Vor mir ca. 700 Leute, hinter mir nochmal so viele

„Das ist ja hier wie nach dem Krieg“, sagte ein Mann in der Schlange, die sich vielleicht 250 bis 300 Meter durch die Münchner Rosenstraße zog, im ganzen vielleicht 1200 bis 1500 Leute, wobei die, die weiter hinten standen, sich nur wenige Chancen ausrechneten, ihr Warten werde von Erfolg gekrönt sein, wobei Erfolg bedeutete, ein iPad 2 aus dem Erstverkauf des Apple-Stores zu ergattern, womöglich auch noch ein Wunsch-Gerät, also weiß oder schwarz, mit oder ohne 3G-Netzanbindung, mit 16, 32 oder 64 Gigabyte Speicher.

Die Aussage mit dem Krieg war natürlich totaler Quatsch, denn nach dem Krieg stand man nach Brot an, nicht nach einem iPad 2. Es herrschte eine Bedürfnis-Ökonomie, die darin bestand, dass die Menschen dringende Nachfrage nach Produkten hatten, die fürs Überleben notwendig sind, wie Essen, Trinken, Kleidung und ein geheiztes Zimmer, und dass dann Anbieter die knappe Ware auf den Markt brachten und sich um Werbung, Marketing, Service, Vertrieb und ähnliche Dinge wenig kümmern mussten. Das Zeug verkaufte sich wie das sprichwörtliche geschnitten Brot, weil es sich eben um genau das handelte. Bedürfnis-Ökonomie bedeutet: Zuerst ist die Nachfrage da, danach erst folgt das Angebot, das dann oft nur unzureichend. Auch die DDR-Staatswirtschaft war eine solche Bedürfnis-Ökonomie, jedenfalls für die SED, deren Priorität nicht unbedingt der Endkunde war.

Ich und meine Beute

Im Westen leben wir dagegen in einer Lust-Ökonomie, in der das meiste Geld nicht mit Überlebensnotwendigem gemacht wird, sondern mit Glücksgefühlen aller Art. Das wichtigste Kennzeichen: Zuerst ist das Angebot da, erst dann die Nachfrage. Ein Unternehmen, das ein neues Produkt auf den Markt bringt, muss eine Menge tun, um Käufer dafür zu finden, vor allem, wenn es etwas wirklich Neues ist, das bisher niemand kennt und von dem folglich viele sagen, sie hätten es bisher nicht gebraucht und würden es auch künftig nicht brauchen. Wenn eine Firma es nun schafft, dass sich Leute in eine 200 bis 300 Meter lange Schlange einreihen, um ein Produkt zu kaufen, das vor einiger Zeit noch nicht existierte, das niemand kannte und folglich weder besaß noch brauchte, dann hat sie die Zeichen der Zeit verstanden.

In diesem Fall hat die Firma auch verstanden, wie man trotz Massenaufkommens jedem das Gefühl vermittelt (und allein um Gefühl geht es hier), er werde geschätzt und ernst genommen. Nach zweieinhalb Stunden, geschätzt 700 Leute vor mir, nicht besonders zuversichtlich angesichts des umherschwirrenden Gerüchts, es gebe exakt 1000 Exemplare des neuen iPad 2, erreiche ich die Hauptschlange, die sich in drei Windungen vor dem Apple-Store zusammenballt, von Ordnern vom Rest der Menschheit getrennt. Nach Eintritt in diese letzte Meile nähern sich Apple-Mitarbeiter in blauen T-Shirts und erkundigen sich ausgesucht freundlich, also nicht mit dieser öligen Servilität, die manche Verkäufer mit Freundlichkeit verwechseln, sondern eben wirklich freundlich, welches Gerät man denn wünsche. Weiß oder schwarz, Netzanbindung, Speicher. Ich sage meinen Wunsch (schwarz, 16 GB, mit 3G) und bekomme eine weiße Reservierungskarte in die Hand gedrückt, auf der die gewünschten Eigenschaften aufgestempelt sind. Wenig später rückt ein zweites Geschwader ebenso freundlicher Apple-Mitarbeiter an und erkundigt sich, ob man ein Smart-Cover wünsche, und wenn ja, welches. Ich sage meinen Wunsch, rot, Leder, den die Mitarbeiterin auf der Karte vermerkt.

Eine weitere Wartestunde später bin ich dann an der Reihe, gemeinsam mit einem älteren Herrn, der ein iPad 2 für seinen Sohn erstehen möchte. Eine Verkäuferin, ebenso freundlich und auch in blauem T-Shirt, begrüßt mich mit Handschlag, ebenso den älteren Herrn, und stellt sich als Christina vor. Sie nimmt unsere Reservierungskarten und geleitet uns in die erste Etage des Ladens. Dort entschuldigt sie sich einen Moment und kehrt wenig später mit den gewünschten Geräten zurück. „Wie möchten sie zahlen?“, fragt sie, und der ältere Herr antwortet, in bar, ich sage, mit EC-Karte. Mit einer Art iPhone scannt sie meine beiden Päckchen, das mit dem iPad und das mit dem Smart-Cover, nimmt meine Karte, holt ein Funk-Terminal herbei, ich tippe meine PIN ein, sie packt beides in eine weiße Apple-Tüte, die vermutlich demnächst an Sammler verkauft werden kann und fragt, ob sie mir die Rechnung ausdrucken oder per E-Mail schicken soll. Ich entscheide mich für E-Mail. Dann bringt Christina mich nach draußen, smalltalkt dabei ein bisschen und verabschiedet sich mit Handschlag und besten Wünschen fürs Wochenende.

PS. Am nächsten Tag scheiterte ich damit, eine Prepaid-Mikro-SIM-Karte für das iPad 2 zu besorgen. Ich suchte dazu Geschäfte von Telekom, Vodafone und Mobilcom auf. Erwähnenwert ist der Besuch im Vodafone-Laden in Rosenheim. Dort bedienten zwei Verkäufer ein Pärchen und nahmen eine längere Weile keine Notiz von meiner Begleitung und mir. Meine Begleitung wurde dann etwas ungedultig (ich auch) und fragte, wann denn mit einer Bedienung zu rechnen sei. „Wir bedienen einen Kunden nach dem anderen“, sagte eine der Verkäuferinnen. Aha.

Da war dann aber keiner mehr nach dem anderen.

Erwähnenswert ist auch, dass nur der Mobilcom-Mann mir einen fairen Überblick über das Angebot gab, jedoch erst am Montag liefern kann.

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  1. […] die Nachfrage ist entscheidend ist, sondern das Angebot. Ein feines Beispiel dafür ist die Firma Apple, die dauernd Dinge auf den Markt bringt, die gerade eben noch niemand kannte, daher auch nicht […]

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