Ich hätte gleich misstrauisch werden müssen. Die Hinfahrt nach Stuttgart verlief planmäßig. Keine Verspätungen, keine Pannen, einfach nichts. Wo war der Haken? Natürlich auf der Rückfahrt. Bei der Bahn gibt es immer einen Haken. Also: ICE 1090, Abfahrt um 16.51 Uhr in Stuttgart Richtung Berlin. Kaum auf der Strecke sagt der Zugchef durch, dass irgendwo vor Mannheim ein Stellwerk defekt sei. Das werde so um die 15 Minuten Verspätung ausmachen. Die Fahrt geht weiter. In Frankfurt hat der Zug etwas aufgeholt, nur noch 14 Minuten Verspätung bei der Ausfahrt. Der Zugchef sagt, bis Berlin gebe es nunmehr keinen weiteren Halt. Darum gelte für diesen Zug eine Zwangsplatzreservierung und eine Sprinter-Gebühr von 11,50 Euro (zweite Klasse), und zwar Cash oder per Kreditkarte, nicht mit EC-Karte. Na toll. Und gleich darauf hält der Zug dann doch, auf freier Strecke.

Der Zugchef teilt mit, das Gleis sei nicht frei, man müsse kurz warten. Gegen 20 Uhr beträgt die Verspätung dann 20 Minuten. Ich stapfe durch den Zug Richtung Bordrestaurant. Einen Wagen, bevor ich dort ankomme, stellt mich die Schaffnerin und verlangt mein Ticket. Ich zeige es ihr. Natürlich fehlt der Sprinter-Aufschlag. Ich weiß, ich sollte mich schämen, sowas hat man gefälligst zu wissen, und die Schaffnerin hat völlig recht, als sie mich anpfeift. „Wieso haben Sie keinen Aufschlag? Hat der Kollege doch alles gesagt.“ Nachdem sie mich abkassiert hat, darf ich meinen Weg ins Bordbistro fortsetzen. Dort stehe ich eine Weile vor dem Tresen. Weiter hinten fummelt eine Mitarbeiterin einen Plastikbeutel mit rotem Inhalt in eine der Mikrowellen. Es sieht ein bisschen aus wie ein Beutel mit einer Blutkonserve, der in ein Brutfach käme. Ein anderer Mitarbeiter zapft Biere. Irgendwann nimmt er mich wahr und ruft „Moment“. Ein dritter balanciert gerade eine Currywurst zu einem Gast. Im Spülbecken neben dem Bierzapfhahn schwankt das Seifenwasser mit den Bewegungen des Zuges rhythmisch hin und her. Der Zug hat genau die richtige Wackelfrequenz drauf. Sie lässt die Welle im Becken richtig wild werden. Rhythmisch schwappt sie über den Rand. Eine Resonanz. Schwapp, schwapp, schwapp, klatscht es auf den Boden hinter dem Tresen. Dann dreht sich der Mitropa-Mann zu mir. „Bitte!“ Ich bestelle einen Milchkaffee. „Hammwa nich. Die Maschine is kaputt.“ Er guckt mich an, damit ich mich gefälligst beeile. „Maschine kaputt?“ frage ich. „Ja“, antwortet er. „Danke“, sage ich, drehe mich um, schlängle mich an der Schaffnerin zurück auf meinen Platz. Gegen 21 Uhr wird aus dem Sprinter ein Zuckler. Gelegentlich stoppt er auf freier Strecke, eiert dann im Dampflocktempo durch dunkle Dörfer. Dann meldet der Zugchef, leider durchfahre man erst Lehrte, und die Verspätung betrage jetzt 24 Minuten. Eine Dreiviertel Stunde später meldet er sich schon wieder. Leider sei die Verspätung auf 28 Minuten angewachsen. Der Zugführer habe den hinteren Triebkopf abschalten müssen, weil er überhitzt sei. Daher ziehe der vordere Triebkopf den Zug allein, und mit halber Kraft werde die Verspätung bis Berlin auf wohl 30 bis 35 Minuten anwachsen. Damit, so sagt er weiter in seiner Lautsprecheransage, hätten alle Fahrgäste das Recht, den Sprinter-Zuschlag zurück zu verlangen. Zu diesem Zweck würden die Schaffner jetzt durch den Zug gehen und jedem Fahrgast ein Fahrgastrechteformular in die Hand drücken. Leider, so fügt er aber gleich hinzu, seien nur noch ein paar Restexemplare des Fahrgastrechteformulars vorhanden, die nicht für alle Fahrgäste ausreichen. Man könne sich aber auch im Internet ein Fahrgastrechteformular herunterladen. Und wenn schon, dann denn schon. Der Zugchef informierte noch, dass wegen einer Bombenentschärfung der Berliner Ostbahnhof stundenlang gesperrt gewesen sei und auch nach der Ankunft möglicherweise noch etwas Gedränge herrsche.

Immerhin hat mich die Bahn heute davon abgehalten, mit der Telekom ein Geschäft von monatlich 9,95 Euro zu abzuschließen. Ich hatte auf der Hinfahrt, auf der ja alles verdächtig perfekt lief, einen Zug, in dem ein W-Lan eingebaut war. Man hätte, wenn man denn ein T-Mobile-W-Lan-Zugangsabo gehabt hätte, im Zug wunderbar im Netz surfen können, wie zu Hause. Ich war auf der Hinfahrt schon knapp davor, das W-Lan-Abo direkt zu buchen, aber eben nur knapp. Ich hatte mir diesen Schritt dann für die Rückfahrt vorgenommen. Aber der Zug auf der Rückfahrt hatte kein W-Lan.

1 Antwort
  1. Ulrich Huppenbauer sagte:

    Fahren Sie mal in Japan Zug. Dort ist die Toleranz für Zugverspätung eine Viertelminute. Auf den Bahnsteigen sind Linien eingezeichnet jeweils in verschiedenen Farben – denn für jede Zugart gibt es eine spezielle Farbe. Wenn man eine Platzreservierung hat und dann auf dem für seinen Waggon reservierten Bahnsteigteil auf seiner Linie steht, steht man millimetergenau richtig. Denn die Zugtür öffnet sich haargenau dort, wo man steht, und man ist sofort im richtigen Waggon. Wr hatten einen Japan-Railpass und sind sehr viel Zug gefahren. Die Shinkansen sind teilweise 300 km/Stunde gefahren. Wir haben kein einziges Mal Verspätung erlebt. Obwohl es draußen sehr heiß war, waren die Züge sehr angenehm klimatisiert. Wenn der Schaffner in den Waggon kam, verbeugte sich er sich erst, um dann mit äußerster Freundlichkeit und Höflichkeit die Fahrkarten zu kontrollieren. Kleine Dorfbahnhöfe sind sauber, mit Blumen geschmückt – und es gibt durchgehend freundliches Personal. Wenn man das erlebt, kann man ins Grübeln kommen, wenn man wieder zurück in Deutschland ist. Ihr Bericht spricht hier Bände.
    Wir haben uns nun jahrelang daran gewöhnen müssen, daß die Bahnhöfe verfallen. Die Bahnhofsuhren sind kaputt, die Fenster sind eingeschlagen, es gibt nicht einmal Richtungstafeln. Die Unterführungen unter den Gleisen stinken nach Pisse. Denn Toiletten gibt es auf den Bahnhöfen längst nicht mehr. Das ist kein Einzelfall, sondern überall dort, wo nicht gerade ICE’s halten.
    Gleichzeitig baut will man für 4 Milliarden Euro und mehr in Stuttgart einen denkmalgeschützten Bahnhöfe abreißen, 200 Jahre alte Bäume fällen, einen unterirdischen Bahnhof bauen, um 20 Minuten schneller von Stuttgart nach Ulm fahren zu können. Ganz zu schweigen von dem vielen Geld, das die Polizei für Wasserwerfer und Tränengas braucht, um protestierenden Bürgern (darunter Kinder, Frauen, ältere Menschen) die Augen (und noch viel mehr) zu verletzen.

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