Der nĂ€chste Hinweis, der auf Freispruch fĂŒr den geistig minderbemittelten Ulvi Kulac deutet: Am fĂŒnften Prozesstag kam der psychiatrische Gutachter Hans-Ludwig Kröber aus Berlin zu Wort. Er hatte im ersten Prozess befunden, das GestĂ€ndnis von Kulac, er habe Peggy ermordet, sei glaubhaft. Ohne sein damaliges Gutachten wĂ€re der Angeklagte wohl nicht wegen Mordes verurteilt worden. Jetzt korrigierte seine EinschĂ€tzung nach einem langen Referat, das mal in die eine, mal in die andere Richtung tendierte. Am Ende sagte er, Ulvi habe zwar ein “gutes”, aber “mit hoher Wahrscheinlichkeit falsches GestĂ€ndnis” abgelegt.

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Einer lĂŒgt, das dĂŒrfte feststehen. Nur wer?

Im Peggy-Prozess hat das Landgericht Bayreuth am fĂŒnften Verhandlungstag Wolfgang Schwemmer als Zeugen gehört. Schwemmer war beim ersten Mordprozess der Verteidiger von Ulvi Kulac. Jetzt, in der Wiederaufnahme, attackierte er die Polizei mit Wucht.

Die Ermittler, voran Soko-Chef Wolfgang Geier, hĂ€tten ihn ausgetrickst und jede Gelegenheit genutzt, um Ulvi ohne Anwalt in die Finger zu bekommen. Er habe Geier einmal gesagt, Ulvi Kulac werde ohne ihn jetzt gar nichts mehr sagen, erinnerte sich der Anwalt. Geier habe geantwortet: „Sie sind doch auch Vater“ und versucht, ihn emotional unter Druck zu setzen. Das habe ihn sehr geĂ€rgert, sagte Schwemmer.

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Nachtrag zu Prozesstag 4: Rechtsanwalt Euler hielt dem Leiter der aktuellen Ermittlungen im Fall Peggy eine Passage aus einem Verhör mit der Ehefrau eines der derzeitigen Beschuldigen vor, Anke B. SĂŒffisant merkte Euler an, dass hier eher die Zeugin die Beamtin vernehme. Es ging ums die Frage, warum Ulvi Kulac fĂŒr Peggys Verschwinden ĂŒberhaupt verurteilt werden konnte. Das Verhör fĂŒhrte eine Kriminalkommissarin (KOKin). Es erstaunliche Einblicke in die ansonsten verschlossene innere Gedankenwelt mancher Kripo-Ermittler. Ab hier: wörtlich, was der Verteidiger im Gerichtssaal verlesen hat. Weiterlesen

War das schon die Vorentscheidung im Bayreuther Peggy-Prozess? Zuerst lieferten sich der Verteidiger von Ulvi Kulac, Michael Euler, und StaatsanwĂ€ltin Sandra Staade noch ein mildes GeplĂ€nkel. Es ging um die Frage, ob die Aussagen dreier Kinderzeugen, die eher unwichtige Details ĂŒber die letzten Sichtungen der verschwundenen Peggy leicht unterschiedlich geschildert hatten, als widersprĂŒchlich oder ĂŒbereinstimmend zu interpretieren seien. Nach einer Weile schaute Anwalt Euler amĂŒsiert zur StaatsanwĂ€ltin und meinte: „Mir reicht es schon, wenn wir es es nicht ausschließen können.“ Gemeint war, dass die Kinder Peggy tatsĂ€chlich gesehen haben könnten. StaatsanwĂ€ltin Staade lĂ€chelt fast schon kokett zurĂŒck: „Das wird vielleicht so sein“. Im Klartext: Auch die Staatsanwaltschaft glaubt offenbar nicht, dass Ulvi Peggy am Mittag des 7. Mai 2001 ermordet haben kann, weil Peggy nach dieser Zeit noch gelebt haben mĂŒsste. Ein Freispruch wĂ€re demnach das einzige mögliche Urteil.

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Holger E: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Mordverdachts an Peggy

Aus den zahlreichen Polizeivernehmungen im Fall Peggy in den letzten Monaten sickern weitere Details durch. Sie verdichten den Verdacht gegen Holger E. aus Sachsen-Anhalt. Zwar bestreitet er weiterhin, das MÀdchen missbraucht zu haben, rÀumt aber eine sexuell aufgeladene Begegnung mit der damals acht Jahre alten Peggy ein. Nach seiner Schilderung soll sie sich in der Nachbarwohnung in Lichtenberg ereignet haben, wo sein Stiefbruder Jens B. mit seiner Familie lebte.

Er sei dort zu Besuch gewesen und habe sich in ein Zimmer zurĂŒckgezogen, um sich auszuruhen, sagte er den Kripofahndern ausweislich der Vernehmungsprotokolle. Plötzlich sei die TĂŒr aufgesprungen. Peggy sei hereingekommen, auf ihn gehĂŒpft und habe sich auf seinen Bauch gesetzt. Mit der Hand habe sie nach hinten ĂŒber seine Hose an sein Geschlechtsteil gegriffen. Von ihm sei das nicht ausgegangen, im Gegenteil. Er sei erschrocken und habe das MĂ€dchen zur Rede gestellt. Peggy habe geantwortet, er solle sich nicht so haben, das mache seine Mama mit ihrem Freund auch.

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Nachtrag zum Prozesstermin am Dienstag: Zwei Zeugen sind besonders erwĂ€hnenswert, zwei Polizeibeamte. Einer der beiden fĂŒhrte den V-Mann Peter Hoffmann, der gemeinsam mit Ulvi Kulac in der Psychiatrie in Bayreuth einsaß. Hoffmann hatte Ulvi verdeckt ausgehorcht und den Ermittlern berichtet, er habe den Mord an Peggy zugegeben. Der andere Polizist lebt in Lichtenberg und sollte bei den Vernehmungen den vĂ€terlichen Freund spielen.

Die Zeugenbefragung des “vĂ€terlichen Freundes” Walter H. (67) begann mit einer Überraschung: Er brachte einen Anwalt als Zeugenbeistand mit und kĂŒndigte an, seine Aussage unter Berufung auf den Paragrafen 55 zu verweigern – also mit Hinweis darauf, dass er sich selber belasten könne. Der Anwalt begrĂŒndete das mit einem laufenden Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Hof wegen Falschaussage. Hintergrund ist ein Verfahren, das vor zweieinhalb Jahren gefĂŒhrt wurde. Polizist H. hatte sich von einem Mann beleidigt gefĂŒhlt, der damals zur BĂŒrgerinitiative fĂŒr Ulvi Kulac gehörte. WĂ€hrend des Verfahrens hatte ihn Kulacs Anwalt Michael Euler gefragt, ob er bei dem Verhör dabei war, in dem Ulvi Kulac den Mord an Peggy gestand. Der Polizist habe geantwortet: “Nein, er habe andere Aufgaben gehabt.” Daraufhin zeigte in der Ulvi-Aktivist an und die Staatsanwaltschaft eröffnete das Ermittlungsverfahren.

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So erbarmungslos hat ein Gericht wohl selten einen Kriminalermittler zerlegt. Es ging um das GestĂ€ndnis des Ulvi Kulac, er habe Peggy ermordet. Offensichtlich ist das Gericht davon ĂŒberzeugt, dass die Vernehmer ihrem Beschuldigten mehr oder weniger alles eingeredet haben, was er sagte.  Die Fragen stellte in der Regel der ĂŒber alle Prozesstage bestens vorbereitete Beisitzer Jochen Goetz. Mit seinen Vorhalten brachte der den Kriminalermittler im Zeugenstand mehrmals in Verlegenheit.

Es ging schon mit der Frage los, warum Ulvi Kulac bei einer Autofahrt von Beamten befragt wurde, obwohl sein damaliger Anwalt genau so etwas untersagt hatte. Er wisse es leider nicht, sagt der Beamte.

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Zwei entscheidende Polizeizeugen haben am zweiten Tag im Peggy-Wiederaufnahmeverfahren bisher berichtet, wie sie damals auf den geistig minderbemittelten Ulvi Kulac als möglichen TĂ€ter kamen – der Chef der zweiten Sonderkommission, Wolfgang Geier und der MĂŒnchner Profiler Alexander Horn. Vor allem Horn hatte im Zeugenstand zu kĂ€mpfen – das Gericht nahm ihn regelrecht auseinander.

Horn schilderte, wie er zehn Tage nach Peggys Verschwinden noch von der ersten Sonderkommission zu einem Treffen eingeladen wurde. „Es ging um die Frage: Was könnte vorgefallen sein?“, erklĂ€rte er dem Richter. Alsdann berichtete er, nach welcher Methode er vorging – nĂ€mlich empirisch-statistisch. Peggy war bereits zehn Tage verschwunden, was ein simples Weglaufen unwahrscheinlich mache. NĂ€chste Überlegung: Ein Unfall mit oder ohne Beteiligung Dritter – auch der wĂ€re nach zehn Tagen wohl zu klĂ€ren gewesen. Dritte Überlegung: Eine Erpressung – aber die war nach zehn Tagen ohne Lösegeldforderung oder Ă€hnliches auch unwahrscheinlich. Also sei nur Variante vier infrage gekommen: Ein Tötungsdelikt, wiederum unterschieden in „persönliche Motivation“ und „sexuelle Motivation“. Horn sprach von „Entscheidungsraum aufmachen“ und „Hypothese verifizieren oder falsifizieren“.

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Beim ersten Prozessdurchgang im Peggy-Prozess vor zehn Jahren urteilte das Landgericht Hof, Ulvi Kulac habe Peggy zwischen 13.15  und 13.45 Uhr an jenem 7. Mai 2001 ermordet. Vorher und nachher konnte die Tat nicht geschehen sein, das wÀre mit anderweitigen TÀtigkeiten und Beobachtungen kollidiert. Darum waren die Zeugen, die am Nachmittag des ersten Prozesstages auftraten, von einiger Brisanz. Sie hatten damals schon berichtet, Peggy teils deutlich nach 13.45 Uhr noch lebendig gesehen zu haben. Ermittler und Gericht glaubten Ihnen damals aber nicht.

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Susanne Knobloch, Peggys Mutter, reicht Ulvi Kulac im Gericht die Hand

Es ging gleich bemerkenswert los beim Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy. Susanne Knobloch, die Mutter des verschwundenen MĂ€dchens, ging vor Verhandlungsbeginn auf Ulvi Kulac zu und reichte ihm die Hand. Er erwiderte die Geste. Ihre AnwĂ€ltin sagte spĂ€ter zu Reportern, Susanne Knobloch sei dankbar dafĂŒr, dass der Prozess noch einmal neu aufgerollt werde, denn sie wolle endlich wissen, was wirklich mit ihrer Tochter passierte.

Dann eröffnete Richter Michael Eckstein die Verhandlung. Nach den Formalien und der Verlesung der Anklage hatte Ulvis Verteidiger Michael Euler das Wort. Dabei war nicht nur bemerkenswert, was er sagte, sondern auch, wie er das tat und welche Frontstellung da deutlich wurde. Frontal vor ihm, auf der anderen Seite der U-förmigen Tischanordnung, saß Gutachter Hans-Ludwig Kröber, der Mann, der Ulvis GestĂ€ndnis damals fĂŒr glaubhaft erklĂ€rte und auch diesmal an seiner Meinung festhĂ€lt. Kröber fixierte Anwalt Euler mit Blicken, als wolle er ihn von Anbeginn niederringen. Euler erwiderte die Blicke und unterstrich manche SĂ€tze, indem er von seinem Manuskript aufschaute, Kröber ins Visier nahm und Wort fĂŒr Wort mit besonderem Nachdruck formulierte. Euler zitierte einen der Polizisten, der laut Akten damals zu Ulvi sagte: „Wenn Du uns jetzt nicht die Wahrheit sagst, bin ich nicht mehr Dein Freund“. Scharfer Blick auf Kröber. Vom GestĂ€ndnis habe es nur ein GedĂ€chtnisprotokoll der Vernehmer gegeben. „Man muss sich fragen, ob es bei der Polizei keine Schreibkraft gab oder ob wenigstens einer der Beamten mitschreiben konnte“. Erneuter scharfer Blick auf Kröber.

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