Man bekommt es ja nur nach und nach mit. Es sind kleine, verstörende Veränderungen. Zuerst fallen sie nicht auf. Aber dann häufen sie sich. Eine ältere Dame vor mir im Supermarkt-Eingang. Im Windfang ist ein Spender für Desinfektionsmittel aufgebaut, dazu Papiertücher. Die Dame reibt sorgfältig ihre Hände ab. Dann drückt sie Flüssigkeit auf ein Papiertuch und säubert den Griff ihres Einkaufswagens. Hingebungsvoll. Mehrmals. Als wolle sie auch das letzte Keimlein erwischen. Und noch mal, mit zitternder Hand. Prüfender Blick. Irgendwo einen Quadratmillimeter vergessen?

Ich glaube, da steckt nackte Angst in dieser Frau. Und ich glaube, sie ist nicht allein. Angst ums Überleben. Angst vor dem Tod. Angst, dass er plötzlich ganz nahe sein könne. Angst, morgen die tödliche Diagnose zu erhalten: Corona. Angst vor dem Ersticken. Angst vor der eisernen Lunge. Angst, dass es sie jederzeit und an jedem Ort treffen könnte. Hier und heute beim Lidl. Angesteckt von dem Mann am Obststand, wo sich mehrere Kunden mit ihren Wagen drängen. Von der Verkäuferin, die gerade das Schokoladenregal nachfüllt. Angst, dass ein Corona-Virus an der Banane hängen könnte, die sie gern in ihren Wagen legen würde. Angst vor der Verkäuferin, die hinter ihrer Glaswand keine Maske trägt. Angst vor jedem Schritt. Angst vor jedem Menschen.

Ich sehe immer häufiger Menschen, die sich so verhalten. Sie weichen auf dem Bahnsteig aus. Sie zittern, wenn sie in einer Ecke feststecken und fürchten, es könne ihnen jemand zu nahe kommen. Sie werden aggressiv wie die Bahnschaffnerin, die mich auf meiner letzten ICE-Fahrt anbrüllte, ich solle keinen Kaffee trinken, weil sie ja vielleicht mein Abteil betreten müsse und sich dann das Virus holen könne. Kein Witz: Das ist mir wirklich passiert.

Und heute hörte ich, dass auch Markus Söder zu denen gehören soll, die sich panisch vor Corona fürchten. Panisch darauf bedacht sei, sich bloß nicht zu infizieren. Panische Angst habe, in der Klinik dahinzusiechen. Wenn das stimmt, dann würde einer derjenigen, die seit einem Jahr systematisch, ja: perfide Angst schüren, das womöglich deshalb tun, weil es seiner höchstpersönlichen Stimmungslage entspräche. Es würde vieles erklären.

Etwa das konsequente Übergehen des Parlaments. Er würde wirklich und wahrhaftig im tiefsten Innern glauben, Bayern und die Welt gingen unter, würde er jetzt nicht radikal alle Läden zusperren. Denn es gehe ja um Leben oder Tod, auch für ihn persönlich. Wäre darum ehrlich überzeugt, dass keine Zeit sei für eine parlamentarische Debatte. Für offenen Schlagabtausch. Für sorgfältiges Prüfen. Sollte das stimmen, sollte Markus Söder selber von Panik um sein Leben ergriffen sein, dann wäre ihm die Verfassung nichts mehr wert, auch keine staatliche Struktur. Alles, was ihn bremste, wäre unmittelbar lebensbedrohlich. Entsprechend müsste er agieren. Er wäre bis unters Schädeldach vollgepumpt mit Adrenalin. Auf archaische Weise um sein eigenes Leben und das seiner Sippe kämpfend.

Da ich einer Politikerfamilie entstamme, weiß ich, dass Politiker nur ganz normale Menschen sind. Sie sind oft noch nicht mal überdurchschnittlich intelligent. Viele sind verhaltensauffällig. Eitelkeit bis hin zu Narzissmus kommt häufig vor. Nicht Intelligenz motiviert einen Menschen, Politiker zu werden, sondern Machtwillen und eher zweifelhafte Charaktereigenschaften. Bei Markus Söder ist das für meinen Geschmack ziemlich offensichtlich.

In einer Demokratie ist das normalerweise nicht besonders tragisch. So lange die Institutionen funktionieren, so lange die Gewalten sich gegenseitig belauern, so lange niemand die Chance auf absolutes Durchregieren hat, kann man mit allen möglichen Figuren in der Politik auskommen. Das machen die USA immer wieder vor. Die amerikanische Methode der Checks und Balances ist stärker als der schlimmste Autokrat im Weißen Haus. Es gab da ja noch viel verrücktere als Donald Trump. Die Verfassungsväter haben keinem Menschen über den Weg getraut, nicht einmal sich selber. Entsprechend haben sie ein Verfassungs- und Rechtssystem geschaffen, dessen Resultate sich sehen lassen können. Seit ihrer Gründung bis zum heutigen Tag sind die USA das Sehnsuchtsland für Freiheitsliebende überall auf der Welt.

In Deutschland ist der Verfassungsstaat dagegen noch ziemlich jung. Die letzte Diktatur ist 32 Jahre her, die vorletzte etwas über 70. Inwieweit das Erbe der Hitlerzeit bewältigt ist, mögen spätere Generationen beurteilen. Aber präsent ist er allemal und immer noch. Die kollektive deutsche Psyche dürfte immer noch angeknackst sein. Ausgerechnet die Gretchenfrage verdrängt der Deutsche heute gern: Wie müssen Menschen beschaffen sein, damit ein purer Verbrecher, der den Staatsmann nur schlecht und schmierig simuliert, zum Führer aufsteigen kann? Sind wir heute bessere Menschen? Haben wir aus der Geschichte gelernt? Auch jeder für sich und ganz persönlich? Bekommen wir eine kritische Masse hin, die nein sagt? Und zwar vor allem dann, wenn es gefährlich wird? Wer würde sich lieber erschießen lassen als seine Freiheit zu opfern?

Und wie erkennen wir, wann es gefährlich wird? Die Geschichte wiederholt sich nicht einfach so. Was wir heute sehen, ist eine Regierungschefin im 16. Jahr ihrer Amtszeit. Es ist die dritte große Koalition. Das Regierungsbündnis ist derart erdrückend, dass die FDP als einzig freiheitliche Opposition zu schwach ist, eine Bundestagsdebatte über Grundrechte durchzusetzen. Als ob zu bezweifeln wäre, dass eine solche Debatte nach inzwischen einem ganzen Jahr Lockdown-Politik mit massivst eingeschränkten Grundrechten dringend und überfällig wäre. Natürlich ist Merkel nicht Hitler. Aber es muss auch nicht immer böser Wille dahinterstecken, wenn eine Demokratie fällt. Es kann ja auch mal Unfähigkeit sein. Oder Panik. Nackte Angst ums Überleben.

Merkel hat eine offensichtliche Neigung zur Bunkermentalität. Ob Helge Braun oder Peter Altmaier – schon physiognomisch scheint es sie zu weichen, formbaren und gehorsamen Typen zu ziehen. Den drahtigen Friedrich Merz sortierte sie aus. Ihr Corona-Kabinett besteht aus sorgfältig ausgewählten Wissenschaftlern – ausgewählt nicht nach wissenschaftlicher Wucht, sondern nach gewünschter Meinung und Formbarkeit. Wissenschaftler, die sich, wie wir heute wissen, für ein Gutachten beauftragen ließen, dessen Ergebnis die Regierung gleich mit in Auftrag gab. Die Forscher hatten sich nur hübsch wissenschaftlich klingende Argumente einfallen zu lassen. Das Ergebnis sollte lauten und lautete: Vorsicht, Vorsich, Vorsicht. Nichts riskieren. Wir wissen nur wenig. Weil wir wenig wissen, müssen wir sicherheitshalber alles schließen. 

Es folgt also die Politik einer Wissenschaft, die nur sagt, was die Politik hören wollte, weil die Politiker panische Angst um ihr Leben haben und darum Panik verbreiten möchten – hoffend, Panik auf breiter Front erzeuge Loyalität. Chancen ergreifen – zu kompliziert, zu riskant. Nichts für Verklemmte, die alles Neue verabscheuen. Lieber die Greta-Methode: „I want you to panic.“ Also lassen sie sich fallen in das bequeme Panik-Bett, wo alles so klar und einfach ist. Wie Greta beginnen sie, ihren eigenen Stuss zu glauben. Die Welt nur noch eindimensional und monokausal zu verstehen. In immer infantilere Sprache abzugleiten. Sich als Beschützer aufzuspielen. Fürsorge und Herrschsucht zu vermengen. In ihrer eigenen Panik aufzugehen und sie ungehemmt zu verbreiten.

So gesehen: Was wundere ich mich über die älteren Leute, die im Lidl-Eingang hingebungsvoll Hände und Wagengriff desinfizieren.

Und wie deprimierend und tieftraurig ist die Perspektive, die die Panischen unseren Kindern öffnen – nein: verweigern. Mitleid mischt sich mit Abscheu und Sorge um die Zukunft, die sie nicht zu kennen scheinen. Wie auch – in ihrem Alter und angesichts ihrer zu häufigen Kinderlosigkeit, in einem Land, dessen Wähler im Median bald 60 Jahre alt sein werden. Ein Land, dessen Mehrheit eine kollektive Lebenserwartung von nur noch 20, 30 Jahren hat. Ein Land, das Kinderrechte in die Verfassung schreibt und zugleich Kindern Bildung, Freundschaften, Spaß und Zukunft verbietet.

1 Kommentar
  1. Martin sagte:

    Hmmm, kann sein, glaube ich aber nicht. Dazu paßt das häufig maskenlose und undistanzierte Auftreten, wenn die Damen und Herren sich unbeobachtet glauben, nicht so.
    Ich denke schon, daß der Grund nackte, schiere Angst ist. Aber nicht die Angst vor Corona, sondern die Angst davor, keinen Lockdown mehr zu haben und keine “Entschuldigung” dafür, warum trotzdem kein riesiges Massensterben eintritt.
    Und dann könnte vielleicht doch eine gewisse Menge Bürger auf die Idee kommen, die Verantwortlichen für diese enorme Katastrophe, den massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang, auch zur Verantwortung zu ziehen,

    Ja, sie haben Angst. Aber nicht vor Corona, sondern davor, dass sie den Bogen diesmal überspannt haben, das ihr fundamentales Vollversagen offensichtlich wird und selbst die mediale Lobpreisung unserer gelobten “Mutti” nicht mehr ausreichen könnte. Die dauernden Verzögerungen der Öffnungen, das planlose und ziellose Vorgehen dient dem Zeitgewinn, dem Hinausschieben, Bis dann vielleicht doch eine halbwegs ausreichend erscheinende Menge an Geimpften da ist, nicht wegen Corona, sondern die man als Vorwand für die Aufhebung des Lockdowns Öffnung nehmen kann und hoffen, das man doch noch mal glimpflich aus der Nummer raus kommt.

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