Die Belange der Alten in jedem Punkt der Tagesordnung. Die Belange der Jungen dagegen kompakt zusammengefasst nur in einem kurzen Bericht ohne jegliche Nachfrage oder Debatte. Vielleicht fĂ€llt das niemandem mehr auf, aber die Überalterung der Bevölkerung wirkt lĂ€ngst auf die gesamte Politik. Das erkennt man an den Gesetzen aus Berlin, das erkennt man auch im Stadtrat von Bad Aibling (und vermutlich jeder kommunalen Vertretung in Deutschland).

Stadtratssitzung, Tagesordungspunkt 1. Die Polizei wirbt um Zustimmung des Stadtrats fĂŒr die Einrichtung einer Sicherheitswacht. In der sollen Freiwillige ehrenamtlich tĂ€tig sein und uniformiert auf Streife gehen. „Unsere Augen und Ohren“, sagt einer der PolizeifĂŒhrer, das „Bindeglied zwischen Polizei und Bevölkerung“. Es gehe darum, das SicherheitsgefĂŒhl zu verbessern und sichtbarer zu sein. Viele Nachfragen der StadtrĂ€te und einige wenige kritische Anmerkungen. Es geht um das Radfahrverbot im Kurpark und dass Sicherheitswachtler hier aufpassen könnten. Oder um feiernde Jugendliche und liegengelassene Bierflaschen. Mit fĂ€llt erst spĂ€ter auf, dass schon dieser Tagesordnungspunkt Belange der Alten gegen Junge verhandelt. Der Stadtrat stimmt der Einrichtung der Sicherheitswacht mit großer Mehrheit zu.

Pflege vs. Familien

Tagesordnungspunkt 2. Vergaberichtlinien zum „Aiblinger Modell“. „Aiblinger Modell“ nennt die Stadt ihre spezielle Variante der sozialen Wohnbauförderung. Aibling liegt im boomenden Oberbayern, im weiteren Einzugsgebiet um MĂŒnchen. Entsprechend teuer ist auch hier inzwischen das Wohnen. Die Stadt möchte verhindern, dass eingesessene Aiblinger von reichen ZuzĂŒglern verdrĂ€ngt werden. Einmal wird kurz ĂŒber Alleinerziehende gesprochen, aber tatsĂ€chlich nur einmal und wirklich kurz. Sehr oft und sehr ausfĂŒhrlich wird die Problematik PflegebedĂŒrftiger diskutiert. ZunĂ€chst eher abstrakt, aber dann bringt der BĂŒrgermeister mit einem fiktiven Beispiel die Sache auf einen verstĂ€ndlichen Punkt. Angenommen, ein alteingesessener Aiblinger werde pflegebedĂŒrftig und von auswĂ€rts ziehe ein Verwandter her, der ihn pflege. Dann habe auch dieser Verwandte ein Anrecht auf Förderung nach „Aiblinger Modell“. Wir sprechen also wieder ĂŒber Alte.

Tagesordnungspunkte 4 bis 8. Erörterungen ĂŒber Sanierungen, BebauungsplĂ€ne und Ă€hnliches. LĂ€ngere Zeit wird besprochen, dass ein Neubaugebiet mit viel GrĂŒn drumherum umkrĂ€nzt werden soll. Einer der Stadtrate fordert, das GrĂŒn solle möglichst dicht und möglichst hoch wachsen, damit der in der Tat spektakulĂ€re Blick von der Zugangsstraße auf die in einem Tal liegende Stadt und drĂŒberweg das Alpenpanorama nicht verschandelt werde, was ein kurioses Argument ist, denn so eine grĂŒne Wand im Blickfeld wĂ€re Ă€sthetisch vielleicht auch nicht fĂŒr jeden der Hit. Mehrmals wird ein Brief einer BĂŒrgerinitiative diskutiert, deren Anliegen darin zu bestehen scheint, das Neubaugebiet möglichst klein und die Zahl der neuen Wohnungen möglichst niedrig zu halten. FĂŒrs Parken des Schulbusses verzichten die Planer auf eine Haltebucht. Der damit verbundene Zusatzaufwand wird als unverhĂ€ltmĂ€ĂŸig hoch angesehen, zumal eine Haltebucht in der bisherigen Planung nicht enthalten ist. Subkutan, aber eben doch wahrnehmbar auch hier: BestĂ€ndiger Blick auf Interessenslagen der Alten.

10 Minuten fĂŒr die Jugend

Tagesordnungspunkt 9. Bericht der Jugendbeauftragten. Eine ziemlich wilde Tour d’ Horizon. Ein Jugendparlament litt wohl unter zu wenig Beteiligung. Eine Jugendparty wurde anscheinend von praktisch niemandem besucht. Viele Zahlen, die niemand hinterfragt. Nach zehn Minuten ist die Jugendbeauftragte fertig. Die StadtrĂ€te klopfen Beifall. Weiter mit der Tagesordnung.

Tagesordnungspunkt Verschiedenes. Eine StadtrĂ€tin trĂ€gt vor, eine Ă€ltere MitbĂŒrgerin habe den ihrer Ansicht nach nicht behindertengerechten Zugang zum Rathaus kritisiert. Es entspannt sich eine Debatte, in der ein TreppengelĂ€nder eine wichtige Rolle spielt. Diese Debatte endet ohne Beschluss, dauert aber lĂ€nger als der gesamte Bericht der Jugendbeauftragten.

Was ich damit sagen will: Hören wir bitte auf, so zu tun, als gĂ€be es keine InteressengegensĂ€tze zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung. NatĂŒrlich gibt es die. Jeder Euro kann nur ein Mal ausgegeben werden. Wer meint, ich wĂŒrde die Generationen gedanklich gegeneinander ausspielen, verkennt die RealitĂ€t und verklĂ€rt die Lage. Die GegensĂ€tze gehören offen ausgesprochen und zur Kenntnis genommen. Sonst kann man sie nicht fair verhandeln. Sonst bleibt das Gerede ĂŒber Zukunft eben nur Gerede.

Seniorenparcours statt Spielplatz

Die Aiblinger Schulen leiden ab dem kommenden Schuljahr unter krasser Raumnot. Der westliche Landkreis hat kein Sportbad. Schwimmunterricht gibt es in Aibling und den Nachbargemeinden nur eingeschrĂ€nkt. Es gibt einen Plan fĂŒr ein Schwimmbad und eine annĂ€hernd fertige Finanzierung, aber ein Rest fehlt noch. Es gibt EinwĂ€nde von Nachbargemeinden, die darauf hinauslaufen, keine finanziellen Belastungen wegen des Bades in Aibling hinzunehmen, auch, wenn die Kinder der eigenen Gemeinde deshalb auch keinen Schwimmunterricht erhalten. 

In Bad Aibling wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert, ob es im Stadtgebiet nicht irgendwo auch einen coolen Kinderspielplatz geben könnte. Im GesprĂ€ch war ein GelĂ€nde im Kurpark. Dort wird jetzt tatsĂ€chlich ein Spielplatz gebaut, bzw. das, was in der Diskussion daraus wurde, nĂ€mlich ein Mehrgenerationenbewegungsparcours. Aufgebaut werden da TurngerĂ€te fĂŒr den rĂŒstigen Senior. Der demographische Wandel ist unaufhaltsam. Jetzt erfasst er schon die SpielplĂ€tze. Dabei hat er erst angefangen. Die geburtenstarken JahrgĂ€nge gehen ja erst noch in Rente.

Wir brauchen dringend eine Lobby fĂŒr Kinder und Familien. Nicht, um Alte an den Rand zu drĂ€ngen, sondern um Oma-Opa-Instinkte zu stĂ€rken. Auch in Politik und Verwaltung.

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