Anfang Juni 2011 meldete die Internationale Energieagentur, 2010 sei der Ausstoß des Treibhausgases CO2 so hoch gewesen wie noch nie. In Deutschland fiel diese Meldung nicht weiter auf. Sie passte irgendwie nicht in das nuklear dominierte politische Klima. Außerhalb Deutschlands ist die Wahrnehmung anders. Wir sind gerade ein bisschen isoliert. Auch die Umweltbewegung in Deutschland hat sich vom Rest der Welt abgekoppelt. In den USA hat der Wortführer der Aktivisten, Stewart Brand (Foto), seine Ansicht zur Atomkraft sogar radikal revidiert, weil er sie einerseits nicht mehr für so gefährlich hält wie früher und andererseits der zunehmende CO2-Anteil der Atmosphäre das größere Problem sei. Deutschland fehle gerade etwas der Überblick, vermutet Brand.

Deutsche Politiker reden tatsächlich widersprüchlich und taktisch. Je nach regionalem Hintergrund holt der eine oder die andere auch mal die kleinkarierte Kirchturmperspektive hervor. Etwa Hannelore Kraft, die SPD-Ministerpräsidentin von NRW. Letzten Dezember, noch vor Fukushima, begrüßte sie, dass die EU-Kommission nunmehr weitere Steinkohlesubventionen bis 2018 genehmigt hat. Kein “Kumpel” in NRW falle ins “Bergfreie”, biedert sie sich in Old-School-Schornsteinrhethorik an. Oder Stanislaw Tillich, der CDU-Ministerpräsident von Sachsen, der vorletzte Woche im Landtag sagte: „Selbst unter den optimistischsten Annahmen der Forscher werden wir auch in 40 Jahren noch auf Energie aus Kohle, Gas und Erdöl angewiesen sein.“

Atommüll-Endlager unnütz und schädlich, sagt US-Ökologe

Das ist kurios. Noch vor kurzem galt Kohle als übler CO2-Verursacher und ökologische Hochsünde. In der deutschen Schlagwort-Ideologie zählen Moden und Emotionen aber mehr als Fakten und langfristige Pläne.  Brand etwa vergleicht die Risiken verschiedener Techniken und schließt daraus auf ihre Verantwortbarkeit. Etwa die beständig hohe Zahl von Verkehrstoten, die vielen kleinen Ereignissen zum Opfer fallen, die für sich genommen nicht berichtenswert sind und darum für dramatische Politiker-Auftritte wenig hergeben. Wenn, was bekanntlich sehr selten passiert, ein Atomreaktor verunglückt, sei das immer ein Großereignis, stellt Brand fest. Wer sachlich an das Thema herangeht, müsse aber alle Risiken berücksichtigen. Beim Thema Energie gehöre dazu auch die Gefahr durch CO2. Und die, so der Aktivist, sei eben größer als die Gefahr durch Atomkraft.

Die sei überdies viel beherrschbarer, als vor allem die Deutschen glauben. Das Problem der Atommülllagerung sieht Brand sogar pragmatischer als das versprengte Häuflein deutscher Kernkraftbefürworter. Genau genommen sei es langfristig ungefährlicher, ausgebrannte Brennstäbe einfach in Wasserbädern in oder neben den AKWs zu lagern als sie irgendwo in Salzstollen zu verstecken. An der Oberfläche wisse jeder, wo sie sich befinden, sie würden auch in ein paar Hundert Jahren nicht versehentlich vergessen. Und vermutlich sei der Stand der Technik in ein paar Jahrzehnten so weit, dass heutiger Atommüll dann eine willkommene Energiequelle sei, denn wirklich ausgebrannt sind die Brennstäbe ja nicht, wenn sie ausgemustert werden. Ihre Strahlenenergie kann nur mit heutiger Reaktortechnik nicht weiter genutzt werden.

Taktisches Schielen auf den Wähler statt Sachpolitik

Freilich sitzt Brand dem Missverständnis auf, deutsche Politiker würden zur Sache diskutieren, würden also Atomkraft oder Klimaschutz meinen, wenn sie vorgeblich über Atomkraft oder Klimaschutz reden. Das ist aber nicht so. Tatsächlich sind die jeweils aktuellen Themen nur Codes, mit deren Hilfe die Politiker die Machtverhältnisse sortieren. Fukushima brachte den Grünen unerwartete Stimmengewinne. Das ärgert Union und SPD natürlich. Also übertreffen sie zum grünen Kernthema Atom alles, was die Grünen je verlangt haben und setzen die damit unter Druck. Anti-Atom-Demonstrationen, bisher ernstzunehmende Manifestitationen, wirken jetzt nur noch lächerlich.

Bis zur nächsten Wahl, so dürfte Merkels Rechnung lauten, haben sich die Grünen erledigt und die alten Spieler dürfen wieder allein am Kabinettstisch sitzen. Die Grünen haben ihrerseits kräftig mitgebaut an ihrer Falle. Statt ihr Anliegen Ernst zu nehmen, wie Brand und die US-Ökologen es tun, haben sie ebenfalls allein auf Fukushima, die Atomkraft und die dazu passenden emotionalisierenden Schlagworte gesetzt und alle anderen Karten weggedrückt. Jetzt müssen die Grünen aufpassen, dass sie nicht an ihrem eigenen Zielkonflikt zerbrechen und als politische CO2-Schleudern ins Gerede kommen.

Dabei zeigt die Realität, dass sich langfristige Anstrengung auszahlt. 22 Jahre nach dem weltweiten Verbot von FCKW hat sich die Ozonschicht der Atmosphäre erholt. Das Loch über dem Südpol schließt sich wieder. Freilich nützt das nur dem Planeten, nicht einer deutschen Partei im Wahlkampf.

Foto: tpierce via Flickr
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