Das Unangenehme im Fall Peggy ist fĂŒr Politik, Polizei und Justiz, dass ĂŒber die internen AblĂ€ufe und die Ermittlungen so viele Details bekannt sind. Journalisten schauen den Beteiligten viel schĂ€rfer ĂŒber die Schulter als in den meisten anderen FĂ€llen. Tiefere Kenntnis schĂ€rft auch den Blick fĂŒr das Wesentliche, wenn am Ende Ergebnisse prĂ€sentiert werden. Besonders interessant war das Gutachten des Berliner Psychiaters Hans-Ludwig Kröber und was die Staatsanwaltschaft daraus machte (nicht das Gericht – anders als vor zehn Jahren).

Weiterlesen

Achter Tag im Peggy-Prozess.

GedrĂ€nge schon am Eingang zum Justizpalast in Bayreuth. Kamerateams haben sich postiert. Oben ist der Verhandlungssaal ist bis auf den letzten Platz gefĂŒllt. Um Punkt zehn Uhr eröffnet der Vorsitzende Richter Michael Eckstein die Verhandlung, wie immer sehr formell. „Es kommt zum Aufruf das Verfahren gegen Ulvi Kulac“.

Dann spricht er das Urteil.

„Erstens: Das Urteil des Landgerichtes Hof vom 30.4.2004 wird insoweit [
] aufgehoben, als der Angeklagte Ulvi Kulac wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Weiterlesen

Wer hĂ€tte vor einigen Monaten erwartet, dass die Justiz ihren Irrtum im Fall Peggy tatsĂ€chlich mit einem Wiederaufnahmeverfahren korrigieren wĂŒrde? Wer hĂ€tte erwartet, dass das Landgericht Bayreuth dieses Wiederaufnahmeverfahren zielstrebig auf die simplen Fakten lenken wĂŒrde, die schon das Gericht in Hof 2004 hĂ€tte zur Kenntnis nehmen können? Und wer hĂ€tte damit gerechnet, dass die Wiederaufnahmekammer unter dem Vorsitzenden Richter Michael Eckstein mittendrin “die Karten auf den Tisch legt”, wie Justizsprecher Thomas Goger es am Rande formulierte und das Verfahren fĂŒr urteilsreif erklĂ€rt – mit der kaum verbrĂ€mten Zielrichtung, Ulvi Kulac freizusprechen? Tag sechs im Peggy-Prozess war so etwas wie ein vorgezogenes Happy End, verbunden mit einem – wenn auch unfreiwillig – wehmĂŒtigem Abschluss der Beweisaufnahme.

Weiterlesen

Einer lĂŒgt, das dĂŒrfte feststehen. Nur wer?

Im Peggy-Prozess hat das Landgericht Bayreuth am fĂŒnften Verhandlungstag Wolfgang Schwemmer als Zeugen gehört. Schwemmer war beim ersten Mordprozess der Verteidiger von Ulvi Kulac. Jetzt, in der Wiederaufnahme, attackierte er die Polizei mit Wucht.

Die Ermittler, voran Soko-Chef Wolfgang Geier, hĂ€tten ihn ausgetrickst und jede Gelegenheit genutzt, um Ulvi ohne Anwalt in die Finger zu bekommen. Er habe Geier einmal gesagt, Ulvi Kulac werde ohne ihn jetzt gar nichts mehr sagen, erinnerte sich der Anwalt. Geier habe geantwortet: „Sie sind doch auch Vater“ und versucht, ihn emotional unter Druck zu setzen. Das habe ihn sehr geĂ€rgert, sagte Schwemmer.

Weiterlesen

Nachtrag zu Prozesstag 4: Rechtsanwalt Euler hielt dem Leiter der aktuellen Ermittlungen im Fall Peggy eine Passage aus einem Verhör mit der Ehefrau eines der derzeitigen Beschuldigen vor, Anke B. SĂŒffisant merkte Euler an, dass hier eher die Zeugin die Beamtin vernehme. Es ging ums die Frage, warum Ulvi Kulac fĂŒr Peggys Verschwinden ĂŒberhaupt verurteilt werden konnte. Das Verhör fĂŒhrte eine Kriminalkommissarin (KOKin). Es erstaunliche Einblicke in die ansonsten verschlossene innere Gedankenwelt mancher Kripo-Ermittler. Ab hier: wörtlich, was der Verteidiger im Gerichtssaal verlesen hat. Weiterlesen

War das schon die Vorentscheidung im Bayreuther Peggy-Prozess? Zuerst lieferten sich der Verteidiger von Ulvi Kulac, Michael Euler, und StaatsanwĂ€ltin Sandra Staade noch ein mildes GeplĂ€nkel. Es ging um die Frage, ob die Aussagen dreier Kinderzeugen, die eher unwichtige Details ĂŒber die letzten Sichtungen der verschwundenen Peggy leicht unterschiedlich geschildert hatten, als widersprĂŒchlich oder ĂŒbereinstimmend zu interpretieren seien. Nach einer Weile schaute Anwalt Euler amĂŒsiert zur StaatsanwĂ€ltin und meinte: „Mir reicht es schon, wenn wir es es nicht ausschließen können.“ Gemeint war, dass die Kinder Peggy tatsĂ€chlich gesehen haben könnten. StaatsanwĂ€ltin Staade lĂ€chelt fast schon kokett zurĂŒck: „Das wird vielleicht so sein“. Im Klartext: Auch die Staatsanwaltschaft glaubt offenbar nicht, dass Ulvi Peggy am Mittag des 7. Mai 2001 ermordet haben kann, weil Peggy nach dieser Zeit noch gelebt haben mĂŒsste. Ein Freispruch wĂ€re demnach das einzige mögliche Urteil.

Weiterlesen

Holger E: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Mordverdachts an Peggy

Aus den zahlreichen Polizeivernehmungen im Fall Peggy in den letzten Monaten sickern weitere Details durch. Sie verdichten den Verdacht gegen Holger E. aus Sachsen-Anhalt. Zwar bestreitet er weiterhin, das MÀdchen missbraucht zu haben, rÀumt aber eine sexuell aufgeladene Begegnung mit der damals acht Jahre alten Peggy ein. Nach seiner Schilderung soll sie sich in der Nachbarwohnung in Lichtenberg ereignet haben, wo sein Stiefbruder Jens B. mit seiner Familie lebte.

Er sei dort zu Besuch gewesen und habe sich in ein Zimmer zurĂŒckgezogen, um sich auszuruhen, sagte er den Kripofahndern ausweislich der Vernehmungsprotokolle. Plötzlich sei die TĂŒr aufgesprungen. Peggy sei hereingekommen, auf ihn gehĂŒpft und habe sich auf seinen Bauch gesetzt. Mit der Hand habe sie nach hinten ĂŒber seine Hose an sein Geschlechtsteil gegriffen. Von ihm sei das nicht ausgegangen, im Gegenteil. Er sei erschrocken und habe das MĂ€dchen zur Rede gestellt. Peggy habe geantwortet, er solle sich nicht so haben, das mache seine Mama mit ihrem Freund auch.

Weiterlesen

Nachtrag zum Prozesstermin am Dienstag: Zwei Zeugen sind besonders erwĂ€hnenswert, zwei Polizeibeamte. Einer der beiden fĂŒhrte den V-Mann Peter Hoffmann, der gemeinsam mit Ulvi Kulac in der Psychiatrie in Bayreuth einsaß. Hoffmann hatte Ulvi verdeckt ausgehorcht und den Ermittlern berichtet, er habe den Mord an Peggy zugegeben. Der andere Polizist lebt in Lichtenberg und sollte bei den Vernehmungen den vĂ€terlichen Freund spielen.

Die Zeugenbefragung des “vĂ€terlichen Freundes” Walter H. (67) begann mit einer Überraschung: Er brachte einen Anwalt als Zeugenbeistand mit und kĂŒndigte an, seine Aussage unter Berufung auf den Paragrafen 55 zu verweigern – also mit Hinweis darauf, dass er sich selber belasten könne. Der Anwalt begrĂŒndete das mit einem laufenden Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Hof wegen Falschaussage. Hintergrund ist ein Verfahren, das vor zweieinhalb Jahren gefĂŒhrt wurde. Polizist H. hatte sich von einem Mann beleidigt gefĂŒhlt, der damals zur BĂŒrgerinitiative fĂŒr Ulvi Kulac gehörte. WĂ€hrend des Verfahrens hatte ihn Kulacs Anwalt Michael Euler gefragt, ob er bei dem Verhör dabei war, in dem Ulvi Kulac den Mord an Peggy gestand. Der Polizist habe geantwortet: “Nein, er habe andere Aufgaben gehabt.” Daraufhin zeigte in der Ulvi-Aktivist an und die Staatsanwaltschaft eröffnete das Ermittlungsverfahren.

Weiterlesen

Beim ersten Prozessdurchgang im Peggy-Prozess vor zehn Jahren urteilte das Landgericht Hof, Ulvi Kulac habe Peggy zwischen 13.15  und 13.45 Uhr an jenem 7. Mai 2001 ermordet. Vorher und nachher konnte die Tat nicht geschehen sein, das wÀre mit anderweitigen TÀtigkeiten und Beobachtungen kollidiert. Darum waren die Zeugen, die am Nachmittag des ersten Prozesstages auftraten, von einiger Brisanz. Sie hatten damals schon berichtet, Peggy teils deutlich nach 13.45 Uhr noch lebendig gesehen zu haben. Ermittler und Gericht glaubten Ihnen damals aber nicht.

Weiterlesen

Die lange Liste von ZufĂ€llen und MerkwĂŒrdigkeiten beginnt schon in der ersten HĂ€lfte der 90er Jahre. Damals wurde der Postschalterbeamte Andreas T. fĂŒr drei Monate an das Landesamt fĂŒr Verfassungsschutz abgeordnet. Das war im Februar 1994, wie T. als Zeuge im NSU-Prozess aussagte. Was an dem Postler so interessant war fĂŒr den Verfassungsschutz bleibt einstweilen unklar. Aber der Geheimdienst muss Gefallen an ihm gefunden haben, denn er wechselte dann dauerhaft dorthin und hatte bald einen richtig spannenden Job – als V-Mann-FĂŒhrer, der verdeckte Informanten aus den Bereichen Islamismus und Rechtsextremismus fĂŒhrte.

Weiterlesen