Boom! Die Konservativen haben in der britischen Unterhauswahl eine satte absolute Mehrheit erobert. Niemand, der sich nicht lächerlich machen will, kommt an der Erkenntnis vorbei, dass der Brexit dabei eine Rolle spielte. Und Boris Johnson, der den Brexit durchziehen will. Der das bisher nicht geschafft hat, weil in allen Parlamentsfraktionen Bedenken laut wurden. Der gar eigene Parteifreunde aus dem Kreis der Konservativen feuerte, weil auch die von seiner klaren Linie abwichen.

Die Berichterstattung in deutschen Medien ist dieses Mal immerhin nicht ganz so grauenerregend wie nach der Wahl von Donald Trump. Die hatten ja alle mehr oder weniger für ausgeschlossen gehalten. Hillary Clinton war deutliche Favoritin, weil: links und weiblich. Die Amerikaner wählten – unerklärlich für Politik- bis Feuilletonredaktion – rechts und männlich. Für Britannien war im Vorfeld dieses Mal auch deutschen Leitmedien klar, dass Johnson wohl gewinnen würde.

Dass die Wahl dann hinterher mit Aussagen wie der kommentiert wurde, Johnson sei nur deshalb gewählt worden, weil Corbyn so unbeliebt sei, ist dann einfach nur langweilig, weil erwartbar.

Überraschend wenige auch, die sich über das britische Mehrheitswahlrecht mokierten oder sonst die demokratische Legitimation der Britenwahl oder die demokratische Gesinnung Johnsons bezweifelten. Das hatten wir auch schon schlimmer, mit Ausnahme dieser rothaarigen Staatspolitologin, die in einem Tweet die Wahl in UK mit Hitlers Machtergreifung 1933 gleichsetzte.

Sie löschte ihren Tweet zwar am nächsten Morgen, aber das war zu spät. Sie hatte blicken lassen, was sie wirklich so denkt. Und ich denke, dass sie nicht die einzige ist, die so denkt. Und genau hier liegt ein massives Problem.

Das Volk ist für den Brexit.

Demokratischer als die Briten ihren Exit beschlossen kann man schlechterdings nichts Wichtiges beschließen.

Es begann mit einer Volksabstimmung. Eine Volksabstimmung ist für einen demokratischen Staat, in dem das Wahlvolk der Souverän ist, eine angemessene Methode. Die Volksabstimmung ging knapp zugunsten des Brexit aus. Die Gegner dieser Entscheidung, vor allem in Deutschland, verwiesen permanent auf den knappen Ausgang – um was damit zu sagen? Dass bei knappen Abstimmungen die Minderheit zum Sieger zu erklären wäre?

Anschließend gab es endlose Debatten, die letztlich immer nur ein Ziel hatten: Den Volkswillen umzudeuten und auszuhebeln. Fristverlängerungen, harter oder weicher Brexit, Backstop – klar, da sind viele schwierige Details zu klären. Aber keines dieser Details steht für die Mehrheit über der großen Entscheidung, nämlich, dass Britannien die EU verlasse.

In deutschen Medien herrschte stets ein anderer Eindruck vor. Da las es sich immer irgendwie, ein Brexit sei technisch gar nicht möglich. Das Volk sei belogen worden. Es sei Populisten auf den Leim gegangen. Es sei nicht bei Sinnen gewesen.

Das Volk ist immer noch für den Brexit.

Also tat Johnson am Ende was? Er rief zu Neuwahlen. Es gehört zu den Besonderheiten der britischen Demokratie, dass er das nach Gutdünken darf. Alle Premiers dort terminieren Wahlen so, dass sie günstig für sie liegen. Das ist die Spielregel. Die gilt für alle.

Jetzt haben wir also zwei Volksentscheidungen zum Brexit: Eine, die die Gesamtzahl der britischen Wähler vermessen hat und eine, die die Wahlkreisvoten im Mehrheitswahlrecht spiegelt.

Beide kommen zum selben Ergebnis. Das lautet: Die Briten wollen den Brexit.

Das Volk kennt jetzt jeden Einwand, ist aber trotzdem immer noch für den Brexit.

Sie wollen ihn auch, nachdem sie jahrelang belehrt wurden, sie könnten beim Referendum kollektiv benebelt gewesen sein. Sie wollen ihn, obwohl sie in deutschen und anderen Medien für dämlich und beschränkt erklärt wurden. Nachdem man ihnen vorgehalten hat, was sie an Einzelheiten alles übersehen haben könnten. Kein Brite dürfte jetzt noch unaufgeklärt gewählt haben. Kein Brite konnte sich dieser jahrelangen Debatte entziehen. Und doch: Die Mehrheit will immer noch raus aus der EU.

Was eine unangenehme Frage an die deutschen Medien aufwirft, vor allem die öffentlich-rechtlichen Leitmedien mit ihrer massiven Meinungsmacht: Wo, liebe Kollegen, habt Ihr Euren demokratischen Kompass versteckt? Warum lese ich nur solchen Quatsch wie den über Johnsons und Corbyns mutmaßliche Unbeliebtheit? Und könnt Ihr verstehen, wenn das Ausblenden der demokratiepolitischen Komponente aus Kommentaren, Analysen und leider auch Meldungen ein bisschen verstörend ist?

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