Der Fall Relotius hat viel mit Donald Trump zu tun, oder treffender: Mit dem Bild, das deutsche Medien von Donald Trump zeichnen. Als die republikanische Partei ihren Vorwahlkampf austrug, da galt Trump fast allen deutschen Medien, den Leitmedien zumal, als verrückter Kobold, der gewiss keine Chance auf die Nominierung habe. Und doch wurde Trump republikanischer Präsidentschaftskandidat und zog gegen Hillary Clinton von den Demokraten ins Rennen. Gegen Hillary! Links, weiblich, intellektuell, irgendwie europäisch – Hillary war die erklärte und fast einhellige Favoritin der deutschen Großmedien. Sie war derart favorisiert, dass die Publizistik jede objektive Analyse fahren ließ und mit maximal verzerrter Wahrnehmung behauptete: Hillary wird gewinnen. Hillary wird die erste Frau im Weißen Haus. Links, sozial, irgendwie europäisch, eine Art messianische Erscheinung. Es kam aber wieder anders. Die Wähler in den USA wählten Trump. Die deutschen Medien standen sehr nackig da. Es folgte Kritik am US-Wahlsystem. Plötzlich war Putin schuld. Oder es war diese angeblich dumme Landbevölkerung, diese angeblich durchweg tumben weißen Trash-Gestalten mit ihren fetten Pickups-Trucks, die Winchester geschultert, das Whisky-Glas in der Hand, die grölend ihren Donald auf dem Stimmzettel ankreuzten und damit das gute Amerika, das „diverse“ Amerika, an die Wand nagelten.

Leider haben die, die das Wort „divers“ so verwenden, von englischer Sprache genauso wenig Ahnung wie von den USA. Von der Stimmung im Land, dem Bildungsstand der Amerikaner oder der Qualität des alltäglichen Diskurses dort. Und leider gehören die Leitwölfe der Leitmedien zu denen, die lieber Vorurteile über die USA verbreiten als Tatsachen zur Kenntnis geben. Der Spiegel hat sich nach der auf die Redaktion wohl traumatisch wirkenden Trump-Wahl an die Spitze der Trump-Hysteriker gesetzt. Hysterie deshalb, weil sie so getan haben, als seien die USA jetzt ein autoritär geführter Staat nach der Art von Putins Russland, in dem die Pressefreiheit auf der Kippe stehe und Journalisten um ihr Leben fürchten müssten. Eine dpa-Kollegin wurde branchenweit als „mutig“ gefeiert, weil sie dem US-Präsidenten auf einer Pressekonferenz eine kritische Frage stellte. Das war und ist auf fast lächerliche Weise realitätsverzerrend. Trump ist gewiss ein Pöbler, unkultiviert, plump, manchmal primitiv, aber er ist viel erfolgreicher, als hierzulande geschrieben, und die Pressefreiheit steht auch unter seiner Präsidentschaft nicht ansatzweise in Frage. Kein einziger Journalist sitzt in den USA im Gefängnis, keiner steht auch nur entferntestens vor Verfolgung, und dass Trump einzelnen Journalisten keine Fragen mehr beantworten will ist – sorry – belanglos. In Deutschland haben wir eine Kanzlerin, die seit Jahr und Tag bevorzugt nur eine Journalistin überhaupt Fragen stellen lässt und die nichts dabei fand es begrüßte, dass bei einer PK ein türkischer Fragesteller abgeführt wurde.

Und da kommt also der Superreporter ins Spiel, der der Redaktion hilft, ihr Gesicht zu wahren. Der antritt, das Bild dieser angeblich so fiesen US-Provinz nach den Entwürfen der Leitwölfe auszumalen.  Sie schicken ihren Superreporter nach Fergus Falls, einem Kaff irgendwo in der riesigen nordamerikanischen Landfläche. Drei Wochen verbringt er dort und zeigt das Kaff wunschgemäß als Abbild des Trumpschen Wilden Westens, so wie die Leitwölfe sich das wünschten. Und er schreibt von Anfang bis Ende Bullshit. Er denkt sich Namen aus, er ordnet Zusammenhänge falsch, er manipuliert, er lügt, aber das Bild ist das gewünschte. Hier haben Einwohner von Fergus Falls die wesentlichen Lügen des Reporters entlarvt.

Dieser Superreporter ist nicht die Ursache des Problems, sondern lediglich ein Symptom. Die Ursache ist die grundsätzliche Fehlsteuerung der deutschen Publizistik. Es ist die wahnhafte Idee vom „Journalismus mit Haltung“. Es ist die Sorte Arroganz, die die öffentlich-rechtlichen Medien ihre „Faktenchecker“ erfinden lässt. Deren erklärte Aufgabe ist ja nicht, professionellen Journalismus öffentlich auf Fakten zu checken (Ausnahme: Feindbild „Bild“, noch so ein Klischee), sondern sich der Konkurrenz der sozialen Medien zu widmen. Die eigenen, professionellen Medien werden fortwährend als untadelig gelobt. Genau das sind sie nicht. Der Fall Relotius ist beileibe nicht der einzige. Die Chefredakteure, deren Medien es betrifft,  und etliche Kollegen wissen das. Sie wollen es immer noch nicht wahrhaben. Sie haben es fast immer geschafft, öffentliches Aufsehen zu vermeiden. Der letzte mir bekannte derartige Fall ist erst ein paar Wochen her. Das unter-den-Teppich-kehren ist nach wie vor die übliche Unsitte.

Das ist anstößig und unseriös. Noch anstößiger ist, dass es neuerdings auch deshalb so gehalten wird, um „den Rechten“ nicht in die Hände zu spielen. Schon wieder lese ich z.B. auf Twitter von Kollegen, die vor allem beklagen, dass der Fall Relotius den Rechten nütze, mit der Forderung, ihn nicht zu groß zu diskutieren. Ja ja, Leute. Es ist nicht die Debatte um Relotius, die den Rechten hilft. Ihr seid es, indem ihr mit der Debatte auch das Umdenken blockiert. Weg von diesem Mischmasch aus Information und Flagge zeigen. Hin zu einer Renaissance journalistischer Klarheit, Abgrenzung der journalistischen Stile und dem Bemühen um professionelle Distanz.

Photo by Priscilla Du Preez on Unsplash
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