Das war zu erwarten: Nach dem Neonazi-Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch kritisieren deutsche Journalisten zu viel Berichterstattung über den Fall. Die Nennung der Täternamen etwa. Darüber bin ich mit einem Kollegen des WDR in einen Disput geraten, nachdem ich den folgenden Tweet las und mich herausgefordert fühlte:

Gefolgt von einer weiteren Kollegin, die da nie weit ist:

Und so weiter. Das übliche. So weit, so schlecht.

In Neuseeland publizieren Medien dagegen das Manifest dieser Terroristen zum Selberlesen für jedermann – hier klicken. 

Dazu ein paar grundsätzliche Gedanken.

1.  Journalismus hat aufzuklären

Journalisten sind dazu da, Dinge zu berichten. Sie sind nicht dazu da, Dinge für sich zu behalten. Wenn ein relevantes Ereignis passiert, ist es guter Journalismus, so viele Informationen über dieses Ereignis zu recherchieren und zu berichten wie möglich. Täter und Opfer, Tathergang, Vorbereitung, Hintergründe, Motive, Reaktionen, Schäden. 

2. Auch Namen sind Nachrichten

Mahnmale mit Namen von Opfern wirken immer besonders eindrucksvoll – wie die Halle der Namen in der Gedenkstätte Yad Vashem. Auch das Vietnam Veteran’s Monument in Washington ist so ein Beispiel. Gut, dass die Schöpfer beider Gedenkstätten sich nicht der Knute deutscher Datenschützer zu fügen hatten. Für die Namen von Tätern gilt ähnliches. Denn die Täter sind auch nur Menschen. Sie haben eine Mutter und einen Vater. Sie sind gewöhnliche Sterbliche. Nimmt man ihnen die Namen, dann wachsen die Täter zu übermenschenlichen Gestalten heran. Sie werden zu Göttern des Bösen. Sie sind wie der Leibhaftige, dessen Name nicht genannt werden darf, weil das Unglück bringe. Die Opfer werden ohne Namen dagegen einfach zu anonymer Masse, mit der kein Mitgefühl mehr möglich ist. Habt Ihr das bedacht, Ihr Supermoralisten?

3. Berichten ist nicht Plattform-bieten

Die Täter wollen mit ihrer Tat in die Medien kommen? Mag sein, dass die das wollen. Aber was heißt das für Journalisten? Doch wohl sicher nicht, dass sie sich in irgendeiner Weise vom Willen der Täter beeindrucken lassen. Es ist völlig egal, was die Täter wollen. Wer als Journalist ernst genommen werden will, sollte seinen eigenen Willen haben und den auch durchsetzen. Sprich: Berichten. Alles, was er in die Finger kriegt. Bis an die Grenze des Erlaubten. Damit bietet man Verbrechern keine Plattform, sondern man informiert.

4. Kein Diskurs ohne Information

Man stelle sich vor, niemand wüsste, wer da in den Moscheen in Christchurch gemordet hat. Wetten, es gäbe erbitterten Zoff um die Deutungshoheit? Linke wollen rechte Täter sehen, Rechte wollen islamistische Täter sehen, und keiner hat Fakten und Klarheit, wer es war. Hier waren die Täter aber so freundlich, sich auf 74 programmatischen Seiten vorzustellen. Man weiß also: Das waren Neonazis, Rassisten, „White Supremacists“. Damit wissen wir, worüber wir reden. Das wüssten wir sonst nicht. So, wie wir wussten, worüber wir beim NSU reden. Die Namen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt fielen der beliebten Selbstzensur der Branche übrigens auch nicht zum Opfer.

5. Leser sind mündig und erwachsen

Die Pseuoargumente der Nicht-Berichterstatter gehen im Prinzip in zwei Richtungen: Einerseits würde zu viel Offenheit Angst verbreiten. Andererseite könnte zu viel Offenheit Nazipositionen popularisieren. Beides ist Blödsinn. Angst entsteht durch Nichtwissen. Denn dann bleibt viel Raum für Spekulationen und Verschwörungstheorien. Je mehr klar ist und je detaillierter, desto weniger Chancen für Spinnter und Angstmacher. Und Nazis, die das Manifest der Terroristen lesen wollen, werden es so oder so finden. Dann lieber offen anbieten. Warum sollen nur die Bösen das lesen sollen? Und für wie bescheuert halten manche Journalisten eigentlich die Mehrheit der Nichtjournalisten, wenn sie glauben, die werden alle zu Nazis, wenn sie einen Nazi-Text lesen? Und kann irgendjemand erklären, warum diese Deppenlogik für Journalisten nicht gelten soll?

Schlussbemerkung

Ich habe mich über den WDR-Kollegen vor allem deshalb aufgeregt, weil er seine Position als die verantwortliche gepriesen hat. Damit hat er im Umkehrschluss behauptet, meine sei verantwortungslos. Das finde ich dann doch dreist.

Es wirft aber ein Schlaglicht auf die möglicherweise wirkliche Motivation hinter der verbreiteten Selbstzensur deutscher Medien und Journalisten: Nämlich Gefallsucht. Man findet sich schick, wenn man sich als zurückhaltend präsentieren kann. Man genießt zugleich absolute Deutungsmacht, wenn man allein über Herrschaftswissen verfügt und dem dummen Publikum oberlehrerhaft erklärt, was passiert, statt dem Publikum die Chance zu geben, sich selber was zu erklären. 

Damit zeigt die Debatte vor allem eines: Der Grund für den seit Jahren anhaltenden Vertrauensverlust von Medien ist hausgemacht. Von denen, die das Berichten und Öffentlichmachen an und für sich verweigern. 

5 Kommentare
  1. Klaus sagte:

    Welchen Nachrichten-Wert hat der Name eines Mörders? Den Namen zu wissen bringt mir doch absolut nichts. Was habe ich davon, dass mein Hirn versuchen kann irgendwelche Zusammenhänge zu suchen, hieße er XXX, könnte ich denken „typisch XXX“, hieße er YYY wie einer meiner Kollegen könnte ich den in Zukunft für eher kriminell halten?
    Stellen Sie sich vor es würde veröffentlicht er würde ZZZ heißen. Nach einem Jahr käme raus dass der Name falsch war, er hätte AAA gehießen. Was würde das an der Tat oder der Nachricht ändern. Ich finde: Nichts.
    Der Name ermöglicht aber berühmt zu werden. Wenn ein Mörder/Terrorist als Ziel hat berühmt zu werden, was hat ein Journalist davon dieses Ziel zu ermöglichen? Wenn ein Täter oder Nachfolge-Täter nur wegen dem Bekanntwerden und damit dem möglichen Ruhm bei ihrem Publikum töten und vielleicht auch sich selbst töten als Märtyrer, dann ist es doch eine Möglichkeit dieses Verhalten nicht zu fördern, indem man den Tätern diesen Ruhm erschwert, ihnen die Hoffnung auf den Ruhm nimmt.
    Schon bei den Pharaonen gab es Versuche Namen aus der Geschichte zu Löschen, um ihnen den Ruhm zu nehmen.
    Ihrer Argumentation zur Namensnennung und Verherrlichung solcher Täter kann ich daher nicht folgen.
    Ich fände eigentlich eine Darstellung des sinnlos beendeten Lebens der Opfer gut, der 49 beendete Leben.
    Aber fördert man damit auch nur was die Täter wollen, dass jeder mehr Angst hat, weil noch klarer wird dass es jeden treffen kann, schuldlos? Das würde ich auch nicht fördern wollen.
    Warum also den namenlosen Täter nicht als fehlgeleitet, unmenschlich, verachtenswert und unerwünscht darstellen?
    Das nennen eines Namens ist eine Art Ehrerweisung, wenn man z. B. jemanden vorstellt. Das hat ein solcher Täter nicht verdient.

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    • Martin sagte:

      @Klaus: Selbstverständlich hat der Name eines Mörders oder Terroristen einen Nachrichtenwert. Hätte er keinen, wir bräuchten auch keinerlei Namen historischer Figuren in Geschichtsbüchern. Ihrer “Logik” nach, sind Namen vollkommen verzichtbares Beiwerk. Der Name ist Teil der Identität und die Nachricht ist eben nicht “irgendwein Australier” hat dies und das, sondern DIESER spezifische Australier hat.

      Weiter versuchen Sie, Nachricht in den DIenst von etwas vermeintlich “Guten” zu stellen. Das ist grundfalsch und immer nur ein Schritt auf dem Weg zur Propaganda. Ob durch Verschweigen, verfälschen oder Fehlbverichterstattung, wir sind schon viel zu weit auf diesem Weg gegangen.

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  2. Martin sagte:

    Ich stimme mit dem Blogbeitrag überein. Fälschen und Verschweigen im Namen des vermeintlich “Guten” erreichen allenfalls das Gegenteil.
    Den kleinen Tippfehler “….das Mamifest dieser Terroristen ” würde ich noch zu Manifest korrigieren ;)

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