Nachlese. Eine ganz persönliche. Ich hätte nicht gedacht, wie wuchtig es wirkt, wenn man mit einem in der Branche angesehenen Preis ausgezeichnet wird. Ich habe vorher noch nie einen Preis für meine Arbeit bekommen und jetzt den Deutschen Radiopreis, Kategorie bester Podcast, für Der Fall Peggy. Wir waren zu zweit nach Hamburg gereist, mein Chefredakteur Ralf Zinnow von ANTENNE BAYERN und ich. 

Das prämierte Stück ist auch eine Teamleistung. An die 30 Leute haben daran mitgearbeitet – Cordula Senfft, die alle 15 Folgen mit mir eingesprochen hat, die Produktion, die Kollegen, die Sprecherrollen besetzt haben, der Fundus, den Stefan Burkert als Oberfranken-Reporter in den ersten Jahren gelegt hat. Großes Podcast-Kino. 

Die Gala in der Elbphilharmonie war toll. Aber zwei Situationen haben mir nicht gefallen. Ich habe mit mir gerungen, ob ich die aufschreiben soll. Einerseits will ich die gute Stimmung nicht verderben. Andererseits haben beide Situationen mit der polarisierten Debatte im Land zu tun und auch mit der Rolle von Medien. Ich glaube, da stand ein Elefant im Raum. Über Elefanten in Räumen sollte man reden. Also…

Steinmeier

Alle haben ihre Plätze eingenommen. Nur der Bundespräsident fehlt noch. Dann geht eine Seitentür neben der Bühne auf. Frank Walter Steinmeier tritt mit Gefolge ein. Im Saal brandet Applaus. Eine Welle des Aufstehens flutet die Ränge. Irgendwo vorn rechts fängt einer an und erhebt sich von seinem Platz. Ein Nachbar folgt, dann die nächsten und in Windeseile der ganze Rest des Saals. Alle stehen, klatschen und bejubeln das Staatsoberhaupt.

Auch mich reißt die Welle auf die Füße, während ich mich noch frage, warum wir dem Bürger Steinmeier einen Empfang wie für einen König bereiten. Aber wie ich nun mal stehe, finde ich nicht den Mut, mich sofort wieder zu setzen, sondern bleibe stehen. Steinmeyer schreitet die Stufen zu seiner Rangloge empor, nickt den ihm applaudierenden Stehenden freundlich – huldvoll?  – zu. Dann setzt er sich und mit ihm auch das Publikum. 

Ich sehe die Sache so: Deutschland hat seine Monarchie vor 101 Jahren abgeschafft. Kaisern und Königen jubelte das Volk zu. Bürgerlichen Präsidenten kommt so etwas nicht zu, zum Glück. Lauter Jubel war ansonsten noch eine Sache für Revolutionäre oder Diktatoren. Steinmeier ist weder das eine noch das andere. Ein höflicher Empfang – sitzender Applaus – wäre angemessen, aber kein höfischer. So sehe ich das jedenfalls.

Und ich finde, dass das erst recht für ein Publikum aus Medienleuten gilt, unter uns auch Journalisten. Für uns ist Herr Steinmeier ein Protagonist. Er bekleidete einige interessante Posten. In der Regierung Schröder war er im Kanzleramt für die Geheimdienst-Koordination zuständig. In diese Zeit fallen die ersten NSU-Morde. Ich wüsste bis heute gern, ob irgendwoher, vielleicht auch aus dem Ausland, Informationen über die in der Öffentlichkeit da noch völlig unbekannten Täter auf seinem Schreibtisch landeten. Ich möchte professionelle Distanz halten. Darum hat mich der stehende Jubel für den Bundespräsidenten gestört. Ich fühlte mich unwohl, dass ich mich von der Aufstehen-Welle mitreißen ließ. Dafür habe ich nur sehr höflich mitgeklatscht.

Grönemeyer

Herbert Grönemeyer ist Sänger, kein Politiker. Wenn ein Publikum einen Künstler bejubelt, auch stehend, ist das etwas anderes, als einen Politiker zu bejubeln. Grönemeyer singt sein Lied, in dem er „keinen Millimeter nach rechts“ verlangt. Jeder im Saal weiß, worum es hier geht, nämlich um die Kontroverse, die sich nach Grönemeyers Auftritt in Wien entzündete. 

Vor dem Publikum des Radiopreises spielt er das Lied live, mit Backgroundchor, auf den Punkt einstudiert, messerscharf, musikalisch eindrucksvoll und hoch emotional. Als er fertig ist, tost der Applaus. Wieder erheben sich die Anwesenden von ihren Plätzen. Schreiender Jubel, rhythmisches Klatschen. Die deutsche Radiobranche zeigt, wo sie steht. Diesmal erkenne ich nicht, wo die Aufsteh-Welle entspringt. Später sagt mir jemand, der Bundespräsident habe den Anfang gemacht oder jedenfalls zu den ersten gehört, die sich für Grönemeyers Lied von den Plätzen erheben.

Dieses Mal bleibe ich sitzen. Nicht schon wieder mitreißen lassen. Nicht, weil es mich stört, dass jemand keinen Millimeter nach rechts will und dasselbe auch von anderen verlangt. Sondern weil mich die hochgepeitschte Emotionalität zu einem politischen Statement erschreckt. Denn es geht bei diesem Jubel nicht um die Musik, es geht um die Botschaft und die politische Haltung. 

Ich möchte mich aber nicht in eine emotional getriggerte politische Manifestation einbinden lassen. Ich möchte nicht vor der Alternative stehen, ja oder nein zu zeigen, tatsächlich aber weder ja noch nein zu meinen und nur das kleinere Übel oder die opportunistische Anpassung zu wählen. 

Ich persönlich finde den Satz „keinen Millimeter nach rechts“ falsch. Natürlich kann es mal einen oder mehrere Millimeter nach rechts gehen, wenn Wähler das wünschen. Bei der nächsten Wahl geht es dann wieder ein paar Millimeter nach links. Und wie sollte es je ein paar Millimeter nach links gehen können, wenn kein Millimeter nach rechts möglich sei? Und was heißt überhaupt „rechts“? Dass die Linksrechts-Popografie unsinnig ist und nur zu Polarisierung und Emotionalisierung taugt, ist doch schon lange eine Binse. Ich möchte liberale, bürgerliche Mitte. Wo bleibt die, wenn es angeblich nur links und rechts geben soll? 

Soweit ich den Saal überblicke, sehe ich außer mir nur einen einzigen Mann, der ebenfalls sitzenbleibt. Er starrt verbissen auf sein Handy, als wolle er den Eindruck erwecken, er sei so versunken, dass er nicht bemerkt, wie sich rings um ihn alle von den Plätzen erheben. Ich sehe auch den einen oder anderen, der zwar stehend, aber scheinbar verlegen oder gar nicht klatscht. Vielleicht gab es noch mehr, die lieber sitzengeblieben wären, aber sich nicht trauten.

Grimme-Jury (ab hier kein Elefant mehr im Saal)

Es war aber trotzdem eine großartige Gala und ein schönes Fest. Ich habe mich über den Preis sehr gefreut. Auch deshalb, weil er gegen gängige Klischees läuft und ich bis zum Schluss gezweifelt habe, dass wir wirklich eine Chance haben. Ich hätte gedacht, dass wir gegen die öffentlich-rechtlichen Konkurrenten nicht ankämen. Wir haben einen journalistischen, investigativen Podcast eingereicht, und zwar als Privatradio. Aber die Jury – die meisten Juroren in ihren Biographien viel stärker öffentlich-rechtlich geprägt als privat – hat unseren Podcast ausgewählt und das so begründet:

‘Geheimakte Peggy’ ist souverän recherchiert, gut erzählt, dialogisch und seriell aufgebaut. Der Podcast erzählt die Geschichte der neunjährigen Peggy, die am 7. Mai 2001 verschwand. Christoph Lemmer durchleuchtet nach jahrelangen Recherchen Widersprüche und Irrtümer bei den polizeilichen Ermittlungen. Im Dialog, mit Originaltönen, Zitaten, Gerichtsdokumenten und musikalischen Elementen wird Peggys kurzes Leben voller Einsamkeit und Missbrauch nacherzählt. ‘Geheimakte Peggy’, ein preiswürdig produzierter Podcast, der berührt und verstört, dicht und eindringlich ist ohne aufdringlich zu sein.

Begründung der Grimme-Jury für den Radiopreis an ANTENNE BAYERN, bester Podcast

Danke dafür. Über die Begründung habe ich mich am Ende fast mehr gefreut als über alles andere. Die Reaktionen von Kollegen, Freunden und Familie waren überwältigend. Auch Kollegen der öffentlichen-rechtlichen Konkurrenz haben gratuliert und das ehrlich gemeint.

Hinzuzufügen wäre, dass wir bei ANTENNE BAYERN den Fall Peggy schon 2012 kritisch angefasst haben, als er offiziell noch als gelöst galt. Als ein Unschuldiger noch wegen Mordes verurteilt war. Was wir schon damals mit Zeugen und Beweisen widerlegen konnten. Was wir auch so deutlich gesagt haben. Was einigen Mut erforderte. Welcher Sender oder welches Medium lässt einen Reporter sagen, ein Gericht habe falsch geurteilt und eine große Sonderkommission habe falsch ermittelt, teils vorsätzlich, teils auch heute noch? Da braucht es nicht nur den, der das liefert, sondern auch die, die ihm trauen. Auch, wenn es gegen den Strom geht.

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