden Verstand nicht zu erfassen.“ 

Ärzteverbände schweigen vorsichtshalber

Aust kritisiert auch die Technische Universität München. Dass die sich für die Studie hergebe, zeige, „wie weit die Wissenschaft bereits von der Notwendigkeit zur Einwerbung von Drittmitteln korrumpiert ist.“ Zu hoffen sei, dass die „zuständige Ethik-Kommission dieses Vorhaben ablehnen wird.“

Keine Stellungnahme wollten Bundes- und bayerische Ärztekammer abgeben. Auch die kassenärztliche Vereinigung, die sich in der Vergangenheit eher homöopathiekritisch äußerte, lehnte einen Kommentar ab.

Und das Angebot für ein persönliches Interview mit Minister Holetschek zog das bayerische Gesundheitsministerium nach meinen wiederholten Nachfragen zur Sache zurück.

Hinzufügen möchte ich eine weitere Erkenntnis, die meine Recherche erbrachte. Im Ministerium Holetschek glaubt man offensichtlich, Homöopathie helfe nicht nur gegen bakterielle Infekte, sondern auch Schäden des Corona-Virus.

Holetscheks Schwurbel-Referat macht jetzt was mit Long Covid

Darauf kam ich, als ich mich über die ausweichende erste Ausrede ärgerte, in der das Ministerium mal lässig die große Aufgabe der Pandemiebekämpfung als vorgeschaltete Entschuldigung für unwilliges Antworten ins Spiel brachte. Ich erlaubte mir dreisterweise, die darin enthaltene Aussage ernst zu nehmen.

Also: Das Ministerium schrieb, es könne eine Weile dauern, bis ich eine Antwort bekäme, weil die Fachabteilung alle „mit der Pandemiebekämpfung“ beschäftigt seien.

Alle? Zufällig weiß ich, dass Minister Holetschek noch zu seiner Zeit als Staatssekretär ein spezielles Referat für Alternativmedizin und ähnlichen Quark einrichtete, ausdrücklich auch für Homöopathie, das Referat 74 im bayerischen Gesundheitsministerium. Also wollte ich wissen, ob auch das Referat 74 gerade mit Pandemiebekämpfung beschäftigt sei.

Darauf antwortete die Pressestelle erstmal nicht, weshalb ich explizit nachfragte:

Nachfragen möchte ich auch noch einmal der Klärung halber zur Rolle des Referats 74 bei der Pandemiebekämpfung: Habe ich Sie da richtig verstanden und das Referat hat mit Corona zu tun und welche Rolle spielt es dabei ggf.?

Darauf erhielt ich folgende Auskunft:

Zu Referat 74 darf ich Ihnen mitteilen, Sie können nicht-namentlich „eine Ministeriumssprecherin“ zitieren.
„Grundsätzlich sind fast alle Referate des Hauses in der ein oder anderen Form mit der Pandemie-Bekämpfung befasst. Dazu gehört auch das Thema Post-COVID/Long-COVID.“
Wundert sich noch jemand? Immerhin empfiehlt ja auch der Apotheker des, äh, jedenfalls nicht Vertrauens Globuli gegen Corona.
Dieser Text ist ein Zwischenstand einer andauernden Recherche.

Am Morgen galt ich noch als frisch und gesund. Jetzt bin ich noch genauso gesund, aber vermutlich in Covid-Hausarrest. Genau weiß ich das nicht, denn es ist Freitagnachmittag und mein Gesundheitsamt ist nicht mehr zu erreichen. Dafür schickte mir die Apotheke, die mich  positiv schnelltestete, eine „Kundeninformation“, in der sie mir wärmstens homöopathische Globuli ans Herz legt. Nur im Fall akuter Atemnot möge ich einen Arzt aufsuchen.

Der Reihe nach.

Am Morgen: Training (noch als gesund geltend)

Gleich nach dem Aufstehen fuhr ich in mein Fitnessstudio und trainierte ca. zwei Stunden. Ich gehöre zu den privilegierten Menschen, die beim Auflegen des Kontaktchips an der Fitnessstudio-Pforte freien Eintritt bekommen, weil ich nämlich doppelt geimpft und geboostert bin. Wer das nicht ist, der muss vor dem Training einen Corona-Schnelltest absolvieren. Aber ich, wie gesagt, nicht, weil geboostert, so ist es Vorschrift.

Nach dem Training ging ich essen, dann fuhr ich zu einer Teambesprechung nach Ismaning. Allerdings sollte ich vor dem Betreten des Hauses, in dem wir uns trafen, einen PCR-Schnelltest absolvieren. Für den hatten die Kollegen einen Termin bei der dortigen Falken-Apotheke vereinbart, die ich hier namentlich nenne – warum, das wird gleich klar. Nach dem Test begann dann unser Treffen.

Vor dem Meeting: Testing

Nach einer Weile klingelte mein Handy. Eine Mitarbeiterin der Apotheke teilte mir mit, mein Test sei positiv. Also beendete ich meine Teilnahme, setzte mich ins Auto und fuhr wieder heim. Zu Hause setzte ich mich an den Computer, um zum einen das schriftliche Testergebnis der Apotheke in der Inbox abzurufen, den dazugehörigen QR-Code in meine Corona-Warnapp zu spielen und außerdem zu recherchieren, was ich jetzt zu tun hätte.

Leider war kein QR-Code dabei, sondern nur ein wie eine Urkunde gestaltetes PDF-Dokument. Außerdem eine „Kundeninformation“ für positiv Getestete. „Begleitbehandlung bei einer Covid-19-Infektion“ lautete die Überschrift. Bei Atemnot möge ich den Arzt konsultieren.  Die Apotheke empfiehlt Vitamin-C und Vitamin-D-Präparate und ein Zink-Medikament – anders als das RKI, das nichts davon empfiehlt. Das übliche Apotheker-Reklame-Geklingel.

Apotheke empfiehlt Globuli gegen Nebenhöhlenentzündung

Dann schreibt der Apotheker, Covidkranke hätten häufig erhöhte Körpertemperatur und ein mattes Körpergefühl – und empfiehlt vor allem homöopathische Globuli, und zwar nicht nur gegen unspezifisches Unwohlsein, sondern auch bei handfesten und organischen Beschwerden.

Als da wären: Kopfschmerzen, Nebenhöhlenentzündung, Fieber, Gliederschmerzen, Übelkeit und Kreislaufstörungen. Die Falken-Apotheke in Ismaning empfiehlt Covid-Kranken mit solchen Symptomen allen Ernstes esoterische Schwurbelware.

Immerhin ging dort jemand ans Telefon, als ich anrief und nachfragte, warum sie das tun. Die Antwort lautete: Es gebe eine Studie, die beweise, dass das wirkt. Ich fragte, welche Studie das sei und wo ich sie finde. Die Mitarbeiterin erklärte mir, dass sie leider gerade viele zu tun habe und darum keine Zeit mehr für mich.

Gesundheitsamt ist dann mal im Wochenende

Als nächstes suchte ich im Netz nach einer Möglichkeit, mein Gesundheitsamt zu kontaktieren und mein positives Testresultat mitzuteilen. Ich stellte fest, dass das wohl nur telefonisch geht, freitags leider nur bis 12 Uhr, am Wochenende gar nicht und also erst wieder kommenden Montag ab 8 Uhr.

Da sitze ich jetzt also – kerngesund, positiv getestet, gut im Training, offenbar hausarrestiert. Vielleicht nutze ich die Zeit und schreibe noch ein paar freche Texte gegen den Irrsinn der Corona-Politik. Zum Beispiel darüber, dass ich völlig legal auch morgen hätte trainieren dürfen, anschließend ins gut besuchte Café gehen, was man eben so alles darf als braver doppelt Geimpfter mit Booster, wenn ich heute nicht zufällig bei der Falken-Apotheke in Ismaning vorbeigeschaut hätte. Ich hätte gar nicht bemerkt, das ich erkrankt bin.

Wobei: Krank bin ich ja auch nicht, bestenfalls symptomlos infiziert.

Bonus: Corona-Medizin aus der Schwurbel-Apotheke

Für alle, die es genau wissen wollen, hier ein Anhang mit den homöopathischen Empfehlungen der Falken-Apotheke im Wortlaut – Typographie, Fettungen, Klammerbemerkungen etc. wie im Original.

Grippeähnliche Symptome mit Fieber und Gliederschmerzen können Sie naturheilkundlich begleiten:

Meteoreisen Glob. velati (3 x 10)

Infludo Tropfen (Weleda) (80 Tropfen in ein Glas Waser und über den Tag verteilt trinken) oder

Infludoron Streukügelchen 1-2-stündl. 15 Glob.

Zur Stärkung der Lunge eignen sich Bryonia/Stannum Globuli velati: stündlich 10 Globuli

Bei Nebenhöhlenentzündung mit Verschleimung:

Agropyron Globuli velati Bis zu stündlich 10 Glob.
Cochlearia amoracia 10% Salbe äußerlich auf die Nebenhöhlen 3 x tägl.
Sinupret extrakt 3 x 1
Gelomyrthol forte oder Soledum forte 3 x 1

Kopfschmerzen : (Corona bedingt)
Gelsemium / Bryonia Mischung stündlich 8 Tropfen Schmerztabletten

Übelkeit: Gentiana Magen Globuli velati 3-5 x 10 bei Übelkeit

Kreislaufstörungen mit Schwindel (ggf. auch erst später im Verlauf)

Skorodit Kreislauf Globuli velati 3 x 10 und akut bei Bedarf)
Balsamischer Melissengeist (Tropfen auf Zucker)

In der Genesungszeit und bei Erschöpfung:

Levico comp. Globuli velati (3 x 10 Glob.)
Meteoreisen Globuli velati (3 x 10 Glob.)
Vigo Loges Kps. 1 x 2 St.

 

Donauschwimmen vor dem AKW Gundremmingen

Ich war am Wochenende in der Donau schwimmen, und zwar bei Gundremmingen. Da steht ein Atomkraftwerk. Ein echtes. Es dampft oben aus dem Kühlturm. Der Wasserdampf, der da entweicht, ballt sich zu Schönwetterwolken. Es sind die einzigen Wolken am Himmel. Mir fällt Gudrun Pausewang ein. Die Wolke, ein Panik schürendes Kinderbuch, schlimmer als der Rotkäppchen-fressende böse Wolf. Eine lautlose, unheimliche, hinterhältige Wolke zieht auf und vernichtet uns alle und macht die Welt unbewohnbar. Ein apokalyptisches Märchen, das die Grünen bis heute glauben. Denn die weißen Wasserwölkchen da oben sind einfach nur hundsprimitiver Wasserdampf. Der besteht auch aus Atomen, die sich wiederum zu H2O-Molekülen gruppieren und da so schäfchenhaft aus dem Turm quellen.

Unten, im Flussbett der Donau, fließt noch mehr H2O und es ist bedeutend kühler. Aber man hält es gut darin aus. Mit ein paar Aktivisten von Nuklearia bin ich da reingesprungen. Rein in die Strömung, die uns kräftig am Atomkraftwerk vorbeizog, schön mitten durch die Sichtachse, damit wir alle aufs Bild passten: Die Schwimmer, die Donau, das Kraftwerk und ein bisschen Wolke.

Wahrscheinlich bin ich jetzt für immer verstrahlt. Mir hat ja kürzlich jemand gesagt, ich sei neuerdings genetisch umprogrammiert, und zwar wegen meiner Corona-Impfung. Da hatte ich der betreffenden Person von meinem ersten Shot erzählt. Mein Gegenüber bedauerte, dass meine Gene nun auf ewig verändert sein. Ich antwortete, es sei nur AstraZeneca gewesen, ein Vectorimpfstoff, nix mit Gentechnik. Das Gegenüber antwortete, das würden die mir nur sagen. Das sei ganz anders. Ich würde es erleben. Knapp zwei Monate später erzählte ich von meiner florierenden Biontech-Aktie und von meinem zweiten Shot mit Moderna. Nacktes Entsetzen war die Reaktion. Wie ich mit so etwas Geschäfte machen könne.

Nuklear und geimpft: Förchtet Euch!

Wir Deutschen sind, was Aberglauben betrifft, offenbar ein bisschen speziell. Atomkraft ist Märchenthema mit Realbezug, seit die Pioniere der Anti-AKW-Bewegung seinerzeit die lachende Sonne mit „Atomkraft – Nej tak“ aus Dänemark mitbrachten. Einer von denen war Baldur Springmann, ein Nazi, SA-Mann, aber auch Öko-Bauer und einer der Gründer der grünen Partei. Springmann wird in seiner Bedeutung für Denkmuster des nationalgrünen Deutschtums schwer unterschätzt. Was er an wirrer Mystik in die Welt setzte, schimmelt in grünen Hirnen bis heute lebendigst vor sich hin.

Bei mir in Oberbayern kämpfen sie gegen die Aufklärung besonders heftig an. Unsere Grünen hier gehören zum harten Kern der Mutter-Erde-Fraktion mitsamt ihrem kotzwürdigen Antisemitismus. Wie die wahren Taliban sind sie stets auf der Suche nach noch mehr Reinheit, reiner als rein. Der diesjährige Wahlkampf hat einen regelrechten Überläuferstrom zur national-mystizierenden Querdenker-Partei „Die Basis“ ausgelöst. Diese Leute sind echte Grüne, nur eben noch irrer. Demnächst mehr dazu auf diesem Blog.

Mögen sie sich bis dahin an diesem großartigen Bild ergötzen, das mich, zweifach geimpft, mit Vector- und mRNA-Präparat, schwimmend in der Donau direkt vor dem AKW Gundremmingen zeigt. Hach! Wie wundervoll die Isotope mich durchströmen, wie kregel die DNA-Stränge sich in mir winden. Wie wohlig warm das nukleare Feuer in mir lodert. Wie das Donauwasser (höchstens 17 Grad) die Hitze meiner Hirnwindungen kühlt.

Fürchtet Euch, Ihr Schwurbler! Denn meine Blicke strahlen jetzt neutronisch.

Da jammert der Staat einerseits, die Bürger würden angesichts sinkender Corona-Zahlen impfmüde. Termine sind in den Impfzentren seit kurzem sogar für denselben Tag möglich. Endlich scheint auch genügend Impfstoff vorrätig zu sein. Zugleich droht der Bundesgesundheitsminister mit Wechselunterricht nach den Sommerferien. Täglich warnen Politiker und Medien vor der „gefährlichen Delta“-Variante. Wie gut, dass frische Studien Klarheit bringen, wie sich „Delta“ gut bekämpfen ließe. Wie fantastisch, dass das Robert-Koch-Institut und seine Ständige Impfkommission (Stiko) auf dem Stand der Wissenschaft sind und entsprechende Empfehlungen aussprechen, auch für die Zweitimpfung. Aber wenn man denkt, es könne jetzt mit Tempo losgehen, denkt sich die Bürokratie in Rosenheim: Nö.

Termin klappt. Aber vor Ort wird es kompliziert

Vergangenen Freitag las ich in einem Artikel der Welt, dass die Stiko als Zweitimpfung nach einem ersten Schuss AstraZeneca ein mRNA-Präparat wie das von Biontech empfehle (–> Quelle). Man muss ein bisschen weiter lesen als nur Überschrift und ersten Satz und findet dann detaillierte Infos. Ich habe später auch die entsprechende Empfehlung auf der Seite des Robert-Koch-Instituts gefunden, aber dazu gleich mehr. Jedenfalls habe ich mich von unterwegs gleich für den nächstmöglichen Termin beim Rosenheimer Impfzentrum angemeldet – der war dann auch am selben Tag, 2. Juli 2021 um 16.45 Uhr. Ich war pünktlich da.

Covid Impfstoff

Impfstoff ist endlich da. Aber das Impfzentrum Rosenheim rückt ihn nicht raus

Am Empfangsschalter erklärte ich der Mitarbeiterin die Lage: Am 5. Mai hat mein Hausarzt mir als Erstimpfung AstraZeneca gespritzt. Das ist acht Wochen her. Nach damaliger Lage wäre eine zweite Dosis mit Astra zwölf Wochen später fällig. Nach heutiger Lage dagegen empfiehlt die Stiko eine Zweitdosis Biontech, und zwar schon nach ab vier Wochen. So schilderte ich es der Mitarbeiterin. Die versuchte, die Konstellation in ihren Computer einzugeben. Sie holte dann eine Kollegin zu Hilfe, die dann einen Arzt und der noch einen, der so etwas wie der Chef gewesen sein musste.

Letzterer behauptete freiweg, es gebe diese Stiko-Empfehlung nicht. Selbst, wenn es sie gäbe, müsste sie von der Stadt Rosenheim als Impfzentrum-Betreiberin freigegeben werden. Das sei bisher nicht passiert. Wenn ich der Meinung sei, es gebe die Empfehlung, möge ich sie ihm zeigen.

Der Arzt im Impfzentrum spottet über Spahn

Ich zeigte ihm den Welt-Artikel. Er lachte mich aus und spottete, was Herr Spahn sage, sei nicht wichtig. Der wolle sich nur öffentlich produzieren. An der Stelle würde ich nicht einmal widersprechen, aber leider las er den Rest des Artikels nicht. Er forderte stattdessen, ich möge ihm die Stiko-Empfehlung auf der Seite des Robert-Koch-Instituts zeigen. Während ich googelte und die Seite fand, redete er pausenlos auf mich ein. Der andere der beiden griff derweil zum Handy und sagte, er rufe jetzt bei der Stadt Rosenheim an. Dann sagte er, die Stadt lehne es ab, dass ich jetzt eine zweite Dosis mit mRNA-Impfstoff bekomme.

Damit war der Termin gescheitert. Das Impfzentrum und/oder seine Betreiber haben fachlich falsch entschieden.

Ausnahmezustand wegen Corona – aber Rosenheim findet Bürokratie wichtiger

Die Stiko stellte bereits am 1. Juli (einen Tag vor meinem Termin) fest, dass allein die Erstimpfung vor allem gegen die Delta-Variante nur geringen Schutz biete. Darum sei die Zweitimpfung wichtig. Eindeutig zu empfehlen sei die Kreuzimpfung („heterologisches Impfschema“) – also: erste Dosis Astra, zweite Dosis mRNA. Wörtlich die Stiko auf der Seite des Robert-Koch-Instituts  ( –> Quelle):

Nach aktuellen Studienergebnissen ist die Immunantwort nach heterologem Impfschema (Vaxzevria/mRNA-Impfstoff) der Immunantwort nach homologer Vaxzevria-Impfserie (2 Impfstoffdosen Vaxzevria) deutlich überlegen. Vorbehaltlich der Rückmeldungen aus dem noch zu eröffnenden Stellungnahmeverfahren empfiehlt die STIKO daher für Personen, die Vaxzevria als 1. Impfstoffdosis erhalten haben, unabhängig vom Alter einen mRNA-Impfstoff als 2. Impfstoffdosis mit mindestens 4-wöchigem Impfabstand zur 1. Impfstoffdosis.

Das ist eindeutig. Mit acht Wochen Abstand zur ersten Astra-Dosis wäre ich im Zeitfenster für eine Zweitimpfung mit mRNA-Impfstoff. Exakt das wäre auch die richtige Vorgehensweise.

Die Entscheidung des Impfzentrums Rosenheim, mir die Zweitdosis zu verweigern, war fachlich falsch und gegen die Empfehlung der Stiko. Das ist unverantwortlich. Der Staat zwingt das Land wegen der Pandemie seit über eineinhalb Jahren in den Ausnahmezustand. Impfen gilt nach wie vor als Schlüssel zurück zur Normalität. Zugleich aber verweigert jedenfalls das Impfzentrum Rosenheim das Impfen nach der Empfehlung der dafür berufenen obersten Fachbehörde. Unsäglich.

Ich habe gegen die Verantwortlichen Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht. Der Fall ist nicht ausgestanden.

Steigt die Gefahr eines Blackouts, wenn immer mehr Strom mit Wind- oder Solaranlagen erzeugt wird?

Diese Frage ließe sich technisch beantworten, denn es geht um ein technisches Thema. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts,  sieht das freilich nicht so. Er behandelt das Thema ideologisch.

Das tut er unter falscher Flagge, nämlich in einer Rubrik namens „Faktenfuchs“. Dabei handelt es sich um das „Facktenchecker“-Format des Bayerischen Rundfunks, Anstalt des öffentlichen Rechts. Die Verpackung signalisiert Faktentreue statt Kommentierung, ist aber das Gegenteil davon. Tatsächlich ist auch dieser „Faktencheck“ eine intellektuelle und journalistische Zumutung. Er versucht sich an einem Beweis, wo keiner möglich ist. Der Aufhänger des Artikels taugt nicht. Die These ist nicht klar formuliert. Und wo er sich dann ein wenig der Sache widmet, verbreitet der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts,  schlicht Unfug.

Irgendwas mit Blackout: Wer was sagt, erfährt der Leser nicht

Das Drama beginnt mit der Überschrift. Der Artikel ist so betitelt:

Keine erhöhte Gefahr von Blackouts durch die Energiewende

Steile Behauptung. Sie wird im gesamten Text (Länge: unfassbare 23.907 Zeichen) nicht mal näherungsweise belegt. Kann sie auch nicht. Deshalb nicht, weil sie einen Nichtbeweis erforderte. Nichtbeweise existieren aber nicht. Man kann nur beweisen, was ist. Man nicht beweisen, was nicht ist. Man kann erst recht nicht beweisen, was in der Zukunft nicht sein wird.

Das Drama geht mit dem Aufhänger weiter. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, behauptet, „ein bayerischer YouTuber“ habe eine These aufgestellt. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, nennt weder die Identität seines Hauptprotagonisten, den zu widerlegen sein Artikel vorgibt, noch den Wortlaut der These, die dieser angebliche „bayerische YouTuber“ aufgestellt habe.

Da der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, keinen Protagonisten mit Namen, Pseudonym, Link oder sonstwie identifizierbar nennen kann, ist mit Nichtwissen zu bestreiten, dass es ihn überhaupt gibt. Anders gesagt: So lange der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, keinen Protagonisten nennt, ist der Protagonist als frei erfunden anzusehen.

So lange die Anstalt ihren Protagonisten nicht nennt, ist mit Nichtwissen zu bestreiten, dass er existiert

Zum Inhalt des Aufhängers: Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, behauptet nur entfernt sinngemäß und in der Sache nicht fassbar, im Netz kursierten falsche Gefahrenszenarien zur Stromversorgung. Werde der Anteil der „erneuerbaren Energien“ weiter ausgebaut, vergrößere das die Chancen auf einen Blackout. Besagter Anonymous rede davon, in Polen sei kürzlich ein Teil der Produktion eines Kohlekraftwerks ausgefallen. Dank vorhandener „Generatoren“ habe es aber keinen Blackout gegeben. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, behauptet ohne Nachweis, der Anonymous habe in einem Video gesagt:

Können wir in zwei Jahren so einen Fehler auch noch ausbügeln? Oder würde so ein Fehler vielleicht in Deutschland zum Blackout führen? Das ist das Problem unserer Energiewende.

Die These des Textes besteht also in der Behauptung, ein Anonymous habe eine falsche Behauptung über die Gefahr eines Blackouts im Fall weiter ausgebauter „erneuerbarer Energien“ aufgestellt. Gegen diese Behauptung behauptet der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts jetzt vorzugehen – wobei der Inhalt der zu bekämpfenden Behauptung unklar bleibt. Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts schreibt seinem namenlosen angeblichen Protagonisten wörtlich nur die implizierte Aussage zu, der Ausbau der „erneuerbaren Energien“ sei ein Fehler. Sodann frage der angebliche Protagonist, ob dieser Fehler noch auszubügeln sei oder ob er zum Blackout führe, letzteres aber auch nur vielleicht.

Etwas dünn, was der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, hier zu widerlegen trachtet. Die These, die zu widerlegen er behauptet, hat er also so oder so selber konstruiert. Selbst dann, wenn es ihn tatsächlich geben sollte und er alles so gesagt hätte, wie behauptet, hätte der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, ihm zwecks Thesen-Generierung die Worte im Munde herumgedreht.

Pedellen in der Wüste

Energiewende-Befürworterin Claudia Kemfert will E-Fahrzeuge als Netzspeicher gegen Blackouts nutzen – was natürlich nur dann geht, wenn sie stehen

Dann folgt der technische Teil – beziehungsweise: ein technischer Teil. In dem geht es um die vom Bayerischen Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, konstruierte und dem mutmaßlich nicht existierenden Protagonisten zugeschobene These über eine größere Blackout-Gefahr bei weiterem Ausbau der „Erneuerbaren“ gerade nicht.

Stattdessen wird Wikipedia-Wissen über die Struktur des deutschen Stromnetzes an und für sich ausgebreitet. Irgendwann findet sich eine Passage darüber, dass Verbraucher nicht nur Strom abnähmen, sondern aus Solaranlagen auch einspeisten. Oder, dass längere Wege nötig seien, um Windstrom aus dem Norden in den Süden zu transportieren. Alles altbekannt und nicht ganz verkehrt. Nur: Wo bleibt das Thema des Artikels? Macht das Beschriebene das Netz sicherer oder unsicherer? Mehr Blackouts oder weniger?

Die These, so sie existiert, erweist sich als nicht belegbar

Von Dunkelflaute ist in dem Artikel die Rede – nächtliche Windstille also. Korrekt heißt es, dass die „Erneuerbaren“ dann keinen Strom lieferten. Die Lücke werde derzeit noch z.B. mit Kernenergie ausgeglichen. Auch zutreffend. Nur wird bekanntlich Kernkraft kommendes Jahr abgeschaltet. So, wie sich der Text jetzt liest, klingt er eher so, als werde das Stromnetz instabiler und als steige die Gefahr eines Blackouts.

Zutreffend auch die Aussage, bei sonnigem, windigen Wetter lande schon heute zu viel Strom im Netz und überschüssige Energie müsse irgendwie abgeleitet werden. Bestärkt jetzt aber auch nicht die These des Bayerischen Rundfunks, Anstalt des öffentlichen Rechts, sondern eher die des vermeintlichen „bayerischen YouTubers“. Und dann folgt dieses Zitat:

Da besteht Optimierungspotential und deshalb wird viel dazu geforscht, wie man Erzeugung und Verbrauch besser aufeinander abstimmen könnte. Etwa, wie man die überschüssige Energie speichern kann, um sie dann zu Zeiten, in denen weniger Strom vorhanden ist, nutzen zu können.

Der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, entfernt sich immer weiter von seiner steilen Einstiegsthese. Und das, wie der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts betont, obwohl alle, die eine größere Gefahr von Blackouts beim Ausbau der „erneuerbaren Energien“ fürchteten, „rechte Medien“ seien, gar ein „rechtsextremes Meinungsblog“ dabei sei oder – schlümm, schlümm – „Gegner der Energiewende“.

Kritiker an der Energiepolitik von Grünen und Groko? Natürlich alle rechts

An dieser Stelle lässt der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, dann eine lange Passage folgen, in der Experten zu Wort kommen. Vor allem Claudia Kemfert. Ausgerechnet, möchte man sagen. Kemfert ist eine ausgewiesene Anwältin grüner und großkoalitionärer Energiepolitik. An einer Stelle liefert sie dann auch endlich ein Statement, das die Überschrift des Artikels einzulösen scheint. Es lautet:

Die Energieversorgungssicherheit ist auch mit einer Vollversorgung aus erneuerbaren Energien gesichert.

Leider aber formuliert Claudia Kemfert trotz allen anzunehmenden Wohlwollens für den Bayerischen Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts und seine Blackout-These dann aber doch eine differenziertere Sicht auf die Dinge. Das führt ein paar Sätze später dazu, dass der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, Kemfert mit einer herben Konditionierung seiner These zitieren muss.

Laut Energiewende-Expertin Claudia Kemfert vom DIW kann das zum Beispiel funktionieren, indem die Verbraucher stärker eingebunden werden – etwa, indem sie Speicher bereitstellen. Das könnten Heimspeicher sein oder auch Elektrofahrzeuge.

Das klingt jetzt nicht mehr so schön. Ohne genügend E-Autos am Netz drohen also Blackouts – das ist die Aussage, die der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, zwar nicht so direkt formuliert, die jetzt aber dennoch so auf dem Tisch liegt. Also auch, dass Besitzer von E-Autos nicht mehr bestimmen dürfen, ob sie an windstillen Winterabenden die Kinder im Tesla-SUV vom Ballett abholen und auf dem Heimweg noch beim Supermarkt vorbeischauen. Da das bis Ende des kommenden Jahres so schon funktionieren müsste, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, dürfen wir uns in den nächsten Monaten auf nette Debatten freuen – falls denn zutreffen sollte, was der Bayerische Rundfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts, da schreibt.

Der Rest des Artikels ist ideologische Abhärtung nach Art der Carolin Emcke. Wer etwas Kritisches über die Energiewende, ja sogar über die Bundesregierung sage, sei rechts und schüre Angst und Panik. Geschenkt. Oder nein:

Da gibt es ja auch den Deutschlandfunk, Anstalt des öffentlichen Rechts. Dort findet man einen Artikel, der einen ganz anderen Sound anschlägt und – anders als der bayerische „Faktenfuchs“ – sehr konkret und belegt mit Zahlen daherkommt ( –> Quelle). Beispielsweise sei es schon vorgekommen, dass Händler Strom verkauften, den sie noch gar nicht hätten oder dass Übermittlungsfehler den Handel an der Strombörse störten. Mit beträchtlichen Folgen: Einmal hätten im Netz 6000 MW gefehlt – die Leistung von sechs Atomkraftwerken. Es habe schon etliche Beinahe-Blackouts gegeben, und zwar ursächlich wegen des steigenden Anteils der „Erneuerbaren“.

Der  „Faktenfuchs“ des Bayerischen Rundfunks, Anstalt des öffentlichen Rechts, ist übrigens schon lange für seine originelle Definition von „Fakt“ und „Fuchs“ bekannt. In einer der ersten Folgen widmete sich der Brüssel-Korrespondent der ARD in dieser Traktatreihe des Lobens und Preisens der Vorzüge der EU-Behörden ( –> Quelle). Die seien personell keineswegs überbesetzt. Im Gegenteil: Die hätten da nicht mehr Beamte als etwa die Stadt München. Die aber sei doch viel kleiner als die riesige EU.

Was er nicht dazusagte: Dass die Münchner Stadtbeamten Ausweise, Führerscheine, Geburtsurkunden und vieles mehr ausstellen, was EU-Beamte durchweg nicht tun. Aber hey, man kann’s ja mal versuchen.

Mit dem Klimawandel verhält es sich so: Die, die am meisten darüber wissen, fürchten sich am stärksten. Mit Atomkraft verhält es sich so: Die, die am meisten darüber wissen, fürchten sich am wenigsten.

Aus: Stewart Brand, Whole Earth Discipline, 2009

Gibt es irgendwo auf der Welt eine Panne in einem Atomkraftwerk, ist auf deutsche Medien Verlass. Wie dieser Tage, als irgendwas im Reaktor von Taishan passiert sein soll. Ein Ort, dessen Namen die meisten in Deutschland noch nie gehört haben dürften. Taishan liegt in Südchina. Da drohe „eine unmittelbare radiologische Bedrohung“, wie Christoph Seidler, Wissenschaftsredakteur des Spiegel, sorgenvoll notiert und sich dabei auf CNN beruft. ( -> Quelle).

„Experten sind besorgt über AKW-Panne in Chinas wichtigstem Industriezentrum“, titelt Benedikt Fuest, nicht minder angespannt, für die Welt (-> Quelle). China spiele die Panne herunter. Die in der Überschrift versprochenen Experten fehlen leider im Kleingedruckten, jedenfalls sorgenvolle. Es finden sich nur „Experten“ der Betreiber, die sich freilich nicht sorgen, sondern Entwarnung geben. Der Meiler laufe innerhalb der vorgesehenen Werte.

Da wäre mehr drin gewesen, denn es gab durchaus Experten, die leicht aufzufinden waren.

Einer von ihnen ist Mark Nelson. Nelson lebt in Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico und verfügt über eine beeindruckende Vita. Er hat einen MPhil der Universität Cambridge in Nuklearenergie. Mit dem Titel MPhil darf sich schmücken, wer ein Forschungsstudium an einer englischen, amerikanischen oder australischen Uni erfolgreich absolviert hat. Er ist außerdem Ingenieur für Flugzeugtechnik und Mechanik, studierte Russisch in Oklahoma, lebte einige Jahre in Russland und Tadschikistan, arbeitete dort u.a. in einer Hosenfabrik und forschte am Los Alamos National Laboratory in den USA. Derzeit, so schreibt er in seiner Vita, beschäftige er sich schwerpunktmäßig mit Fragen um die klimaverträgliche Energiegewinnung. Ihn interessierten schwerpunktmäßig die Elektrizitäts-Systeme in Deutschland und Frankreich ( -> Quelle).

Zu Taishan wusste Nelson auf Twitter mitzuteilen, wie der Reaktor dort beschaffen sei und worin höchstwahrscheinlich das Problem liege. Es seien in geringer Menge Edelgase ausgeströmt. Das deute auf eine undichte Stelle an einem Brennstab. In so einen Brennstab, hergestellt aus Zirkonium, würden die energiereichen kleinen Nuklear-Pellets gefüllt. Die bestünden aus einem Keramik-ähnlichen Material – wobei er in seinem Thread dazuschrieb: Genau, Keramik, wie bei einer Kaffeetasse. Vorteil: Das Material sei ausgesprochen hitzebeständig. Nachteil: es sei zerbrechlich. Früher seien ständig mal Pellets gebrochen oder hätten Risse bekommen. Heute komme das nur noch selten vor, aber man könnte das eben nicht ganz vermeiden (wobei modernere Reaktor-Typen anders beschaffen sind und das Problem dort grundsätzlich nicht auftreten kann).

Die typische Konsequenz sei, dass Edelgase aus dem Brennstab strömten. Die seien zwar teils durchaus radioaktiv, was aber nicht besonders schlimm sei. Edelgase – wer Chemie hatte, erinnert sich vielleicht – reagieren nur sehr träge oder gar nicht mit anderen Elementen. Wer ein paar Moleküle einatme, der atme sie auch wieder aus, schreibt Mark Nelsen. Wie das eben so sei mit Edelgasen.

Von Anfang an war klar: Im Atomkraftwerk Taishan kam niemand zu Schaden

Nelson verlinkt dann auch zu einem Tweet von CNN. US-Behörden würden sich die Sache anschauen, aber noch kein Krisenlevel sehen, heißt es darin. In deutschen Redaktionen scheint dieser CNN-Tweet nicht angekommen zu sein, jedoch immerhin der ausführliche CNN-Artikel, in dem sich dieser Satz findet. Genau den verlinkt Christoph Seidler in seinem Spiegel-Bericht ( -> CNN-Artikel) – wohl eher in der Hoffnung, dass niemand ihn klickt oder zu gründlich liest. Denn die Einschätzung der US-Regierung, von Krise könne keine Rede sein, verschweigt Seidler.

Hätte er das getan, hätte sich der sorgenvolle Sound seines Textes auch zerlegt. Seidler schreibt:

Man muss nur einmal auf die Landkarte schauen, um sich zumindest ein paar Sorgen zu machen: Zeichnet man einen Kreis mit einem Radius von umgerechnet rund 150 Kilometern um den chinesischen Atommeiler Taishan, finden sich darin unter anderem diese Megastädte: Guangzhou (rund 20 Millionen Einwohner), Shenzhen (12 Millionen), Foshan (7 Millionen) und Hongkong (7,5 Millionen). Genau auf dieses Kraftwerk im Zentrum dieses Kreises richten sich gerade die Blicke von Experten wegen eines möglichen Problems – auch wenn sich aktuell kaum seriös sagen lässt, wie groß die Gefahr tatsächlich ist.

Immerhin lässt sich in Seidlers Text bei aufmerksamem Lesen nachvollziehen, dass der Vorfall offenbar schon mehrere Tage alt war und dass CNN ihn deshalb exklusiv vermelden konnte, weil die US-Regierung von einer der beiden Betreiberseiten des Kraftwerks darauf aufmerksam gemacht wurde. Der Reaktor wird von einer chinesischen Firma betrieben und wurde gemeinsam mit der französischen Framatom gebaut. Framatom ist weiter für die Wartung mitverantwortlich. Gegen China bestehen freilich US-Sanktionen wegen der Unterdrückung der Uiguren und anderer Minderheiten. Framatom bat die US-Regierung offenbar deshalb, in China aushelfen zu dürfen, um sich für Unterstützung Chinas nicht auch Sanktionen einzufangen.

Atomkraft Doel bei Antwerpen

Energie ohne klimaschädliches CO2: Atomkraftwerk Doel bei Antwerpen in Belgien

Tatsächlich passiert war in Taishan jedoch:  nichts – wieder mal nichts, wie das meistens so ist, wenn deutsche Medien sorgenvoll ihre nuklearen Angstpsychosen pflegen. Die chinesische Provinz Kanton und Hong Kong blieben unbehelligt. Kein Arbeiter im Atomkraftwerk bekam eine zu hohe Strahlendosis ab. Nirgendwo radioaktiver Fallout. Es war ein kleiner Zwischenfall, wie er mal passieren kann, jedoch routinemäßig und ohne viel Mühe gelöst wird. Nichts war außer Kontrolle geraten. Es war wieder nur eine dieser Stories, die die diffuse Angst vor der Atomkraft am Köcheln halten sollen.

Selbstverständlich haben weder Seidler noch Fuest die Sache weiter verfolgt und ihr Publikum darüber aufgeklärt, ob und wie das Problem erledigt wurde und wie klein es überhaupt war. Das geschieht nie nach solchen Vorfällen. Medial finden sie nur statt, solange die Lösung noch offen ist, sich also der GAU, gar der Super-GAU als Unhappy End herbeiphantasieren lässt. Das reale Happy End im Atomkraftwerk findet in Medien nicht statt.

Der Nazi, Esoteriker, Ökobauer und Grünen-Gründer, der den Deutschen die Angst vor Atom- und Gentechnik beibrachte

Baldur Springmann bei Grüne

Öko-Bauer und Altnazi Baldur Springmann mit Anti-Atom-Button bei Grünen-Parteitag: Seine Reden prägen bis heute das Angst-Narrativ zur Atomkraft

Das dürfte mit der Grundstimmung in Deutschland zu tun haben, die ein wenig speziell ist. Ende der 1970er Jahre entdeckten die linken 68er den Umweltschutz als neues Mobilisierungsthema. Die Kritik an sozialen Folgen der Industrialisierung wurde auf die Folgen für die Natur erweitert. Einer der Köpfe der Grünen-Gründer war Baldur Springmann – freundlich lächelnder Rauschebart mit Kittelhemd, früherer SA-Mann, Mitglied des Reichsnährstandes (das sind die, die das Schwarzbrot propagierten, eine typisch deutsche Meise bis heute), vermögender Erbe einer Metallfabrik im Ruhrgebiet, Großbauer in Mecklenburg in der NS-Zeit, erster Ökobauer Westdeutschlands in Schleswig-Holstein in den 1950er Jahren.

Man mochte es diesem verschrobenen wirkenden Mann nicht zutrauen, aber er hatte machtstrategisch was drauf und dachte schon damals ganz ähnlich wie später Angela Merkel, speziell aber die Grünen bis heute.

Ich denke, dass die andere sehr große Machtzentrale, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat, die Medien sind. Da lag wahrscheinlich ein richtiger Ansatzpunkt. Ich habe die Erfahrung gemacht, auch damals, als ich parteipolitisch tätig war, wie die Medien aus mir etwas ganz anderes gemacht haben als meine eigenen Parteifreunde. Von den Journalisten gab es ganz viele, die viel besser begriffen hatten, was ich wollte, als eigene Parteimitglieder. Die haben versucht, sehr viel von meinen Ansichten zu verbreiten. […] Weißt Du, wie meine politische Laufbahn angefangen hat? Ich hatte keine Ahnung von nichts. Ich bin nach Hamburg gefahren und habe mich durchgefragt. Die haben mich alle veräppelt und ausgelacht. Ich habe gesagt, ich wolle ins Fernsehen und den Leuten was erzählen (lacht). Zuletzt habe ich eine Frau gefunden, die hat eine Reportage gemacht, die war ganz prima. Und das war mein Einstieg, sonst hätten meine Freunde mich gar nicht gekannt, so konnte ich die Grünen gründen.

Baldur Springmann in: Es liegt an uns, alles zu ändern, Raum & Zeit 62/93

Schöne Entdeckung, das mit den Medien. Und es funktioniert ja auch. Heutige Grüne würden manches vielleicht anders formulieren als Springmann. Aber Sätzen wie diesen würden sie in der Sache zustimmen:

Wenn wir das ganze Erdenleben mittragen und für seine Zusammenhänge und seine Gesundheit sorgen, dann sorgen wir für uns selbst am besten. Das ist die Grundlage. Und wenn das die Grundlage unseres Denkens ist, dann ergeben sich ganz logischerweise auf allen Gebieten totale Änderungen unserer Handlungen. Dann ist es z.B. unmöglich, irgendwelche Dinge zu tun, von denen wir nicht wissen, wie sie sich auswirken werden. Ein Kernkraftwerk ist immer ein gutes Symbol dafür. Das ist so dieser Kitzel, dieser Reiz. Großartig, dass wir das schon können. Genmanipulation ist so etwas Ähnliches. Da haben wir jetzt schon angefangen mit etwas, das vielleicht gar nicht so schlimm ist, aber das einfach noch nicht zu Ende gedacht ist. Das ist so, als wenn wir ein Flugzeug bauen und haben noch keine Landeklappen und keine Räder zum Landen, denn wir sind so ungeduldig: Piloten und Passagiere sagen, nun flieg mal los, es wird uns schon was einfallen, wie ihr wieder landen könnt. So ist es mit allen Dingen: Man darf das nicht machen, bevor man nicht weiß, wo man mit der Scheiße bleibt, die dabei anfällt.

Baldur Springmann, ebd.

Ziemlich schiefes Bild. Falsch ist daran schon, dass ein Flugzeug ohne Räder erst gar nicht starten könnte. Landeklappen dagegen sind tatsächlich weder zum Starten noch zum Landen zwingend nötig. Die Höhenruder am Heck genügen vollauf. Aber Angst beruht ja gerade auf Unwissen. Auch diesen Satz würden heutige Grüne vermutlich immer noch unterschreiben oder wenigstens wohlwollend tolerieren:

Ob das Wort Bauer noch stimmt, möchte ich bezweifeln. […] Es gibt nur noch einen Agraringenieur, das heißt einen, der wie ein Ingenieur manipuliert auf dem Sektor Natur. Und was die studieren, ist pflanzliche und tierische Produktion, das heißt, die Tiere und die Pflanzen sind Produktionsmittel. Wie Maschinenteile, das ist ihnen eingehämmert worden von diesen Wissenschaftlern.

Baldur Springmann, ebd.

Diese Wissenschaftler! Da klingt Baldur Springmann wie der heutige Ken Jebsen. „Follow the Science“ wäre eher nicht sein Motto gewesen. Aber das ist das Motto der Grünen auch nur zu einem einzigen Thema, nämlich dem Klimawandel. Und auch da meinen sie das in konsequent antiwissenschaftlicher Politisierung. Luisa Neubauer etwa argumentiert gern fehlerhaft-empirisch und ad hominem: Stets hat sie irgendeine Zahl oder eine Korrelation zur Hand, nie aber eine Ursache-Wirkung-Kausalität. Das war bei Elvis Presley schon so: Millionen Fans können nicht irren, hieß es. Also sagt Neubauer, auch 30.000 Wissenschaftler könnten nicht irren. Nicht, weil die Wissenschaftler recht haben (was durchaus möglich ist), sondern weil es 30.000 sind.

Ansonsten ist Neubauer ganz bei Springmann, der Rest der Grünen ist es auch, ebenso die SPD, CDU und CSU, auch die studierte Physikerin Angela Merkel und der Populist Markus Söder. Atomausstieg ist deutscher Nationalkonsens und deutscher Sonderweg. Dass der Atomausstieg freilich dem Ziel der CO2-Reduktion und damit des Klimaschutzes frontal zuwiderläuft, wird ebenso konsensmäßig als lästiger Sachzwang weggedrückt.

Springmann und die Grünen haben nach Jahrzehnten mit Medienhilfe die Atomkraft politisch zerstört

Kein anderes Land ist derart realitätsfern. In Europa etwa vertreten die finnischen Grünen einen konsequenten Pro-Atomkurs – worüber deutsche Medien nicht berichten, durchaus aber der schweizerische öffentlich-rechtliche Rundfunk. Dort findet sich ein Zitat des grünen Parlamentsabgeordneten und Klimaforschers (!) Atta Harjane ( -> Quelle):

Wir befürworten jetzt alle kohlenstoffarmen Energiequellen, dazu gehört auch die Nuklearenergie.

Harjane und Finnland bewegen sich damit in bester globaler Gesellschaft. Seit Jahren nimmt die Pro-Atomfraktion der Ökobewegung immer mehr Fahrt auf. Ausgelöst wurde die Wende wohl in den USA. Einer der Wortführer ist Stewart Brand, frühere Hippie-Ikone, Herausgeber des Whole Earth Catalog, ein Werk, das Apple-Gründer Steve Jobs als eine Art Google in Papierform vor der Popularisierung des Internet bezeichnete. „Wir sind wie Götter“, schreibt Brand im Vorwort, „und sollten unsere Fähigkeiten einsetzen.“ Der Katalog ist eine kunterbunte, riesige Sammlung an Weisheiten, technischen Diagrammen, Funktionsbeschreibungen und Waren-Empfehlungen, eine Art Bibel ökologisch gesinnter Nerds kurz vor der digitalen Revolution ( -> Quelle – Link zum PDF des Whole Earth Catalog – sehr lange Downloadzeit aufgrund der Dateigröße).

Ein Kumpel von Steve Jobs dreht die Stimmung: Atomkraft als wirksames Mittel gegen den Klimawandel

2009 veröffentlichte Brand sein Buch Whole Earth Discipline. Darin markiert er seinen Seitenwechsel von der Anti- zur Pro-Atomfraktion. Er schildert einen Besuch in der Endlagerstätte Yucca Mountain, gelegen in einem Stammesgebiet der Schoschonen im US-Bundesstaat Nevada. Ausgesucht worden war diese Stätte als Atomlager wegen ihrer geologischen Stabilität (und vielleicht auch deshalb, weil sie dort vor allem nur ein paar Indianer stören könnte). Das Lager war auf 10.000 Jahre Haltbarkeit konzipiert. Und genau diese 10.000-Jahre-Perspektive war es, die Brand umdenken ließ ( -> Quelle, Affiliate-Link zum Buch)

Wir verstanden, dass Yucca Mountain ein klassisches Beispiel für die Torheit derartiger Langfrist-Planungen ist – die Illusion, wir wüssten, wie wir das Richtige für die nächsten zehn Jahrtausende tun könnten.

Je detaillierter er darüber nachgedacht habe, desto absurder sei ihm die Idee eines Endlagers erschienen.

Die übliche Kritik [an der Atomkraft und Endlagerung] lautet: ‘Du musst garantieren, dass die gesamte Radioaktivität im Müll für zehntausend Jahre eingesperrt bleibt (oder besser 100.000 Jahre, nein: eine Million Jahre). Und wenn Du das nicht garantieren kannst, dann darfst Du keine Atomkraft haben.“ – Warum? – „Weil jegliches Quantum an radioaktiver Strahlung Menschen und andere Lebensformen verletzt. Es könnte ins Grundwasser sickern.“

Worauf Brand dann diesen Gedanken setzt:

Welche Menschen? Wir scheinen anzunehmen, dass Menschen in der Zukunft exakt so wären, wie wir heute. Mit unseren heutigen Sorgen und unserer heutigen Technik. Aber was wird in, sagen wir, nur 200 Jahren sein? Wenn wir und unsere Technik sich weiterentwickeln, dann wird die Menschheit bis dahin unvorstellbare Fähigkeiten besitzen, verglichen mit unseren heute. Sie werden sich um viel interessantere Dinge zu kümmern haben als um ein bisschen leicht zu entdeckende, verstreute Radioaktivität irgendwo in der Landschaft. Schauen wir mal zurück in die Steinzeit: Ein paar seltsame Dosen Radioaktivität von damals wären heute unser kleinstes Problem. Denn das Problem wird mit der Zeit nicht schlimmer, sondern es verschwindet mit der Zeit.

Und das, so Brand, unterscheide das Atommüllproblem fundamental von dem des Klimawandels. Der verschwinde nämlich mit Zeitablauf keineswegs einfach so. Das fundamentale Problem sei die Stromerzeugung mit Kohle, was jetzt nicht besonders originell oder neu ist (und schon beim Erscheinen seines Buches nicht war) – aber es ist nach wie vor die zentrale Erkenntnis. Anders als die deutschen Konsenspolitiker geht es für Brand freilich nicht um irgendwelche veralteten Rechthabereien, sondern um reale Veränderung.

Wenn sich Rollen verändern, dann haben sich auch Ideologien zu verändern. Ideologien hassen es aber, sich zu verändern. Das kann man mit Pragmatismus umgehen. […] Der Wandel geht viel tiefer, als dass nur eine Ideologie gegen eine andere ausgewechselt werden könnte. Der Wandel besteht darin, Ideologien insgesamt abzuschaffen.

Ein bisschen davon sickert nun endlich doch auch nach Deutschland. Nicht unbedingt bei den Grünen, die sind – all ihre Vorfeldorganisationen eingeschlossen – unverbesserlich ideologisch. Aber ein paar Fachleute gibt es, die neuerdings auch öffentlich auftreten und den deutschen Anti-Atomkonsens angreifen.

Endlich kommt die Ökomoderne auch in Deutschland an

Zu ihnen gehört etwa Reiner Moormann ( -> Twitter), bis zu seiner Pensionierung Experte für Reaktorsicherheit und Chemiker am Kernforschungszentrum Jülich. Oder Rainer Klute ( -> Twitter), Ex-Pirat, der den Verein Nuklearia führt. Oder die Technik-Historikerin Anna Vero Wendland ( -> Twitter), die nach und nach auch in Publikumsmedien als Expertin gefragt ist. Wendland propagiert den Begriff „Ökomoderne“. Sie fordert eine „Re-Alphabetisierung“ der Deutschen, nachdem die alte Ökobewegung sie beim Thema Atomkraft ent-alphabetisierte.

Die Killerfrage der Atomgegner, nämlich die nach der Endlagerung von Atommüll, beantwortete sie in einem Cicero-Interview so ( -> Quelle):

Das ist ein rein politisches, kein technisches Problem. Für die anti-Atom-orientierten Parteien war das fehlende Endlager ein Instrument, um die Betriebsgenehmigung von Kernkraftwerken anzufechten. Es gab also – ungeachtet legitimer Kritik in einzelnen Punkten – kein wirkliches Interesse an einer schnellen Endlagerfindung. Insofern ist es absurd, wenn Teile des linken Lagers nun beklagen, dass es kein Endlager gibt.

Absurd? Wohl eher vorsätzliche Taktik. In demselben Interview kritisiert Wendland auch die Dämonisierung der Gentechnik in Deutschland.

Auch hier wurde ein Mythos aufgebaut durch den Vorwurf, die Gentechnik sei ein unzulässiger Eingriff in die Ganzheitlichkeit von Naturzusammenhängen. Wobei vollkommen außer Acht gelassen wird, dass auch frühere Formen von Züchtung oder selbst die Öko-Agrarwirtschaft immer ein Eingriff und eine menschliche Manipulation von natürlichen Dingen gewesen ist. Auch die Kupferverbindungen, die Öko-Bauern auf ihre Felder ausbringen, sind nichts Natürliches. Diese Mythisierung muss man aufbrechen. Wir werden den Leuten Illusionen nehmen müssen über Öko.

Damit ist sie ganz nahe bei Stewart Brand und frontal auf Crashkurs mit Baldur Springmann, dem Urvater des grünen Irrationalismus.

Brand stellt in Whole Earth Discipline trocken fest, dass die Menschheit seit ihrem Erscheinen den Planeten „terraformed“ habe. Die Erde sei nicht mehr dieselbe wie vor 10.000 Jahren. Der Mensch sei mit dem Terraforming gut gefahren und werde künftig nur dann gut weiterfahren, wenn er es fortsetze – in diesem Fall: Das Klima ausbalanciere.

Das, so Brand, müssten nun endlich auch die Grünen (gemeint: Grüne weltweit) einsehen.

Zum Unglück für die Atmosphäre haben Umweltaktivisten dazu beigetragen, die karbonfreie Atomkraft in den 1970er und 1980er Jahren in den USA und Europa (außer Frankreich) zu stoppen. Grüne verantworten damit Gigatonnen an CO2 in der Atmosphäre. Ich war einer von denen und ich entschuldige mich.

Ob Angela Merkel, Markus Söder, Annalena Baerbock, Robert Habeck, Svenja Schulze, Luisa Neubauer und all die anderen, die es immer noch nicht verstehen wollen, zu dieser Einsicht fähig sind?

 

 

Wann wird der erste Politiker wohl das ultimative Wahlversprechen liefern? Ewiges Leben für alle! Ewige Gesundheit für Mensch, Tier und Planet! Ja mehr noch: Glückseligkeit für alle! Folge mir, wähle mich und alles wird gut. Und selbstverständlich bei guter Rente ab 65, versprochen, auf ewig.

Juhu. Ich bin 60. Ich würde davon profitieren – von dieser Hölle, die sich als Paradies tarnt und die schon jetzt bedrohlich nah an der Realität ist.

Die Jungen zahlen doppelt: Für die Rente der Alten und dafür, dass sie die möglichst lange bekommen

Die Gesundheitskosten pro Kopf der Bevölkerung stiegen von 1996 bis heute um mehr als 100 Prozent. Sie haben sich mehr als verdoppelt. 1996 lag der Preis pro Kopf der Bevölkerung für die Gesundheit bei 2407 Euro jährlich. 2019 lag er bei 4944 Euro ( -> Quelle).

Der mit Abstand größte Teil dieses Geldes wird für Alte ausgegeben. Im Alter steigen die Gesundheitskosten dramatisch. Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren kommen mit rund 1000 Euro Gesundheitskosten pro Jahr aus. Für Rentner sind es im groben Schnitt 10.000 Euro pro Jahr (-> Quelle). Auf die Lebenszeit gerechnet gibt ein Mensch in seinen letzten Lebensjahren den Löwenanteil seiner Gesundheitskosten aus – ein Drittel bis die Hälfte ( -> Quelle). Und diese Entwicklung schreitet fort.

Natürlich trägt die Allgemeinheit diese Kosten. Insoweit sind die Politiker vom ultimativen Wahlversprechen gar nicht mehr weit entfernt. „Die Allgemeinheit“ ist beim Empfangen der Leistungen alt und beim Bezahlen jung. Die Jungen zahlen für uns Alte – erdrückend, Steuern und Zwangsabgaben aller Art. Sie bezahlen unsere neue Hüfte, unsere Diabetes-Behandlung und sogar unseren ZDF-Fernsehgarten.

Die Jungen zahlen mit den Gesundheitskosten auch die Kosten für die Rente. Die steigen dank exorbitanter Gesundheitsausgaben besonders drastisch. Die Jungen finanzieren Lebensverlängerung der Alten, um sodann den Lebensunterhalt für die Alten länger zu zahlen.

Sie jammern über Altersarmut. Kinderarmut ist ihnen egal

Zugleich jammern die Alten über Altersarmut. Derweilen sitzen sie in ihren Wohnmobilen und verstopfen Autobahnen und Innenstädte. Neulich sah ich auf der A8 kurz vor Rosenheim ein Prachtexemplar von Wohnmobil auf Basis eines großen Mercedes-Lastzugs. Hinter sich zog er einen Hänger, der als mobile Garage für einen funkelnagelneuen Porsche diente. Am Steuer saß ein grauhaariger Rentner. Es galt noch der November-Lockdown. Wohl denen, die in ihrem rollenden Ferienhaus auf Tour gehen konnten. Der Wohnmobil-Boom korreliert mit dem durchschnittlichen Bevölkerungsalter. Da, wo die Bevölkerung am ältesten ist, boomt die Wohnmobilbranche am stärksten ( -> Quelle). Über Kinderarmut redet übrigens kaum jemand.

Ich bin nicht neidisch. Ich gönne jedem seinem Wohlstand. Allerdings dann nicht, wenn er ergaunert ist. Die politischen Verhältnisse basieren auf Demographie. Der Anteil der Alten ist der höchste unter den Wählern. Das wissen auch die Parteien ( ->Quelle). Genau darum machen Sie Politik für Alte. CDU/CSU: Rentenniveau halten. Behaupten, die Rentenfinanzierung sei „gut aufgestellt“ und verschweigen, dass das nur dank Steuerzuschuss so ist. Die Jungen zahlen lassen ( -> Quelle). Die SPD: Rentenniveau halten, die Jungen zahlen lassen ( -> Quelle). Die Grünen: Rentenniveau halten, die Jungen zahlen lassen (-> Quelle). Allein die FDP wagt eine andere Idee: Rente irgendwie halten, aber aus Unternehmensdividenden zahlen ( -> Quelle).

Gipfel des Populismus: der staatliche Glücksindex. Will Söder jetzt jedem einen Liebes-Partner versprechen?

Die CSU – der ich selber angehöre – treibt den Schwachsinn auf die Spitze. Sie erwägt wahrhaftig die Einführung eines Glücksindex ( -> Quelle). Partei-Generalsekretär Markus Blume nennt als Vorbild den Tibet-Staat Bhutan, wo es ein in die Verfassung geschriebenes Recht jedes Bürgers auf „Glück“ gibt, für das der Staat geradezustehen behauptet. Dass die CSU derart esoterischen Blödsinn ernsthaft erwägt, lässt einen verzweifeln. Glücklich ist ein Mensch ja wohl eher weniger dank staatlicher Handlungen, sondern z.B. dank eines geliebten Partners, eigener Kinder, guter Gesundheit oder auch mal eines guten Essens. Als Glück darf man vermutlich auch bezeichnen, dass der Populist Markus Söder nicht Kanzlerkandidat der Union wurde. Denn der hat mit seiner Corona-Panikpolitik das Mega-Versprechen der ewigen Gesundheit und des ewigen Lebens schon gestreift.

Schildkröte vor Berglandschaft

Schildkröten werden auch alt. Sie schaffen das ohne Rente

Die Corona-Politik taugt überhaupt, um die verzweifelte Lage der Jungen angesichts der räuberischen Alten zu belegen. Als erstes schlossen sie die Schulen und öffnen sie erst jetzt wieder zaghaft, nach mehr als eineinhalb Jahren Ausnahmezustand. In scharfem Gegensatz zu Gesundheits- und Lebenshaltungskosten für die Alten zeigt sich, wie sträflich die Investitionen in Digitalisierung, Infrastruktur und Personal für die Jungen unterblieben sind. Das Schul- (und Uni-) Versagen ist unmittelbare Folge der politischen Prioritäten: So viel wie möglich für die Alten, so wenig wie möglich für die Jungen.

Natürlich gibt es ein kostenloses Seniorentaxi. Natürlich gibt es kein kostenloses Kindertaxi

Dabei ist die Politik, sonst dem jammerhaften Mimosentum zugeneigt, erstaunlich hartherzig. Dass die kinderpsychologischen Stationen der Kliniken wegen der Folgen der kinder- und jugendfeindlichen Corona-Politik überlaufen und vielerorts nur noch akut Selbstmordgefährdete behandelt werden können, interessiert kaum.

Wie eingeschliffen die Kinderfeindlichkeit im Denken aller öffentlichen Instanzen ist, zeigt sich bis in die Lokalpolitik. Bei uns in Bad Aibling gibt es als soziale Wohltat Seniorentaxis. Wer alt genug ist, wird kostenlos herumkutschiert. Das finden alle toll. Niemand hinterfragt es. Für Kinder und Familien gibt es Vergleichbares nicht. Auch das findet jeder normal und selbstverständlich. Warum eigentlich? Weil Kinder gefälligst zu Fuß zum Sport oder Musikunterricht spazieren können?

Ach so, Sport und Musik – ein Schwimmbad existiert bei uns im näheren Umkreis nicht. Die Schulturnhalle hat bis zum Ende der Corona-Sperre keine bürokratenkonforme Lüftung erhalten. Musiklehrer sind schwer zu finden und teuer. Hier sieht der Staat von Bundes- bis Gemeindeebene keinen Handlungsbedarf, anders als bei Seniorentaxis. Und genau das ist mein Punkt: Der Staat auf allen seinen Ebenen erfindet permanent neue Gelegenheiten, Geld für die Alten auszugeben, das er den Jungen abknöpft.

Ich würde mich schämen, würde ich den Jungen für ein paar sinnlose Greisentage die Zukunft nehmen

Genau das ist auch der Grund dafür, dass immer weniger junge Familien sich eigene Wohnungen oder gar Häuser leisten können. Die Alten blockieren in Gemeinde-, Stadt- und Kreisräten, in Landtagen und im Bundestag, dass zu erschwinglichen Kosten gebaut werden kann. Vom Planungs- über das Brandschutzrecht bis zur erlaubten Flächennutzung – alles ist auf Stillstand und Blockade ausgelegt. Die Alten, die schon besitzen, verteidigen ihre Pfründe mit demographischer Gewalt. Die Jungen können sehen, wo sie bleiben. Und zahlen.

Ich distanziere mich hiermit von meinen kleptokratischen Altersgenossen. Ich habe natürlich leicht reden. Ich bin Freiberufler. Ich habe nur wenige Angestelltenjahre auf der Uhr. Meine staatliche Rente wird äußerst niedlich ausfallen. Das ist mir wurscht. Ich will niemandem auf der Tasche liegen. Ich begreife nicht, wie meine Generation, die ohnehin kaum etwas Bahnbrechendes zustande brachte, den Jungen zum eigenen Nutzen und Frommen die Zukunft stehlen kann.

Es wird übrigens am Ende auch alles nichts nützen. Wir alle werden sterben. Kein Politiker wird das ändern. Leben und Tod sind nicht menschgemacht. Sie sind Natur oder Gott. Das mag jeder glauben, wie er will. Es läuft immer auf dasselbe hinaus. Das Leben kommt und geht, ob es uns passt oder nicht.

Alles, was wir tun können, ist, unseren Nachkommen ein gutes Leben zu ermöglichen. Leben müssen sie es dann selber. Aber wir haben es in der Hand, was wir ihnen mitgeben. Und wenn ich eines Tages abtrete, dann nicht in dem Gefühl, die Jungen für ein paar zittrige letzte Atemzüge ausgeplündert zu haben.

Stay hungry, stay foolish. Frage Dich, was Du tun möchtest, wäre dieser Tag Dein letzter Tag. Der Tod ist die beste Erfindung des Lebens, denn er räumt das Alte für das Neue ab.