Ziemlicher Auflauf auf dem Gerichtsflur. Schon zwei Stunden vor Beginn des Prozesses gegen Jennifer W. stehen die Reporter im  Münchner Oberlandesgericht Schlange. Jeder muss eine Sicherheitsschleuse passieren – alle Sachen auf ein Band zum Durchleuchten, Arme ausbreiten und abtasten lassen. Aber die Sicherheitsleute sind noch gar nicht da. Es ist noch früher Morgen. Der Anklagevorwurf ist brisant. Die Angeklagte soll eine zum radikalen Salafismus konvertierte Deutsche sein, die im Gebiet des Islamischen Staates als Sittenwächterin gearbeitet haben soll. Vor allem aber glaubt die Bundesanwaltschaft, sie habe geduldet, dass ihr Mann ein fünf Jahre altes Sklavenmädchen elendig verrecken ließ. Die Mutter des Sklavenmädchens ist Nebenklägerin. Vertreten wird die Mutter von mehreren Anwälten, unter ihnen Amal Clooney, die Ehefrau von George Clooney. Merkwürdig sind die Umstände, unter denen die Angeklagte festgenommen wurde. Es klingt, als hätten ihr Behörden eine Falle gestellt. Spannender Stoff für Medien. Klar, dass da jeder dabei sein will.

Die Pressestelle des OLG München hat wegen des zu erwartenden Andrangs Akkreditierungen ausgegeben. Jeder Journalist musste sich bei der Pressestelle anmelden. Im Saal sind 20 Plätze für Medienleute reserviert. Das ist eher knapp. Akkreditiert haben sich 127. Sie vertreten 26 Medienorganisation, also TV- oder Radiosender, Zeitungen oder Portale. Drei der Akkreditierten sind Freelancer. Für jeden Prozesstag gilt: Wer zuerst kommt kann sich seinen Platz aussuchen. Wer zu spät kommt hat Pech gehabt.

Frühes Drängeln hilft

So weit, so nervig, so normal. Beim Warten im Flur vor Beginn des ersten Verhandlungstages Anfang April fällt mir auf, dass vor mir fast nur Kollegen der öffentlich-rechtlichen Sender stehen. Auch eine Kollegin der Süddeutschen sehe ich vor mir, direkt vor mir noch zwei Zeitungskolleginnen und einen Fotograf. Die Schlange ist ziemlich chaotisch und hat viele Seitenarme. Der Kollege der Berliner Zeitung kommt lange nach mir, versteht es aber, sich an gut zehn Kollegen vorbei recht weit nach vorn zu wuseln. Aber gegen die Phalanx der Öffentlich-Rechtlichen hat auch er keine Chance. Was die weiter vorn veranstalten ist weiter hinten nur schwer zu durchschauen. Offenbar werden da auch munter Plätze für später kommende freigehalten. 

Um die Kräfteverhältnisse hier mal konkret darzustellen, habe ich nachgefragt, wie sich die 127 Akkreditierungen genau zusammensetzen. Die Liste habe ich mündlich überliefert bekommen, sie ist nicht ganz vollständig. Aber sie zeigt, was zu zeigen ist. So sieht’s aus:

Münchner Merkur1
NN1
RTL und NTV zusammen19
Getty1
Freie3
Frankfurter Allgemeine1
Die Welt1
dpa2
Donaukurier1
Deutsche Welle4
ZDF46
Z (Kamera, vermutlich ebenfalls ZDF)1
Münchner tz1
taz1
ANTENNE BAYERN (ich)1
Süddeutsche2
NN3
Reuters (vermutlich TV, Kameraleute)6
Reuters (vermutlich Agentur-Textjournalist)1
Oldenburgische Volkszeitung1
NZZ Neue Zürcher Zeitung1
Der Spiegel2
Der Neue Tag1
Bayerischer Rundfunk TV2
Bayerischer Rundfunk (möglicherweise Radio)1
Bayerisches Fernsehen (ebenfalls Bayerischer Rundfunk)1
Bayerischer Rundfunk, ARD Aktuell1
Bayerischer Rundfunk (nicht näher zugeordnet)7
Australian Broadcasting Corporation2
AFP1

Von den insgesamt 127 akkreditierten Journalisten gehören demnach 12 zur ARD und 47 zum ZDF. Weitere vier gehören zur Deutschen Welle, die zwar nicht öffentlich-rechtlich, sondern auch formal staatlich ist, aber mit der ARD assoziiert. Der öffentliche Mediensektor hat also insgesamt 63 Mitarbeiter für den Prozess gegen Jennifer W. akkreditiert. Das sind rund 50 Prozent aller Journalisten, die sich für dieses Verfahren interessieren.

Die waren zwar nicht sämtlich auch alle anwesend. Ein gewisser Anteil betrifft neben Kameraleuten auch (vermutlich aber nur wenige) Tontechniker. Aber das schärft letztlich nur das Bild, das man daraus ablesen kann.

Verdrängungswettbewerb

Der gebühren- und steuerfinanzierte Mediensektor ist inzwischen massiv dominant. Er erdrückt sämtliche anderen Medien auch im Wortsinn. Dafür taugt das Bild im Verhandlungssaal, als alle endlich durch die Kontrolle waren. Keiner der Kollegen aus privaten Print-, TV- oder Radiomedien schaffte es am ersten Prozesstag in die erste der beiden Pressereihen. Die hatten ARD, ZDF und DW komplett für sich okkupiert. Einige dieser Kollegen benahmen sich auch recht breitbeinig. Einer legte etwa gleich mal sein Mikrofon mit BR-Windschutz auf den Tisch, nachdem eine Pressestellenmitarbeiterin für Unkundige gerade eben erklärt hatte, dass Mikrofone nicht eingeschaltet werden dürfen und in den Taschen zu bleiben hätten. Kundige wissen, dass diese Regelung für Münchner Verhältnisse sogar recht großzügig ist. In anderen Verfahren haben Richter schon angeordnet, dass sämtliche Mikrofone abzugeben seien. In diesem Fall kam der BR-Kollege mit einer Einzelermahnung davon. Auch das gab es schon anders.

Das Bild zeigt auch, wie hemmungslos ARD, ZDF und DW mit Ressourcen prassen können. Dass es dort überhaupt noch Tonleute beim Fernsehen in nennenswerter Zahl gibt ist für sich schon bemerkenswert. Dank moderner Technik braucht man die eigentlich schon lange nicht mehr. Dass ARD und ZDF es sich leisten können, sich gleich zu Dutzenden zu akkreditieren, teils für den realen Massenauflauf im Saal, teils als Sicherheit, falls mal einer oder vielleicht ein Dutzend Mitarbeiter gleichzeitig erkranken sollten, spricht wohl eher für Über- als für Unterfinanzierung. 

Der Rest der Medienwelt schafft es mit schlanker Besetzung und schaut zu, wie der Herr ARD- und BR-Intendant tönend mehr Geld für seinen Laden fordert. Einfach so fordert. Und voraussichtlich auch kriegt. Auf dass die Staatsmedienmacht die lästige Konkurrenz weiter an den Rand drückt. Mal sehen, wie es am zweiten Tag laufen wird. Der Prozess gegen Jennifer W. wird am 29. April fortgesetzt.

Nur nebenbei und vorsorglich: Wer das zunehmende Ungleichgewicht der Mediensektoren kritisiert, der ergreift damit keinesfalls Partei für die AfD. Es ist genau umgekehrt: Wer berechtigte Kritik an den Gebührenmedien als AfD-Nähe schmäht, der freut sich klammheimlich über das Erstarken der AfD, weil er mit dem AfD-Vorwurf Kritik abwehren zu können meint.

Photo by davide ragusa on Unsplash
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