Bei Twitter trendet seit gestern der Hashtag #Herzinfarkt. Er betrifft den Tod des 22-jährigen Markus B. in Köthen. Es sind überwiegend rechte Accounts, die sich über die Veröffenlichungspolitik der Staatsanwaltschaft Dessau lustig machen und zugleich die Berichterstattung der meisten Medien verspotten. Die haben sich leider auch diesmal wieder nicht mit Ruhm bekleckert, sondern überwiegend die absonderlichen Formulierungen einer behördlichen Pressemitteilung unhinterfragt übernommen. Die absurdeste Gedankenlosigkeit besteht darin, den Tod von Markus B. „einem akuten Herzversagen“ zuzuschreiben, was Kokolores ist. Herzversagen ist keine Todesursache, sondern Symptom des Todes. Ich habe mich und dann vor allem auch den Sprecher der Dessauer Staatsanwaltschaft gefragt, ob da jemand was falsch verstanden haben könnte. Vielleicht ein Stille-Post-Effekt.

Und ich habe ihn auch nach einem schlichten Logikfehler in seiner Pressemitteilung gefragt. Er schreibt nämlich einerseits, der Tod von Markus B. stehe „nicht im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen“, die ihm zwei Schläger – mutmaßlich Asylbewerber aus Afghanistan – zugefügt haben sollen. Andererseits aber ermittle seine Behörde „wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung mit Todesfolge“. Wie aber kann es eine aus der Körperverletzung resultierende Todesfolge geben, wenn zugleich kein kausaler Zusammenhang zwischen Körperverletzung und Tod bestehen soll?

In einer ersten Mail verwies die Staatsanwaltschaft nur auf eine Pressemitteilung und verweigerte jede weitere Auskunft. In einer zweiten auf Nachfragen schrieb sie dies:

Sehr geehrter Herr Lemmer,

die PMi spricht vom „mündlich mitgeteilten Obduktionsergebnis“- ergo: Rechtsmedizin.

Der akute Herzstillstand wird  durch die Obduzenten nicht mit den stattgefundenen Einwirkungen direkt (z.B. Schlag auf den Kopf, Schädelbasisfraktur, Tod) in Verbindung gebracht. Alles weitere haben die andauernden Ermittlungen zu klären.

Mit freundlichem Gruß

O. Braun

Frage 1 wäre damit möglicherweise beantwortet. Demnach gab es wohl keinen Stille-Post-Effekt. Die Staatsanwaltschaft weist die Formulierung vom Tod durch Herzversagen jedenfalls der Rechtsmedizin zu. Man muss diese Darstellung wohl zunächst so hinnehmen, wenngleich ich mir nicht sicher bin, ob der betreffende Rechtsmediziner das genauso sieht. Nicht verraten wollte die Staatsanwaltschaft, welches Institut die Leiche von Markus B. obduzierte. 

Frage 2 zur „Kausalität“ zwischen Verletzungen und Tod ist nach wie vor nicht nur nicht beantwortet, sondern zusätzlich verrätselt. Der Staatsanwaltschaft schreibt von „stattgefundenen Einwirkungen“ und fügt dahinter in Klammern ein: „Z.B. Schlag auf den Kopf, Schadelbasisfraktur, Tod“. Ob er damit sagen will, Markus B. sei auf den Kopf geschagen worden (das war wohl tatsächlich so, wie auch andere Quellen meinen) und habe einen Schädelbasisbruch erlitten (wäre mir neu), erschließt sich wiederum nicht eindeutig. Es könnte durchaus auch sein, dass der Staatsanwalt nur fiktive Beispiele aufführte.

Dass er dann auch noch den „Tod“ in diese Aufzählung schrieb, ist völlig unerklärlich. Letztlich bedeutet sein Satz dann auch: Der aktute Herzstillstand wird u.a. nicht mit dem Tod in Verbindung gebracht.

Ansonsten verweigert die Staatsanwaltschaft Auskünfte zu sämtlichen weiteren Fragen wegen der laufenden Ermittlungen. Das ist nicht ungewöhnlich, wenngleich unbefriedigend. Man muss halt darauf vertrauen, dass die Behörde diesen Grund nicht missbräuchlich geltend macht.

Sofern die Staatsanwaltschaft aus Furcht vor öffentlicher Debatte und öffentlichen Vorwürfen so defensiv und absonderlich formuliert, so kann ich das schon nachvollziehen. Angst ist aber immer ein schlechter Ratgeber. Das Geraune und Gerüchtele wäre weniger, würde die Ermittlungsbehörde einfach klare Sätze reden und idealerweise auch ans Telefon gehen. Mündliche Antworten auf mündliche Fragen und Nachfragen sind oft verständlicher. Und was auch immer da in Köthen passierte: Rauskommen wird es so oder so.

Zum Nachlesen die PM der Staatsanwaltschaft: Pressemitteilung

2 Kommentare
  1. Hans sagte:

    Das Schreiben des Staatsanwaltes ist ausserordentlich klar formuliert. Man muss schon einen gewaltigen Knick im Gedankengang haben, um die Aussage hinter dem Schreiben nicht zu verstehen. Ich verstehe dagegen den Text hier nicht. Was soll dieses ostentative Sich-Dumm-Stellen? Was soll dieses Geraune über angebliche Verschwörungen ohne irgendeinen Beleg oder auch nur stichhaltigen Hinweis darauf? Was soll diesere Text, ausser dass sie sich damit bis auf die Knochen blamieren? Ich würde ihn löschen. Der Staatsanwalt tut mir echt leid.

    Antworten
    • bitterlemmer sagte:

      Ich kann Ihnen da beim besten Willen nicht folgen. Ich weiß freilich auch nicht, wie ich meine beiden Punkte noch deutlicher machen soll. Kein Zusammenhang zwischen Schlägen und Tod passt halt nicht zu Körperverletzung mit Todesfolge. Die Aufzählung von Todesursachen und darin die Nennung „Tod“ ist bestenfalls zirkelschlüssig. Dazu passt Herzversagen als Todesursache, denn bei der Ursache kommt es ja darauf an, warum das Herz aufhörte, zu schlagen. Genau dazu sagt die Sta leider nichts. Ich weiß wirklich nicht, was da für Sie klar ist. Vielleicht schreiben Sie mir einfach in eigenen Worten, wie sich das Ereignis nach Ihrem Verständnis zugetragen hat.

      Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.