Das Mädchen Manjou lebte nur etwa zweieinhalb Stunden. Woran es starb, bleibt wohl für immer ungeklärt. Es kam auf der Toilette einer schmuddeligen Wohnung in Nordhausen (Thüringen) zur Welt. Ihre Mutter Nadja G. (29), die sich auf einer Callgirl-Webseite als „Chaos-Nora“ vorstellt, sagt heute, die Geburt habe sie zu Hause überrascht. Wörtlich: „Ich musste auf die Toilette, und plötzlich hielt ich sie in der Hand.“ Die Geschichte von Nadja G. ist abgründig. Noch während Manjou stirbt ruft ein Freier an, den sie nur kurz vertröstet. Sie spricht über einen Drogenentzug, den das Neugeborene benötigt hätte. Sie erzählt von ihrem damals neunjährigen Sohn, der nebenan auf der Schlafcouch spielte. In den Akten finden sich Aussagen des Notärzteteams, dessen Mitglieder schwer geschockt waren – auch darüber, wie kaltblütig Nadja G. sich ununterbrochen am Telefon Anweisungen für ihr Verhalten durchsagen ließ – von einer Mitarbeiterin der Babyklappen-Organisation Sternipark in Hamburg, die offenbar eine Adoption der kleinen Manjou eingefädelt hatte und die am Ende mit guten Anwälten dafür sorgte, dass Nadja G. straffrei aus der Sache herauskam.

Nadja G. lebte nur wenige Jahre in Nordhausen, inzwischen ist sie wieder in Berlin, in einem der riesigen Plattenbaublöcke in Groß-Glienicke nahe des Flughafens Schönefeld. Ihre Telefonnummer habe ich aus ihrer Anzeige in einer Callgirl-Webseite. Ich verabrede mich mit ihr – als angeblicher Freier. Mit dem Fahrstuhl geht es in eines der oberen Stockwerke. Nach dem Klingeln öffnet sie sofort. Das erste, was mir in ihrer Wohnung auffiel, war der Duft eines Joints. Rauchschwaden entweichen in den Hausflur. Offenbar hat sie schon lange nicht mehr gelüftet. Drinnen ist die Wohnung dunkel. Die Fenster sind zugehängt.

Sie führt mich in das Zimmer, in dem sie ihre Kundschaft bedient. Es ist das erste gleich hinter der Eingangstür rechts vom Flur. Kerzenlicht soll Atmosphäre schaffen. Ein großes Bett mit Drahtgestell füllt die Grundfläche fast vollständig aus. Am Kopfende baumeln ein paar Handfesseln und Ketten. Auf dem Nachttisch liegen Dildos und weitere Utensilien. An den Wänden ein paar Fotos und ein Miniposter mit der Aufschrift: Liebe mit Pille. Ich gebe mich als Journalist zu erkennen und frage, ob sie über Manjou und die Umstände ihrer Geburt und ihres Todes reden möchte. Sie willigt ein, gegen die übliche Bezahlung. Ich reiche ihr 55 Euro.

„Das Kind war ein Unfall“, bekennt Nadja G. Das Kind sei von einem Ex-Freund gewesen, verheiratet, seine Frau wisse nichts von der Affäre. Um den dritten oder vierten Monat herum habe sie bemerkt, dass sie schwanger war. Sie habe eine Abtreibung erwogen, aber eine Freundin von ihr habe schon 14 Babys abgetrieben, das habe sie abgeschreckt. Im Internet habe sie den Hamburger Verein Sternipark gefunden, der Babyklappen betreibt und Adoptionen vermittelt. Mit denen habe sie sich in Verbindung gesetzt und vereinbart, das Kind anonym zur Welt zu bringen und zur Adoption zu übergeben. Die Schwangerschaft sei problemlos verlaufen. Heroin habe sie weiter konsumiert, auch, wenn sie vorgehabt habe, mit Hilfe von Methadon ihren Konsum einzuschränken. Sie hat auch weiter geraucht. Das soll sogar einem Kunden aufgefallen sein, der sie darauf ansprach. Das Ungeborene „hat wohl gemerkt, dass sie ungewollt war und sich immer ganz ruhig verhalten“.

Nach der Geburt Französisch für den Freier

Am 6. Dezember 2007 habe sie dann gegen Mittag Bauchschmerzen bekommen, sei auf die Toilette gegangen, und plötzlich sei das Kind dagewesen. „Ich habe es auf einmal in den Händen gehalten“, erinnert sich Nadja G. Die Zeugen, mit denen die Kripo sprach, stellen den Verlauf etwas anders dar. Demnach rief sie gegen 12 Uhr einen früheren Freund in Berlin an. Sie liege in den Wehen, er möge so schnell wie möglich nach Nordhausen zu kommen und ihren Sohn während der Geburt hüten. Kurz darauf klingelt ihr Handy. Am Apparat ist ihr Freier D.H., der gern bei ihr vorbeikommen würde. Sie habe geantwortet, dass es „nicht geht, weil sie gerade Wehen hat“, sagte H. später der Kripo. Außerdem sei ihr Handy-Guthaben alle. H. möge darum den Vater des Kindes anrufen, ebenfalls in Berlin, und ihn auffordern, das Guthaben aufzuladen. Das tut er auch. Der mutmaßliche Vater schickt per SMS einen Guthaben-Code an Nadja G. Er bestreitet später, das Kind gezeugt zu haben. Er sagte auch, er habe Nadja G. danach angerufen. Da muss die kleine Manjou schon auf der Welt gewesen sein und gelebt haben. Er habe das Kind am Telefon schreien hören.

„Ich habe keine Babysachen gekauft. Es sollte ja weg“

Wenig später sei dann ihr Sohn aus der Schule gekommen und habe noch einen Freund mitgebracht, sagt Nadja G. Er habe das Baby gestreichelt und gefragt, ob sie es vielleicht doch behalten wolle. Sie sei darüber genervt gewesen und habe die beiden Jungen ins Kinderzimmer geschickt. Sie habe sich von dem Neugeborenen „verabschieden wollen, so zwei oder drei Stunden, und dann bei Sternipark anrufen, damit sie es abholen“, erinnert sie sich. Sternipark ist ein Verein, der Babyklappen betreibt und anonyme Geburten unterstützt. Dann, so Nadja G. weiter, habe das Baby „plötzlich nicht mehr geatmet“.

Was sie nicht erzählt: Um 15.43 Uhr rief sie ihren Freier D.H. an. Wenn er noch wolle, habe sie jetzt für ihn Zeit. H. sagte in seiner Vernehmung, er habe das „makaber“ gefunden. Sie habe „gut gelaunt“ geklungen, gesagt, die Geburt sei gut verlaufen und sie könne ihm „Französisch“ anbieten. Das habe er aber abgelehnt.

Die Sternipark-Frau war ständig am Telefon

Um 16.30 Uhr wählt Nadja G. dann die Nummer von Sternipark in Hamburg und wird für längere Zeit das Handy nicht mehr vom Ohr nehmen. Die Sternipark-Mitarbeiterin soll ihr Tipps für die Wiederbelebung der kleinen Manjou gegeben haben und dann, als die erfolglos bleiben, die Rettungsleitstelle in Nordhausen alarmiert haben. Als das Rettungsteam eintrifft, hat Nadja G. das Handy immer noch am Ohr. Das Baby lag auf der Ecke einer ausgezogenen Schlafcouch, ein feuchtes Handtuch als Unterlage, heißt es in den Zeugenaussagen. Nadja G. meint, sie habe das Kind nach der Geburt kurz gebadet, dann abgetrocknet und in Tüchter gehüllt. „Ich habe keine Babysachen gekauft, es sollte ja weg“.

Notarzt und Sanitäter sagen dagegen, das Baby sei gänzlich unverhüllt gewesen. Daneben habe auf derselben Schlafcouch Nadja G.s Schäferhund gelegen, umgeben von Essensresten. Die Wohnung war verqualmt und stank. Der Rettungsarzt sagte, das Kind sei unterkühlt gewesen, er konnte die Temperatur allerdings nicht genau feststellen, weil sie unter 28 Grad lag. Tiefere Werte zeigte sein Thermometer offenbar nicht an. Er habe die Mutter nach einer Decke gefragt. Sie habe daraufhin zuerst die Hundedecke gereicht, dann wieder zurückgenommen, eine Weile gesucht und irgendwann eine andere Decke gefunden, in die das Neugeborene gehüllt werden konnte.

Eine Stunde lang versuchte das Rettungsteam dann, die kleine Manjou ins Leben zurückzuholen. Nadja G. habe währenddessen ununterbrochen mit Sternipark telefoniert. Irgendwann forderte der Rettungsarzt sie auf, die Gespräche entweder zu beenden oder das Zimmer zu verlassen – worauf sie das Zimmer verließ. Eine Weile störte noch der Hund, der laut einem Sanitäter überall herumgesprungen sei, bis die Retter Nadja G. drängten, ihn endlich wegzusperren. Auf die Frage, was sie selbst unternommen habe, sagte sie, das Handy immer am Ohr, sie habe versucht, das Kind gemäß der Anweisungen am Telefon wiederzubeleben. Als die Wiederbelebungsversuche in der Wohnung nichts bringen, laden die Sanitäter das Baby in den Rettungswagen und bringen es in die Klinik.

„Das Fehlverhalten der Beschuldigen führte kausal zum Tode“

Kurz darauf trifft die Kripo in der Wohnung ein. Nadja G. hält immer noch das Handy am Ohr. Sämtliche Fragen der Ermittler beantwortet sie mit dem Satz: „Das darf ich ihnen nicht sagen“. Nach einer Weile reicht sie einem Beamten ihr Handy. Am Apparat ist die Sternipark-Mitarbeiterin, die erklärt, es handele sich bei der Geburt um eine anonyme Entbindung. „Es war ganz wichtig, dass die Verbindung mit Sternipark nicht abreißt“, sagt Nadja G. auch heute noch. Sternipark besorgte ihr auch einen Anwalt, der schon am nächsten Tag den Fall übernimmt.

Um 17.50 Uhr stellen die Ärzte in der Kinderklinik Nordhausen den Tod der kleinen Manjou fest.

Die Babyleiche wird einen Tag später, am 7. Dezember 2007, obduziert. Mehr als sechs Monate später, am 25. Juni 2008, „konnte noch immer keine konkrete Todesursache benannt werden“, heißt es in Polizeikreisen. Aus Sicht der Ermittler habe „das Fehlverhalten der Beschuldigten kausal zum Tode der kleinen Manjou“ geführt. Außerdem hätten die Zeugen, die während der „wenigen Lebensstunden“ des Babys mit Nadja G. telefonierten, alle ausgesagt, sie sei keinesfalls „außer sich“ gewesen und habe sich „gut gelaunt angehört“.

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen Nadja G. wegen „Totschlags durch Unterlassen“ im Dezember 2008 ein. „Strafrechtlich relevantes Verhalten sei nicht nachweisbar“ gewesen, sagte der Mühlhausener Oberstaatsanwalt Ulf-Dieter Walther auf meine erste Anfrage.

Nadja G. sagte mir, sie sei später wegen illegalen Drogenbesitzes zu 30 Tagessätzen verurteilt worden.

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  1. […] versetzte sie in ziemliche Wut, als sie den Tod eines Neugeborenen dank eines Gutachtens zu einer Art Versehen schrumpfen ließ. Auffällig hier: Ein teurer Hamburger Anwalt hatte sich für die Mutter […]

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