Man sieht es an der völlig verunglückten Berichterstattung nach dem „Tod eines Feuerwehrmanns“ in Augsburg. Man sieht es täglich bei Berichterstattung über Gewalt. Der deutsche Journalismus hat sich über die Jahre in eine masochistische Berufsethik hineingesteigert. Die bringt gut gemeinten, aber in Wahrheit abstoßend zynischen Relativismus hervor. Parolenhaftes Denken: Dieses oder jenes können wir nicht berichten, das würde ja den Rechten Vorschub leisten. Das fällt wörtlich so in Diskussionen in Redaktionen: Vorschub leisten. Welcher normal denkende Mensch redet so?

Auch, wenn viele Kollegen so tun, als sei das ein jüngerer Trend: Ich kenne die Debatten in den Redaktionen seit Ende der 1990er Jahre. Damals war es noch üblich, die Vornamen und Nachnamens-Initiale von Verdächtigen zu nennen, ebenso Alter und äußerliche Merkmale oder Herkunft. Ob das immer nötig war, hat niemand hinterfragt. Das ist die große Gemeinsamkeit zu heutigen Verhältnissen: Irgendein Gott schleudert eine Steintafel / eine Scharia / ein Manual vom Olymp / Berg Sinai / aus Walhalla. Der deutsche Leitjournalist ist gläubig und folgt eifrigst.

Deusche Journalisten fürchten nichs mehr als sich mit vermeintlich dummen Fragen zu blamieren.

Zu Augsburg hat Thomas Fischer ein paar kluge Gedanken geäußert, die nur Trottel für zynisch halten können. Schwer geärgert habe ich mich gleichwohl, aber nicht über Fischer, sondern darüber, dass er mit der Beschreibung von Journalisten leider recht hat.

Auf der Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft, live übertragen von der ARD, habe kein einziger Kollege die naheliegenden Fragen gestellt, kritisiert Fischer.

Wie ist der Tatvorwurf des Totschlags begründet und wie die Beihilfe für die anderen? Was genau ist da eigentlich passiert? Was wissen die Ermittler, was (noch) nicht? Eigentlich ist das nicht so schwer.

Schwer ist es nur deshalb, weil das Thema dank der üblichen medialen Peinlichkeiten skandalträchtig wurde. Alle Welt redet über die drei Staatsangehörigkeiten eines dieser sieben Verdächtigen. Alles wird mit allem zusammengerührt, zu einer giftigen Soße. Das kommt dabei raus, wenn Verklemmtheit und moralische Dogmen das freie Denken ersetzen. Statt zu lamentieren, was man alles angeblich nicht berichten darf, hätte man einfach immer lieber etwas zu viel als zu wenig berichten sollen. Also das tun, wofür Journalisten da sind: Dinge öffentlich machen und nicht, bestimmen, was der Öffentlichkeit zuzumuten sei.

Die Zentrale des journalistischen Bullshit ist die Tagesschau

Wie hirnrissig das ist führt niemand schlimmer vor als die Tagesschau. Im August 2018 fabulierte der damalige Tagesschau-Chef Kai Gniffke, eine Berichterstattung über eine tödliche Messerattacke, verübt von einem somalischen Flüchtling an einem Arzt in Offenburg, sei bundesweit nicht relevant und komme darum nicht in der Tagesschau vor. Natürlich ging es auch hier um die Tat eines Zuwanderers, und natürlich ging es vor allem darum, zu befinden, ob Berichterstattung darüber den Rechten Vorschub leiste oder nicht. Nur hat das keiner offen zugeben wollen.

Gniffke schwadronierte herum, dass zwar der Status eines Asylbewerbers in so einer Berichterstattung grundsätzlich schon mal vorkommen dürfe, aber nur, wenn Asylbewerber überdurchschnittlich in einschlägige Straftaten verwickelt seien. Irgendeine Statistik soll also im Einzelfall determinieren, was ein Journalist in eine Meldung schreiben darf?

Das alles ist zusammenhangloser Schwachsinn, was in der ARD aber für höhere Karrieren taugt. Gniffke ist ja jetzt bekanntlich zum Intendanten einer dieser Anstalten aufgestiegen. Und im Falle Augsburg tat die Tagesschau das Gegenteil des vorherigen, was sich bei Bedarf sicher auch schwadronisch begründen lässt. Sie berichtete groß, breit und live. Nur: Wo ist hier faktisch der Unterschied zu Offenburg?

Keine Rolle spielte in Gniffkes Text die Frage, ob Tat und Herkunft kausal miteinander zu tun haben könnten. Ebensowenig beschäftigte er sich damit, wie so ein Zusammenhang auf die Schnelle und zu Beginn der Ermittlungen, wenn es noch gar kein Ergebnis geben kann, überhaupt getroffen werden könnte.

Als Tatsache darf wohl gelten, dass es rhetorische Verrenkungen wie Gniffkes sind, die jeden Übergriff mit Messern überhaupt erst richtig aufladen und zum Großthema machen, ganz egal, ob sie tatsächlich den Status des Großthemas verdienen oder eben nicht. Und wie bequem ist es doch, für die selbst verschuldete Misere Facebook oder Twitter verantwortlich zu machen.

Wenn mutmaßliche Islamisten 71 Menschen ermorden, redet die ARD lieber erst im letzten Absatz von Islamisten. Man könnte ja das Richtige denken.

Zugleich drückt die Tagesschau kausale Informationen über Tat und Täter bewusst nach hinten, wenn sie denn doch einmal auf den ersten Blick offenkundig sind.

Beispiel: Terroranschlag auf ein Militärcamp in Niger. Der Autor dieser Meldung fängt erstmal mit „mutmaßliche Extremisten“ an. Mutmaßlich liegt er damit irgendwie richtig. Es ist ja mutmaßlich grundsätzlich extremismusverdächtig, wenn „Bewaffnete“ es wagen, bewaffnete Soldaten anzugreifen und gleich mal 71 (!!) zu töten. Mit Granaten. Als die Angegriffenen dabei gewesen seien, „sich auf Gebete vorzubereiten“, was immer das jetzt konkret heißen mag (es klingt im Kern latent rassistisch, als wollte die Tagesschau sagen, der Afrikaner bereite sich generell irgendwie ständig aufs Beten vor und als sei das eine Art Allmende-Wissen).

Man liest den Text und baut sich als Leser die Geschichte aus den hirnlos verstreuten Worthülsen selber zusammen. Im letzten Absatz findet sich dann bestätigend, was eh jeder schon ab dem ersten Wort vermutet haben dürfte: Es waren wohl Islamisten. Warum beginnt die Meldung nicht mit „mutmaßlichen Islamisten“? Damit niemand was Falsches Richtiges denkt? Und wofür gibt es dann das Wort „mutmaßlich“?

Seit mehr als 20 Jahren wollen Journalisten die Welt verbessern, statt über sie zu berichten. Und haben was nochmal damit erreicht?

Diese Idiotie hat ja in den letzten gut 20 Jahren echte Erfolge zu feiern gehabt. Die leitjournalistische Vollmeise, ständig zu fragen, was man alles nicht schreiben sollte oder dürfe, hat das Klima tiefgreifend versaut und die Glaubwürdigkeit zerstört. Journalisten haben sich umpositioniert von denen, die unerschrocken sagen, was ist, hin zu denen, die filtern, kanalisieren und ihre (Zwangs-) Zahler erziehen. Dabei wird auch nicht mehr groß nachgedacht. Der deutsche Leitjournalist gehorcht und findet sich toll. Je gehorsamer, desto toller. Untertanenmentalität wie aus einem Stück von Thomas Mann. Spießig-popelige Binnenpluralität statt großer, freier, weiter, bunter Welt.

Die entscheidende Frage ist, ob die Medien außerhalb der GEZ-Kanzleien willens und/oder in der Lage sind, daran noch etwas zu ändern. ARD und ZDF kann man abschreiben. Da passiert nichts mehr, bis sie eines Tages untergehen werden.

Dort sitzen Letute wie Gniffke. Leute, die den Blödsinn von ihrer Staatsferne sogar dann noch glauben, wenn sie gerade mit dem parteipolitischen Rundfunkrat ihres Vertrauens telefonierten. Da ist alles verloren. Man höre mit Bewusstsein mal eine Stunde eines dieser sogenannten Infoprogramme der öffentlich-rechtlichen Radios und frage sich, in welcher Parallelwelt diejenigen schweben, die so schreiben und reden wie öffentlich-rechtliche-Nachrichtenradioschreiber und -sprecher. Was das für eine Welt sein mag, in der wichtig sein könnte, was die so thematisieren. Eine Welt, in der Menschen gut sind und bürokratisch, in der der Tag nach massenhaft Regeln abläuft, an die sie sich gut und gerne halten, ja: für die sie überhaupt nur existieren wie sonst nur Eltern für ihre Kinder. In der korrekt gelacht und korrekt getadelt wird. In der der Mensch zur funkgesteuerten Sozialmaschine degeneriert. In der Spontaneität nicht mehr existiert. Für jemanden wie mich der pure Horror, für Funkbeamte offenbar die himmlische Offenbarung.

Vergessen wir ARD und ZDF. Die sind verloren. Kriegen wir anderen es hin?

Also: sind die anderen willens und fähig, die Fragen neu zu stellen? Journalismus wieder als neugierig und agil zu verstehen? Sich nicht ständig mit der Frage zu plagen, ob eine Information das Publikum verstören oder irritieren könnte?

Genau das ist die Perspektive der Herrschaft und darum der Gniffkes und ihrer Gefolgschaft. Die Perspektive derjenigen, die den Boten für die schlechte Nachricht verantwortlich machen und nicht den Täter. Eine zutiefst totalitäre und antiaufklärerische Perspektive. Eine, die wir Journalisten anzugreifen haben. Wir haben ihr nicht zu gehorchen. Wir haben sie erst recht nicht eigeninitiativ zu betreiben. Wir haben sie zu bekämpfen, wenn wir Journalisten sein wollen. Wir stehen nicht auf der Seite der Herrschaft, sondern in größtmöglicher Distanz zu ihr. Auch in der Demokratie. Gerade in der Demokratie, wenn wir sie ernst nehmen und stärken wollen .

Wir haben zuerst und vorrangig zu informieren. Wir haben nicht zuerst zu fragen, was wir nicht veröffentlichen.

Zeit für eine Wende. Wollen wir?

2 Kommentare
  1. Immo Sennewald sagte:

    Danke für den klugen und ausgeruhten Text, dem ich in Bezug auf die Misere der ÖRR – aus langjähriger eigener Erfahrung als freier Wissenschaftsjournalist – nur zustimmen kann. Das gilt auch für die Bewertung des Kommentars von Thomas Fischer. Allerdings ist seine rationale Sicht aufs Geschehen insofern unvollständig, als sie das Handeln der Täter von ihrer Art der Antizipation gewalttätiger Dominanz entkoppelt. Ich bezweifle, dass – wie es Fischer insinuiert – ihren spontanen Entscheidungen keine Tötungsabsicht innewohnt. Sie mögen sich dessen nicht bewusst sein, aber menschliches Handeln wird von überwiegend unbewussten, kulturell überformten Impulsen getrieben. Das belegen nicht zuletzt irrationale Hass- und Pöbelorgien in den „Social Media“. Dominanzwünsche setzen sich absolut. Reue bei Totschlägern dagegen ist meist der rational fundierte Versuch, Strafe zu minimieren. Kluge Richter erkennen den Unterschied. Dass – wie auch immer munitionierten – Gewalttätern das Rechtsverständnis eines pensionierten Juristen von hohem Rang sehr, sehr fremd ist, bedarf keiner tieferen Erläuterung. Die Frage, ob und inwieweit unser Rechtsstaat sich solchen Divergenzen gewachsen zeigt, ist eine gänzlich ungelöste Frage.

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