Unterwegs auf den Fahrrädern begegneten wir – Töchterchen und ich – einem älteren Mann und kamen ins Gespräch. Die Umstände spielen keine Rolle. Den Mann kannten wir nicht. Am Lenker seines Fahrrades klemmte ein Drahtkorb, in dem einige Exemplare der Zeitschrift „Schrot und Korn“ lagen. Es war der Mann, der das Gespräch begann, und zwar mit der Feststellung, dass man das endlich beenden müsse mit den Benzinautos. Es müssten endlich alle mit Elektroautos fahren, und zwar sofort. „Verdonnern muss man die. Verdonnern!“, forderte er.

Ich fragte, wie das denn gehen soll und wo all die Steckdosen herkommen sollten, an die man all die Autos hängen müsste. „Man muss die endlich verdonnern, in jeder Parkgarage Steckdosen einzubauen“, schimpfte der Mann.

„Und was ist mit den Leuten, die in Wohnungen wohnen und ihre Autos auf der Straße parken?“

„Verdonnern muss man die“, verkündete er. „Verdonnern!“

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, die Machbarkeit von Akku-Autos für jedermann zu diskutieren, weil es mir um etwas anderes geht, nämlich die radikale Attitüde des Mannes. Er dürfte in jeder Hinsicht zur Kernzielgruppe der Groko-Parteien und der Grünen, also zur demographischen Mehrheitsgruppe gehören: Rentenalter, Anfang oder Mitte 60, Bio-Konsument, „nachhaltig“ lebend und damit zugleich protzend und besserwissend in der einfältigen Art des Hausmeisters Krause. Würde ein moderner Tom Gerhard noch einmal einen Hausmeister Krause erfinden, er wäre Stammleser von „Schrot und Korn“, der Apothekenumschau für den Bioladen.

Alles andere könnte bleiben, bis hin zu Hausmeisters Affenliebe zu seinem Dackel und seiner fanatischen Vereinsmeierei im Dackelverein. Hausmeister Krause ist im Kern ein deutschtümelnder Faschist, und der alte Mann, den wir trafen, ist seine personifizierte Wiederkehr. Verdonnern, verbieten, befehlen, gleichschalten, sich im Besitz endgültiger Wahrheiten wähnen, nicht mehr diskutieren, dieses „endlich“, dieses „verdonnern“. Ich höre die Grünen, die ÖDP, die NPD, den 3. Weg, die Partei „Die Rechte“, die Fa wie die Antifa, ich höre Merkel „alternativlos“ sagen und sehe sie Federstrich-Politik betreiben. Atomkraft zack weg. Energiewende verdonnert. Konkrete Fragen aktiv nichtbeantworten: „Wir sind auf einem guten Weg“. Die biologisch-freundliche, aber leider nicht abbaubare Variante von Basta-Politik. Die starke Frau, weil der starke Mann ja historisch belastet ist, der trendbewusste Ökodeutsche aber unbedingt die starke Hand will, vor der die linken Lehrer meine Generation in der Schule warnten und die sie jetzt, wo sie die Institutionen beherrschen, herbeisehnen.

Der Mann auf seinem Fahrrad würde sicher folgendem Satz zustimmen, der aus dem Munde eines Gründers der grünen Partei stammt*:

Wenn wir das ganze Erdenleben mittragen und für seine Zusammenhänge und seine Gesundheit sorgen, dann sorgen wir für uns selbst am besten. Das ist die Grundlage. Und wenn das die Grundlage unseres Denkens ist, dann ergehen sich ganz logischerweise auf allen Gebieten totale Änderungen unserer Handlungen.

Mutter Erde als Lebewesen, für dessen Gesundheit „wir“ sorgen müssen, als sei der Planet ein beseeltes Wesen. Genau dieses Bild ist der Ausgangspunkt aller möglichen esoterischen Dummheiten und Glaubenssätze. Oder diese Aussage desselben Mannes:

Dann ist es z.B. unmöglich, irgendwelche Dlnge zu tun, von denen wir nicht wissen, wie sie sich auswirken werden. Ein Kernkraftwerk ist immer ein gutes Symbol dafür. Das ist so dieser Kitzel, dieser Reiz. Großartig, daß wir das schon können. Genmanipulation ist so was Ähnliches.

Da wähnt er sich im Besitz des gesamten Menschenwissens, wenn er schwadroniert, was „wir“ so alles können. Nicht bereit, Erkenntnis zu tolerieren, die seinen persönlichen Horizont übersteigt, den von anderen Menschen aber nicht. Überhaupt die radikale Ablehnung all dessen, was den eigenen oder den Horizont anderer Menschen erweitern könnte. Gaube statt Wissenschaft. Die klassische Grundlage totalitäter Herrschaftslegitimationen. Kernkraft und Gentechnik warf dieser Mann übrigens schon in den 1970er Jahren in die Debatte und landete damit echte Volltreffer, die bis heute funktionieren.

Und zugleich bediente er das altbiodeutsche Misstrauen gegen Kapitalismus und Gewinnsucht: 

Weißt Du, daß das im Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei als wesentlicher Programmpunkt vor der Machtergreifung gestanden hat. Brechung der Zinsknechtschaft?

Es war nicht alles schlecht, oder? Da sagt dieser Grünen-Mitbegründer etwas, was er als Zeitzeuge direkt mitbekam, als Mitglied der SA, Kandidat der SS, Funktionär des Reichsnährstandes, auch als Mitglied der NSDAP, vermögender Erbe einer Schrauben- und Hufeisenfabrik im westfälischen Hagen, schon im NS-Reich lebend als bäuerlicher Herr eines mecklenburgischen Anwesens, nach dem Krieg als Erneuerer der schon in den 1920er Jahren praktizierten biologisch-dynamischen Landwirtschaft, die in Kreisen von Esoterikern, Anthroposophen, Antisemiten, Heinrich Himmlers und Anhängern eines Wiener Halbirren namens Jörg Lanz von Liebenfels populär war.

Der Mann, den ich hier mehrfach zitiert habe, hieß Baldur Springmann. Sein Nachlass wird vom schleswiger Landesarchiv verwaltet und geplegt. Die Grünen riefen ihn noch als geistigen Urvater an, als er von sich aus schon ausgetreten war. Er fehlte anschließend bei kaum einer esoterischen, germanischen, heidnischen, ökofaschistischen, fundamentalistischen Vereinsgründung. Auch der rechtsextremen „Artgemeinschaft Germanische Glaubensgemeinschaft“ war er verbunden.

Die Artgemeinschaft veröffentlichte nach Springmanns Tod im Jahr 2003 eine lobende Traueranzeige auf ihn. In der Anzeige steht als Todesjahr 3803, gerechnet nach Stonehenge, wie man das in diesen elitären Kreisen tut. Gemeint ist 2003 nach Christi Geburt. Die Artgemeinschaft gehört zu den Gruppen, die von den abgetauchten NSU-Terroristen jedenfalls nach Erkenntnis der Ermittler einen motivierenden Brief mit einem beigelegten Geldschein aus Banküberfall-Beute erhalten haben. Die Artgemeinschaft wird heute von dem Mann geführt, der dem im NSU-Prozess als Unterstützter verurteilten Ralf Wohlleben den Neustart nach jahrelanger Untersuchungshaft ermöglichte.

In der Person Springmanns, von der taz nach seinem Tod als „Urgrüner“ gewürdigt, kommt zusammen, was schon immer zusammengehörte – der grüne Zeitgeist und seine braune Vorgeschichte. Beides zusammen scheint im deutschen Wesen tief verwurzelt zu sein. Auch heute soll die Welt daran genesen. Es war ja Deutschland, das die Klimadiskussion von den Mühen der Wissenschaftlichkeit befreite und als politisch-moralisches Glaubens- und Querschnittsthema auf die Agenda der Weltgemeinschaft setzte, mit Unterstützung all der Länder, deren meist fragwürdige Herrscher sich auf neues Geld freuen dürfen, ausgezahlt in Briefkuverts, auf denen Klimaschutz steht, vorangetrieben von den Propheten Merkel und Altmeier.

Die Mitläufer und Opportunisten im Lande haben sich schon wieder eingereiht. Sie scharren mit den Hufen. Noch hat sie niemand von der Leine gelassen. Aber wenn sie „verdonnern“ sagen, dann meinen sie ja auch Konsequenzen für die, die sich nicht verdonnern lassen wollen.

Jedoch: es gibt Hoffnung. Die meisten der grün-braunen Spießbürger sind eben alt. Sie nerven, aber man muss sich vor ihnen nicht mehr fürchten. Noch eine Generation, und sie sind weg. Dann ruht auch der Mann auf dem Fahrrad wieder in Mutter Erde, und die Nachkommen, die dann am Drücker sind, sind vielleicht belesener als der Juso-Vorsitzende und erinnern sich an einen der wirklich großartigen deutschen Denker, nämlich Immanuel Kant, und seinen Satz:

Ein Mensch kann zwar für seine Person und auch alsdann nur auf einige Zeit in dem, was ihm zu wissen obliegt, die Aufklärung aufschieben; aber auf sie Verzicht zu tun, es sei für seine Person, mehr aber noch für die Nachkommenschaft, heißt die heiligen Rechte der Menschheit verletzen und mit Füßen treten.

Was für ein wundervoller und wahrer Gedanke!

* Alle Springmann-Zitate aus: Raum & Zeit, Heft 62/93
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