Der Einsatz der Frakturschrift ist eines der tollsten Beispiele für fehlgeleitete Symbolik. Jeder, der Frakturschrift in politischen Kontexten verwendet, folgt einem historischen Irrweg. Die Neonazis irren, die irgendwann begannen, die „Schwabacher“ für Propagandamaterial zu verwenden. Die linke Antifa folgt dem Irrtum, wenn sie die Schwabacher als Feindbild-Symbol benutzt. Im bayerischen Landtags-Wahlkampf arbeiten auch die Grünen mit der vermeintlichen Nazischrift und schieben sie auf einem bemerkenswert hässlichen Plakat der AfD zu, die sie allerdings gar nicht verwendet (jedenfalls ist mir nichts davon bekannt).

Tatsächlich ist die Schwabacher weder Juden- noch Nazischrift. Als Judenschrift bezeichnete sie aber Adolf Hitler. Er nannte sie in einer Besprechung „Schwabacher Judenlettern“. Die Juden hätten sich den Druckereien und damit der Schrift bemächtigt. Das war in jeder Hinsicht Quatsch. Juden durften seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland keine Druckereien besitzen und konnten sich insofern auch der Schrift nicht bemächtigen.

Hitlers Bemerkung hatte gleichwohl Folgen. Sein Bürochef Martin Bormann verschickte ein Rundschreiben, das den Gebrauch der Schwabacher reichsweit beendete. Möglicherweise war gebildeteren Nazis Hitlers Irrtum bekannt, so dass Bormanns Erlass deshalb auch vertraulich behandelt wurde und ausdrücklich als „nicht zur Veröffentlichung“ gekennzeichnet war. Möglicherweise war der Erlass aber kein Irrtum, sondern eher pragmatisch motiviert, wie manche Historiker vermuten. In den von Deutschland besetzten Gebieten Europas war die Schrift nämlich unbekannt. Die von den Nazis beherrschten Menschen konnten sie nicht lesen. Das NSDAP-Logo im Briefkopf ist übrigens in Schwabacher gesetzt, nach Hitlers Logik also in Judenschrift. Darin immerhin steckt eine gewisse Ironie.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs bestanden manche Autoren darauf, dass ihre Werke wieder in Fraktur gedruckt würden, etwa Hermann Hesse. Sie war damit vorübergehend eher eine Anti-Nazischrift als eine Nazischrift. Durchgesetzt hat sie sich bekanntlich trotzdem nicht. In einigen alliierten Zonen war sie verboten – deshalb, weil die alliierten Kontrollbehörden und ihre Mitarbeiter sie nicht lesen konnten.

Dass die Schwabacher heute als Nazischrift wirkt liegt demnach also nicht an der historischen Vorgeschichte, sondern an der Geschichtslosigkeit heutiger Neonazis. Die setzen die Fraktur weltweit für Logos, Aufdrucke oder Propagandaschriften ein. Hätte irgendjemand denen mal verraten, dass und warum Hitler sie abschaffte, hätten sie sich vielleicht andere optische Erkennungszeichen einfallen lassen.

Die linke Antifa hätte sich jetzt ihrerseits über die historische Ahnungslosigkeit der Neonazis lustig machen können, tat sie aber auch nicht. Vermutlich sind die kulturhistorischen Kenntnisse links nicht viel ausgeprägter als rechts. Inzwischen muss man auch festhalten, dass die Schrift durch ausgiebigen Gebrauch der letzten Jahre stärker mit Nazigehalt aufgeladen ist als je zuvor, stärker auch als zur Zeit der NS-Herrschaft. Sie wird inzwischen derart penetrant in Nazi-Kontexten verwendet, dass sie für jede andere Verwendung als kontaminiert gelten muss. Das ist zwar unhistorisch, aber offenbar nicht zu ändern.

Insofern folgten die Grünen mit ihrem Anti-AfD-Plakat zwar auch nur dem mehrfach falsch eingeschlagenen Symbolpfad der Schwabacher. Aber im Wahlkampf zählen Emotionen schon immer mehr als langwierige historische Ausführungen.

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