Im Sommer fahre ich selten U- oder S-Bahn. Aber heute früh ist mir die zweite eher krasse Nummer innerhalb weniger Wochen passiert. Auf der Warschauer Straße in Berlin, beim Wechseln von der U- auf die S-Bahn, pöbelte mich ein Mann völlig unvermittelt laut brüllend an und stellte sich mir in den Weg. Es war offensichtlich, dass irgendeine Droge sein Hirn lahmgelegt hatte. Wie er da so stand und krakeelte, mich dabei fortgesetzt mit geschwellter Brust berempelte, suchte ich Blickkontakt zu dem nächsten größeren Mann, dem zuzutrauen wäre, dass er mir beispringt. Ich fand den Blick eines Radfahrers, der gerade sein Schloss löste. Er guckte fast panisch zurück und beeilte sich, auf den Sattel zu kommen und davonzuradeln. Ich versuchte, mich wegzudrehen und einfach in Richtung S-Bahn weiterzugehen. Ein anderer Passant, der vor mir ging und sich umblickte, rief mir zu: Achtung, er kommt hinterher. Ich drehte mich um, und tatsächlich, da war er wieder. Der Passant hatte sich derweil verzogen. Da offenbar keine Hilfe zu erwarten war, holte ich aus und versetzte dem Mann einen ordentlichen Schubs gegen den Oberkörper. Ziemlich ungebremst stieß er gegen das Brückengeländer, sichtlich verblüfft. Er ließ mich dann auch in Ruhe.

Vor ca. zwei Wochen fuhr ich an einem Samstagmorgen gegen 8 Uhr zur Arbeit Richtung Zoo. Im Zug saß eine typisch berlinerische Samstag-Morgen-Mischung aus Party-Überrest und Aufsteh-Müdigkeit. Dann stiegen zwei Männer in den Zug. Dass es sich um Schwarze handelt, tut im Prinzip nichts zu Sache, verkomplizierte allerdings die Lage insofern, als sie gleich den Vorwurf des Rassismus ermöglichte. Einer der beiden, offensichtlich hackendicht, begann sogleich, alle möglichen Fahrgäste zu bedrängen und anzuquatschen. Zum Glück hielt er sich bei niemadem lange auf, bis er eine junge Frau auf einem Sitz entdeckte. Er ging auf sie zu, beugte sich zu ihr herunter, fragte, wie es ihr gehe, begann, ihre Wange zu streicheln. Sie drehte ein paar Mal den Kopf weg, was er ignorierte. Schließlich rief sie vernehmlich: Verpiss Dich. Er ignorierte auch das, sie wiederholte es. Derweil standen die übrigen Fahrgäste peinlich berührt daneben und guckten verzweifelt weg. Auch dem Kumpel des Mannes war die Sache wohl peinlich, aber auch er schwieg. Weil also alle schwiegen, rief ich: Bist Du schwerhörig? Der Mann richtete sich auf, guckte mich an und ließ einen Schwall auf mich ab, der u.a. darin bestand, ich würde mir bei der Frau wohl Hoffnungen machen, er würde mir meine Grenzen aufzeigen, außerdem sei ich ein Nazi. Sein Freund versuchte, ihn zu beruhigen. Er wandte sich dann wieder der Frau zu und das Spiel wiederholte sich. Einer der Weggucker flüsterte mir zu, das bringe doch nichts, ob ich noch nie von diesem Müncher Fall gehört hätte. Dann kam der Bahnhof Zoo, und alle – die beiden Schwarzen, die Frau und ich – waren am Ziel.

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