Ich habe es längst aufgegeben, mich auf Debatten über die tatsächliche Gefährlichkeit des Corona-Virus einzulassen. Die einen glauben so, die anderen glauben so. Beide Lager vertreten ihren Standpunkt als heilige Wahrheit. Beide Lager lassen auch keine differenzierte Debatte mehr zu. Beide Lager kennen außer sich selber nur Coronaleugner oder Coronafaschisten (o.a.), je nachdem. Sie dreschen nur noch aufeinander ein.

Die übelste Debattenrolle spielt – neben Angela Merkel – Markus Söder. Ich habe ein paar Tage gebraucht, mich auf rationale Debattentemperatur herunterzukühlen, seit ich die folgende Aussage von ihm in der Welt las. Drei Journalisten fragen ihn, ob „wir den Rodlern und Skifahrern die Einschränkung des Bewegungsradius auf 15 km“ zu verdanken hätten. Söder verweigert darauf die Antwort und sagt stattdessen:

So beginnt die typische Corona-Debatte. Anstatt nun zu überlegen, wie wir alle einen Beitrag leisten können, Kontakte so weit wie möglich zu beschränken, picken wir uns den Einzelfall heraus und diskutieren jedes Detail. Natürlich kann man jede einzelne Maßnahme hinterfragen, aber nicht das gesamte Paket.

Diese Aussage ist vor allem demokratiepolitisch unterirdisch. Selbstverständlich kann man das ganze Paket hinterfragen.

Einmal deshalb, weil man in einer Demokratie, in der Meinungsfreiheit als Grundrecht gilt, alles hinterfragen darf.

Zum anderen erst recht, weil es gute Gründe gibt, „das gesamte Paket“ zu hinterfragen.

Denn „das gesamte Paket“ – bestehend aus Lockdown, Schulschließung, Ausgangssperren, einer wirkungslosen Corona-Warnapp, unsicheren und teils falschen Zahlen, sich fluide verändernden Grenzwerten zu willkürlich ausgewählten Stellgrößen, Massenarrestierung von Bürgern in 15-km-Zonen, Maskenpflichten, Anweisungen, Tests, Appellen, unterschiedlichen Schließverfügungen für Gaststätten, Hotels und Geschäfte – also das Gesamtpaket funktioniert genauso wenig wie eigentlich sämtliche seiner Bestandteile. 

Oder, wie es die kassenärztliche Vereinigung formuliert: „Quasi nichts gebracht“.

Sinnlos plus sinnlos plus sinnlos plus sinnlos plus sinnlos plus vielleicht ne Winzigkeit ist eben auch unterm Strich nur vielleicht ne Winzigkeit. Zugleich richtet aber fast jede der sogenannten „Maßnahmen“ (ein Unwort, das sich aus Amtsstuben bedauerlicherweise auch in die journalistische Sprache gefräst hat) konkrete und für jedermann sichtbare Schäden an. Sie kosten fast allesamt Unsummen, beschädigen soziale Strukturen, befördern Gewalt, nehmen Jugendlichen die schönste Zeit ihres Lebens, isolieren Kinder, verursachen Stress, nehmen grundgesetzliche Freiheiten, etc. 

In Summe verstärkt sich das zu einem unangenehmen Lebensgefühl, das man so schnell wie möglich abschütteln möchte – was Söder damit kontert, dass er Kritiker in die Nähe der terroristischen RAF rückt, nicht anders als totalitäre Herrscher wie Putin oder Erdogan, die jegliche Opposition nach Belieben mal eben für terroristisch erklären.

Zu erwähnen ist auch sein Umgang mit Fehlern. Es war Söder, der vergangenen Herbst unvorbereitet eine Teststrategie verkündete, die in bürokratischem Chaos endete. Söder hatte – wie so oft – reales Handeln mit einem PR-Stunt verwechselt. Die Gesundheitsbehörde musste es ausbaden. Gesundheitsministerin Melanie Huml bot ihren Rücktritt an. Söder hielt sie im Amt, weil er nicht wollte, dass sein persönliches Versagen in einer öffentlichen Debatte breitgetreten wurde.

Als dann der Impfstart in Bayern nicht anders vergeigt wurde als in allen anderen Bundesländern mobbte er Huml doch weg, gemeinsam mit ihrem Nachfolger, seinem Buddy Holetschek, den es als Staatssekretär und Nummer 2 im Ministerium wohl schon länger drängte, endlich den dickeren Sessel besetzen zu dürfen.

Unter all den schadenstiftenden „Maßnahmen“ sind ganz besonders die Schulschließungen zu nennen. Bald ein Jahr nach dem ersten Lockdown und der ersten Pleite mit dysfunktionaler Netztechnik und vollständig verpatzter Digitalisierung verläuft der Januar-Lockdown sogar noch schlechter. In der Klasse meiner Tochter gibt es momentan gar keine regelmäßige Präsenz der Lehrerin, auch nicht online. Niemand will verbindliche Auskunft geben, woran das liegt. Zu hören ist, dass ein Server des Landkreises in Rosenheim „überlastet“ sei. Tatsächlich halten alle den Mund, weil niemand verantwortlich sein will. Es ist einfach zu grotesk. Annähernd ein Jahr lang haben es die Herrschaften immer noch nicht geschafft, sich auf die absehbare nächste Schulschließung vorzubereiten. Schon wieder baden es die Familien und vor allem die Kinder aus.

Empörend sind hier: Das fachliche Versagen und die Flucht der Verantwortlichen aus der Verantwortung, allen voran Markus Söder in Person.

Würde auch nur eine dieser „Maßnahmen“ einen echten, nachweislichen Erfolg bringen, in erster Linie also die Sterbezahlen der Alten senken – okay, dann könnte man mit der einen oder anderen Kalamität klarkommen. Stattdessen auch hier nur Wortgeklingel. Eitle Politiker wie Söder führten in die Corona-Debatte das grenzgrandiose Idiom „vulnerable Personen“ ein, das vor allem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fleißig nachgebetet wird. Sie sagen, es gelte, die „Vulnerablen“ zu schützen, aber sie schließen die Schulen. Fragt wer, welcher „Vulnerable“ so geschützt werde, so reagieren sie pampig und autoritär und werfen den rhetorischen Rettungsanker aus: Jegliche Kontaktbeschränkung hemme das Virus. Ende der Argumentation unter Vermeidung konkreter Kausalität, weil die nämlich offensichtlich nicht existiert.

Stattdessen redet Söder (wie auch Merkel und andere) seit Monaten davon, das alles werde noch sehr lange dauern und hinterher werde es nie wieder sein wie vorher. Fragt sich nur, für wen. Als unbeirrbarer Optimist erwarte ich mit wärmender Frühjahrssonne eine Bilanzdebatte. Markus Söder et. al. versuchen zwar jetzt schon, die mit dem hohlen Argument abzuwehren, es gelte über Zukünftiges zu sprechen und nicht über Vergangenes. Klingt wieder mal toll und ist wieder mal untoll. Als hätte Markus Söder das Recht, der Öffentlichkeit ihre Tagesordnung zu diktieren.

Ab Frühjahr wird es schlicht darum gehen, darüber zu reden, ob einer wie Markus Söder ein hohes Amt bekleiden sollte. Ich erinnere mich noch gut, wie hartnäckig sein Vorgänger Horst Seehofer verhindert hatte, dass Söder ihm nachfolgt. Seehofer raunte immer wieder, der Söder könne es nicht und sei der falsche. Viele, auch ich, hatten den Eindruck, Seehofer habe sich einfach nicht von seinem Posten als Landesvater trennen können und darum seinen Nachfolger blockiert. Inzwischen denke ich, dass er Söder nur früher durchschaute als wir anderen.

 

1 Kommentar
  1. Paul sagte:

    Ach danke für die recht sachlichen Beobachtungen auf dem Blog. Eine differenzierte Betrachtung findet ja gar nicht mehr statt. “Alles gegen das Virus” oder Verschwörungskram…was anderes hört man ja auch kaum noch.

    Antworten

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