Ein Zeichen setzen gegen rechts – das war die Hauptintention des #wirsindmehr-Konzerts in Chemnitz. Mein persönlicher Eindruck in Chemnitz war, dass die Stadtbewohner dabei ein bisschen abseits standen. Die meisten Chemnitzer Stimmen, die ich einfing, begrüßten „gegen rechts“, beklagten aber, dass der Tod eines 35-jährigen Familienvaters vor gut einer Woche allseits instrumentalisiert werde.

Die Mehrheit der Menschen in der Innenstadt bestand ab dem Nachmittag eh nicht aus Eingeborenen, sondern aus Leuten, die aus dem ganzen Land angereist waren. Ich hatte z.B. Gruppen aus Heilbronn, Mainz und anderswo vor meinem Mikro.

Zu Beginn der Veranstaltung gab es eine Schweigeminute. Eine Sprecherin bat darum. Leider beging Sie da einen Fauxpas. Sie ordnete den Tod des Daniel H. „rechter Gewalt“ zu. Das ist bekanntlich falsch. Daniel H. starb nach Messerstichen, die ihm mutmaßlich ein irakischer Flüchtling zugefügt hatte. Das war ja genau der Anlass für die Serie von Demos und Gegendemos, bei denen es zunehmend um die Herrschaft über die Straße ging.

Die Sprecherin sagte:

Wir alle wollen leben ohne Angst und ohne Hass. Wir alle wollen leben ohne Angst und ohne Hass, und deshalb lasst uns auch an die Menschen erinnern, die Opfer von rechter Gewalt und Hass in diesem Land geworden sind. Ich bitte Euch nun, eine Minute zu schweigen für Daniel H. 

Alsdann schwiegen alle auf dem Platz. Zum Nachhören habe ich die Aufzeichnung eingebettet.

Offen gestanden: Ich verstehe nicht, wie man auf die Idee kommen kann, die Täterschaft nach politischem Wunsch zuzuteilen. Hier wird die Instrumentalisierungsabsicht unübersehbar.

Ich verstehe auch nicht, warum das im Großen und Ganzen bei meinen Kollegen nicht mitberichtet wird.

Ich verstehe das alles schon deshalb nicht, weil es ja tatsächlich „rechte Gewalt“ gibt. Ich habe ja selber jahrelang darüber geschrieben. Es gibt auch rassistisch grundierte Ermittlungsfehler. Es gibt Mord- und Brandanschläge. Gibt es alles tatsächlich.

Man muss die Sache also nicht schlimmer machen, als sie ist. Sie ist auch so schlimm genug, um zu beeindrucken.

Was meine Kollegen betrifft: Einige entblödeten sich auf der Pressekonferenz am Nachmittag nicht, den Protagonisten zu applaudieren. Es waren nur wenige Journalisten, die applaudierten. Aber es gab sie. Es saßen ansonsten hinten zahlreiche Nichtjournalisten in der Pressekonferenz, die laut klatschten. Wer waren die eigentlich? Es roch für mich ein bisschen danach, als hätten die Veranstalter Claqueure im Saal platziert. 

Auch hier frage ich mich: Musste das sein? Trauten die Veranstalter sich und ihrer Veranstaltung so wenig zu, dass sie Klatschhiwis einsetzen mussten, um positive Stimmung für sich zu erzeugen?

Ich glaube, #wirsindmehr hatte auf natürlich-organische Weise die Sympathien auf seiner Seite. So aber haben sie den Bogen überspannt.

Oder wollten sie genau das? Wer aus Chemnitzer Perspektive zusah, der sah eine riesige Welle angereister Leute, die Bekenntnisse einforderten, die weit über ein Nein zu Nazis und Rassismus hinausgingen.

Einmal rief eine Rednerin: „Hoch die Internationale“. Mehrmals, parolenhaft, einpeitschend. Das war am Anfang der Veranstaltung und fand in der Menge kaum Wiederhall. Aber nach und nach schmolzen die Widerstände dahin. Die Bühne drängte zu einem Bekenntnis nicht nur gegen Nazis, sondern auch für linksaußen. Hoch die Internationale, laut von der Bühne paroliert, das klang mehr nach Karl-Marx-Stadt als nach Chemnitz. 

„Wir sind Antifaschisten“, rief eine Rednerin (es waren mehrere) an einer Stelle. Das klingt, dem Wortsinn nach, in Ordnung. Gegen Faschismus – klar! Aber Antifaschismus war für die DDR ein strategisches Mittel der Bündnispolitik. Die heutige Antifa hält es damit genauso. Zur Antifa soll  etwa nur gehören, wer auch den Kapitalismus ablehnt. Der entsprechende Ausspruch von Max Horkheimer fehlte in Chemnitz zwar, aber er wird auf Antifa-Demos nach wie vor gezeigt. In Chemnitz war er spürbar und damit die Alleinvertretungsanmaßung der Linken beim „Kampf gegen rechts“.

Und damit hat sich der Abend in Chemnitz einen schalen Nachgemschmack verdient. 

1 Antwort
  1. Thomas Herfort sagte:

    Warum lässt man in diesem Artikel den Teilsatz “auch an die Menschen erinnern” einfach ignorant weg?

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