Wenn ein AfD-Politiker irgendeinen provokanten Satz ablässt, dann bebt Mediendeutschland bis zur Oberkante der nach oben offenen Richter-Empörungs-Skala. Wenn ein Verbrechen zur Debatte steht, bei dem ein rechtsextremer Täter schlimme Dinge anrichtete – teils wörtlich aus Aussagen vor Gericht zitiert: „Fortpflanzungsrelevante Dysfunktion“; schmerzfrei weder stehen, sitzen oder liegen können nach Bauchdurchschuss; nach Jahren immer noch „eingeschränkte Ventilation“ nach Thorax-Durchschuss; akute psychische Symptome nach Verlust des eigenen Kindes; Selbstmordabsichten und konkrete Selbstmordversuche nach Verlust des eigenen Kindes; etc. –, wenn also konkrete Taten zur Debatte stehen, dann bebt rein gar nichts in Mediendeutschland. So etwas wird annähernd ohne Öffentlichkeit verhandelt.

Seit einigen Tagen läuft vor dem Landgericht Karlsruhe der Prozess gegen Alexander U., auch nach eigenem Eingeständnis einziger Administrator des Darkweb-Forums „Deutschland im Deep Web“ (DiDW). Das ist die Plattform, über die sich der Amok-Terrorist David Sonboly seine Tatwaffe besorgte. Sonboly ging in die Geschichte ein als derjenige, der am 22. Juli 2016 am Münchner Olympia-Einkaufszentrum um sich schoss. Dabei tötete er neun Menschen und verletzte weitere. Sonboly selber kann nicht mehr angeklagt werden, denn er nahm sich gleich nach der Tat das Leben. Bereits verurteilt ist sein Waffenhändler. Schon dieser Prozess in München stieß auf bemerkenswert geringes Medieninteresse, aber immerhin: Es kam an einzelnen Tagen noch eine kritische Masse zustande. Jetzt, beim Karlsruher Verfahren, das eigentlich viel interessanter und weitreichender ist, fühle ich mich auf den Presseplätzen etwas einsam. Ich berichte von dort für Antenne Bayern und Heise.de.

Außerdem  berichtet von dort noch der Kollege Hakan Tanriverdi von der Süddeutschen Zeitung. Auch er hat getan, was Journalisten so tun, wenn sie ernst genommen werden wollen – recherchieren, sich auskennen und anständig berichten.

Nicht berichtet vom Karlsruher Prozess hat der Kollege der dpa, der am ersten Prozesstag kurz vorbeischaute. Jedenfalls habe ich nirgendwo ein Agenturstück gefunden. Das wäre auch kaum möglich gewesen. Denn der Kollege blieb nur bis zur ersten Sitzungsunterbrechung. Bis dahin war noch nichts von Belang passiert. Ein Nebenklage-Anwalt hatte beantragt, einen der Verteidiger wegen eines Interessenskonflikts auszuschließen. Anschließend unterbrach der Richter die Sitzung, der Kollege ging und kam auch nicht wieder.

Auch die ARD war nur am ersten Tag vorhanden, zwar etwas länger als der dpa-Kollege, aber auch nur bis zur Mittagspause. Der ARD-Kollege erzählte, er sei von seiner Redaktion vom SWR am Morgen kurzfristig zu dem Verfahren geschickt worden. Er kenne sich mit dem Thema leider nicht so aus. Wann stand der Waffenhändler gleich noch vor Gericht? Ah, danke. Und der Attentäter von München? Ach, der ist tot? Ich füge hinzu, dass ich die Fragen des Kollegen völlig in Ordnung finde. Besser, man stellt im Kollegenkreis eine  peinliche Frage als dass man peinliche Fehler in seine Beiträge einbaut. Den Kollegen will ich dafür nicht schelten, wohl aber seinen Sender. Beim SWR scheint man diesen Prozess nicht besonders wichtig zu nehmen, wenn man ihm so offensichtlich nicht die geringste Vorbereitung widmet. Berichterstattung habe ich keine gesehen oder gehört.

Damit war klar, dass der Prozess in Karlsruhe die kritische Masse in der Medien-Berichterstattung nicht überschreiten wird. Zu anstrengend, zu unbequem, zu mühselig. Man muss sich mit komplexen Zusammenhängen plagen, umfangreiche Stoffmengen durchschauen und in der Lage sein, darüber kurze oder lange Stücke zu erstellen. Möglich ist das. Ich habe auch Meldungen in Längen von 30 Sekunden über den Prozess gebracht. Aber das geht alles nicht ohne Mühen.

Da ist es natürlich viel einfacher, über jedes AfD-Stöckchen zu hopsen. Das tun nämlich all die Medienorganisationen, die sich der Mühe dieses Prozesses verweigern. Wenn ein AfD-Politiker eine empörenswerte Bemerkung reißt, dann hat er die ungeteilte Aufmerksamkeit der gesamten Branche sicher. Besser und einfacher kann man PR nicht inszenieren. Nazi-verdächtige Formulierung aufsagen, dafür sorgen, dass ein, zwei Reporter der einschlägigen Großmedien zuhören, und – Bingo! – schon steigt die Bekanntheit, gibt es neue Twitter-Follower, nimmt der Einfluss in der Partei zu. Ein nettes, wenngleich zynisches Spiel. Einige der Großmedien und die AfD leben da in einer bewährten Symbiose.

Worum geht es dabei? Um Symbolik und Meinung. Sonst nichts. 

Warum ich den Karlsruher Prozess mit den AfD-Stöckchen vergleiche? Weil es bei beidem um die Gemengelage „gegen rechts“ geht. Im einen Fall nur eben real, im anderen rein symbolisch.

Was ist jetzt wichtig, was unwichtig?

Wichtig sind natürlich die Fakten aus dem echten Leben und nicht die provokanten PR-Stunts. Offensichtlich vertrete ich da in meiner Branche aber eine Außenseiter-Ansicht.

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