Nachdem ich hier in Bad Aibling gerade privat in eine recht erregte Diskussion über eine Großveranstaltung „gegen rechts“ nach Chemnitzer Vorbild verwickelt war, lese ich heute erleichtert Jana Hensels Kommentar zum 3. Oktober auf Zeit online. Ich bin also doch weder allein noch verrückt. Manchmal, vor allem jedes Jahr am 3. Oktober, kommt es mir so vor. Ich finde diesen Tag seit jeher grauenhaft. Da feiern ja nur graue Berufspolitiker die Unterschrift auf dem bürokratischen Papierstapel, der den nunmehr zum Westen gehörenden DDR-Bürgern schlagartig den Wust jahrzehntelanger West-Bürokratie aufzwang. Alle Normalbürger, also die, die von den Bürokraten als „die Menschen im Lande“ verniedlicht werden, erinnern sich lieber an den 9. November 1989 und den 9. November generell, weil er so griffig alle Facetten der deutschen Geschichte enthält, die schönen und die grauenhaften.

In der Diskussion im privaten Kreis ging es um eine linke Bündnisveranstaltung. Die Linken hätten da aber nichts zu melden gehabt, meinte ein mitveranstaltendes CSU-Mitglied. Es sei nur darum gegangen, „gegen rechts Gesicht zu zeigen“. Einige Hundert Menschen, einige auch angereist, hatten sich vergangenes Wochenende auf dem Marienplatz vor dem Rathaus versammelt (nicht nur in München steht das Rathaus am Marienplatz) und protestierten gegen einen Auftritt der AfD-Bundestags-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel. Viel Feind, viel Ehr, wird sich Weidel gesagt haben. Die Gesicht-Zeiger dürften ihr in den Aiblinger Stimmbezirken gut und gern noch zwei bis drei Extraprozente bei der Landtagswahl in ein paar Tagen verschafft haben. Das habe ich in meiner privaten Diskussion auch angemerkt. Es wurde nicht einmal abgestritten, jedenfalls nicht besonders engagiert.

Im Landkreis-Nachrichtenportal liest sich der Bericht über die Veranstaltung als Protokoll eines weihevollen Hochamtes. Mit großer Selbstverständlichkeit tauchen die Namen unbekannter Musiker auf, als kennte die jeder, neben solchen, die man hier schon kennt. Mit ebensolcher Selbstverständlichkeit tauchen die Namen von Politikern und Parteien auf, die entweder ebenfalls niemand kennt oder die schwer irritieren müssten. Die Linkspartei war besonders stark vertreten. Eine Rednerin trat offiziell unter dem Label der Linken auf, ein Landtagskandidat der Linken unter dem Label „Bündnis Wasserburg“, und ein weiterer Linken-Kandidat war Anmelder der Veranstaltung, was in dem Artikel aber nicht erwähnt wurde. Die Journalistin zitiert sogar eine Sprecherin der Satirepartei „Die Partei“ als ernsthaften Beitrag, die die AfD als Beiboot der CSU bezeichnet. Am Ende betritt dann auch der Bürgermeister (CSU) die Bühne. Ursprünglich hatte er das nicht vor. Aber der Bekenntnisdruck war wohl zu stark.

Um Feinheiten geht es bei solchen Veranstaltungen naturgemäß weniger. Dass Linksparteiler gemeinsam mit AfD- und NPD-Leuten von Putin nach Russland eingeladen werden und dem Autokraten wunschgemäß Persilscheine für getürkte Wahlgänge ausstellen, interessiert weder auf der Bühne noch im Publikum. Die teils widerwärtigen antisemitischen Ausfälle von Linksparteilern sind auch egal. Die Querfront wird ignoriert und stattdessen die Einheitsfront gegen rechts inszeniert. Das bedeutet: Im politischen Kosmos der Teilnehmer auf dem Marienplatz gibt es eigentlich nur noch zwei Parteien, nämlich die Antifaschisten und die Faschisten. Zu den Antifaschisten zählt alles von Merkel und der CDU bis hin zur Linkspartei und ein paar Feigenblatt-CSUlern, zu den Faschisten alles von der Söder-Seehofer-CSU über die AfD bis hin zur NPD. Das Leben kann so einfach sein. Von der Bühne dozieren sie derweilen gegen populistische Vereinfachung.

Natürlich fehlen auch die historischen Vergleiche nicht. Sie sind ja gerade im Trend. Wir stehen also wieder kurz vor einer nationalsozialistischen Machtergreifung? Nun gut, einen Hitler hat’s ja zum Glück gerade nicht. Den Teil, der tatsächlich vergleichbar wäre, wollen sie aber lieber nicht hören. Der besteht nämlich darin, dass die heutigen Regierungsparteien gerade das Vertrauen in Staat und Institutionen verspielen, ähnlich, wie einst die Parteien der Weimar-Koalitionen, womit sie diesem Hitler überhaupt erst das Feld bereiteten. Hätten die Weimarer Parteien nicht versagt, dann wäre Hitler nämlich wohl doch als Witzfigur geendet. Diesen Teil der Vergangenheitsvergleiche sollte man vielleicht auch mal in Erinnerung rufen. Und vielleicht fällt jemandem dann auf, dass die SPD fast die ganze Weimarer Zeit hindurch mitkoalierte oder den Reichskanzler stellte. Die SPD bestand in Weimar keineswegs nur aus Otto Wels am 23. März 1933, der in der Tat mutig sprach, als es aber schon zu spät war, auch dank des Versagens seiner eigenen Genossen.

Die Lösung heute liegt sicher nicht darin, sich von der linken Antifa-Agenda unter Druck setzen zu lassen. Ich persönlich sehne mich ja nach demokratischen Parteien, die sich nicht nur demokratisch nennen, sondern auch demokratisch streiten. Also eine Union, eine SPD, Grüne, eine FDP und vielleicht hier und da noch die eine oder andere sonstige Partei oder Freie Wählergruppe, die jede für sich ihre Ideen vertritt und sich mit den anderen auch um ihre Ideen zofft. Die die Mitte durch demokratischen Widerstreit wieder groß macht. Und die aufhört, sich in die Agenda der Extremisten zu fügen und sich ohne Not klein zu machen.

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