Auch die größte Demo ist nach paar Stunden zu Ende. Man durfte seine Meinung sagen oder Party feiern oder in unterschiedlichen Anteilen beides davon. Aber ich geh’ heute wählen. Und beim Wählen habe ich mehr zu bestimmen als die Demonstrierer. Das steht so in der Verfassung, der deutschen und der bayerischen. Ich habe mehr zu bestimmen als ein Demonstrierer, auch, wenn ich niemandem sagen, wen ich wähle. Ich darf heimlich wählen, weil auch das im Grundgesetz und in der bayerischen Verfassung steht. Gleiche und geheime Wahlen, so läuft das in Demokratien. Nichts da mit „Sag’ mir wo Du stehst“, einem der Leitsprüche der #unteilbar-Demo und ihrer Unterstützer von der Linkspartei. Da waren sogar nach Angabe der mit der Roten Hilfe und Linkspartei-Strippenziehern verbandelten Veranstalter nur 242.000 Menschen. Und trotzdem behaupten die dreist, sie seien mehr. Nix da! Allein in Bayern dürfen heute neuneinhalb Millionen wählen, und die allermeisten von denen werden das auch tun.

Dass Wahlen trotzdem irgendwie minderwertiger angesehen sind als vor wenigen Dekaden liegt leider aber nicht nur an den Undemokraten von der Roten Hilfe und der Linkspartei, in deren früherem Herrschaftsgebiet die Wahlen nicht geheim waren, weshalb die Ergebnisse immer um die 99 Prozent für die Einheitsliste ergaben. Da waren auch Wahlen ein Akt des öffentlichen Manifestierens und nicht ein Akt des volkssouveränen Herrschens. Dass Undemokraten von außen die Demokratie angreifen ist freilich weder überraschend noch schlimm, denn sie haben keine Chance, wenn im Innern alles läuft. Dummerweise tut es das aber wegen Angela Merkel seit einigen Jahren nicht mehr. Merkel nämlich hat bewusst und gewollt daran gearbeitet, die Wahlbeteiligung zu senken. Ihre Strategie heißt assymetrische Demobilisierung. Sie besteht darin, den anderen Parteien die Themen zu klauen, um deren Wähler einzulullen. Wenn Merkel also linkere Sozialpolitik betreibt als die Hartz-IV-SPD oder die Atomkraft abschafft, dann lullt sie damit SPD- und Grünen-Wähler ein, die finden, dass damit für sie ja nichts mehr zu fordern wäre und die folglich nicht mehr wählen gehen. So war Merkels Kalkül, und fatalerweise hat es viel zu lange funktioniert.

Merkel hat damit nicht nur die CDU nach links und die CSU in eine unmögliche Ausgangslage gerückt. Sie hat damit nicht nur die Lücke aufgemacht, die die AfD auf den Wahlzettel brachte. Sie hat damit auch das Ansehen der Demokratie beschädigt. Sie hat verfassungsmäßige Grundlagen ihrer Machtsucht geopfert. Man würde sie zu gern als Journalist einmal zu ihrer Strategie der assymetrischen Demobilisierung befragen, aber das geht nicht. In der Art einer Hof haltenden Königin verweigert sie sich offenen Frage-Antwort-Abtauschen. Die Lizenz zum Kanzlerinnen-Interview hat allein Anne Will, und die empfängt die Kanzlerin, wenn die Kanzlerin darum bittet und akzeptiert damit die Verdrehung der Gewichte. In der freien Demokratie mit freier Presse macht der Journalist das Interview, nicht die Interviewte.

Aber nicht einmal Merkel hat die Demokratie am Ende gekillt. Sie hat der Demokratie vielleich sogar einen Gefallen getan. Zuletzt steigt die Wahlbeteiligung wieder. Die Diskurs-Dominanz der linken und rechten Ränder, den Merkels aktives Desinteresse an Politik verursacht hat, nervt die Mitte-Mehrheit zunehmend. Irgendwann langt’s. Der Wähler kehrt zurück. Das wird man heute in Bayern sehen, dem Freistaat, der von einem Berliner Sozialisten als Freistaat gegründet und so bezeichnet wurde, was die Bayern nie geändert haben. Die bayerischen Wähler werden den Parteien heute ordentlich was zum Grübeln geben. Das wird allseits nur guttun. Und es wird länger halten und mehr bewirken als das, was die Verächter*innen der Demokratie von innen und außen in den letzten Jahren angerichtet haben. Weil wir das so wollen. Und wir sind mehr.

Photo by Rafal Gerent-Pocian on Unsplash
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