Startendes Flugzeug

#KerosinKatha, #AndenCem, #LangstreckenLuisa – einige weitreisende Spitzengrüne mussten seit Jahresbeginn ziemlich viel Prügel einstecken. Das Thema ist schnell beschrieben, und die meisten dürften es es kennen: Einerseits Billigflugtickets und unnötiges Fernreisen als klimaschädlich geißeln, andererseits für ein paar entspannte Tage über den Jahreswechsel in den Anden wandern, in Hollywood Eiskrem mit dem Plastikstrohhalm schlürfen oder Instagram-Bilder von exotischen Reisezielen posten. Die grüne Vorständlerin Jamila Schäfer (#JetJamila) veröffentlichte dazu auf ihrem Blog einige kluge Gedanken, die sich am Ende allerdings nicht in eine schlüssige Argumentation fügen.

Kurz gesagt macht sie geltend, dass sie und ihre Mitstreiter mit individuellen Konsumentscheidungen nichts an den Lebensgrundlagen auf der Erde ändern könnten. Dafür bedürfe es struktureller Veränderung. Grüne wollten nicht bessere Menschen sein, sondern bessere Politik machen. Die Häme, die den grünen Meilensammlern jetzt entgegenschlage, beruhe auf dem Scheinargument, man könne durch persönliche Attacken auf Einzelpersonen die bessere grüne Politik diskreditieren. Die Hämischen nennt Schäfer „Rechtsliberale“ und „Konservative“. „Rechtsliberal“ scheint ein neues Framing zu sein. „Neoliberal“ als Universalgegnerschaft scheint gerade aussortiert zu werden. Aber das nur nebenbei.

Nicht nur Spitzengrüne fliegen viel, sondern Grüne generell

Schäfer bemüht dann gar den schweren Lieblingsphilosophen des eher unangenehmen Teils des Deutschen Wesens, Friedrich Nietzsche. Sie beschreibt Nietzsches moralfreien Gedankengang, der Mensch neige nur deshalb zur Askese, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Dem könne sie folgen, aber immerhin, ohne Nietzsche „in seiner Ablehnung der Moral an sich zustimmen zu wollen“. 

Soweit – Nietzsche mal außen vor – klingt das recht pragmatisch. Allerdings hatte Jamila Schäfer eine für Grüne nicht besonders schmeichelhafte Studie wohl nicht auf dem Schirm und begeht zudem mehrere Denkfehler.

Die Studie ist fünf Jahre alt (hier via Spiegel-Online – mit Text, der die derzeitigen Hashtags irgendwie vorausdachte). Ihre Befunde dürften aber mehr oder weniger Bestand haben. Erhoben hat sie die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, also der Flug-Lobby.

Die ermittelte repräsentativ, wie unterschiedlich viel die Anhänger der Parteien mit Flugzeugen reisen. Spitzenreiter waren bei allen Fragestellungen die Anhänger der Grünen, und zwar deutlich. 49 Prozent der Grünen-Anhänger gaben an, sie seien in den letzten zwölf Monaten geflogen. Die zweitmeisten Flugreisenden fanden sich unter Linken-Anhängern – 42 Prozent. Vergleichsweise bodenständig dagegen Unions- (36 Prozent) und SPD-Anhänger (32 Prozent).

Noch krasser fiel die speziell grüne Lust aufs Fliegen bei der Frage auf, ob der Befragte noch nie mit einem Flugzeug geflogen sei. Solche Leute gibt’s tatsächlich – unter Anhängern von Linken (17 Prozent), Union (16 Prozent) und SPD (13 Prozent). Anhänger der Grünen werden da womöglich ungläubig dreinblicken. Von denen sagten 0 (in Worten: Null) Prozent, sie seien noch nie geflogen.

Zugleich waren die Anhänger der Grünen aber auch diejenigen, die anderen das Fliegen offenbar am stärksten neiden. „Es ist gut, dass sich heute viele Menschen leisten können, zu fliegen“ – dieser Aussage stimmten je 77 Prozent der Anhänger von Union und SPD zu. Bei den Linken-Anhängern waren es  69 Prozent, bei den Grünen dagegen nur 48 Prozent. 

Schäfers Instagram funktioniert wie Poschardts Porsche

Demnach scheint Grünen-Frontfrau Schäfer das von ihr ausgemachte strukturelle Problem bei der eigenen Klientel am wenigstens gelöst zu bekommen. Oder Grünen-Anhänger halten sich durchweg für besondere Individuen, deren eigenes Verhalten von guter Politik losgelöst gesehen werden müsste. Hier gleitet grünes Ideal in Elitismus ab, und zwar der ganz traditionellen Sorte: Die Grünen sind bekanntermaßen eine Partei der Gutverdiener. Sie bemühen für ihren Einsatz für eine bessere Welt auch gern das urkapitalistische Mittel des Preises. Was der Umwelt ihrer Ansicht nach schadet, möchten sie verteuern, und zwar alles.

Nicht bedacht hat Schäfer ihre und die Wirkung ihrergleichen als Role Model. Das ist eigentlich unverzeihlich. Sie reisen ja nicht nur gern, weit und viel, sondern sie präsentieren und zelebrieren ihre Weitgereistheit auch freigiebig auf Instagram. Sie bauen sich als Vorbilder auf für Mädchen und junge Frauen, die auch so sein wollen – wichtig, selbstbewusst, ernst genommen, im Kreise der Großen und Mächtigen. Reisen in ferne Länder, mal exotisch, mal schick auf der Piste und dann auch noch bei den Guten, den Grünen. Quasi wie Öko-Popstar oder Bio-Celebrity. Schaut her, wie toll mein Leben ist. Instagram ist für Schäfer und Kolleginnen im Grunde nicht viel anders als der Porsche für Ulf Poschardt.

Schäfer widerspricht überdies grünem Stehsatz, wenn sie – möglicherweise leicht entnervt von der Häme der „Rechtsliberalen und Konservativen“ – Vorbildwirkung plötzlich in Abrede stellt. Wie soll Deutschland kollektiv das grüne Vorbild für die ganze Welt sein, wenn die Frontfrauen andererseits individuelles Verhalten strikt von struktureller Politik abtrennen?

Gut sein statt gut reden. Oder: Kant schlägt Nietzsche

Wer marxistisch denkt, könnte jetzt den Grundsatz des dialektischen Materialismus bemühen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. In diesem Fall: Wer sich in den Kreisen der Elite bewegt, der lebt also auch elitär. Oder plumper: Macht und Geld korrumpieren. Ich bin allerdings kein Marxist.

Aber ich mag Kant, und der hat auch die richtige Antwort auf Schäfers Berufung auf – ausgerechnet! – Nietzsche. Kant, so schreibt Tobias Hürter, sah es als Aufgabe des Menschen, ein „sittliches Leben“ zu führen. Also: „gut“ zu sein. Auf das eigene Gewissen zu hören und sich von Vernunft und Aufklärung leiten zu lassen. 

Hürter hat dann noch einen leicht fiesen Vergleich zwischen Kant und Nietzsche parat. Während Kant seine Moral vom Willen des Menschen herleitet, verwerfe Nietzsche sie als etwas für Schwächlinge und rufe stattdessen den „Übermenschen“ aus. 

Nach Kants „Maximen“ wären Schäfer und Kolleginnen gescheitert, Schäfer mit ihrer Argumentation allemal. Hürter fasst Kant mit einer erzieherischen Eltern-Ermahnung zusammen: „Stell Dir vor, wenn alle das täten“.

Photo by Josue Isai Ramos Figueroa on Unsplash
1 Antwort
  1. F. Hoffmann sagte:

    Man könnte auch George Orwell’s Farm der Tiere in Spiel bringen. Nachdem die Tiere die Macht übernommen hatten, waren sie alle gleich. Insofern waren da sogar schon die “strukturellen Veränderungen gegeben. Allerdings waren die regierenden Schweine (also die Tierart…) dann doch gleicher als die Übrigen. Nur mal so als Vergleich gebracht.

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