Im Inforadio des RBB in Berlin moderierte heute früh eine Moderatorin einen Bericht an, der sich mit den Parteitagen von Grünen und Piraten zu befassen versprach. Der Beitrag hielt dann nicht ganz, was die Anmoderation avisierte. Es ging allein um die Grünen. Die Piraten tauchten nur in Form wirrer Warnungen der grünen Frontfrauen Claudia Roth und Steffy Lemke auf. Dass dieser Beitrag einseitig war, ist inhaltlich wie formal nicht bestreitbar. Vermutlich liegt es daran, dass die Piraten für die Abschaffung der GEZ-Gebühr sind.

Für grün gesinnte öffentlich-rechtliche Redakteure (und die Mehrheit der Redakteure quer durch alle Medien wählt tatsächlich grün) sind die Piraten damit ein schlimmes Schreckgespenst. Sie stehen für die Gruppe der 80er-Jahre-Kinder. Deren Elternhäuser sind so grün-bürgerlich wie die Elternhäuser der Babyboomer konservativ-bürgerlich waren. Der Sänger der „Baseballs„, Basti, bringt es auf den Punkt: „Wer damals gegen seine Eltern rebellieren wollte, musste sich nur eine Tolle kämmen und eine Lederjacke anziehen. Heute dagegen kann man seine Eltern doch kaum noch schocken – es sei denn, man wird Investment-Banker“.

Oder eben Pirat. In der aktuellen Berichterstattung über den Piraten-Parteitag finden sich praktisch ausschließlich folgende Aspekte:

  • zu wenige Frauen
  • keine Inhalte
  • ungeklärte Haltung zu Nazi

Ersteres ist eine Bewertung vom Standpunkt radikaler Quoten-Fans, als sei eine formale Frauenquote unverhandelbare Prämisse, quasi  aus dem Menschenrechtskatalog der Verfassung.

Zweiteres ist sachlich falsch. Wer will, kann sich das Programm der Piraten einfach auf den Schirm klicken und sich in der Sache an ihnen abarbeiten.

Und das dritte ist infam und entspricht eher dem Wunschdenken der anderen Parteien, die angesichts der Umfragen verzweifelt einen Ansatz für eine Attacke suchen und die aufgrund der unbestreitbaren Nähe zu den Medien, vor allem den staatsgesteuerten Öffentlich-rechtlichen, kein Problem haben, für jeden noch so baren Unsinn eine große Plattform zu finden.

In ihrer Verzweiflung halten sich die Piraten-Verurteiler mit voller Kraft die Ohren zu. Ein besonders hübsches Beispiel liefern dafür Michel Friedman und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Bei dem Versuch, Marina Weisband von den Piraten niederzukartätschen, spulen die beiden, von Fakten unbeeindruckt, ihr Piraten-Klischee ab. Vor allem Friedmann gefällt sich darin, seine Glaubensschwester zunächst auf Altherrenart von irgendwoher zu zitieren (während Weisband schweigend zusieht, wie Friedmann sie komisch zitiert), um dann auf Basis seiner erfundenen Weisband-Zitate merkwürdige Frage zu stellen, die Weisband erstaunlich sachlich beantwortet. Ein paar Mal sagt sie z.B., dass Diebstahl ihrer Meinung nach illegal ist. Aber beide Herren tun die gesamte Sendung über so, als sage sie das Gegenteil.

Und ganz am Ende, da lohnt der Film besonders. Da fällt Marina Weisband leider nicht ein, welchen Unsinn Friedmann ihr da um die Ohren prügelt. Er behauptet, es sei ein anonymer Hetzer gewesen, der nach dem Mädchen-Mord in Emden zur Lynchjustiz gegen einen fälschlich verdächtigten 17-Jährigen aufgerufen habe. Es war aber ein Aufruf eines Facebook-Nutzers, dessen Identität vom ersten Augenblick an bekannt war und der darum binnen kürzester Frist ermittelt war und jetzt auf sein Verfahren wartet.

Nein, vor den neuen Bürgerschrecks muss niemand Angst haben. Eher vor manchem schrecklichen Bürger.

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