Aktualisiert +++ Der Chef der Berliner Rechtsmedizin, Michael Tsokos, sagte dieser Tage der Berliner Morgenpost, dank seiner Erfahrung bei der Identifizierung von Toten nach dem Tsunami in Thailand werde er womöglich bald zum Einsatz nach Haiti gerufen. Das dürfte eher nicht der Fall sein – weil seine Tsunami-Tätigkeit sich nachträglich mehr und mehr als Skandal entpuppt und beim BKA äußerst kritisch gesehen wird.

„Fliegen Sie auch nach Haiti?“, fragte die Reporterin, und Tsokos antwortete: „Es müsste einen Auftrag vom Innenministerium an die Identifizierungskommission vom Bundeskriminalamt geben, zu der ich gehöre.“

Das stimmt nicht. Der Identifizierungskommission (IDKO) gehörte er – anders, als er in zahllosen Interviews keck behauptet – nie an. Das hätte jeder skeptische Reporter mit einem simplen Anruf beim BKA erfahren können. Das IDKO besteht ausschließlich aus fest angestellten Mitarbeitern des BKA an, derzeit etwa 120. Tsokos gehörte zu einem Pool von externen Experten, die bei Bedarf für einzelne Projekte gebucht werden – jetzt allerdings nicht mehr.

Dass Tsokos aus dem Expertenpool flog, hängt mit seinem Verhalten in Thailand zusammen. Dort war er an der Stätte (oder – im Slang der Insider: an der Site) Tha Chat Chai an der Nordspitze der Insel Phuket eingeteilt. Tha Chat Chai war ein Gemeinschaftsprojekt deutscher und österreichicher Rechtsmediziner, die den Auftrag hatten, dort Opfer der Tsunami-Katastrophe zu identifizieren.

Auf der Site in Phuket muss massives Chaos geherrscht haben. Die Chefin der Salzburger Rechtsmedizin, Edith Tutsch-Bauer, sagte mir auf Anfrage, dass ihr dort eingesetzter österreichischer Kollege sie angerufen und über „Unorganisation“ geklagt habe. Er bat um ihr Einverständnis, die Arbeit dort abzubrechen und heimzufliegen. Tutsch-Bauer, die zur gleichen Zeit in Sri Lanka Tsunami-Opfer identifizierte, habe das Einverständnis erteilt.

Das Chaos, das Tsokos in Thailand anrichtete, trägt makabere Züge. So propagierte er die Methode, den Toten die Hände abzuhacken – die er dort auch in die Tat umsetzte. Die Einzelteile der Leichen verpackte er jeweils in einem Leichensack. Dabei gingen er und sein Team offenbar schlampig vor. In einigen Leichensäcken fanden sich später drei oder vier Hände, in anderen dafür keine.

In der Zeitschrift „Rechtsmedizin“ wurde das Tsokos’sche Vorgehen in der Ausgabe vom 8. November 2005 kontrovers diskutiert. Der Artikel wurde von fünf Rechtsmedizinern verfasst, unter ihnen Tsokos, auf den offenbar die Behauptung zurückgeht, die „Präparation der Hände“ sei ein „aus rechtsmedizinischer Sicht durchaus gängiges Verfahren“. In dem Artikel wird verschwiegen, dass die Methode tatsächlich angewandt wurde. Daher heißt es weiter in Konjunktiv-Form: „Damit wären eine erhebliche Beschleunigung des Untersuchungsvorgangs, bessere Untersuchungsbedingungen für die noch zu untersuchenden Leichen und eine insgesamt raschere Identifizierung erreichbar gewesen“.

Das bestreitet Edith Tutsch-Bauer massiv. Gerade angesichts der klimatischen Bedingungen in Thailand und den schnellen Zersetzungsprozessen der Leichen sei es besonders einfach, die Finger zu öffnen und Fingerabdrücke abzunehmen. Außerdem sollte „der Körper für jede Form der Nachidentifikation intakt bleiben“. Tutsch-Bauer wie auch der Vizechef der Leipziger Rechtsmedizin, Rüdiger Lessig – auch er gehörte zum Identifikationsteam nach dem Tsunami – lehnen die Abnahme der Hände zudem als „unethisch“ ab. Lessig sagte mir, diese Methode sei darum auch international unüblich und gehöre nicht zu den Standardverfahren, die Interpol auf dem sogenannten DVI-Formular vermerkt, wobei DVI für „Disaster Victim Identification“ steht.

Beim BKA kam zudem schlecht an, dass Tsokos als Hauptdarsteller für diversen Reportagekitsch auftrat, etwa mit seinen annähernd täglichen Telefonaten mit seiner damaligen Lieblingszeitung Hamburger Morgenpost. Die feierte ihn dafür mit platten Heldenklischees („…Unvorstellbares geleistet…“, „…zahllose Tote unter freiem Himmel obduziert…“).

Für Haiti könne „eine Anfrage noch kommen“, sagte Tsokos der (Berliner-) Morgenpost-Reporterin. Das ist wohl eher Wunschdenken.

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